Fr 16-04-21 Chinas dicke Kinder

Von das kommt das.

Die letzte schwere Hungersnot in China ist noch nicht allzu lange her. Damals, um 1960 rum, wollte der Große Vorsitzende Mao Zedong, der damals übrigens noch Mao Tse-Tung hieß, das Land auf Teufel komm raus und praktisch über Nacht in blühende Landschaften verwandeln. Kennen wa ja. Also sollten die Bauern, statt Reis anzubauen, Stahl, und zwar ganz viel Stahl in selbstgebastelten Hochöfen produzieren. Damals dachte man nämlich noch, und zwar weltweit, daß die Stahlproduktion der entscheidende Indikator für wirtschaftliche Macht und Stärke sei. Der bäuerliche Stahl war allerdings für industrielle Zwecke völlig unbrauchbar. Auch konnte man ihn nicht essen. Das Ende vom Lied: Zwischen 15 und 55 Millionen Hungertote, je nach Schätzung. Soweit zu Maos „Großem Sprung nach vorn“.

Aber auch anderswo wurde schon immer viel gehungert. So hat etwa Heinrich IV von Frankreich seinerzeit, um 1610, einigen Ehrgeiz darauf verwendet, dafür zu sorgen, daß jeder Bauernhaushalt wenigstens am heiligen Sonntag, also einmal die Woche, sich eines poule au pot erfreuen kann, also eines Hühnchens im Topfe – statt sich allein mit „Hirsebrei mit Bratkartoffeln, Spiegelei“ begnügen zu müssen – wie es das deutsche Folk-Duo Zupfgeigenhansel 1976 mal gefaßt hat.

Aber namentlich die Chinesen haben mächtig dazugelernt. Das mit dem Stahl haben sie mehr oder weniger übersprungen und sich trotzdem zur demnächst wohl größten Wirtschaftsmacht auf dem Planeten gemausert. Technisch ist also alles soweit im grünen Bereich. Niemand muß mehr hungern.

Warum aber klappt es dann auf der Human-Touch-Ebene so schlecht? Neulich hat Bolle eine Dokumentation mit dem Titel »Chinas dicke Kinder« gesehen (ZDF-Mediathek / verfügbar noch bis Juli 2022). Im Kern ging es dabei darum, daß knapp 10 Prozent der Chinesen, namentlich aus der jüngeren Generation, adipös sind – vulgo: viel zu fett. Erstaunlich, wie leicht man selbst im Reich der Mitte seine Mitte verlieren kann. Es muß doch auch was zwischen hungern und verfetten geben. Bei allen Patriarchen: „Wenn Du Deine Mitte verloren hast, dann mußt Du sie halt wiederfinden.“ Und damit sind wir doch erstaunlich dicht bei unserem alten Indianer von gestern. Die Welt wohldosiert berühren! Aber leichter gesagt als getan. Der vielleicht nicht schlechteste erste Schritt dahin – Bolle wird nicht müde, darauf rumzuhacken – könnte durchaus ein gewisses Maß an Kontemplation sein. Und da sind wir ja schon gut dabei. Also gegebenenfalls Waage wegschmeißen, Kühlschrank gleich hinterher – und auf zu neuen Taten. Mittenmang aus der Mitte. Total so!

Übrigens gibt es auch Ausnahmen von der Regel: So berichtet etwa Herodot (etwa 490–430 v. Chr.) in seinen »Historien«: „Die Lebensweise der Ägypter ist folgende. Jeden Monat nehmen sie drei Tage nacheinander Abführmittel ein und erhalten sich durch Brechmittel und Klystiere ihre Gesundheit; denn sie meinen, alle Krankheiten rühren von den eingenommenen Speisen her.“ Hier hätten wir es also mit so einer Art institutionalisiertem Ramadan zu tun. Nur eben im Monats- und nicht im Jahresrhythmus und ohne Zuckerfest. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 15-04-21 Von Eise befreit sind Strom und Bäche …

Frühling im Dörfchen.

Das Dörfchen präsentiert sich in seinem schönsten Gewande. Da möchte man doch gerne raus und, wenn schon nicht unter Linden, so doch zumindest unterm Kirschbaum weilen. Und wieder einmal ist es Faust, der des Volkes Frühlingsgefühl auf den Punkt bringt:

Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!

Daß dabei so mancher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)  eher an die Werbebotschaft seines Drogeriemarktes denken wird, soll uns hier nicht weiter bekümmern. Aber möglichst nicht mehr raus zu sollen – jedenfalls nicht aus so trivialen Gründen wie jauchzen oder einfach Mensch zu sein und dabei auch noch zu meinen, das müsse man ja dürfen dürfen –  das muß dann doch bedenklich stimmen.

Was bei dem ganzen Corönchen-Gedröhnchen verloren zu gehen droht, ist nicht weniger als der gute alte common sense – hier also etwas so elementares wie der Unterschied zwischen drinnen und draußen. Ein Unterschied also, der durchaus einen Unterschied macht. Werfen wir also einen Blick auf das Grundsätzliche.

Die Lunge, das ist ihre Aufgabe, tauscht sich so richtig fleißig aus mit der Umwelt. Wir atmen ein, wir atmen aus, wir atmen wieder ein … Auf diese Weise kommen wir auf in etwa einen halben Kubikmeter Luftaustausch pro Stunde. Hinzu kommt, daß wir nicht nur Luft austauschen, sondern eben auch Feuchtigkeit – neudeutsch: Aerosole. Das weiß jeder, der schon mal einen Spiegel angehaucht hat. Im Freien verteilt sich das. In geschlossenen Räumen eher nicht. Der eine (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) atmet ein, was der andere vorher ausgeatmet hat. Der Punkt ist: Wir sind an diesen Austausch gewöhnt! Das kann nicht anders sein. Das muß geradezu so sein. Wären wir es nicht, wären wir längst ausgestorben bzw. hätten uns gar nicht erst entwickeln können und die Welt würde den Viren gehören. Tut sie aber nicht.

Stellen wir spaßeshalber eine kleine Extremfall-Betrachtung an und nehmen wir an, jemand atme ein einziges vereinzeltes Corönchen ein. Ist der jetzt „infiziert“? Corönchen-Positiv? Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Plausibler ist, das dieses eine einzige Corönchen vom Immunsystem so auf die Mütze kriegt, daß ihm Hören und Sehen vergeht.

Wie verhält es sich bei 2, 3, oder 10 Corönchen? Wahrscheinlich ändert sich nicht viel. Wie ist es bei 100? Bei 1.000 gar? Irgendwann wird vermutlich ein Punkt erreicht sein, wo sich das Immunsystem überrumpelt fühlt und dann doch ein wenig schwächelt. Wer sich also an einem einzigen Abend und auf einen Schlag die volle Ischgl-Dröhnung gibt, muß sich nicht weiter wundern, wenn er sich schlimmerenfalls auf einer Intensivstation wiederfindet.

Bei einer feinverteilten Aufnahme könnte das ganze allerdings ganz anders aussehen: Das Immunsystem kommt mit den Corönchen nicht nur klar – es „lernt“ auch, daß da was im Anmarsch ist. Der Effekt könnte der gleiche sein wie bei einer herkömmlichen Impfung. Eine abgeschwächte Viruslast bereitet das Immunsystem auf höhere Viruslasten vor. Bio Protection, sozusagen – ganz natürlich und völlig ohne Pieks.

Umgekehrt bedeutet das: Wenn einer empfehlungskonform peinlichst darauf achtet, mit Corönchen gar nicht erst in Kontakt zu kommen, dann steigt natürlich die Wahrscheinlichkeit ernorm, daß bei erstbester Gelegenheit die volle Ischgl-Packung auf sein völlig unvorbereitetes Immunsystem trifft – und zwar mit allen unerfreulichen Konsequenzen. „Je zivilisierter, desto sterilisierter“ – die Schlafschul-Weisheit aus Huxley’s ›Schöne Neuer Welt‹ (1932), vgl. dazu  Sa 23-01-21 In vino veritas – ist nach allem wohl bei weitem nicht der Weisheit letzter Schluß. Was dann? „Die Welt wohldosiert berühren“, nennt das der alte Indianer. Wohl dosiert. Berühren. Also nicht mitten reinplatschen  – und auch nicht schreiend davonlaufen oder sich unterm Sofa verkriechen (duck and cover). Aber vielleicht ist das einfach viel zu einfach, um einzuleuchten.

Ob das alles so stimmt, kann Bolle natürlich auch nicht sagen. Nur einleuchten würde es ihm halt. Bevor es jemand ausprobieren mag, sollte er vielleicht doch besser zunächst seinen Arzt oder Apotheker fragen. Vielleicht weiß der ja mehr. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mi 14-04-21 Wer immer strebend sich bemüht …

Finales Argument.

Oft sind es ja die kleinen Dinge, die, je nach Tagesform, erheitern oder auch befremden. So ist Bolle eine Meldung untergekommen, der zufolge gut ein Fünftel der Doktoranden (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)  aus 2012 mit ihrer Doktorarbeit noch nicht fertig sind.

Bolle meint: Na und? Gut 8 Jahre, das ist ein Wimpernschlag vor dem Herrn. Zwar sollte man, wenn alles nach Plan läuft, nicht länger als 3 Jahre brauchen. Entsprechend sehen die Ergebnisse dann ja auch aus. Doch Vorsicht! Auch bei Doktorarbeiten handelt es sich um ein Teekesselchen der tückischen Sorte – mit hoher Konfusionsgefahr. Namentlich sind zeitgesteuerte strikt von ergebnisgesteuerten Arbeiten zu unterscheiden. Dabei ist eine zeitgesteuerte Arbeit fertig, wenn die Zeit um ist, und der Doktorand etwas vorlegt, das man mit etwas gutem Willen als Abschlußarbeit durchgehen lassen kann. Glückwunsch! Bei einer ergebnisgesteuerten Arbeit liegen die Dinge anders. Hier weiß kein Mensch, wie lange es dauern wird, bis sich die schiere Fülle der Phänomene in eine gefällige Form wird fügen lassen. Der letzte, der das wissen kann, ist der Doktorand. Er ist nun mal kein Holzfäller, der überschlagsmäßig überblicken kann, wieviel Morgen Wald noch vor ihm liegen.

Aber darum geht es auch immer weniger. In einer Welt, die Planbarkeit über alles liebt, müßte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn man nach den vorgesehenen 3 Jahren nicht fröhlich „Fertig!“ krähen könnte, ohne allzu rot zu werden. Mehr wird ja auch gar nicht erwartet. Hauptsache, der Zeitplan stimmt. Und wenn nicht, dann dauert es halt weitere 3 Jahre. Und noch weitere 3 Jahre – und schon findet man sich unter den zielverfehlten Langzeit-Doktoranden wieder. Glücklicherweise ist es dabei aber meistens so, daß man einfach nur den Schuß nicht gehört hat und die Doktorarbeit so eine Art touch down erfahren hat. Sie gammelt in irgendeiner hinteren Schublade unvollendet vor sich hin, derweil der Doktorand am sausenden Webstuhl der Zeit anderweitig zu tun hat – dabei auf Nachfrage aber gerne weiterhin verkündet, daß er „promoviere“.

Im Grunde schließt sich hier der Kreis des Elends. Bolle findet ja, daß »promovieren« von lat. promovere kommt und ›vorwärts bewegen‹ oder auch ›befördern‹ bedeutet. Natürlich kann man sich, strikt reflexiv, selber vorwärtsbewegen. Oft genug ist das auch nicht das schlechteste – hier aber nicht gemeint. Man stelle sich einen schlichten Angestellten vor, der verkündet, daß er „befördere“. Die Frage „Ja, und was?“ wird nicht lange auf sich warten lassen. Wenn er nun nachsetzt und verkündet: „Na, mich selbst“, dann muß er mit der Frage rechnen: „Und? Wohin?“ – „Na, auf die nächste Stufe der Leiter, halt.“ – „Du? Dich? Selber?“ – So geht das also nicht. Befördert wird man – passiv und nicht reflexiv. Für „promoviert“ gilt selbiges.

Wenn das alles etwas klarer wäre, dann hätten wir es vermutlich auch weniger mit den ganzen Karriere-Doctores zu tun, die frei nach Mephistopheles’ Motto verfahren: „Ein Titel muß sie erst vertraulich machen, // Daß meine Kunst viel Künste übersteigt …“. Mit Wissenschaft im engeren Sinne hat das indes nicht mehr allzu viel zu tun.

Fassen wir es so: Giovanni Trapattonis „Ich habe fertig“ läßt, was Sprachgewalt und Wortgewandtheit angeht, ein albernes „Ich habe promoviert“ weit hinter sich. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 12-04-21 Journalismus als Beruf?

Erde, wem Erde gebührt.

Keine Sorge – mit dem ganzen »Laschet gegen Goliath«-Geflatter (vgl. So 11-04-21 Laschet gegen Goliath) wollen wir uns nicht befassen. „Oh Gott, welch’ Überraschung“, hieß es heute, wenig überraschend, quer durch die gesamte Medienlandschaft.

Werfen wir also einen Blick auf die Spannungen, die der Journalismus 2.0, wie’s scheint, mit seinem eigenen Gegenstand hat. Mit Politikern kann man ja noch leben. Aber das Volk? Alles Covidioten – und bringt wohl gar die Pressefreiheit in Gefahr (vgl. dazu auch Do 07-01-21 Journalismus 2.0). Wozu haben wir denn Art 5 I 2 GG?

Das Argument der Medienschaffenden geht dabei in etwa wie folgt: Wir wollen doch nur, friedlich und objektiv, of course, berichten. Das Volk aber wirft, wie gemein ist das denn, mit Gegenständen nach uns. Was für Gegenstände das waren, konnten wir auf die Schnelle leider nicht recherchieren. So ist das nun mal, wenn man auf der Flucht ist.

Das Volk dagegen meckert ob der Oberflächlichkeit und fühlt sich in seinem tiefen Sehnen nicht gesehen. Maske auf? Abstand eingehalten? Alles klar. Korrekte Demo. Brave Demonstranten. Gute Bilder. Das eigentliche Anliegen, also das, worum es geht und was die Leute interessieren könnte, gerät dabei sehr leicht ins Hintertreffen.

Daß man sich im Freien nicht anstecken – und auch andere nicht anstecken kann, erfahren wir, nach nunmehr immerhin zwei Jahren „Pandemie“, eher beiläufig. Bolle meint: Da hätte man schon früher mal einen Physiker fragen können, was es mit Aerosolen so auf sich hat. Aber wenn man doch nun mal so herrlich auf Virologen eingeschossen ist?

Und? Was macht der Journalismus 2.0 statt dessen? Berichtet allen Ernstes von möglichem Fehlverhalten der Ordnungshüter bei einer Demo in Stuttgart. Viel zu lasch – überhaupt nicht wehrhaft und nicht staatstragend genug. Übrigens: Die Demo fand im Freien statt.

Tucholsky, oder auch Kästner, haben sich seinerzeit noch höchstpersönlich die Mühe gemacht, durch Berliner Kneipen zu ziehen – und zwar sowohl durch Nazi- als auch durch Kommunistenkneipen –, sich Aug’ in Auge mit den Leuten unterhalten, um so der Leserschaft die Lage gehörig zu erhellen. Richtiger Journalismus, eben. Was die beiden, um das klarzustellen, dagegen nicht getan haben: Sie haben nicht etwa ihre Ausrüstung aufgebaut – schon gar nicht vor der Kneipe. Auch haben sie keine „Schalte“ aufgemacht, um dann mit aufgeregtem Gestus zu berichten, was drinnen in der Kneipe vor sich geht. Bei so viel journalistischem Feingefühl hätten sie sich übrigens auch nicht wundern müssen, wenn sie ab und an mal eine aufs Maul gekriegt hätten. Soweit zur Hauptstadtberichterstattung. Von Hemingway oder Churchill – also echten Kriegsberichterstattern – wollen wir hier gar nicht reden. Möglicherweise hat Bolle ein übermäßig idealistisches Bild von echtem Journalismus. Indes: schlimmer geht immer.

Eigens für den Irakkrieg hatten die Amerikaner 2003 den Embedded Journalism erfunden – wohl um zu vermeiden, daß sich wehrkraftzersetzende Bilder wie jene aus dem Vietnamkrieg wiederholen können. Die Medienschaffenden wurden dabei mit einem Panzer in Frontnähe spazierengefahren und durften dann darüber berichten – und zwar nur darüber. Friedrich Nowottny, der vormalige Intendant des WDR, fand das damals schon (bzw. noch) wenig kunstgerecht: „Der Blick des Journalisten fällt durch den Sehschlitz des Panzers. Und der ist nicht sehr groß.“ Alte Schule, eben.

Dennoch ist die Grundidee mittlerweile recht salonfähig geworden. Heute würden, falls Bolle nicht ganz falsch liegt, manche Medienschaffenden ihre Demo-Berichterstattung wohl am liebsten vom Polizeipanzer aus erledigen – zumindest aber umgeben von einer schützenden Hundertschaft. Pressefreiheit – frei von jedem Risiko?

Den Medienschaffenden immer gleich eine aufs Maul zu hauen ist natürlich auch keine Art. Aber das macht ja im Grunde auch keiner. Eher haben wir es hier mit „gefühlter“ Bedrohung zu tun, wenn überhaupt. Gleichwohl sind ausgeprägte Mimimichen wohl eher falsch am Platze. Also Augen auf bei der Berufswahl! Mit einem „Irgendwas-mit-Medien“-Studium ist es nach allem wohl nicht getan. Also doch ein Feld allein für halbwegs harte Männer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)? Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

So 11-04-21 Laschet gegen Goliath

Mancher auf Stelzen …

Während heute um die Mittagszeit in einem Journalisten-Talk noch fleißig spekuliert, gerätselt und gemutmaßt wurde, ob und wann und wie und wer denn nun, war doch im Grunde längst alles klar: Willste gelten, mach Dir selten. Bolle meinte seit Wochen schon: Wenn der Goliath aus Bayern, oder sei es auch nur aus Franken, sein Ja-Wort gibt und sein stand by erklärt, dann ist der Käse gegessen.

Ist das fair? Natürlich nicht. Aber so funktioniert nun mal Demokratie. Das Volk liest mehrheitlich keine Parteiprogramme – das sowieso nicht. Es wartet auch nicht auf die mit den besten Ideen. Was dann? Das Volk schart sich in aller Regel hinter jene, denen es am ehesten Leadership zutraut. Und dabei ist nicht jeder kleine Hobbit gleich der Herr der Dinge.

Warum zum Beispiel regieren die Grünen in Baden-Württemberg? Weil sie so grün sind? Weil sie das beste Parteiprogramm haben? Die besten Ideen gar? Oder weil sie, womöglich eher zufällig und vielleicht auch nur ungern, eine Galionsfigur  hervorgebracht haben, die mit jeder Faser ein souveränes Yes, I can ausstrahlt. Im übrigen scheint es zwischen Landesfürstentum und Bundesliga so eine Art gläserne Decke zu geben. Nicht zuletzt die CDU kann mit ihrer mißglückten Ex-Vorsitzenden da ja wohl ein Lied von singen.

Vorläufig geht es für die Kandidaten nur darum, wem Partei-Prominenz und Parlamentarier zutrauen, im Herbst mehr Volk hinter sich scharen zu können. Denn davon hängt nicht zuletzt das eigene politische Wohlergehen ab – und da ist einem das Hemd dann doch schon mal näher als kleinlicher Streit unter Schwestern. Der Trick mit dem Volk geht übrigens immer ähnlich:

Die Masse könnt ihr nur durch Masse zwingen,
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.

Das ist demokratisch. Das ist sogar egalitär. Das ist original der Theaterdirektor in Goethes Faust. Nur können muß man den Trick halt. Die Grünen etwa haben das zur Zeit ja recht gut drauf. Der fränkische Bayer natürlich auch.

Kurzum: Es kann nur einen geben (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course). Namentlich die Grünen haben ihr Skylla und Charybdis ja noch vor sich – falls sie uns nicht eine fröhliche Kanzler-Doppelspitze servieren wollen. Das aber wäre dann doch gegen die Verfassung (Art. 62 GG) und im übrigen auch schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 10-04-21 Wir müssen leider draußen bleiben

Auf den Hund gekommen.

Früher war Shopping. Im Gegensatz zum gezielten Einkauf des täglichen Bedarfs, oft mit regelrechtem Einkaufszettel, ging es dabei darum, einfach nur so durch den einen oder anderen Konsumtempel beziehungsweise die einschlägigen Einkaufsmeilen zu schlendern und zu gucken, was die Warenwelten so zu bieten haben. Der Gütererwerb stand dabei eher im Hintergrund – was nicht heißen soll, daß er gelegentlich nicht doch Überhand nehmen konnte. So mancher übervolle Schuhschrank läßt grüßen.

Warum wirkt Shopping auf manchen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) so entspannend? Vielleicht handelt es sich dabei ja um eines der Spiele des homo ludens – des spielenden Menschen. Wenn Johan Huizinga mit seinem gleichnamigen Werk, das war übrigens schon 1938, nicht völlig falsch liegt, dann ist das Spiel, neben der Arbeit, so richtig wichtig für das menschliche Sein und Werden. Auch Tierbabys spielen, ohne wirklich zu müssen. Sozialpsychologen nennen so etwas „selbstbelohnend“ – und meinen damit die „nachhaltigste“ und unkaputtbarste Form der Motivation.

Wenn man die Jagd nach Lebensnotwendigem im weitesten Sinne als „Arbeit“ einstufen will, dann ist das spielerische Erbeuten von mehr oder weniger Überflüssigem etwas ganz anderes. Selbst Bolle hat auf diese Weise,  und zwar in eben diesem Laden, auf die Jahre verteilt schon schöne Dinge wie etwa eine Ablage für seine Paraphernalia (Schreibtisch-Utensilien), Blechdöschen oder auch Salzstreuer gefunden, deren Löcher so groß sind, daß sie auch bei Biosalz nicht gleich verstopfen. Alles Dinge also, die man nicht suchen kann, sondern nur finden. Kurzum: Collecting verhält sich zu Shopping wie Arbeit zu Spiel. Schon die Maske dämpft das Vergnügen bis zur Unkenntlichkeit. Aber vorher auch noch ins Testlabor? Dann setzt sich Bolle lieber an den Schreibtisch. Das macht mehr Spaß.

Das Problem bei Corönchen, vielleicht sogar das Hauptproblem, besteht doch darin, daß man einem die Ansteckungsfähigkeit nicht an der Nasenspitze ansehen kann – erst recht nicht, wenn die Nasenspitze hinter einer Maske versteckt ist. Das macht es nicht eben leichter, hygienische oder, je nachdem, auch hysterische Maßnahmen einzuleiten. Also täglich testen? Vielleicht würde es ein sogenannter Thermal-Scanner, also so eine Art Wärmebild-Kamera, ja auch tun. Wer Fieber hat, gehört ohnehin ins Bett – und nicht etwa auf die Einkaufsmeile. Aber ist das auch sicher? Sagen wir so: nichts ist wirklich sicher im Leben. Im übrigen geht probieren oft genug über studieren.

Eigens Einlaß begehren will Bolle jedenfalls nicht. Dabei ist er froh, daß er soweit wunschlos glücklich ist. Sokrates (469–399 v. Chr.) übrigens soll sich beim Anblick einer antiken Schaufensterauslage seinerzeit höchst diplomatisch geäußert haben: „Ich finde es immer wieder erstaunlich, was die Athener alles brauchen.“ Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 09-04-21 Ei, Ei, Ei …

Eine kurze Geschichte der Zeit.

Zeit ist relativ. Eingeweihten Kreisen ist das seit der Veröffentlichung von Einsteins Spezieller Relativitätstheorie klar. Das war 1905. Interessierte Laien haben das spätestens mit Stephen Hawking’s ›Kurzer Geschichte der Zeit‹ im Jahre 1988 erfahren. Manchmal allerdings wünscht man sich die Zeit dann doch ein wenig absoluter.

So hat Bolle am Montag vor Ostern selbstgefärbte Ostereier auf den Weg gebracht. Montag bis Gründonnerstag, so die Kalkulation, das sind drei Tage. Sollte also locker reichen. Falls nicht, bliebe als Ausweichtermin ja noch der Sonnabend vor Ostern. Das besondere dabei: Zwei der Päckchen waren an Haus und unmittelbares Nachbarhaus adressiert – was einen Vergleich der Postlaufzeiten enorm erleichtert. Paket Nummer Eins kam, wie erwartet, Gründonnerstag an. Paket Nummer Zwei nicht. Sonnabend? Fehlanzeige. Also Ostern ohne Eier. Dann eben am Dienstag nach Ostern? Wieder Fehlanzeige. Mittwoch auch nicht. Gestern allerdings, am Donnerstag, dann doch: Voll das Überraschungs-Ei. Zwar war die Osterdeko mittlerweile längst abgeräumt. Doch wollen wir nicht übertrieben kleinlich sein.

Der Zustand der Eier? Bolle hatte sie verpackt, wie man das sonst nur mit Formel-1-Piloten macht. Und immerhin: drei von sechsen haben überlebt. Wie die Post es geschafft hat, 50 Prozent der Eierpopulation in einer äußerlich intakten Hülle zu zerdeppern, ist und bleibt Bolle ein Rätsel. Eier-Weitwurf? Eiertanz? Wir wissen es nicht.

War früher alles besser – damals, als DHL noch ›Deutsche Bundespost‹ hieß und angelernte, abgehetzte Dienstleister noch gemütliche und „alimentierte“ (bei Juristen heißt das wirklich so) Staatsdiener nach den „hergebrachten Grundsätzen des Berufsbeamtentums“ (Art. 33 Abs. 5 GG) waren? Wenn an dem Kalenderspruch was dran ist: dann wohl eher nicht – oder jedenfalls nicht sehr. Halten wir fest: Die Welt ist schlecht. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 08-04-21 Notbremse — oder eher Tempomat?

Not kennt kein Gebot.

Bolle war gestern kurz unterwegs. Nur kurz: reinrocken, durchrocken, rausrocken. Total so! Nun ist es für einen wie Bolle völlig unmöglich, beim Anblick einer schicken ICE-Notbremse nicht sofort an die verschiedensten Corönchen-Notbremsen zu denken, mit denen Bund und Länder seit Wochen und Monaten mit schönster Regelmäßigkeit aufwarten. Was aber hat das eine mit dem anderen zu tun?

»Not« ist, man kann es kaum anders sehen, eine aufdringliche Form von Soll/Ist-Diskrepanz mit momentaner Transformationsbarriere – definitionsgemäß also ein Problem (vgl. dazu Mo 22-03-21 Plan, Prognose, Plausibilität). Gleichzeitig ist »Not« aber auch ein Teekesselchen – und zwar eines der tückischen Art, also mit hohem Konfusionspotential. So kann sich »Not« auf eine gegenwärtige, aktuelle Gefahr beziehen, oder aber auch auf einen bis auf weiteres andauernden Zustand.

Wir haben es hier mit einem Unterschied zu tun, der einen Unterschied macht – dem Unterschied zwischen Zeitpunkt versus Zeitraum (vgl. dazu Di 05-01-21 Gleichzeitig zeitgleichig?).

Wenn also zum Beispiel ein frühneuzeitlicher Bauer irgendwann zwischen 1618 und 1648, also mitten im 30-jährigen Krieg, von „großer Not“ gesprochen hat, dann ist das etwas völlig anderes als wenn jemand die Notbremse zieht, etwa weil er seinen Koffer aus Versehen auf dem Bahnsteig hat stehen lassen – oder gar seine Liebsten, wie Heiner Lauterbach in ›Charly & Louise‹, einer sehr niedlichen Neuverfilmung von Kästners ›Doppelten Lottchen‹ (D 1994 / R: Joseph Vilsmaier).

Auch der Gesetzgeber unterscheidet inhaltlich fein säuberlich zwischen Notstand im Sinne von andauernden Gefahrenlagen, etwa in Art. 35 GG oder Art. 91 GG, und Notfall im Sinne einer ›gegenwärtigen Gefahr‹, etwa in den §§ 34, 35 StGB – auch wenn er die Unterscheidung semantisch nicht sauber durchhält. Indes: nobody is perfect.

Wie verhält es sich nun mit der „Corönchen-Notbremse“? Wir haben es definitiv mit einer andauernden Gefahrenlage zu tun. Folglich macht es wenig Sinn, hier irgendwelche „Notbremsen“ zu ziehen. Gemeint ist im Grunde doch eher ein Tempomat – also eine Vorrichtung, die verhindert, daß man plötzlich, upps!, unbedacht zu schnell wird.

Ist das nicht nur Wortgeklingel? Mitnichten. Wenn wir darauf bestehen wollen, daß Sprache die Mutter des Gedanken sein soll, und nicht etwa dessen Magd (Karl Kraus), dann geht das ganze Durcheinander hier schon los – auch wenn es nicht gleich augenfällig wird. Nutzen wir die Sprache als Frühwarnsystem! Damit wäre schon einiges gewonnen. Bolle jedenfalls hatte seinen Koffer nicht vergessen. Er hatte gar keinen dabei. Und so konnte es angesichts der Notbremse beim Photo Shooting bleiben. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mi 07-04-21 Bridge over troubled water

Laschet, der Landesvater.

Es muß dringend was geschehen, sprach der Kommunikations-Berater. Sonst kacken wir ab und können die Kanzlerschaft knicken. Nur was? Hart muß es sein, um Führungsqualität zu zeigen. Und lichtvoll muß es sein, von wegen Ende des Tunnels. Grübel, grübel, grübel … Stunden später: Wie wär’s mit einer Brücke? Klingt doch ganz nach Kanzlerin.

Bolle kann sich das entsprechende Brain Storming lebhaft vorstellen. Jemandem eine Brücke bauen: Wie entgegenkommend ist das denn? Wir denken an den Überbrückungskredit von der Bank an unserer Seite. Die alteingesessenen Berliner denken bis heute an die Luftbrücke mit ihren Rosinenbombern, damals 1948. Und nicht zuletzt gibt es da auch noch die Bridge over troubled water – die Brücke über wilde Wasser. Kennen wa alle. Wie ging das gleich noch mal?

Du fühlst Dich müde – paßt!
Fühlst Dich klein – aber holla! nach Monaten sozialer Deprivation!
Hast Tränen in den Augen – kein Wunder bei den vielen Masken!
Ich trockne sie und
Werde bei Dir sein – Bingo! klingt doch voll seriös nach Landesvater und Kanzlerkandidat.

Der Senior ist begeistert. Noch Einwände? Ein Junior Manager meldet sich zu Wort: Ist das Bild nicht doch etwas schief? Setzt eine Brücke nicht voraus, daß das andere Ufer wenigstens in Sicht ist? Daß man weiß, wohin man bauen will? Sollten wir nicht besser von einem Schlauchboot-Lockdown sprechen? Von wegen „irgendwie weiterkommen“?

Sachlich und fachlich völlig richtig, junger Freund, entgegnet der Senior wohlwollend. Weckt aber völlig falsche Assoziationen. Die können wir hier nicht gebrauchen. Schlecht für die Kommunikation. Noch weitere Einwände? Keine? Dann nüscht wie raus damit. Deadline in zwei Stunden. Und kümmere sich jemand um die Rechte am Song.

Und so kam es, daß der Brücken-Lockdown das Licht der Welt erblickt hat. Die Staatskanzlei in München ist highly amused – wenn auch nur in aller Stille. Honi soit qui mal y pense – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 06-04-21 Kompaß alle?

Leonardos Bilder.

Ab heute wollen wir ja Ostern hinter uns lassen und uns wieder weltlicheren Themen zuwenden. In allem Ernst. „In allem Ernst“ – diese Wendung hat Bolle allen Ernstes gestern abend in einer Qualitäts-Nachrichtensendung aufschnappen müssen. Machen wir uns nichts vor: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Bastian Sick wußte das schon 2004. Aber was will man machen in einer Welt unterschwelliger Analphabeten, die sich längst angeschickt haben, „barrierefreies“ Lesen und Schreiben zur Kardinaltugend zu erheben?  Und der Genitiv ist nun mal so was von ganz und gar nicht barrierefrei. Doch das nur am Rande.

Wenn Leonardo vom Menschen als Augenwesen spricht, der das Bild brauche, hat er das vermutlich wörtlich gemeint: Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild. Daneben gibt es allerdings auch sprachliche Bilder – namentlich Topoi, Metaphern und nicht zuletzt auch Gleichnisse.

In jüngerer Zeit finden sich aber zunehmend auch sprachliche Zerrbilder. Bolle spricht hier gern von »Blubbersprech« und versteht darunter amorphe verbale Gebilde, deren vornehmste Eigenschaft es ist, völlig formbefreit und sinnentleert zu sein. Amorph eben.

Das vielleicht hübscheste Beispiel aus den letzten Tagen ist die Klage, man habe die Chance verpaßt, den Kompaß auf Zukunft zu stellen. Weder ist Bolle klar, was ein Kompaß mit Zeit zu tun haben soll, noch, seit wann Kompasse „gestellt“ werden. Uhren können gestellt werden, gegebenenfalls auch Weichen. Wobei eine Wendung wie „Weichen auf Zukunft stellen“ schon ins Grenzwertige lappen würde. Aber Kompasse? Geht gar nicht.

Allerdings ist nichts so dumm, daß es nicht doch zu etwas gut sein könnte – etwa als Anregung zu Bolles lustigem Blubbersprech-Generator. Eine handvoll Substantive – also etwa Kompaß, Batterie, Uhr, und Weiche –, und eine handvoll Verben – wie zum Beispiel allemachen, stellen, ausrichten – reichen für den Anfang völlig aus. Damit können wir nicht nur Kompasse stellen, sondern auch Uhren ausrichten, oder Weichen, oder all das schlichtweg allemachen – anstatt nur Batterien. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Bei Bedarf müssen wir einfach nur die Listen verlängern – und schon geht’s munter weiter mit dem Blubbersprech. Die Kombinatorik mit ihren schier unerschöpflichen Möglichkeiten ist auf unserer Seite.

Bolle findet übrigens, daß Blubbersprech als verbaler Überbau zu gefühlter Demokratie paßt wie die Faust aufs Auge. Vielleicht ist es daher so erfolgreich und beliebt. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.