Mi 07-04-21 Bridge over troubled water

Laschet, der Landesvater.

Es muß dringend was geschehen, sprach der Kommunikations-Berater. Sonst kacken wir ab und können die Kanzlerschaft knicken. Nur was? Hart muß es sein, um Führungsqualität zu zeigen. Und lichtvoll muß es sein, von wegen Ende des Tunnels. Grübel, grübel, grübel … Stunden später: Wie wär’s mit einer Brücke? Klingt doch ganz nach Kanzlerin.

Bolle kann sich das entsprechende Brain Storming lebhaft vorstellen. Jemandem eine Brücke bauen: Wie entgegenkommend ist das denn? Wir denken an den Überbrückungskredit von der Bank an unserer Seite. Die alteingesessenen Berliner denken bis heute an die Luftbrücke mit ihren Rosinenbombern, damals 1948. Und nicht zuletzt gibt es da auch noch die Bridge over troubled water – die Brücke über wilde Wasser. Kennen wa alle. Wie ging das gleich noch mal?

Du fühlst Dich müde – paßt!
Fühlst Dich klein – aber holla! nach Monaten sozialer Deprivation!
Hast Tränen in den Augen – kein Wunder bei den vielen Masken!
Ich trockne sie und
Werde bei Dir sein – Bingo! klingt doch voll seriös nach Landesvater und Kanzlerkandidat.

Der Senior ist begeistert. Noch Einwände? Ein Junior Manager meldet sich zu Wort: Ist das Bild nicht doch etwas schief? Setzt eine Brücke nicht voraus, daß das andere Ufer wenigstens in Sicht ist? Daß man weiß, wohin man bauen will? Sollten wir nicht besser von einem Schlauchboot-Lockdown sprechen? Von wegen „irgendwie weiterkommen“?

Sachlich und fachlich völlig richtig, junger Freund, entgegnet der Senior wohlwollend. Weckt aber völlig falsche Assoziationen. Die können wir hier nicht gebrauchen. Schlecht für die Kommunikation. Noch weitere Einwände? Keine? Dann nüscht wie raus damit. Deadline in zwei Stunden. Und kümmere sich jemand um die Rechte am Song.

Und so kam es, daß der Brücken-Lockdown das Licht der Welt erblickt hat. Die Staatskanzlei in München ist highly amused – wenn auch nur in aller Stille. Honi soit qui mal y pense – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 06-04-21 Kompaß alle?

Leonardos Bilder.

Ab heute wollen wir ja Ostern hinter uns lassen und uns wieder weltlicheren Themen zuwenden. In allem Ernst. „In allem Ernst“ – diese Wendung hat Bolle allen Ernstes gestern abend in einer Qualitäts-Nachrichtensendung aufschnappen müssen. Machen wir uns nichts vor: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Bastian Sick wußte das schon 2004. Aber was will man machen in einer Welt unterschwelliger Analphabeten, die sich längst angeschickt haben, „barrierefreies“ Lesen und Schreiben zur Kardinaltugend zu erheben?  Und der Genitiv ist nun mal so was von ganz und gar nicht barrierefrei. Doch das nur am Rande.

Wenn Leonardo vom Menschen als Augenwesen spricht, der das Bild brauche, hat er das vermutlich wörtlich gemeint: Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild. Daneben gibt es allerdings auch sprachliche Bilder – namentlich Topoi, Metaphern und nicht zuletzt auch Gleichnisse.

In jüngerer Zeit finden sich aber zunehmend auch sprachliche Zerrbilder. Bolle spricht hier gern von »Blubbersprech« und versteht darunter amorphe verbale Gebilde, deren vornehmste Eigenschaft es ist, völlig formbefreit und sinnentleert zu sein. Amorph eben.

Das vielleicht hübscheste Beispiel aus den letzten Tagen ist die Klage, man habe die Chance verpaßt, den Kompaß auf Zukunft zu stellen. Weder ist Bolle klar, was ein Kompaß mit Zeit zu tun haben soll, noch, seit wann Kompasse „gestellt“ werden. Uhren können gestellt werden, gegebenenfalls auch Weichen. Wobei eine Wendung wie „Weichen auf Zukunft stellen“ schon ins Grenzwertige lappen würde. Aber Kompasse? Geht gar nicht.

Allerdings ist nichts so dumm, daß es nicht doch zu etwas gut sein könnte – etwa als Anregung zu Bolles lustigem Blubbersprech-Generator. Eine handvoll Substantive – also etwa Kompaß, Batterie, Uhr, und Weiche –, und eine handvoll Verben – wie zum Beispiel allemachen, stellen, ausrichten – reichen für den Anfang völlig aus. Damit können wir nicht nur Kompasse stellen, sondern auch Uhren ausrichten, oder Weichen, oder all das schlichtweg allemachen – anstatt nur Batterien. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Bei Bedarf müssen wir einfach nur die Listen verlängern – und schon geht’s munter weiter mit dem Blubbersprech. Die Kombinatorik mit ihren schier unerschöpflichen Möglichkeiten ist auf unserer Seite.

Bolle findet übrigens, daß Blubbersprech als verbaler Überbau zu gefühlter Demokratie paßt wie die Faust aufs Auge. Vielleicht ist es daher so erfolgreich und beliebt. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 29-03-21 Osterruhe ohne Ende

Jenseits von Max und Moritz.

Manchmal ist es aber auch vertrackt. Eigentlich war unser Beitrag vom letzten Dienstag (Di 23-03-21 Hinterm Argument geht’s weiter …) ja nur als kleiner Zwischenruf gedacht. Und dann so was. Erst hat die Kanzlerin öffentlich Asche über ihr Haupt gestreut – nur um dann, in einer exklusiv gehaltenen Talkshow zur besten bildungsbürgerlichen Sendezeit, verschärft inhaltlich zu werden. Ob der Renitenz mancher Landesfürsten sei sie wahrlich not amused. Ihr Amtseid gebiete ihr, da gegebenenfalls ordnend einzuwirken. Der Journalismus 2.0, der qua Profession wohl gerne mal die sprichwörtlichen Flöhe husten hört, hat das in eine offene „Drohung“ umgemünzt, eine „Breitseite“ bzw. eine „Kampfansage“ gar – und gefolgert, die Kanzlerin wolle offenbar „mehr Kompetenzen an sich ziehen“ bzw. denke darüber nach, den Ländern „klare Ansagen“ zu machen.

Daß das nicht ganz einfach werden wird, hatten wir gestern bereits erwähnt (So 28-03-21 Die Osterruhe vor dem Sturm). Verschärfend hinzu kommen demokratie-typische Nebenbedingungen, die mit der Sache an sich rein gar nichts zu tun haben: Die Kanzlerin ist auf dem Ritt in die Abendsonne, während immerhin zwei der Landesfürsten in den Startlöchern stehen und gerne selber Kanzler werden wollen.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Wünscht sich in fester Kanzlerinnen-Treue ein „hartes Durchgreifen“ und nutzt ansonsten den „Flickenteppich“ munter als Fußabtreter. Geschichte? Wozu? Wir haben doch Corönchen.

David Ricardo, ein Volkswirt klassischer Provenienz, sah sich schon 1811 veranlaßt anzumerken, daß er Leuten, die überwiegend auf den Augenblick schielen, mit Skepsis begegne. Solche Leute seien notwendigerweise leichtgläubig, da sie kein Bezugssystem hätten, um ihre Fakten zu sortieren.

Und so müssen wir hören, daß sich der Föderalismus als dysfunktional erwiesen habe. Also weg damit? Das gleiche Argument allerdings ließe sich – let’s go crazy – ohne weiteres auch gegen die Demokratie, zumindest aber gegen die Gewaltenteilung an sich, vorbringen.

Zwar ist das, hoffentlich, so nicht gemeint. Aber das Muster dahinter stimmt schon bedenklich. Hier ein gegebenes Problem, das nach einer Lösung schreit. Und in der Tat ist eine Lösung in Sicht. Problem gelöst. Sollte man meinen. Wenn da nur nicht Tobin’s Argument mit dem over-all climate wäre (vgl. etwa Di 02-02-21 Von Gänseblümchen und Brennesseln). Die Abschaffung bzw. Einschränkung des Föderalismus könnte sehr leicht zu einem ganz ähnlich gelagerten Problem an irgendeiner anderen Stelle führen.

Ein Mitglied der schreibenden Zunft hat übrigens den sprichwörtlichen Vogel abgeschossen, als er, mit empörter Stimme, über Ministerpräsidenten berichtete, die tun würden, was sie für richtig halten. Ja, was denn sonst? Nur, um dann hinzuzufügen: Selbst die von der CDU. Bolle hält das in der Tat für empörend – meint dabei aber die aus berufenem Munde doch etwas seltsam anmutende Vorstellung über die Rolle von Staat und Partei in einer Demokratie. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

So 28-03-21 Die Osterruhe vor dem Sturm

Wer hätte das gedacht?

Unser letzter Eintrag war ja, zugegeben, etwas knapp gehalten. Auch haben wir uns ein paar Tage kontemplativer Distanz gönnen müssen. Es war aber auch zu gruselig. Da kam die Regierung – genauer gesagt: die sogenannte Bund/Länder-Konferenz – nach durchdachter Nacht auf die grandiose Idee, mal eben die Osterlogistik zu zerschießen und das ganze, so viel Nudging muß sein, euphemistisch „Osterruhe“ zu nennen. Osterruhe – das klingt nachgerade kontemplativ. Wünschen wir uns nicht alle etwas mehr Ruhe um die Feiertage rum?

Nach der angesagten Ruhe kam der Sturm. Das geht schon damit los, daß es so etwas wie „Bund/Länder-Konferenzen“ in der Verfassung gar nicht gibt. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn man das Baby „Bund/Länder-Gespräche“ nennt. Allerdings ist das, weder in der Politik noch im Journalismus 2.0, irgend jemandem groß aufgefallen. Was dann?

Nach dem Bundesstaatsprinzip (Art. 20 I GG) ist die Bundesrepublik zweigliedrig organisiert. Das bedeutet im wesentlichen, daß die Länder eigene Staaten sind – mit eigener, und nicht etwa vom Bund abgeleiteter staatlicher Hoheitsmacht. Erschwerend kommt hinzu, daß die Ausübung staatlicher Befugnisse im Zweifel Sache der Länder ist (Art. 30 GG). Fazit: In Deutschland haben die Länder richtig was zu sagen (vgl. dazu auch Fr 05-03-21 Und ewig schläft das Murmeltier). Wenn sich nun die Kanzlerin hinstellt und in einer „Asche über mein Haupt“-Ansprache erklärt, daß ihr „qua Amtes“ die letztendliche und alleinige Verantwortung für den ganzen Schlamassel zufalle, so irrt sie sich. Nein, die Kanzlerin ist nicht die Cheffin der Bund/Länder-Konferenz – zumal es die ja ohnehin nicht gibt. Aber wenn man schon mal einen Lauf hat: Warum dann nicht noch einen draufsetzen?

Kurzum: Bolle hätte es fein gefunden, wenn die Länderchefs wie ein Mann (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) aufgestanden wären und ihrerseits und jeder für sich ein fröhliches „Mea culpa, dito“ unters Volk gestreut hätten: „Ich bin schuld. – Nein, ich. – Nein, ich.“ Sind wir nicht letztlich alle Sünder vor dem Herrn (wiederum beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)?

Noch feiner hätte Bolle es indes gefunden, wenn solche kapitalen „handwerklichen Fehler“, wie es wiederum höchst euphemistisch heißt, gar nicht erst passieren würden. Immerhin: Dieses mal hat das Volk gefühlt, daß das so nicht angehen kann.

Und nun? Noch ein Lock-Downchen, und noch eins, und vielleicht ein allerletztes zu Weihnachten? Oder Ostern nächstes Jahr? Bolle meint: Plan geht anders. Vor allem geht Plan mit Anerkennung der Gegebenheiten los. Krisen-PR, falls nötig, übrigens auch. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 22-03-21 Plan, Prognose, Plausibilität

Von Plänen, Prognosen, und Plausibilitäten.

Im Grunde ist alles ganz einfach – wie immer auf der grundsätzlichen Ebene. Ein Problem ist einfach nur eine Soll/Ist-Diskrepanz: Etwas ist nicht so, wie es sein soll, wobei es nicht ohne weiteres möglich ist, den gegebenen Ist-Zustand in den gewünschten Soll-Zustand zu überführen („Transformationsbarriere“). Beispiel: Einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)  hat Hunger (Ist-Zustand), wäre aber lieber wohlgesättigt (Soll-Zustand). Der Kühlschrank ist bis oben hin voll. Also keine „momentane Transformationsbarriere“ und damit auch kein Problem. Nun ist es so, daß man sich den Blick auf selbst so einfache Zusammenhänge mühelos verstellen kann, allein indem man jegliches mögliche Problem zur „Herausforderung“ hochzwiebelt. Im Grunde sind wir damit wieder bei Gertrude Stein: Ein Problem ist ein Problem ist ein Problem. Ob es nun „als Herausforderung angenommen“ wird oder als „Mimimi-Matrize“ ist dagegen eine Frage der Haltung – und hat mit Soll/Ist-Diskrepanzen bzw. irgendwelchen Transformationsbarrieren wirklich wenig zu tun. Soviel zur begrifflichen Klarheit.

Wie löst man nun ein Problem, wenn die Dinge etwas komplizierter liegen als nur „Habe Hunger“? Nun, erstens muß man sich klar machen, wo man steht (Ist-Analyse), zweitens wo man hin will (Ziel-Definition), und drittens braucht man einen Plan, wie man den Weg von Ist nach Soll zu beschreiten gedenkt. Oft genug tut sich an dieser Stelle im Rahmen eines ›Checks der Mittel‹ ein Folge-Problem auf. Um im Beispiel zu bleiben: Einer hat Hunger, der Kühlschrank ist leer – und das Portemonnaie leider auch. Die Scheckkarte übrigens ist gesperrt. Jetzt hätten wir es in der Tat mit einem Problem zu tun – und jetzt erst geht es um  „Herausforderung vs. Mimimi“.

Und? Wie geht man in der Politik mit so was um? Gestern hat Bolle erfahren, daß die Grünen zur Zeit deshalb so erfolgreich seien, weil sie sich einfach nicht festlegen lassen. In unserer Sprache bedeutet das: Der Soll-Zustand ist und wird nicht definiert – und damit jede potentielle Problemlösung im Keim erstickt. Wenn’s aber doch der Wähler wünscht? Das allerdings wollten die Grünen dann doch nicht auf sich sitzen lassen und ließen verlauten, daß man, ganz im Gegenteil und im Gegensatz zur SPD etwa, nicht nur Ziele definiere, sondern sogar sage, wie man dort hinzukommen gedenke. Bolle meint: Na, nu wird’s Tach. Da staunste Bauklötzer.

Allein, worin besteht der Plan? Vorläufig anscheinend nur in einer Vorstellung, in welcher Höhe man Mittel für die Erreichung seiner Ziele aufzuwenden gedenkt. Einen echten Plan, so richtig mit Substanz, stellt sich Bolle anders vor und trägt sich ernstlich mit dem Gedanken, ins Plan/Prognose/Plausibilitäts-Biz einzusteigen. Irgendwas muß da doch gehen – bei den Beraterhonoraren. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 19-03-21 Von guten und von lupenreinen Demokraten

Nichts bleibt wie es ist.

»Why the West Rules – For Now«. So der Titel eines regelrechten Historienschinkens, den Ian Morris, ein britischer Historiker und Archäologe, 2010 schon vorgelegt hat. Bolle hatte das Werk seinerzeit gelesen, verliehen, wie so oft nie mehr zurückbekommen, und neulich erneut erstanden – und findet es nach wie vor höchst lesens- und empfehlenswert. Wenn es nur nicht so dick wäre. Die deutsche Ausgabe kommt auf immerhin 635 Seiten, ohne Register. Aber so ist das nun mal: Romane sind keine Kurzgeschichten. Und das Werk liest sich, allem „wissenschaftlichen“ Anspruche zum Trotze, flüssig wie ein guter Roman. „London, 3. April 1848: Königin Victoria hatte Kopfschmerzen.“ So geht das los.

Was Bolle weniger gelungen findet, ist die deutsche Übersetzung des Titels: „Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden“. Der eigentliche Clou des Werkes, daß nämlich Geschichte ein permanenter „Such und finde“-Prozeß ist mit offenem Ausgang, bleibt dabei völlig auf der Strecke. Wobei, das kommt erschwerend hinzu, so etwas wie „Ausgang“ nicht einmal definiert ist. Von wegen Demokratie als „Endlösung“. Wo kein Ausgang, da auch kein Ende. Klar, das. Was dann? Vielleicht nur schnöder Werte-Imperialismus in gefälliger Verpackung? Aber laßt uns nicht hysterisch werden. Ist Bolle nun ein „Anti-Demokrat“? Natürlich nicht. Indes: ein gelegentlicher Blick über den temporalen Tellerrand sollte auch einem Demokraten erlaubt sein. Soviel Freiheit muß sein.

Greifen wir zur Erhellung und Vertiefung noch einmal unsere Randnotiz von gestern auf. Da hatte Joe Biden, der 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, die Frage eines Journalisten, ob er Putin für einen Mörder halte, allen Ernstes mit „I do.“ (mit Punkt) beantwortet. Krass, das. Und? Was macht Putin? Lädt den Präsidenten zu einem öffentlichen Streitgespräch ein. Bolle hält das für höchst souverän. Die einzige Bedingung: Das Gespräch solle, bitteschön, „online und live“ stattfinden – wohl, um mögliche Wahrnehmungsverzerrungen westlicher Medienschaffender von vorneherein einzudämmen. Das muß nicht bös gemeint sein: Déformation professionelle nennt’s der Franzose: Die berufstypische Neigung zu eingeengter Sichtweise auf manche Dinge – vor allem, wenn sie nicht ins eigene Weltbild passen.

Beispiel gefällig? Heute konnten wir aus der Qualitätspresse erfahren, daß Putin Biden erstens „Gesundheit“ gewünscht hat und ihn dabei „indirekt selbst als Mörder bezeichnet“ habe. Wie fies ist das denn? Begründung für das unterstellte indirekte Mördertum: Putin soll gesagt haben, man übertrage immer auf andere, was man eigentlich selber sei. Bolle meint: Unter diesen Umständen würde ich auch auf Live-Übertragung bestehen wollen.

Und sonst? Der neue amerikanische Außenminister, Antony Blinken, hat in demokratisch-lupenreiner Manier einmal mehr den sofortigen Stopp von Nord Stream 2 gefordert – ansonsten setze es US-Sanktionen. Aber das kennen wir ja schon. Im übrigen wäre das auch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 18-03-21 Empörend verstörend

Stoa 1808.

Es ist aber auch verstörend – empörend verstörend. Klären wir zunächst die Begriffe: »verstören« meint svw. ›aus der Fassung bringen‹, aus dem „seelischen Gleichgewicht“ gar.  »Sich empören« ist dabei kaum mehr als die affektive Reaktion auf eine kognizierte Verstörung. Kurzum: das Weltbild wackelt.

Und? Wer ist schuld? Die wahrgenommene Wirklichkeit? Oder das Weltbild? Eigentlich sollte man ja meinen, daß sich das Weltbild, mit dem einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) durch sein Leben rennt, im Laufe der Zeit an der wahrgenommenen Wirklichkeit ausrichtet – von jugendlichen Flausen einmal abgesehen. Warum so rum, und nicht umgekehrt? Nun, es ist sehr viel naheliegender (und auch sehr viel aussichtsreicher), das Weltbild anzupassen. Die Wirklichkeit ist einfach zu tough für ein einzelnes „Köpfchen“, wie Mephistopheles das nennt.

Wenn da nur der belief in a just world (Lerner 1980) nicht wäre, der durch nichts zu rechtfertigende und jeder Empirie spottende Glaube, daß es im großen und ganzen „gerecht“ zugehe auf der Welt. Bolle meint: Den Zahn laß dir man ziehn.

Hier und heute ist es so, daß ausgerechnet Joe Biden, der 46. Präsident der Vereinigten Staaten, als Verstörungs-Trigger wirkt. Nach seiner „America first“-Ansage (vgl. dazu Fr 12-03-21 America first!) ballert er zur Zeit nach bester Cowboy-Manier gleichzeitig in Richtung Iran, China – und natürlich auch Richtung Russen. Kostprobe: Ein Journalist fragt: „So you know Vladimir Putin. You think he’s a killer?“ Von der Suggestiv-Frage mal abgesehen: „Sleepy Joe“ soll kurz und knackig, dabei aber alles andere als staatstragend oder auch nur diplomatisch, und überhaupt nicht schläfrig, schlicht mit: „I do.“ geantwortet haben. Mr Biden als upgrade von Mr Trump? Bolle meint: Den hamse woll als Kind zu heiß jebadet.

Immerhin: Die Empörung zur Verstörung, die affektive Reaktion also, ist bislang noch ausgeblieben. Warum? Nach allem und trotz allem sind die Amis doch die Guten – von wegen Weltbild. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mi 17-03-21 Der Super-Schlau-GAU

Noch ist nicht aller Tage Abend.

Gelegentlich, das muß man ihr lassen, bringt die ›Bild‹ die Dinge kurz und knackig auf den Punkt. Zum Beispiel heute mit der Headline »Der AstraZeneca-Super-GAU«. Andere Blätter im Walde, die sich mehr der Seriosität verpflichtet fühlen, geben sich da deutlich zurückhaltender und berichten, eher blaß, daß laut EU-Behörde der Nutzen einer Impfung die Risiken eindeutig überwiege, bzw., noch blasser, daß die EMA den Impfstoff „verteidigt“. Allein die ›taz‹ weiß Rat: „Uns bleibt immer noch Mallorca.“ Gut zu wissen.

Kurzum: Die Kacke ist am dampfen. Allein: Haben wir uns wirklich sehenden Auges „in Gefahr begeben“? Sind wir wirklich so starrköpfige Menschen, wie das Buch Sirach das nahelegt? Nicht wirklich. Bolle hält das Bild für schief. Wir „begeben“ uns nicht regelrecht in Gefahr. Eher scheint es so zu sein, daß wir nolens volens und ganz allmählich in immer widriger werdende Umstände reinschliddern. Eine slippery slope, wie die Angelsachsen das trefflich nennen.

Wir hatten das Thema vor einiger Zeit schon mal angesprochen (Di 02-02-21 Von Gänseblümchen und Brennesseln) und dabei festgehalten: „Wenn es nicht gelingt, die Probleme an der Wurzel zu packen, dann wird sich für jedes einzelne Problem, das wir erfolgreich lösen, ein ganz ähnlich gelagertes Problem an irgendeiner anderen Stelle einstellen.“ Aber wie soll das gehen in einer Welt, die noch an isolierte Fakten glaubt? (vgl. dazu Sa 16-01-21 Wirklich wahr?) und von solidem Überblick nur wenig wissen will?

Dabei ist das alles nicht wirklich neu. Dietrich Dörner hat bereits 1989 in seiner, übrigens höchst lesenswerten, »Logik des Mißlingens« eine dringende Empfehlung auf den Punkt gebracht: Nicht schneller in komplexe Systeme eingreifen als man die Auswirkungen einigermaßen sicher überblicken kann. Komplizierter ist es nicht. Aber wie, bitteschön, soll das gehen in einer ›Time is money‹-Welt?

So richtig dumm wird es, wenn das, was man tut, erst mit einiger oder gar erheblicher Verzögerung seine Wirkung entfaltet: Wenn man jetzt die Heizung aufdreht, dann dauert es noch ein ganzes Weilchen, bis es warm wird in der Bude. Hysteresis (›Nachwirkung‹) nennt’s die Kybernetik. Licht dagegen kommt sofort. Als Faustregel mag gelten: Je „komplexer“ ein System, desto größer die Wahrscheinlichkeit von richtig fetten Hysteresen. Als Hinweis darauf, daß das alles schon länger klar sein könnte, wollen wir uns mit Lorenz’ »Todsünden der zivilisierten Gesellschaft« (1973), den »Grenzen des Wachstums« des Club of Rome (1972) und vielleicht noch Malthus’ »Principle of Population« (1798) begnügen. Alles soweit unwiderlegt, und alles erst mal weggelächelt, frei nach Artikel 3 vons „Rheinisch Jrundjesetz“: „Et hätt noch emmer joot jejange.“ Bolle meint: Kieken wa ma. Bis dahin wäre es wohl keine schlechte Idee, erstens den Panoramablick zu stählen und zweitens die Langmut. Es muß nicht alles über Nacht passieren und schon gar nicht um jeden Preis.

Das Buch Jesus Sirach empfiehlt dazu an gleicher Stelle: Strebe nicht nach dem, was zu hoch ist für dich, und frage nicht nach dem, was deine Kraft übersteigt … (Sir 3, 22, im Abschnitt »Von der Demut«). Immerhin: Wir wissen jetzt, was „Sinusvenenthrombosen“ sind. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 15-03-21 Small is beautiful

Small is beautiful. Die Rückkehr zum menschlichen Maß.

So richtig viel passiert ist nicht beim Auftakt zum „Superwahljahr“. Winfried Kretschmann kann im Ländle weitermachen wie gehabt – Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz ebenso. Eine Änderung hat sich allerdings dann doch ergeben: Herr Kretschmann könnte, wenn er denn wollte, mit einer Ampelkoalition regieren und seinen Koalitionspartner damit auf die Reservebank schicken. Bitter für die CDU, die von 1953 bis 2011, also 58 Jahre bzw. zwei Generationen lang, im Ländle auf Regierung abboniert war. Aber wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: „Erster Test negativ“ – so die Schlagzeile der taz. Die SPD dagegen ist ob dieser Option ganz aus dem Häuschen –  Mehrheiten „diesseits der CDU“ seien wieder möglich – und träumt schon von der Machtübernahme im Bund. Bolle meint: Kieken wa ma.

Manche meinen ja, eine Partei sei im Kern eine „Marke“ – und das Wahlvolk sei halt nicht mehr sonderlich „markentreu“. Bolle hält nicht allzu viel von übertriebener Ökonomisierung des politischen Raumes. Eine „Marke“ ist gemeinhin etwas, das man kauft, weil man es (1) immer schon gekauft hat und (2) im großen und ganzen damit zufrieden ist. Gelegentliche Preis- und/oder Qualitätsvergleiche erübrigen sich damit. Max Weber hätte das „traditionales soziales Handeln“ genannt. Wollen wir so was in der Politik? Wozu dann noch Wahlkampf?

Überhaupt empfiehlt Bolle, gelegentlich und immer wieder mal – zumindest aber als kleine Entscheidungshilfe vor Wahlen – »Wag the Dog«  (USA 1997 / R: Barry Levinson / mit Dustin Hoffmann und Robert de Niro) zu kieken. Übertrieben? Sicherlich. Ist halt Hollywood. Unrealistisch? Leider nicht.

Einen unbestreitbaren Vorzug aber hatte der Wahlkampf. Er hat, Corönchen sei Dank, praktisch nicht stattgefunden – weder im Ländle noch in Rheinland-Pfalz. Wozu auch? Die Leute kennen ihre Kandidaten, und die „Botschaften“ ohnehin. Für eingefleischte „Markenwähler“ dürfte selbst das keine Rolle spielen. Wenn schließlich, wie in Baden-Würtemberg, die Botschaft auch noch lautet: „Bewahren heißt verändern“ – ein Spruch, den kein Zen-Meister besser hätte formulieren können –, dann dürfte auch der gutmütigste Wähler den Kopf schütteln und ansonsten dicht machen. Kurzum: Small is beautiful. Den Leuten kurz vor Schluß zu erklären, wofür man steht, ist schlechterdings überflüssig. Das wissen die Leute sowieso. Und falls nicht, sollten sie sich am Wahltag vielleicht lieber vornehm zurückhalten.

Ob, last but not least, der CDU die „Masken-Affäre“ geschadet hat oder nicht doch eher die Blässe ihrer Kandidaten, sei dahingestellt. Ähnliches gilt für die AfD mit ihren Verfassungsschutz-Scharmützeln. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 13-03-21 Mimimi

Von das kommt das.

Unser heutiger Sinnspruch geht zurück auf Herodot (etwa 490–430 v. Chr.), der seit Cicero vielen als pater historiae ›Vater der Geschichtsschreibung‹ gilt. In seinem Hauptwerk, »Historien«, erwähnt er beiläufig, daß dem Perserkönig Kyros einmal der Vorschlag unterbreitet wurde, das angestammte karge Siedlungsgebiet zu verlassen und sich und seinem Volke fruchtbarere Gefilde zu erschließen. Kyros indessen lehnte ab mit der Begründung, daß übermäßig kommode Lebensbedingungen das Volk nur unnötig verweichlichen würden.

Bolle meint, daß das Prinzip bis heute trägt und daß man es ohne weiteres von ›Herrschaftsgebiet‹ im engeren Sinne auf ›systemrelevante Umwelt‹ im weiteren Sinne übertragen kann. Wenn den Leuten zu wohl wird, führt das nicht etwa dazu, daß sie sich einfach nur wohler fühlen. Dagegen wäre ja nichts einzuwenden. Nein, oft genug führt es dazu, daß sie, wie wir das heute noch nennen, der sprichwörtliche Hafer sticht. Sie drehen einfach durch.

Wir hatte das Thema schon einmal gestreift, wenn auch nur am Rande, und es in Anlehnung an das „ideale Gasgesetz“ der Thermodynamik »Soziales Gasgesetz« genannt (vgl. dazu Sa 19-12-20 Das neunzehnte Türchen …).

Was hat das mit uns zu tun? Nehmen wir, weil naheliegend, Harry und Meghan, das Dream Team der Zersetzung des englischen Königshauses. Da geriet die wohl eher beiläufig in den Raum geworfene Frage, mit welcher Tönung bei dem zu erwartenden „royalen“ Baby denn möglicherweise zu rechnen sei, sofort und unmittelbar zum krassen „Rassismus“-Vorwurf. Bolle sieht sich veranlaßt, hier hart gegenzuhalten: „Ein Stuhl wird nicht diskriminiert, wenn man feststellt, dass er kein Tisch ist. Eine Grenze kategorial zu ziehen, bedeutet noch nicht, zu werten.“ (Liessmann 2012: Lob der Grenze; vgl. dazu auch Fr 15-01-21 Von Tischen und Stühlen). Kurzum, und in Anlehnung an Gertrude Stein: Eine Farbe ist eine Farbe ist eine Farbe. Und keine Wertung.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Greift den „Vorwurf“ begierig auf und zeigt sich schockiert: Streit in der Familie sei das eine. Rassistische Diskriminierung dagegen habe ein ganz anderes Kaliber. Und schwupps – schon ist aus dem „Vorwurf“ eine handfeste „rassistische Diskriminierung“ geworden – und keiner hat’s gemerkt.

Um das ganze noch zu toppen, läßt Maghan die mehr oder weniger interessierte Öffentlichkeit – gegen royales Honorar, versteht sich – auch noch an ihren royalen „Suizid-Gedanken“ teilhaben.

Und? Der Journalismus 2.0? Lobt das auf breiter Front als „offen und furchtlos“. Da muß Bolle schon auf die Neue Zürcher Zeitung zurückgreifen, um zu erfahren, daß es ganz so einfach dann wohl doch nicht sei.

„Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich weiß was“ – so der Schlachtruf eifriger Eleven in der Grundschule. Wie sich die Bilder gleichen. Heute werden, mit der gleichen Verve und in der Hoffnung und Erwartung, sich sein Scheibchen abzuschneiden vom Skandälchen, vorauseilende Sozial-Bollerchen ins Volk gestreut: „Ich bin auch dagegen. Ich bin auch empört. Ich schäme mich dafür. Hört nur her: Ich bin einer von den Guten.“ Bolle meint: Souveränität geht anders. Denken und urteilen übrigens auch. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.