Mi 23-10-19 Rente mit 70

Reaktion auf Forderung nach Rente mit 69: Der CDU-Wirtschaftsrat begrüßte die Forderung der Bundesbank, das Renteneintrittsalter bis zum Jahr 2070 auf mehr als 69 Jahre zu erhöhen: Man müsse das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern durch längere Lebensarbeitszeit halbwegs im Lot halten.

So liest sich das heute in der Tagesspiegel Morgenlage. „Man müsse“. Hört, hört! Bolle meint: Wenn ich den Renten-Text gestern [siehe dort] richtig verstanden habe, spielt das „Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern“ überhaupt keine Rolle. Im übrigen liege das „natürliche“ Verhältnis offenbar bei 1 zu 1 bzw., wenn wir die Erwerbstätigen auf die Gesamtbevölkerung beziehen, bei 1 Erwerbstätigen auf 3 Einwohner (einschließlich aller Kinder und Jugendlichen). Das entspricht einer Erwerbstätigenquote von gerade mal 33%. Zur Zeit liegen wir bei rund 50%. Vielen – vor allem der EU-Bürokratie – ist selbst das noch viel zu wenig. „Ja dann wird wieder in die Hände gespuckt / Wir steigern das Bruttosozialprodukt.“ Das war 1982. Bolle fragt sich, ob Geier Sturzflug damals geahnt hat, daß die seinerzeit schon zweifelhafte Idee einer „industriellen Reservearmee“ noch einmal eine solche Renaissance erleben würde. Je mehr Leute auf den Arbeitsmarkt drücken, desto niedriger fallen die Löhne aus. So geht nun mal Marktwirtschaft (vgl. dazu auch »Do 10-10-19 Märkte und Zünfte«). Das heißt aber nicht, daß diese Leute dann auch was sinnvolles tun würden. Jedes Produktionssystem – egal ob im Sozialismus oder im Kapitalismus – kennt so etwas wie „Absorptionsresistenz“. Wieviel Arbeit gebraucht – und damit potentiell nachgefragt – wird, entscheiden die realwirtschaftlichen Bedingungen – und nicht etwa der Markt. Stellen Sie sich vor, Sie seien Bäckermeister oder -meisterin. Würden Sie jemanden einstellen, den Sie gar nicht brauchen – nur weil er billig zu haben ist? Natürlich nicht! Falls doch, würden Sie dafür, wenn Sie können, jemand anderen rausschmeißen. Ein zusätzlicher Arbeitsplatz wäre damit also nicht entstanden: Absorptionsresistenz, eben. Das Prinzip gilt, soweit wir sehen können, ganz allgemein – und ist seit Mitscherlich bestens erforscht. Oder würden Sie Ihre Lieblings-Zimmerpflanze mit Dünger zubomben, nur weil er gerade wohlfeil im Angebot ist? Natürlich nicht! Kurzum: Die Nachfrage nach „Produktionsfaktoren“, egal ob Arbeitskraft oder Düngemitteln, wird vom Systemverhalten bestimmt – und nicht vom Markt. Kenner sprechen hier ganz zutreffend von „abgeleiteter Nachfrage“ – von der sich alle Produzenten leiten lassen. Was denn sonst? Mag ja sein, daß Sie als Konsument (!) mehr Tomaten kaufen, weil sie gerade „im Angebot“ sind. Als Restaurantbesitzer und damit als Produzent (!) aber werden Sie genau so viele Tomaten kaufen, wie Sie für den Betrieb Ihres Restaurants benötigen. Das ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht – der sich allerdings und gleichwohl noch nicht allgemein herumgesprochen hat. Auch nicht in der Ökonomen-Zunft. Kurzum: Je mehr Leute auf einen Arbeitsmarkt drücken, der keine zusätzliche Arbeitskraft braucht, desto mehr knicken die Löhne ein. Zusätzliche Arbeit entsteht dabei mitnichten. Folglich macht es auch keinen Sinn, „das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern durch längere Lebensarbeitszeit halbwegs im Lot“ halten zu wollen, wie es im Originalbetrag (siehe oben) so schön heißt.

Aber ist es denn nicht auch wahr, was ein bekannter Baumarkt sehr erfolgreich zu seinem Werbeslogan erhoben hat: „Es gibt immer was zu tun?“ Natürlich. Es gibt immer was zu tun. Wir könnten zum Beispiel mehr Lehrer brauchen, mehr Sheriffs vielleicht, mehr Krankenpfleger und, vor allem in Berlin, auch mehr Bus- und Bahnfahrer. Allein: Solchen „Luxus“ kann oder will sich die Gesellschaft offenbar nicht leisten. Im Grunde ist es ja nicht allzu kompliziert: (1) Menschen haben praktisch unendlich viel Bedürfnisse. (2) Daraus folgt praktisch unendlicher Bedarf. (3) Daraus folgt aber mitnichten praktisch unendliche Nachfrage. Warum nicht? Weil erst Bedarf, der mit Kaufkraft ausgestattet ist – also der Fähigkeit und der Bereitschaft – eben diesen Bedarf (bzw. diese Bedürfnisse) zu bedienen, zu tatsächlicher Nachfrage und damit auch zu tatsächlicher Arbeitsnachfrage führt. Bolle meint: Hier gibt es wohl noch einiges zu tun. Recht hat er! Und in der Tat regt sich auch, geradezu reflexhaft, Widerstand. An gleicher Stelle lesen wir:

Dagegen kritisierte der Vizechef der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Christian Bäumler, den Vorschlag als Angriff auf den Zusammenhalt der Gesellschaft. Viele Arbeitnehmer erreichten schon heute das gesetzliche Renteneintrittsalter nicht und seien daher finanziell auf Hartz IV angewiesen. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil warnte davor, Menschen zu zwingen, bis 70 zu arbeiten, um eine vernünftige Rente zu bekommen. FDP-Fraktionsvize Michael Theurer lobte den Bundesbank-Vorstoß als wichtigen Impuls in der Debatte um Generationengerechtigkeit.

„Angriff auf den Zusammenhalt der Gesellschaft“. Starker Tobak. „Menschen zu zwingen, bis 70 zu arbeiten, um eine vernünftige Rente zu bekommen“. Bolle meint: Definiere „vernünftige Rente“. Alles über Hartz-IV-Niveau? Aber immerhin handelt es sich hierbei um einen „wichtigen Impuls in der Debatte um Generationengerechtigkeit“. Das klingt gut. Das klingt staatstragend. Gemeint ist aber wohl: Wir sollten die Rentner nicht zu sehr mästen. Das könnten uns die Jüngeren übelnehmen. Was dabei übersehen wird: Auch die Jüngeren werden demnächst Rentner sein. Bolle meint: Von einem staatstragenden Politiker könnte man durchaus erwarten, daß er das gelegentlich mal klarstellt, statt die einen gegen die anderen aufzuwiegeln – von wegen „Generationengerechtigkeit“. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Di 22-10-19 Rente mit 69

Bundesbank fordert Rente mit 69

Mit dieser Überschrift hat die »Süddeutsche Zeitung« heute aufgemacht – und »Die Welt« sekundiert: „Die Rente ist sicher – aber nicht mehr allzu lange“. Der arme Norbert Blüm: Da ist ihm 1986 ein flotter Spruch rausgerutscht, der ihn wohl definitiv überleben wird. Ähnlich kraß wie Fukuyamas „Ende der Geschichte“ (1992). Aber das ist ein anderes Kapitel. Immerhin: 1986 liegt mittlerweile eine Generation zurück (Bolle rechnet konventionell mit 30 Jahren pro Generation). Solange hat sich die Rente schon mal gehalten – wenn wir von den ganzen schleichenden Einschnitten einmal absehen wollen. Zwar existiert die Rente noch. Allerdings zeigt sie schwer komatöse Züge.

Was sagt die Wissenschaft? „Ein gegebenes Problem läßt sich schwerlich mit derselben Denke lösen, durch die es überhaupt erst entstanden ist.“ So in etwa soll Albert Einstein das „Metaproblem“ einmal auf den Punkt gebracht haben.

Betrachten wir zunächst das grundlegende Problem:

Die Rente wurde Ende des 19. Jahrhunderts – „klassisches Modell“ – von Bismarck mit 15 Jahren Aufwachsen und Ausbildung, 50 Jahren Erwerbstätigkeit nebst Einzahlung in die Rentenkasse und schließlich 5 Jahren Rentenbezug konzipiert. Danach war man absehbar tot und damit nicht weiter „bedürftig“. Wenn wir von Zinsen und ähnlichem Schnickschnack einmal absehen wollen, dann bedeutet das, daß ein Erwerbstätiger im Laufe seines Erwerbslebens 10% seiner Bezüge hat zurücklegen müssen, damit die Rechnung aufgeht. Heute sieht das Bild – „aktualisiertes Modell“ – ganz anders aus: Heute können wir – modelltechnisch vereinfacht – von 30 Jahren Aufwachsen und Ausbildung ausgehen, 30 Jahren Erwerbstätigkeit nebst Einzahlung in die Rentenkasse und weiteren 30 Jahren erwarteten Rentenbezugs. Das aber bedeutet, daß 50% der Bezüge zurückgelegt werden müßten, damit die Rechnung aufgeht. Bolle kennt niemanden, der das tut. Auch kennt er niemanden, der dazu überhaupt in der Lage wäre. Was tun, sprach Zeus? Was hat die „alte Denke“ uns nicht alles versucht einzureden. Wir bräuchten zusätzlich eine Betriebsrente – also ob wir davon ausgehen könnten, daß unser Betrieb, wenn wir Rente beziehen wollen, noch willens und in der Lage sein wird, uns weiterhin durchzufüttern. Da ist eine saubere, rechtlich völlig einwandfreie Insolvenz nebst Neueröffnung unter frischem Namen sehr viel naheliegender. Auch bräuchten wir eine „kapitalgedeckte“ Altersvorsorge. „Kapital“ klingt immer gut. Gemeint ist natürlich nur: Wir müssen mehr fürs Alter zurücklegen – möglichst verzinst. Aber erstens kann man sich auf eine Verzinsung nicht wirklich verlassen – und auf einen möglichen Wertauftrieb von Wertpapieren ebenso wenig. Und zweitens schließlich, siehe oben, sprengen die 50% der rechnerisch notwendigen Rücklage die Möglichkeiten der meisten bei weitem. Ein dritter beliebter Vortrag der „alten Denke“: Wir brauchen ganz viel Zuwanderung – auf daß diese Leute dann „unsere“ Rente bezahlen. Als gäbe es kein Äquivalenzprinzip: Im Grundsatz kriegt jeder das wieder raus, was er selber eingezahlt hat. Zuwanderer arbeiten im Ergebnis also für ihre eigene Rente – und nicht etwa für „unsere“. Das also wird so nicht funktionieren. Allerdings ist dieser Ansatz trefflich geeignet, das Problem „ganz nach Demokratensitte“ weiter in die Zukunft zu verschieben: Après nous le déluge (nach uns die Sintflut) – wie Madame de Pompadour das nach der verheerenden Niederlage bei Roßbach gegen Friedrichs Truppen (1757) einmal mit entwaffnender Offenheit formuliert haben soll, um sich nicht die Partylaune verderben zu lassen.

Die „Forderung“ der Bundesbank bedeutet also nichts weiter als den Erwerbstätigkeitsbalken (siehe oben) ein wenig zu verlängern und den Rentenbezugsbalken dafür ein wenig zu verkürzen. „Alte Denke“ eben – und dabei naturgemäß nicht sonderlich inspiriert. Also: „Game over“, oder was? Der letzte macht das Licht aus? Wir wollen an dieser Stelle nicht hysterisch werden. Das Rentenproblem ist lösbar – zumindest mathematisch. Dabei gilt: Was mathematisch funktioniert, könnte auch im richtigen Leben funktionieren. Ob sich indes die Dinge entsprechend wenden, hängt entscheidend an den jeweiligen Entscheidern – bzw. letztlich an deren „Auftraggebern“, mithin also dem Souverän. Und? Wer ist der Souverän? Das sind irgendwie wir alle. „Wir sind das Volk“ – kennen wa ja. Die Lösung greift allerdings etwas weiter als hier auf die Schnelle darstellbar ist. Daher verweisen wir auf die beigefügte PDF. Zugegeben: keine ganz leichte Kost – aber auch nicht völlig unverdaulich. Einen Versuch ist es wohl allemal wert. Ein halbes Stündchen Zeit sollte man sich dafür aber schon nehmen. Verglichen mit der seit 1986 währenden Dauer-Irritation (siehe oben) scheint uns das aber ein vertretbarer Aufwand zu sein. Falls Sie Fragen haben: Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion. Wir werden antworten – versprochen. Viel Spaß bei der Lektüre!

Fr 18-10-19 Markt und „Gerechtigkeit“

Forscher halten Klimapaket für sozial ungerecht: Das Klimapaket der Regierung benachteiligt einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge Haushalte mit niedrigem Einkommen. Demnach trifft der geplante Preis auf den CO2-Ausstoß im Verkehrs- und Gebäudebereich die Ärmeren stärker als die Reichen. Auf Haushalte mit niedrigerem Einkommen komme zum Teil eine Belastung in Höhe von mehr als einem Prozent ihres Nettoeinkommens zu. Das oberste Zehntel der Haushalte habe hingegen nur eine Mehrbelastung von durchschnittlich 0,4 Prozent seines Nettoeinkommens zu erwarten.

Gefunden in der Tagesspiegel Morgenlage. 1 Prozent des Nettoeinkommens? Das wären bei 1.000 Euro ja saftige 10 Euro. So teuer wie ein kleines Steak. Bolle fragt sich: „Geht’s noch, ihr Fruchtzwerge?“ Auch fragt er sich, wieso man für eine solche Einsicht überhaupt „Forscher“ braucht. Dafür braucht man maximal Papier und Bleistift – wenn überhaupt. Je geringer das Einkommen, desto heftiger schlägt eine Preiserhöhung relativ gesehen (also bezogen auf eben dieses Einkommen) zu Buche. Für diese Erkenntnis braucht man keine Mikroökonomie – man braucht allenfalls einen Dreisatz. Interessanter ist das dahinterliegende grundsätzliche Problem: Freie Marktsteuerung – hier also die Festlegung der Güterpreise durch „den Markt“ – ist nun mal per se „sozial ungerecht“ – zumindest dann, wenn man unter „Gerechtigkeit“ verstehen will, daß alle den gleichen, egalitären, gar „demokratischen“ Zugang zu Gütern haben sollen. Marktsteuerung funktioniert im Kern wie folgt: Wer etwas haben will – hier im Beispiel also Energie – und bereit und in der Lage ist, den aufgerufenen Preis zu bezahlen, kriegt seine Energie. Die anderen gehen „ungerechterweise“ leer aus. Das ist nicht immer schön – aber so geht nun mal Marktwirtschaft.

Was wäre die „sozial gerechte“, „egalitäre“, gar „demokratische“ Alternative? Easy. Energie auf Bezugsschein. Bolle meint: Hat es alles schon mal gegeben. Wobei natürlich klar sein sollte, daß ein „reicher“ Haushalt mit einer 20-Zimmer-Villa kein größeres Anrecht auf Bezugsscheine haben würde als ein Hartz-IV-Empfänger mit seiner 30-Quadratmeter-Bude.

Kurzum: Die wohltönenden Begriffe („sozial gerecht“, „demokratisch“, „egalitär“ – vielleicht sogar, let’s go crazy, „inklusiv“) wollen so rein gar nicht zur „Logik des Marktes“ passen. Bolle meint: Fein, daß das mal jemand merkt. Neben dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat das offenbar auch Paul Collier gemerkt – und gleich in ein einschlägiges Werk umgesetzt. Im Handelsblatt Morning Briefing lesen wir:

[…] wenn sich in der westlichen Gesellschaft ein Leitbild erledigt hat, dann ist es mit Sicherheit das von Jeremy Bentham. Der britische Philosoph predigte das größte Glück der größten Zahl. Doch die reine Theorie des maximalen Nutzens für jeden Einzelnen hat auch eine Menge der Probleme mitbegünstigt, die wir derzeit haben. Liberalismus ist nicht alles, es komme angesichts des verschärften Kapitalismus mehr als früher auf den sozialen Zusammenhalt an, auf die gemeinsamen Werte einer Gesellschaft, schreibt Paul Collier. Für sein aktuelles Werk „Sozialer Kapitalismus!“ erhält der Ökonomieprofessor aus Oxford den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2019 […]

Wir wollen hier nicht auf Bentham’s „größtem Glück der größten Zahl“ rumhacken. Das Konzept war schon seinerzeit mathematisch unterbelichtet. Und was mathematisch nicht funktioniert, kann auch „im richtigen Leben“ nicht funktionieren – also weder im Sozialismus und nicht einmal im Kapitalismus.

Ein ganz analoges Problem hat übrigens vor Wochen schon Markus Dettmer geplagt. Auf Spiegel Online hat er am 07-08-19 getitelt: »Wer Fleisch höher besteuert, stellt die soziale Frage«. „Ne Nummer kleiner ging’s wohl nicht“, meint Bolle. Dettmers Argumentation läuft auf folgendes hinaus: „Ob arm, ob reich – an der Fleischtheke sind alle gleich.“ Das ist egalitär, das ist demokratisch, das ist inklusiv. Im Kern also – und in Anlehnung an das Demokratieprinzip „one man, one vote“: „One man, one Wurscht.“ Damit aber wären wir bei der Bezugsschein-Lösung. Bolle hat keine Ahnung, ob Herr Dettmer das zuende gedacht hat.

Kurzum: Es verdichten sich die Anzeichen, daß die in der westlichen Zivilisation über alles geschätzten „Grundwerte“ Demokratie und Freie Marktwirtschaft sowas von über Kreuz liegen, daß man langsam wirklich mal dazu übergehen sollte, sich hierzu ein paar vertiefte Gedanken zu machen. Wir bleiben am Ball. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Do 17-10-19 Homöopathie

Ein Basis-Grüner aus Berlin hat beantragt, den Krankenkassen die Kostenerstattung für das alternative Heilverfahren zu untersagen. Die Globuli-Behandlung sei – wir sagen das jetzt mal mit unseren Worten – reiner Hokuspokus.

Gefunden in der Tagesspiegel Morgenlage. Mit dem „alternativen Heilverfahren“ ist die Homöopathie gemeint. Unser „Basis-Grüner“ führt aus:

Die Grünen hingegen seien eine Partei, die wissenschaftliche Fakten hoch hielten. Also: Schluss mit den Kassenzuschüssen in zweistelliger Millionenhöhe.

Was können wir uns unter „wissenschaftlichen Fakten“ vorstellen? Erstens die Kenntnis von Tatsachen (zum Beispiel „Leute haben eine Leber“ oder „Es gibt Ethanol“) sowie Wissen um Zusammenhänge (zum Beispiel „Wenn eine Leber mit zu viel Ethanol in Kontakt kommt, dann tut ihr das nicht gut“). Beides halten wir für gegeben, wenn hinreichend viele Fachleute die Tatsache oder den Zusammenhang für zutreffend halten. So etwas nennt man vorsichtigerweise „intersubjektiver Konsens“ bzw., weniger vorsichtig, „Objektivität“. Daß sich alle Fachleute völlig einig sind, kommt dabei eigentlich nie vor – nicht einmal beim Klimawandel. Das Gegenstück zu einem wissenschaftlichen Zusammenhang nennen wir seit alters her „Magie“ – oder, deutlich herablassender, eben auch „Hokuspokus“: Wir stellen fest, daß es einen Zusammenhang gibt, können ihn uns aber nicht erklären. Wissenschaftlich gesehen gibt es an dieser Stelle genau 4 Fallkonstellationen:

(#1) Etwas funktioniert – und wir wissen warum. Damit fühlen wir uns am wohlsten, weil es sowohl unser Orientierungsbedürfnis als auch unser Bedürfnis nach Situationskontrolle befriedigt.

(#2) Etwas funktioniert – und wir wissen nicht warum. Hier scheiden sich die Geister. Während a) die einen sagen „Hauptsache, es funktioniert“, treibt das b) andere, also Leute mit ausgeprägterem Orientierungsbedürfnis, schier in den Wahnsinn.

(#3) Etwas funktioniert nicht – und wir wissen warum. Das ist zwar nicht schön – aber wenigstens ist unser Orientierungsbedürfnis befriedigt. Mit etwas Glück und Können läßt sich dieser Zustand nach (#1) überführen. Das nennt man dann „Problemlösung“. Techniker und Handwerker („applied sciences“) machen so etwas jeden Tag.

(#4) Etwas funktioniert nicht – und wir wissen nicht warum. Das ist der unerquicklichste aller Zustände: Er beleidigt sowohl das Orientierungsbedürfnis als auch das Bedürfnis nach Situationskontrolle.

Nun läßt sich unser „Basis-Grüner“ ohne Umschweife und wissenschaftlich sauber der Kategorie #2 b) zuordnen. Was tun, sprach Zeus? Hier ergeben sich im wesentlichen genau 3 Möglichkeiten:

a) Rausfinden, warum es funktioniert. Das wäre eine Überführung nach (#1). Allerdings ist das meist nicht ganz einfach zu bewerkstelligen – schon gar nicht für einen Politiker.

b) Leugnen, daß es funktioniert. Das aber wäre, weil kontrafaktisch, im Kern unwissenschaftlich.

c) Hinnehmen, daß die Fallkonstellation (#2) existiert. Das wäre eine Überführung von #2 b) nach #2 a).

In seiner Not hat sich unser „Basis-Grüner“ offenbar für die Variante b) entschieden und damit für die „unwissenschaftlichste“ aller Möglichkeiten. Kiek ma eener an! Nun ist es so, daß Leute mit ausgeprägtem Orientierungsbedürfnis nicht nur jede Form von „Magie“ ablehnen müssen – so etwas würde sie, wie oben formuliert, schier in den Wahnsinn treiben. Überdies müssen sie – nach dem Motto „alle sollen gleich sein wollen“ – das bescheidenere und wissenschaftlich saubere Konzept intersubjektiven Konsenses geringschätzen und statt dessen das Panier „objektiver Wahrheit“ hochhalten. Dabei merken solche Leute offenbar nicht einmal, daß sie damit schon wieder den Boden der „Wissenschaftlichkeit“ verlassen.

Kurzum: Unser Basis-Grüner verhält sich in zweifacher Hinsicht „unwissenschaftlich“ – und das ausgerechnet im Namen der Wissenschaften. Der Tagesspiegel nennt das übrigens, und zwar völlig zutreffend, einen „Glaubenskrieg“. Bolle meint: Geht’s noch? Aber das ist ein anderes Kapitel.

Mo 14-10-19 Hochschullandschaft

So viel Auswahl war nie: Die Zahl der Studiengänge in Deutschland hat die 20.000er-Marke überschritten. Den Rekord meldet das CHE zum Semesterstart.

Gefunden auf Die ZEIT »Wissen hoch drei«. Im folgenden erfahren wir dort:

Die Treiber der Entwicklung sind vornehmlich private Fachhochschulen und HAWs.

Kiek ma eener an. Abgesehen davon, daß „HAWs“ nur sprachlich aufgemotzte Fachhochschulen sind, und diese wiederum nur sprachlich aufgemotzte Fachschulen bzw. Ingenieurschulen, kann das nicht weiter verwundern. Im Mittelalter gab es 3 „höhere Fakultäten“ – Theologie, Recht und Medizin – plus die „Artistenfakultät“ mit 7 weiteren Fächern (Trivium und Quadrivium). Insgesamt also 10 – und nicht etwa 20.000. Den einen oder anderen Zuwachs, etwa in Natur- oder Ingenieurwissenschaften, wird man hinnehmen müssen – meinetwegen auch das eine oder andere Sozial-, Geistes- oder wirtschaftswissenschaftliche Fach. Wir leben schließlich nicht mehr im Mittelalter. Aber 20.000 klingt dann doch ein wenig inflationär. Wir erinnern uns: »Inflation« bedeutet „sich aufblasen“. Private Fachhochschulen und HAWs sind also sowohl qualitativ als auch quantitativ das Ergebnis eines expandierenden Hochschul-Universums. Bolle wünscht sich einen frischen und erfrischenden Big Bang. Back to the roots!

Wie aber konnten die Wissenschaften strukturell so verkommen? Nun – wo Nachfrage ist, da ist auch ein Markt. Mittlerweile sind wir so weit, daß selbst Installateure sich am liebsten „Master of Applied Gas, Wasser, Scheiße“ oder so ähnlich nennen würden. Übrigens nichts gegen Installateure. Das sind meist ordentliche, bodenständige Leute, die überwiegend solide und nützliche Arbeit verrichten – und nicht etwa in Oberseminaren ernstlich darüber disputieren, ob Wasserhähne nicht doch besser „Wasserhennen“ heißen sollten. Oder, neuerdings, vielleicht auch „Wasserhahn (m/w/d)“. Bolle zeigt mittlerweile ernstliche Symptome einer chronischen Akademiker-Unverträglichkeit (morbus academicus extensus).

Aus Sicht der Forscher zudem bemerkenswert: Nur noch jeder 5. Studiengang trägt herkömmliche Bezeichnungen wie „Physik“ oder „Chemie“. Von Dauer sind allerdings nicht alle Studiengänge. Seit 2014 stellten die Hochschulen in Deutschland insgesamt 2.036 Angebote ein.

2.036 von 20.000 – das entspricht einer bemerkenswerten „Eintagsfliegenquote“ von 10%. Anders gewendet: Wenn in jedem der über 2.000 gefloppten „Angebote“ nur 100 oder 200 Studenten ihren Abschluß gemacht haben, dann gibt es jetzt hunderttausende von Absolventen, die etwas studiert haben, was es gar nicht (mehr) gibt. Exaktemente so funktioniert der Freie Markt, wenn man ihm nicht auf die Finger schaut und gegebenenfalls auch mal auf die Finger haut. Aufsichtsbehörden und Zertifizierungsstellen scheinen damit heillos überfordert. Schlimmer noch: Sie sind systemisch so herrlich eingenischt, daß sie nicht das geringste Interesse daran haben dürften, diesem Spuk ein Ende zu bereiten. Und selbst wenn: Inflationen neigen nun mal dazu, eine gewisse Eigendynamik zu entwickeln. Ohne eine regelrechte „akademische Währungsreform“ wird da wohl nichts mehr zu machen sein. Das wäre übrigens auch ein probates Gegengift gegen den in jüngerer Zeit zu beklagenden Handwerkermangel. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Am Rande erfahren wir an gleicher Stelle noch das folgende:

Wissenschaftler verbringen 52 Stunden im Jahr damit, ihre Manuskripte zu formatieren.

Klingt viel, entspricht aber gerade mal einem Stündchen pro Woche. Muß doch alles seinen Schick haben – und von nüscht kommt nun mal nüscht. Bolle möchte eher wissen, wie viele Stunden eben diese Wissenschaftler damit verbringen, den immer gleichen Quark in immer neue Töpfchen umzufüllen – und dann wieder auszukippen (2.036 „Angebote“ eingestellt) und wieder frisch einzufüllen. Dagegen ist ein Stündchen Formatierungsarbeit wohl glatt zu vernachlässigen. Aber auch das ist ein anderes Kapitel.

Mo 14-10-19 Polen

Die Kombination „linke“ Sozialpolitik und „rechte“ Innenpolitik hat sich in Polen ausgezahlt. Bei der Parlamentswahl kam die regierende nationalkonservative Partei PiS auf mehr als 43 Prozent der Stimmen und behält die absolute Mehrheit. Parteichef Jaroslaw Kaczynski kann damit weiter seine Strategie des „dobra zmiana“ (guter Wandel) verfolgen – oder was er dafür hält.

Gefunden im Handelsblatt Morning Briefing. Was oberflächlich gesehen wie ein Widerspruch klingt – „links“ ist nun mal das Gegenstück zu „rechts“ –, könnte bei näherem Hinsehen durchaus Sinn machen. Systeme ohne Außenhülle – und ein Staat ist ein System i.w.S. – lassen nun mal schlecht bis gar nicht steuern. Die EU läßt grüßen. China übrigens auch. Übersetzen wir indessen „links“ mit „sozial“ – oder gar mit „sozialistisch“ – und rechts mit „national“, dann könnte die schiere Begrifflichkeit bei so manchem Assoziationen evozieren oder gar provozieren, die man dann doch lieber nicht hätte. Schließlich kann es nichts Gutes im ultimativ Bösen geben. 43 Prozent der Wähler halten sich dagegen offenbar wacker an ihre Nationalhymne: Noch ist Polen nicht verloren. Marsch, marsch, Dabrowski. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Fr 04-10-19 Klimabremse

Wer tritt auf die Klima-Bremse? Die CSU. Eigentlich wollte das Bundeskabinett am Mittwoch den nächsten „großen Wurf“ beschließen. Zusätzlich zu ihrem Klimapaket wollte die Regierung in dieser Woche einen 180-seitigen Katalog verabschieden – ein Konvolut an Maßnahmen zum Erreichen der Klimaziele 2030 in den Bereichen Energie, Wärme, Verkehr und Industrie.

Gefunden in der Tagesspiegel-Morgenlage: Das Wort „eigentlich“ sollte eigentlich presserechtlich verboten werden. Und über „große Würfe“ sollte man nur mit gehöriger ironischer Distanz berichten dürfen. Warum? Um die Nerven der Leser zu schonen. Der „große Wurf“ hat schon bei Mao nicht funktioniert – auch wenn er da noch „großer Sprung“ hieß.

Man wolle das 180-Seiten-Papier erst einmal in Ruhe lesen, sagt Landesgruppenchef Alexander Dobrindt.

Na toll. Da werden großspurig Ziele präsentiert, ohne auch nur den Hauch einer Idee zu haben, wie man sie denn erreichen möchte (Plan) bzw. ob man sich das Problem, das man lösen möchte, überhaupt leisten kann (Check der Mittel). Das Heilige Gretchen von Thunberg läßt grüßen. „How do you think?“ wäre vielleicht angebrachter als „How dare you?“. Dabei könnte alles so einfach sein:

Egal, worum es geht: Wir haben es immer und immer wieder mit dem gleichen, überaus schlichten Ablaufschema zu tun. Wer also keinen Plan hat, sollte besser stille schweigen. Wer absehbar nicht über ausreichende Mittel und Möglichkeiten verfügt – und noch sieht es ganz danach aus –, der sollte sich im ersten Schritt zunächst darum kümmern – und dann erst das „eigentliche“ Problem angehen. Ob aus einem „großen Plan“ auch tatsächlich ein „großer Wurf“ wird, entscheidet sich ohnehin erst im Feld „Soll / Ist-Abgleich“ – nachdem man einige Schritte gegangen ist. Immerhin: Ein Beispiel für einen solchen Abgleich findet sich an gleicher Stelle wenige Absätze später:

Merkel lobt das Erreichte seit der Wiedervereinigung: […] Auch heute sei zu beobachten, wie viele Deutsche die Ursache für Schwierigkeiten vor allem und zuerst beim Staat und den sogenannten Eliten suchten. So zu denken, führe jedoch ins Elend.

So hat sich das beim „zentralen Festakt zum 3. Oktober in Kiel“ angehört. So richtig „lobend“ klingt das in Bolles Ohren allerdings nicht. Eher nach Verelendung des Volkes aufgrund selbstverschuldeter Unmündigkeit. Wenn wir Kant folgen, können wir »selbstverschuldete Unmündigkeit« locker mit „mentaler Bräsigkeit“ übersetzen. Da mag was dran sein. Goethe schließlich hat seinerzeit noch eins draufgesetzt: Es ist nicht genug, zu wissen, man muß auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen, man muß auch tun (siehe Managementzirkel). Da ist es doch einfacher, „die Ursache für Schwierigkeiten vor allem und zuerst beim Staat und den sogenannten Eliten“ zu suchen. Die werden schließlich dafür bezahlt. Ob zu Recht (siehe oben), sei dahingestellt. Übrigens ist Kants Diktum mittlerweile 235 Jahre alt. So richtig funktioniert hat die „Aufklärung“ ja wohl noch nie – wenn wir von einigen technokratischen Entgleisungen einmal absehen wollen. Aber das ist ein anderes Kapitel. Eine Randnotiz sei aber noch erlaubt:

Sachsens Grünen-Vertreter für Koalitionsverhandlungen mit CDU und SPD: […] Die sogenannte Kenia-Koalition ist die einzige derzeit realistische Möglichkeit für die CDU, eine regierungsfähige Mehrheit zu organisieren.

Wie es scheint, gehen der Demokratie langsam die aufrechten Demokraten aus. Womöglich sind die Sachsen hier nur Vorreiter. Wo soll das hinführen? All-Parteien-Koalitionen – Außer für Deppen (AfD)? Ganz nach dem Motto: Die sind zwar demokratisch gewählt und bilden somit einen Teil des „Wählerwillens“ ab. Wir finden sie aber trotzdem deppert. So deppert, daß wir mit denen kein Wort wechseln und erst recht keinen Gedanken austauschen wollen – von Koalieren ganz zu schweigen. Nun, das wird nur so lange gutgehen, wie es für „Alle außer die da“-Koalitionen noch reicht. Bis dahin sollten wir uns Gedanken über das Wahlrecht machen. Deppen dürfen demokratisch wählen? Das kann nicht sein! Weg mit den „Hate Votern“. Mit der Hate Speech haben wir ja schon fleißig vorgelegt. Aber auch das ist ein anderes Kapitel.

Fr 04-10-19 Klima Kölsch

Er ist der anarchistische Bruder von Greta Thunberg. Sie redet, er zündelt. Sie fordert, er sendet verstörende Botschaften: Klimaschutz sei „größer als die Demokratie“, sagte er jüngst im „Spiegel“.

Gefunden in Gabor Steingarts Morning Briefing. Gemeint ist Roger Hallam, einer der Mitbegründer der Klimaschutzbewegung „Extinction Rebellion“. Die dazu gehörige Gretchenfrage – Wollen wir die Demokratie retten oder das Klima? – hat in dieser Klarheit wohl als erster Jan Fleischhauer aufgeworfen. Dafür gebührt ihm Dank. Aber vielleicht ist er ja einfach nur übermäßig pessimistisch gestimmt. Das natürliche Gegengift gegen solchen Defätismus findet sich in Artikel 3 vons „Rheinisch Jrundjesetz“: „Et hätt noch emmer joot jejange.“ Da haben wir doch alles zusammen, was man für einen gelungenen Weltuntergangs-Cocktail braucht. Im günstigsten Falle übt sich das Klima in Langmut und wartet zu, bis die aufrechten Demokraten mit ihrer kaum zu leugnenden sprichwörtlichen Lahmarschigkeit in die nicht minder sprichwörtlichen Pötte kommen. Das wäre Artikel 3. Oder aber das Klima tut genau das nicht: Damit wären wir in der Tat und unversehens bei der Fleischhauer-Doktrin. Ausgang vorerst offen. In the long run ist natürlich klar, wer gewinnt: Bislang zumindest war es immer das Klima. Zwar hat das Klima seinerzeit nicht die römische Demokratie vom Platz gefegt, sondern lediglich die römischen Kaiser (Stichwort: Völkerwanderung). Das allerdings dürften aus Klima-Sicht lediglich historische Peanuts sein. Damit aber wären wir bei Artikel 2: „Et kütt, wie et kütt.“ –  oder, wiederum in the long run, Artikel 4: „Wat fott es, es fott.“ Das indessen spitzt sich zu auf die Frage: Wat es fott? Klima oder Demokratie? Aber das ist ein anderes Kapitel.

Sa 12-10-19 Brexit

Bernhard und der Brexit

„Bernhard und der Brexit“. Mit diesem Titel macht eine Zeitung, die sich selber für ein Qualitätsblatt hält, allen Ernstes auf. Brexit kennen wir. Aber wer ist Bernhard? Bernhard ist, wie sich herausstellt, ein LKW-Fahrer, der sein Leben damit verbringt, von Niedersachsen nach England zu fahren, und zurück, und wieder hin und wieder zurück. Er selbst hält das für „Freiheit“. Bolle hält das für Sisyphos. Aber was soll’s: Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Übrigens – auch das erfahren wir, ist Bernhard „ein ruhiger Mittfünfziger mit Henriquatre-Bart und Geheimratsecken“. Wie gesagt: Wir befinden uns hier inmitten einer Titelgeschichte einer angeblichen Qualitätszeitung. Bolle meint: Geht’s noch?

Ein harter Brexit würde nicht nur sein Leben abrupt verändern, sondern auch den Handel in Europa.

Was will der Autor uns damit sagen? Daß ein harter Brexit von Übel ist, weil er Bernhard aus seinem Trott reißen würde? Oder weil er zumindest „den Handel in Europa“ verändern würde, und zwar „abrupt“? Der „Handel in Europa“, so erfahren wir, ist

„eine Maschinerie aus Abertausenden Trucks, die Nacht für Nacht vom Kontinent ins Vereinigte Königreich rollen, immer entlang fein austarierter Zeitpläne.“

„Abertausende Trucks“, und das „Nacht für Nacht“. Und obendrein „fein austariert“. So etwas ist natürlich definitiv erhaltenswert. Fragt Greta. Und warum ist das so?

„Just in Time“ heißt das Fertigungsprinzip. Es spart Lagerkosten und kann die Produktivität steigern.

Daß „Just in time“ Lagerkosten spart, ist unbestritten. Und? Was macht es sonst noch so? Die Lagerkosten verschwinden natürlich nicht einfach – sie verlagern sich lediglich auf die Autobahn, Nacht für Nacht. Tagsüber übrigens auch. Da freut sich der Unternehmer und die Allgemeinheit zahlt die Zeche. „Externalisierung von Kosten“ nennt das der Fachmann – der sich dabei übrigens nicht einmal mehr wundert. Auch die Laien haben ja längst aufgehört zu staunen. Daß es aber die Produktivität steigern soll, wenn Bernhard Stunden über Stunden – im Grunde sein ganzes Berufsleben – mit den „immergleichen 84 km/h auf dem Tacho“ über die Autobahn geistert, mag getrost bestritten werden. Indes: „Produktivitätssteigerung“ klingt immer gut.

Joostberends tuckert über eine Nebenroute: Auf der Autobahn staut sich der Verkehr selbst zu normalen Zeiten. Kaum breiter als sein Scania ist das Sträßchen, Schlagloch an Schlagloch.

„Joostberends“ – so heißt Bernhard mit Nachnamen. Das also ist Bernhards Konzept von „Freiheit“: Über Straßen zu tuckern, die für Fußgänger und Pferdekutschen ausgelegt sind – aber nicht für Bernhards 40-Tonner. Auch das ist definitiv eine Externalisierung von Kosten.

Was also ist zu tun? Gar nicht mal soo viel: Erstens: Wir machen Schluß mit dem ganzen Just-in-Time-Crap. Wer Lager braucht, soll Lager bauen – und zwar nicht auf der Autobahn und auch nicht auf irgendwelchen „Sträßchen“ in Südengland. Zweitens: Wer produzieren will, soll produzieren – und nicht Bauteile zusammenschrauben, die er in ganz Europa zusammengekauft hat. Drittens: Wenn es sich ausnahmsweise nicht vermeiden läßt, Zwischenprodukte über weitere Strecken zu transportieren, dann doch bitte nicht mit Bernhard – es sei denn, Bernhard schult um zum Lok-Führer.

Noch knapp drei Wochen bis Halloween.

So endet der Beitrag. Daß ausgerechnet zu Hallowe’en ein Spuk auch mal enden könnte – das ist die erste gute Nachricht. Und daß ausgerechnet die Briten einen Beitrag dazu leisten werden – Iren mit ihrem Hallowe’en sind ja zumindest assoziierte Briten –, das ist die zweite. Gruß an Greta. Aber das ist ein anderes Kapitel.