Mo 22-03-21 Plan, Prognose, Plausibilität

Von Plänen, Prognosen, und Plausibilitäten.

Im Grunde ist alles ganz einfach – wie immer auf der grundsätzlichen Ebene. Ein Problem ist einfach nur eine Soll/Ist-Diskrepanz: Etwas ist nicht so, wie es sein soll, wobei es nicht ohne weiteres möglich ist, den gegebenen Ist-Zustand in den gewünschten Soll-Zustand zu überführen („Transformationsbarriere“). Beispiel: Einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)  hat Hunger (Ist-Zustand), wäre aber lieber wohlgesättigt (Soll-Zustand). Der Kühlschrank ist bis oben hin voll. Also keine „momentane Transformationsbarriere“ und damit auch kein Problem. Nun ist es so, daß man sich den Blick auf selbst so einfache Zusammenhänge mühelos verstellen kann, allein indem man jegliches mögliche Problem zur „Herausforderung“ hochzwiebelt. Im Grunde sind wir damit wieder bei Gertrude Stein: Ein Problem ist ein Problem ist ein Problem. Ob es nun „als Herausforderung angenommen“ wird oder als „Mimimi-Matrize“ ist dagegen eine Frage der Haltung – und hat mit Soll/Ist-Diskrepanzen bzw. irgendwelchen Transformationsbarrieren wirklich wenig zu tun. Soviel zur begrifflichen Klarheit.

Wie löst man nun ein Problem, wenn die Dinge etwas komplizierter liegen als nur „Habe Hunger“? Nun, erstens muß man sich klar machen, wo man steht (Ist-Analyse), zweitens wo man hin will (Ziel-Definition), und drittens braucht man einen Plan, wie man den Weg von Ist nach Soll zu beschreiten gedenkt. Oft genug tut sich an dieser Stelle im Rahmen eines ›Checks der Mittel‹ ein Folge-Problem auf. Um im Beispiel zu bleiben: Einer hat Hunger, der Kühlschrank ist leer – und das Portemonnaie leider auch. Die Scheckkarte übrigens ist gesperrt. Jetzt hätten wir es in der Tat mit einem Problem zu tun – und jetzt erst geht es um  „Herausforderung vs. Mimimi“.

Und? Wie geht man in der Politik mit so was um? Gestern hat Bolle erfahren, daß die Grünen zur Zeit deshalb so erfolgreich seien, weil sie sich einfach nicht festlegen lassen. In unserer Sprache bedeutet das: Der Soll-Zustand ist und wird nicht definiert – und damit jede potentielle Problemlösung im Keim erstickt. Wenn’s aber doch der Wähler wünscht? Das allerdings wollten die Grünen dann doch nicht auf sich sitzen lassen und ließen verlauten, daß man, ganz im Gegenteil und im Gegensatz zur SPD etwa, nicht nur Ziele definiere, sondern sogar sage, wie man dort hinzukommen gedenke. Bolle meint: Na, nu wird’s Tach. Da staunste Bauklötzer.

Allein, worin besteht der Plan? Vorläufig anscheinend nur in einer Vorstellung, in welcher Höhe man Mittel für die Erreichung seiner Ziele aufzuwenden gedenkt. Einen echten Plan, so richtig mit Substanz, stellt sich Bolle anders vor und trägt sich ernstlich mit dem Gedanken, ins Plan/Prognose/Plausibilitäts-Biz einzusteigen. Irgendwas muß da doch gehen – bei den Beraterhonoraren. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

So 21-03-21 Die Entdeckung der Minderheit

Freiheit, die ich meine.

Solange es Menschen gibt, gibt es auch Entdeckungen. Denken wir nur zum Beispiel an das Feuer oder das Rad. Und schon wird es kompliziert. Das Feuer wurde ja nicht etwa „entdeckt“. Im Gegenteil: Es war schon immer da. Es wurde lediglich „gezähmt“ und in den Dienst menschlicher Bedürfnisse gestellt. Und auch das Rad macht erst dann Sinn, wenn man zusätzlich die Achse erfindet und einigermaßen befestigte Wege.

Ähnlich verworren verhält es sich mit jenen „Entdeckungen“, die bei Lichte betrachtet eigentlich eher Ideen sind, wie zum Beispiel Luthers „Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) oder die grundlegende Idee der Französischen Revolution (1789), die in der Losung „Egalité, Liberté, Fraternité“ ihren knackigen Ausdruck fand. Die Übersetzung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ meint das gleiche, klingt aber weniger musisch. Aber darauf soll es uns hier nicht ankommen.

Auch wollen wir nicht vertiefen, daß es bislang niemandem gelungen ist, auch nur einigermaßen bündig klarzulegen, was genau wir uns denn unter »Freiheit« vorzustellen haben. Thomas Hobbes (1588–1679) etwa hat darunter „das Fehlen jeglicher Bewegungsbehinderung“ verstanden, was Bertrand Russell (1872–1970) spöttisch als „wunderbar präzise Definition“ eingestuft hat. Das Problem: Wenn jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) auf „ungehinderte Bewegung“ bestehen würde, wäre absehbar Hauen und Stechen angesagt. Auch hauptamtlichen Denkern wie etwa Kant (1724–1804) oder Hegel (1770–1831) ist hierzu nicht allzuviel eingefallen – außer „Was Du nicht willst, das man Dir tu …“ (Kant) bzw. „Einsicht in die Notwendigkeit“ (Hegel) als begrenzendes Prinzip. Kurzum: Freiheit im Hobbes’schen Sinne mag zwar „wunderbar präzise“ definiert sein, ist aber leider praktisch völlig unbrauchbar. Warum?

Den ultimativen Grund liefert, einmal mehr, die Mathematik – genauer gesagt die formale Logik. Man nennt es dort Polylemma. Egal, was man macht: Man kann es nicht allen rechtmachen. Eines der bekanntesten Beispiele hierfür ist vielleicht die »Vater/Esel/Sohn«-Allegorie: Ein Vater ist mit seinem Sohn und einem frisch erworbenen Esel unterwegs. Anfangs gehen alle drei zu Fuß und werden von einem entgegenkommenden Wanderer ausgelacht: „Warum geht Ihr denn beide zu Fuß, so Ihr doch einen Esel habt zum reiten?“ Als dann der Vater aufsitzt, kommt der nächste Wanderer des Weges und bezichtigt den Vater der Kinderschänderei. Also läßt der Vater den Sohn aufsitzen – was von einem weiteren Wanderer dem Sohn als mangelnder Respekt vor dem Alter ausgelegt wird. Also sitzen beide auf – nur um sich den Vorwurf der Tierquälerei einzuhandeln. Schließlich nehmen die beiden ihre ganze Kraft zusammen und tragen den Esel nach Hause …

Kurzum: Wir haben es hier mit fünf Möglichkeiten zu tun, den Weg vom Markt nach Hause zurückzulegen – und keine davon bleibt unbekrittelt. Eine allgemein anerkannte Lösung (i.S.v. ›von allen anerkannt‹) ist nicht in Sicht. Game over.

Wir können das Thema an dieser Stelle nicht ausleuchten. Nur so viel: Die „Entdeckung der Minderheit“ führt mit mathematischer Notwendigkeit dazu, daß sich immer irgendwer in seinem höchstpersönlichen „Für-richtig-halten“ (im weiteren Sinne also in seiner „Freiheit“) eingeschränkt fühlen wird. Immer, immer, immer. Und – das kommt erschwerend hinzu: Je mehr Minderheiten wir als solche anerkennen, desto krasser wird es werden mit der gefühlten Einschränkung der Freiheit. Sind wir nicht letztlich alle „Andersdenkende“?

Schon aus diesem Grunde hält Bolle die Idee für noch nicht ganz zuende gedacht. Was dann? Begnügen wir uns an dieser Stelle mit einem Verweis auf Do 28-01-21 Sozialisation. Wird schon? Oder Hohn? Ansonsten ist das dann wohl doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 20-03-21 Ende Gelände?

Ende Gelände.

Auf unser heutiges Thema sind wir eher zufällig gestoßen. In der Ankündigung eines neuen Sendeformates hieß es, man habe Sigmar Gabriel „als kundigen Erklärer einer immer undurchsichtigeren Welt“ gewinnen können.

Die erste Frage, die sich aufdrängt: Ist es wirklich die Welt, die immer undurchsichtiger wird? Neudeutsch: „komplexer“? Oder könnte es nicht vielleicht sein, daß die Fähigkeit, irgendwas zu durchdringen, allgemein nachläßt? Falls letzteres der Fall sein sollte, dann nützt uns auch ein weiterer Erklärer wenig – und sei es der kundigste. Bolle befürchtet, daß Durchdringen furchtbar viel mit Eigenleistung zu tun hat. Ein gerüttelt Maß an Tiefgang kann da überhaupt nicht schaden.

Das Zitat des Tages hat Bolle übrigens einem Lehrbuch über Verfassungsrecht entnommen. Darauf kommt es allerdings nicht an. Das ist ja das Gute an Methode, daß sie sich nicht so leicht auf einzelne Fachgebiete festnageln läßt. Im Zusammenhang liest sich das ganze wie folgt:

Es gibt unendlich viele Probleme. Man kann aber nur endlich viele lernen. Das bedeutet, dass irgendwann ein Problem kommt, das man nicht gelernt hat. Die eigentlich zwingende Konsequenz aus dieser Überlegung: Man muss nicht die Probleme selbst lernen, sondern den Weg zu ihnen und die Methode, sie zu lösen.

Und weiter:

Ein Problem ist immer die Abweichung von etwas Normalem. Um ein Problem finden und lösen zu können, muss man also das Normale lernen. Was normal ist, kann man aber erst dann beurteilen, wenn man die Zusammenhänge kennt. Die Summe aller Zusammenhänge ist das dahinter stehende System.

Schöner kann man es kaum sagen: Das Normale kennen – Zusammenhänge gar. Leichter gesagt als getan. Zusammenhänge nämlich erschließen sich nicht aus der konkreten jeweiligen Situation, sondern aus einer furchtbar vielfältigen Fülle von abstrakten Hintergründen. Tiefgang, eben. Im Grunde haben wir es hier mit dem sogenannten hermeneutischen Zirkel zu tun: Was einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) possibly erfassen kann, hängt schwer davon ab, was er bis dato bereits erfaßt hat. Ein Teufelskreis also, der allerdings in beide Richtungen losgehen kann. Aber von selber passiert da nüscht. Man muß schon was tun – bzw., genauer, bereits einiges getan haben – und zwar unabhängig von einem konkreten Problem. Doch wer findet dafür Zeit in einer Welt, die – husch, husch, husch – auf möglichst schnelle Resultate aus ist –  und im übrigen voller Ablenkungen?

Im Gegenteil: Wie es aussieht, scheint der Zug der Zeit zur Zeit eher in die falsche Richtung zu fahren. Und wenn der Zug erst mal in die falsche Richtung fährt – das wußte schon Franz Josef Strauß –, dann sind halt auch alle Stationen falsch. Vorläufig geht es den Leuten anscheinend mit hoher Prio darum, verbliebene Reste klarer Sprache, unser wohl wichtigstes Werkzeug im Kampf gegen Widrigkeiten, nach Kräften abzuschaffen oder zumindest aufzuweichen. Einfach mal sagen, was ist, kommt zunehmend aus der Mode. Man könnte ja jemandem (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) auf die empfindlichen Pfötchen treten. Wenn’s aber doch dem Fortschritt und der Rücksicht dient? Bolle meint: Definiere »Fortschritt«. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 19-03-21 Von guten und von lupenreinen Demokraten

Nichts bleibt wie es ist.

»Why the West Rules – For Now«. So der Titel eines regelrechten Historienschinkens, den Ian Morris, ein britischer Historiker und Archäologe, 2010 schon vorgelegt hat. Bolle hatte das Werk seinerzeit gelesen, verliehen, wie so oft nie mehr zurückbekommen, und neulich erneut erstanden – und findet es nach wie vor höchst lesens- und empfehlenswert. Wenn es nur nicht so dick wäre. Die deutsche Ausgabe kommt auf immerhin 635 Seiten, ohne Register. Aber so ist das nun mal: Romane sind keine Kurzgeschichten. Und das Werk liest sich, allem „wissenschaftlichen“ Anspruche zum Trotze, flüssig wie ein guter Roman. „London, 3. April 1848: Königin Victoria hatte Kopfschmerzen.“ So geht das los.

Was Bolle weniger gelungen findet, ist die deutsche Übersetzung des Titels: „Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden“. Der eigentliche Clou des Werkes, daß nämlich Geschichte ein permanenter „Such und finde“-Prozeß ist mit offenem Ausgang, bleibt dabei völlig auf der Strecke. Wobei, das kommt erschwerend hinzu, so etwas wie „Ausgang“ nicht einmal definiert ist. Von wegen Demokratie als „Endlösung“. Wo kein Ausgang, da auch kein Ende. Klar, das. Was dann? Vielleicht nur schnöder Werte-Imperialismus in gefälliger Verpackung? Aber laßt uns nicht hysterisch werden. Ist Bolle nun ein „Anti-Demokrat“? Natürlich nicht. Indes: ein gelegentlicher Blick über den temporalen Tellerrand sollte auch einem Demokraten erlaubt sein. Soviel Freiheit muß sein.

Greifen wir zur Erhellung und Vertiefung noch einmal unsere Randnotiz von gestern auf. Da hatte Joe Biden, der 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, die Frage eines Journalisten, ob er Putin für einen Mörder halte, allen Ernstes mit „I do.“ (mit Punkt) beantwortet. Krass, das. Und? Was macht Putin? Lädt den Präsidenten zu einem öffentlichen Streitgespräch ein. Bolle hält das für höchst souverän. Die einzige Bedingung: Das Gespräch solle, bitteschön, „online und live“ stattfinden – wohl, um mögliche Wahrnehmungsverzerrungen westlicher Medienschaffender von vorneherein einzudämmen. Das muß nicht bös gemeint sein: Déformation professionelle nennt’s der Franzose: Die berufstypische Neigung zu eingeengter Sichtweise auf manche Dinge – vor allem, wenn sie nicht ins eigene Weltbild passen.

Beispiel gefällig? Heute konnten wir aus der Qualitätspresse erfahren, daß Putin Biden erstens „Gesundheit“ gewünscht hat und ihn dabei „indirekt selbst als Mörder bezeichnet“ habe. Wie fies ist das denn? Begründung für das unterstellte indirekte Mördertum: Putin soll gesagt haben, man übertrage immer auf andere, was man eigentlich selber sei. Bolle meint: Unter diesen Umständen würde ich auch auf Live-Übertragung bestehen wollen.

Und sonst? Der neue amerikanische Außenminister, Antony Blinken, hat in demokratisch-lupenreiner Manier einmal mehr den sofortigen Stopp von Nord Stream 2 gefordert – ansonsten setze es US-Sanktionen. Aber das kennen wir ja schon. Im übrigen wäre das auch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 18-03-21 Empörend verstörend

Stoa 1808.

Es ist aber auch verstörend – empörend verstörend. Klären wir zunächst die Begriffe: »verstören« meint svw. ›aus der Fassung bringen‹, aus dem „seelischen Gleichgewicht“ gar.  »Sich empören« ist dabei kaum mehr als die affektive Reaktion auf eine kognizierte Verstörung. Kurzum: das Weltbild wackelt.

Und? Wer ist schuld? Die wahrgenommene Wirklichkeit? Oder das Weltbild? Eigentlich sollte man ja meinen, daß sich das Weltbild, mit dem einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) durch sein Leben rennt, im Laufe der Zeit an der wahrgenommenen Wirklichkeit ausrichtet – von jugendlichen Flausen einmal abgesehen. Warum so rum, und nicht umgekehrt? Nun, es ist sehr viel naheliegender (und auch sehr viel aussichtsreicher), das Weltbild anzupassen. Die Wirklichkeit ist einfach zu tough für ein einzelnes „Köpfchen“, wie Mephistopheles das nennt.

Wenn da nur der belief in a just world (Lerner 1980) nicht wäre, der durch nichts zu rechtfertigende und jeder Empirie spottende Glaube, daß es im großen und ganzen „gerecht“ zugehe auf der Welt. Bolle meint: Den Zahn laß dir man ziehn.

Hier und heute ist es so, daß ausgerechnet Joe Biden, der 46. Präsident der Vereinigten Staaten, als Verstörungs-Trigger wirkt. Nach seiner „America first“-Ansage (vgl. dazu Fr 12-03-21 America first!) ballert er zur Zeit nach bester Cowboy-Manier gleichzeitig in Richtung Iran, China – und natürlich auch Richtung Russen. Kostprobe: Ein Journalist fragt: „So you know Vladimir Putin. You think he’s a killer?“ Von der Suggestiv-Frage mal abgesehen: „Sleepy Joe“ soll kurz und knackig, dabei aber alles andere als staatstragend oder auch nur diplomatisch, und überhaupt nicht schläfrig, schlicht mit: „I do.“ geantwortet haben. Mr Biden als upgrade von Mr Trump? Bolle meint: Den hamse woll als Kind zu heiß jebadet.

Immerhin: Die Empörung zur Verstörung, die affektive Reaktion also, ist bislang noch ausgeblieben. Warum? Nach allem und trotz allem sind die Amis doch die Guten – von wegen Weltbild. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mi 17-03-21 Der Super-Schlau-GAU

Noch ist nicht aller Tage Abend.

Gelegentlich, das muß man ihr lassen, bringt die ›Bild‹ die Dinge kurz und knackig auf den Punkt. Zum Beispiel heute mit der Headline »Der AstraZeneca-Super-GAU«. Andere Blätter im Walde, die sich mehr der Seriosität verpflichtet fühlen, geben sich da deutlich zurückhaltender und berichten, eher blaß, daß laut EU-Behörde der Nutzen einer Impfung die Risiken eindeutig überwiege, bzw., noch blasser, daß die EMA den Impfstoff „verteidigt“. Allein die ›taz‹ weiß Rat: „Uns bleibt immer noch Mallorca.“ Gut zu wissen.

Kurzum: Die Kacke ist am dampfen. Allein: Haben wir uns wirklich sehenden Auges „in Gefahr begeben“? Sind wir wirklich so starrköpfige Menschen, wie das Buch Sirach das nahelegt? Nicht wirklich. Bolle hält das Bild für schief. Wir „begeben“ uns nicht regelrecht in Gefahr. Eher scheint es so zu sein, daß wir nolens volens und ganz allmählich in immer widriger werdende Umstände reinschliddern. Eine slippery slope, wie die Angelsachsen das trefflich nennen.

Wir hatten das Thema vor einiger Zeit schon mal angesprochen (Di 02-02-21 Von Gänseblümchen und Brennesseln) und dabei festgehalten: „Wenn es nicht gelingt, die Probleme an der Wurzel zu packen, dann wird sich für jedes einzelne Problem, das wir erfolgreich lösen, ein ganz ähnlich gelagertes Problem an irgendeiner anderen Stelle einstellen.“ Aber wie soll das gehen in einer Welt, die noch an isolierte Fakten glaubt? (vgl. dazu Sa 16-01-21 Wirklich wahr?) und von solidem Überblick nur wenig wissen will?

Dabei ist das alles nicht wirklich neu. Dietrich Dörner hat bereits 1989 in seiner, übrigens höchst lesenswerten, »Logik des Mißlingens« eine dringende Empfehlung auf den Punkt gebracht: Nicht schneller in komplexe Systeme eingreifen als man die Auswirkungen einigermaßen sicher überblicken kann. Komplizierter ist es nicht. Aber wie, bitteschön, soll das gehen in einer ›Time is money‹-Welt?

So richtig dumm wird es, wenn das, was man tut, erst mit einiger oder gar erheblicher Verzögerung seine Wirkung entfaltet: Wenn man jetzt die Heizung aufdreht, dann dauert es noch ein ganzes Weilchen, bis es warm wird in der Bude. Hysteresis (›Nachwirkung‹) nennt’s die Kybernetik. Licht dagegen kommt sofort. Als Faustregel mag gelten: Je „komplexer“ ein System, desto größer die Wahrscheinlichkeit von richtig fetten Hysteresen. Als Hinweis darauf, daß das alles schon länger klar sein könnte, wollen wir uns mit Lorenz’ »Todsünden der zivilisierten Gesellschaft« (1973), den »Grenzen des Wachstums« des Club of Rome (1972) und vielleicht noch Malthus’ »Principle of Population« (1798) begnügen. Alles soweit unwiderlegt, und alles erst mal weggelächelt, frei nach Artikel 3 vons „Rheinisch Jrundjesetz“: „Et hätt noch emmer joot jejange.“ Bolle meint: Kieken wa ma. Bis dahin wäre es wohl keine schlechte Idee, erstens den Panoramablick zu stählen und zweitens die Langmut. Es muß nicht alles über Nacht passieren und schon gar nicht um jeden Preis.

Das Buch Jesus Sirach empfiehlt dazu an gleicher Stelle: Strebe nicht nach dem, was zu hoch ist für dich, und frage nicht nach dem, was deine Kraft übersteigt … (Sir 3, 22, im Abschnitt »Von der Demut«). Immerhin: Wir wissen jetzt, was „Sinusvenenthrombosen“ sind. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 16-03-21 Null Toleranz!

Das optimale Leben.

An der Corönchen-Front ist mal wieder der Bär los. Es ist aber auch ärgerlich. Erst macht man das Volk über Monate jeden, wirklich jeden Tag mit den jeweils auf die Einerstelle genauen Inzidenz- und Todesfällen so richtig rappelig, um sie dann gezielt auf die nahende Rettung einzustimmen. Wahrlich, wir sagen Euch: Gehet hin und lasset Euch pieksen. Und Ihr werdet eingehen in das ewige Leben auf Erden. Bolle meint: Geht’s noch?

Und dann so was. „AstraZeneca tötet.“ Zwar hat das keiner so gesagt – aber so kommt es rüber. Wir hatten ja schon öfters mal angedeutet, daß es sich bei Corönchen zu einem guten Teil um ein sozialpsychologisches Phänomen handeln dürfte und weniger um ein virologisches. Aktuell scheint es so zu sein, daß sich beim Volk eine Art Frustrations-Reaktion einstellt. »Frustration« meint fachsprachlich die affektive Reaktion auf das Ausbleiben einer erwarteten Belohnung. Damit sind wir beim passenden Stichwort. Was erwarten die Leute? Sie erwarten offenbar, daß alles gut wird. So wie früher. Gelegentlich shoppen gehen, ab und an mal in ein Café, abends in die Kneipe oder ins Kino. Die Kinder morgens in die Schule schicken, damit man wenigstens den halben Tag lang seine Ruhe hat. Ins Büro dürfen – aus den gleichen Gründen. Gern auch mal ins Museum oder in ein Konzert. Unbeschwert reisen dürfen. Und so weiter, und so fort. Und all diese Erwartungen wurden an einem einzigen Punkt festgemacht: den „segenbringenden“ Vakzinen.

Und nun stellt sich, Wunder über Wunder, heraus, daß Vakzine eben nicht nur „segensreich“ wirken können, sondern gelegentlich, eher selten, höchst selten, auch Komplikationen mit sich bringen. Wir reden hier von zur Zeit 14 (in Worten: vierzehn) Fällen unter 10 Millionen. Mikro-Peanuts, im Grunde. Für eine ausgeprägte kollektive Frustrations-Reaktion aber anscheinend völlig ausreichend. Die Leute wünschen sich halt gerne „Das optimale Leben // Mit TÜV und Garantie“. Bolle meint: Habt Ihr mal einen Blick auf einen x-beliebigen Beipackzettel geworfen? Da bleibt wenig Raum für „Null Toleranz“. Keine Wirkung ohne mögliche Nebenwirkung – es sei denn, Ihr werft Euch wirklich nur noch Placebos ein. Und selbst da hätte Bolle so seine Bedenken. Indes: die Leute lesen ja nicht mal die Inhaltsstoffe beim Lebensmittel-Einkauf. Statt dessen begrüßen sie, wohl aus Gründen der kognitiven Sparsamkeit, den „Nutri-Score“. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 15-03-21 Small is beautiful

Small is beautiful. Die Rückkehr zum menschlichen Maß.

So richtig viel passiert ist nicht beim Auftakt zum „Superwahljahr“. Winfried Kretschmann kann im Ländle weitermachen wie gehabt – Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz ebenso. Eine Änderung hat sich allerdings dann doch ergeben: Herr Kretschmann könnte, wenn er denn wollte, mit einer Ampelkoalition regieren und seinen Koalitionspartner damit auf die Reservebank schicken. Bitter für die CDU, die von 1953 bis 2011, also 58 Jahre bzw. zwei Generationen lang, im Ländle auf Regierung abboniert war. Aber wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: „Erster Test negativ“ – so die Schlagzeile der taz. Die SPD dagegen ist ob dieser Option ganz aus dem Häuschen –  Mehrheiten „diesseits der CDU“ seien wieder möglich – und träumt schon von der Machtübernahme im Bund. Bolle meint: Kieken wa ma.

Manche meinen ja, eine Partei sei im Kern eine „Marke“ – und das Wahlvolk sei halt nicht mehr sonderlich „markentreu“. Bolle hält nicht allzu viel von übertriebener Ökonomisierung des politischen Raumes. Eine „Marke“ ist gemeinhin etwas, das man kauft, weil man es (1) immer schon gekauft hat und (2) im großen und ganzen damit zufrieden ist. Gelegentliche Preis- und/oder Qualitätsvergleiche erübrigen sich damit. Max Weber hätte das „traditionales soziales Handeln“ genannt. Wollen wir so was in der Politik? Wozu dann noch Wahlkampf?

Überhaupt empfiehlt Bolle, gelegentlich und immer wieder mal – zumindest aber als kleine Entscheidungshilfe vor Wahlen – »Wag the Dog«  (USA 1997 / R: Barry Levinson / mit Dustin Hoffmann und Robert de Niro) zu kieken. Übertrieben? Sicherlich. Ist halt Hollywood. Unrealistisch? Leider nicht.

Einen unbestreitbaren Vorzug aber hatte der Wahlkampf. Er hat, Corönchen sei Dank, praktisch nicht stattgefunden – weder im Ländle noch in Rheinland-Pfalz. Wozu auch? Die Leute kennen ihre Kandidaten, und die „Botschaften“ ohnehin. Für eingefleischte „Markenwähler“ dürfte selbst das keine Rolle spielen. Wenn schließlich, wie in Baden-Würtemberg, die Botschaft auch noch lautet: „Bewahren heißt verändern“ – ein Spruch, den kein Zen-Meister besser hätte formulieren können –, dann dürfte auch der gutmütigste Wähler den Kopf schütteln und ansonsten dicht machen. Kurzum: Small is beautiful. Den Leuten kurz vor Schluß zu erklären, wofür man steht, ist schlechterdings überflüssig. Das wissen die Leute sowieso. Und falls nicht, sollten sie sich am Wahltag vielleicht lieber vornehm zurückhalten.

Ob, last but not least, der CDU die „Masken-Affäre“ geschadet hat oder nicht doch eher die Blässe ihrer Kandidaten, sei dahingestellt. Ähnliches gilt für die AfD mit ihren Verfassungsschutz-Scharmützeln. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

So 14-03-21 Licht am Ende der Trasse?

Licht am Ende der Trasse.

Dieser Tage wurde uns von höchster wissenschaftlicher Stelle verkündet, wir befänden uns, was Corönchen angeht, im letzten Drittel eines Marathons, und das sei bekanntlich das schwerste. Bolle meint: Na denn. Der Mann ist Wissenschaftler. Der muß es ja wissen.

Rechnen wir mal nach und gehen dabei davon aus, daß der „Marathon“ der Einfachheit halber ziemlich genau heute vor einem Jahr angefangen hat. Und nehmen wir an, daß das „letzte Drittel“ gerade eben erst begonnen habe. Sich „im letzten Drittel“ zu befinden, könnte ja durchaus auch heißen, daß man unmittelbar vor der Ziellinie steht. Aber das war sicherlich nicht gemeint von höchster Stelle. Demnach hätten wir also weitere sechs Monate „Marathon“ vor uns und würden die Ziellinie Mitte September erreichen. Na toll!

Dumm nur, daß Mitte September in unseren Breiten üblicherweise der Herbst beginnt: Grippezeit! Bolle findet es eher unwahrscheinlich, daß sich Corönchen ausgerechnet dann geschlagen geben wird. Aber wenn wir bis dahin doch alle „durchgeimpft“ sein werden? Vermutlich ist das gemeint. Von möglichen Mutanten, die nach dem „Hase und Igel“-Prinzip durchaus schneller sein könnten als die noch zu entwickelnden Vakzine, wollen wir hier einmal absehen. Reine Spekulation!

Schwerer wiegt folgendes: Es gibt Sportarten, die werden auf Zeit gespielt. So dauert ein Fußballspiel 90 Minuten, plus meist ein wenig Verlängerung und ggf. Nachspielzeit. Hier läßt sich also durchaus abschätzen, ob man sich „im letzten Drittel“ befindet oder nicht. Bei anderen Wettkampfarten, wie etwa Tennis, ist das aber nicht der Fall. Hier wird ergebnisorientiert gespielt – man braucht, um zu gewinnen, soundso viele Sätze Vorsprung vor dem Gegner. Das hat Konsequenzen. Das kürzeste offizielle Match, das Bolle bekannt ist, hat zum Erstaunen der Fachwelt nicht einmal eine halbe Stunde gedauert, das längste in einem Grand-Slam-Finale der Herren über 11 Stunden. Hier von irgendwelchen „Dritteln“ zu reden, in denen man sich befinden mag, ist demnach völlig sinnlos. Es dauert, solange es dauert.

Und? Wie ist es bei einem Marathon-Lauf? Hier wird sozusagen „auf Raum“ gespielt. Wir haben es weder  mit einer Spielzeit zu tun wie beim Fußball noch mit einem Spielstand wie beim Tennis. Es geht schlicht und ergreifend darum, die 42.195 Meter hinter sich zu bringen – und das möglichst schnell.

Und? Was hat Corönchen mit einem Marathonlauf zu tun? Nach allem rein gar nüscht. Es gibt keine Ziellinie – so sehr sich mancher die auch wünschen mag. Corönchen gleicht eher einem Tennismatch – und kann dabei, um im Bild zu bleiben, ein halbes Jahr dauern oder eben auch 11 Jahre. Aber laßt uns nicht hysterisch werden.

Was richtig schwer wiegt: Wir kennen aus der Sozialpsychologie den sogenannten »Halo-Effekt« als eine von mehreren möglichen Formen von Wahrnehmungsverzerrung. Der unmittelbare Eindruck, den eine Person (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) auf uns macht, umgibt die Person wie ein sozialpsychologisches „Kraftfeld“. Wer beim ersten Eindruck attraktiv wirkt, charmant ist und auch redegewandt, hat bei uns üblicherweise schon mal einen Stein im Brett und gute Chancen, mit allem, was er sonst so bringen mag, auf sprichwörtlich offene Ohren zu stoßen. Im Grunde ist das die Kernkompetenz aller Blender und Betrüger – was umgekehrt natürlich nicht heißen muß, daß jeder, der charmant rüberkommt, ein Blender oder Betrüger ist. Wichtiger ist die Feststellung, daß das „Kraftfeld“ auch nach hinten losgehen kann: Wer at first glance mit Unsinn um die Ecke kommt, hat’s schwer.

Wenn also einer herkommt und Corönchen mit einem Marathonlauf vergleicht statt mit einem Tennismatch, so führt das, zumindest bei Bolle, sofort und unmittelbar zu schwerem Punktabzug. Bolle glaubt so einem erst mal gar nichts mehr und wittert allenthalben Unrat. Das mag bei vertiefter Betrachtung unhaltbar sein und ungerecht, ist aber erst mal so – und letztlich auch schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 13-03-21 Mimimi

Von das kommt das.

Unser heutiger Sinnspruch geht zurück auf Herodot (etwa 490–430 v. Chr.), der seit Cicero vielen als pater historiae ›Vater der Geschichtsschreibung‹ gilt. In seinem Hauptwerk, »Historien«, erwähnt er beiläufig, daß dem Perserkönig Kyros einmal der Vorschlag unterbreitet wurde, das angestammte karge Siedlungsgebiet zu verlassen und sich und seinem Volke fruchtbarere Gefilde zu erschließen. Kyros indessen lehnte ab mit der Begründung, daß übermäßig kommode Lebensbedingungen das Volk nur unnötig verweichlichen würden.

Bolle meint, daß das Prinzip bis heute trägt und daß man es ohne weiteres von ›Herrschaftsgebiet‹ im engeren Sinne auf ›systemrelevante Umwelt‹ im weiteren Sinne übertragen kann. Wenn den Leuten zu wohl wird, führt das nicht etwa dazu, daß sie sich einfach nur wohler fühlen. Dagegen wäre ja nichts einzuwenden. Nein, oft genug führt es dazu, daß sie, wie wir das heute noch nennen, der sprichwörtliche Hafer sticht. Sie drehen einfach durch.

Wir hatte das Thema schon einmal gestreift, wenn auch nur am Rande, und es in Anlehnung an das „ideale Gasgesetz“ der Thermodynamik »Soziales Gasgesetz« genannt (vgl. dazu Sa 19-12-20 Das neunzehnte Türchen …).

Was hat das mit uns zu tun? Nehmen wir, weil naheliegend, Harry und Meghan, das Dream Team der Zersetzung des englischen Königshauses. Da geriet die wohl eher beiläufig in den Raum geworfene Frage, mit welcher Tönung bei dem zu erwartenden „royalen“ Baby denn möglicherweise zu rechnen sei, sofort und unmittelbar zum krassen „Rassismus“-Vorwurf. Bolle sieht sich veranlaßt, hier hart gegenzuhalten: „Ein Stuhl wird nicht diskriminiert, wenn man feststellt, dass er kein Tisch ist. Eine Grenze kategorial zu ziehen, bedeutet noch nicht, zu werten.“ (Liessmann 2012: Lob der Grenze; vgl. dazu auch Fr 15-01-21 Von Tischen und Stühlen). Kurzum, und in Anlehnung an Gertrude Stein: Eine Farbe ist eine Farbe ist eine Farbe. Und keine Wertung.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Greift den „Vorwurf“ begierig auf und zeigt sich schockiert: Streit in der Familie sei das eine. Rassistische Diskriminierung dagegen habe ein ganz anderes Kaliber. Und schwupps – schon ist aus dem „Vorwurf“ eine handfeste „rassistische Diskriminierung“ geworden – und keiner hat’s gemerkt.

Um das ganze noch zu toppen, läßt Maghan die mehr oder weniger interessierte Öffentlichkeit – gegen royales Honorar, versteht sich – auch noch an ihren royalen „Suizid-Gedanken“ teilhaben.

Und? Der Journalismus 2.0? Lobt das auf breiter Front als „offen und furchtlos“. Da muß Bolle schon auf die Neue Zürcher Zeitung zurückgreifen, um zu erfahren, daß es ganz so einfach dann wohl doch nicht sei.

„Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich weiß was“ – so der Schlachtruf eifriger Eleven in der Grundschule. Wie sich die Bilder gleichen. Heute werden, mit der gleichen Verve und in der Hoffnung und Erwartung, sich sein Scheibchen abzuschneiden vom Skandälchen, vorauseilende Sozial-Bollerchen ins Volk gestreut: „Ich bin auch dagegen. Ich bin auch empört. Ich schäme mich dafür. Hört nur her: Ich bin einer von den Guten.“ Bolle meint: Souveränität geht anders. Denken und urteilen übrigens auch. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.