So 18-01-26 L’État c’est moi oder Wir sind das Volk

Der Ludewig, der Ludewig … (Hyacinthe Rigaud 1701).

Nachdem unser letztes Sonntagsfrühstückchen ja etwas exzessiv geraten war – allein was will man machen? – wollen wir es heute wieder etwas ruhiger angehen lassen. Damit uns des Sonntags mehr Frohsinn bleibt (vgl. dazu So 05-10-25 Drama Queen).

Die Absolutisten sind zurück. In aller Pracht und Herrlichkeit. Dabei klingt ›Absolutisten‹ durchaus um einiges gefälliger als etwa ›Totalitaristen‹ oder gar ›Faschisten‹ – Begriffe, die einem in diesem Zusammenhang durchaus auch einfallen könnten, die aber viel zu finster sind, of course. Darum zieht es Bolle ja ohnehin vor, nur noch von Schafisten zu reden – mit ihrem Credo ›Alle sollen gleich sein wollen‹ (ausführlicher dazu So 22-06-25 Der Faschismus ist tot – Es lebe der Schafismus!). Ein Absolutist jedenfalls ist einer, der sich zu unumschränkter Herrschaft berufen fühlt – absolut eben. Fragt Ludewig, den Vierzehnten, von Frankreich und Navarra (1638–1715), der ja wohl bis heute unbestritten als der Primus inter Pares auf diesem Felde gelten darf.

Natürlich gibt es immer auch Häretiker, die das alles so nicht glauben wollen. So hatte es Ludewig seinerzeit anfänglich mit ernstlicher Opposition des französischen Adels zu tun – also Leuten, die so ganz und gar nicht konform gehen wollten mit den Ambitionen des angehenden Sonnenkönigs. Die Frondeure (wie sie alsbald heißen sollten) frondierten – gaben ihren Mißmut gegen Hof und Herrschaft also öffentlich kund. So etwas geht natürlich gar nicht, of course, wie Ludewig derzeit befand.

Seinerzeit übrigens hatte sich die Herrlichkeit des Absolutisten aus der Idee des Gottesgnadentumes abgeleitet. Wer ganz dolle mit Gott ist, der sollte kleinlicher weltlicher Kritik natürlich enthoben sein, of course. Bolle findet, das leuchtet ein.

Dabei läßt sich die Idee des Gottesgnadentums zurückverfolgen bis zu dem spätrömischen Kaiser Konstantin (ca. 279–337 n. Chr.). Unmittelbar vor einer wichtigen Schlacht soll ihm am Himmel ein leuchtendes Kreuz erschienen sein, verbunden mit der Aufmunterung: In hoc signo vinces – in diesem Zeichen wirst Du siegen. Und so war es denn auch. Konstantin war fasziniert und wurde gewissermaßen der erste Kreuzritter im Namen des Herrn (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course).

So richtig Fahrt aufgenommen hat das Gottesgnadentum dann aber erst im 8. Jahrhundert mit den Karolingern, die darin eine treffliche Begründung ihrer eigenen Legitimität erkannt hatten – um dann schließlich von Ludewig zu voller Herrlichkeit entfaltet zu werden. Der Idee den vorläufigen Garaus gemacht hatte erst Napoleon Bonaparte (1769–1821) – ein dahergelaufener korsischer Parvenu, der so rein gar nichts Gottesgnadenhaftiges an sich hatte. So kann’s gehen, wenn man im falschen Bett geboren ist – also nicht „von Familie“, wie das damals hieß.

Natürlich funktioniert Gottesgnadentum nur, wenn und solange man es mit Schäfchen zu tun hat, die im Prinzip auch an die Hölle glauben. Das ist heute ganz überwiegend nicht mehr der Fall. Heute gibt es dafür so etwas wie ein Guru-Gnadentum. Zu diesem Behufe wurde – Bolle vermutet hier eine Meisterleistung unbewußter Schwarmintelligenz – eigens „die Wissenschaft“ als neue Hüterin ewiger Wahrheit und Wahrhaftigkeit ausgerufen. Wehe, einer wage es, dagegen etwas einzuwenden. Spätestens seit Corönchen (2020–2023) wissen wir: „Team Wissenschaft“ hat immer Recht. Das wiederum kann – völlig analog – nur funktionieren, wenn und solange die Leute an ihre eigene Unvernunft glauben. Allein dem scheint ja so zu sein. Soviel zur Aufklärung mit ihrem ›sapere aude – benutz‘ Dein Gehirn!‹. Doch das nur am Rande.

Kurzum: Absolutisten sind Leute, die meinen, wenn schon nicht die Weisheit, so doch zumindest die Wahrheit mit Löffeln gefressen zu haben. Widerspruch ist zwecklos – wie das etwa ein Borg (aus der Star-Trek-Mythologie) wohl formulieren würde. Im übrigen wäre Widerspruch natürlich auch häretisch und völlig unangemessen, of course. Schaut Euch um auf dieser Welt: Sie sind absolut unter uns, die Absolutisten – nebst Hofstaat samt Gefolge. Und das im 21. Jahrhundert.

Einen Unterschied zu damals gibt es allerdings doch: Während es die Leute im 17. Jahrhundert nur mit einem einzigen Sonnenkönig zu tun hatten, der tunlichst nicht zu kritisieren und schon gar nicht zu beleidigen war, haben wir es heute mit scharenweisen Sonnenkönigen zu tun – heißt es doch im kürzlich erst frisch renovierten Majestätsbeleidigungsparagraphen ausdrücklich: Das politische Leben des Volkes reicht bis hin zur kommunalen Ebene (§ 188 Abs. 1, Satz 2 StGB). Also Obacht, Ihr Frondeure! Paßt bloß uff! Big Bürgermeister is watching you. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 11-01-26 Toleranz und Militanz

Und? Wer hat’s gesagt? (Bolle featuring Wassili Grigorjewitsch Perow 1872).

Zugegeben – unser heutiges Sprüchlein ist etwas knallig. Gleichwohl, meint Bolle, bringt es die Dinge auf den Punkt. Ähnlich knallig waren wohl nur Statements wie etwa ›Hitler war ein Linker‹ und ähnliches. Weia! Da war was los! Warum? Nun – wenn wir mappa-mundi-mäßig von ›Links = gut‹ ausgehen und von ›Hitler = böse‹, dann stürzt bei einer solchen Melange natürlich unversehens Hülsenfrüchtchens Holosphäre ein. Warum? Weil – wir haben es schon öfters mal erwähnt …

Eine Wahrheit muß genügen.
Mehr hältste ja im Kopp nich aus.

Unser Bildchen zeigt einen „Post“, wie er sinngemäß in den N:N-Medien (vulgo: „soziale“ Medien) vor einigen Jahren schon mal „viral“ gegangen war. Allerdings hat Bolle der Ästhetik halber hier das Original-Gemälde verwendet – es handelt sich um ein Porträt Fjodor Michailowitsch Dostojewskis (1821–1881) von Wassili Grigorjewitsch Perow (1833–1882) –, das ganze ein wenig gefälliger gestaltet sowie die Orthographie kanonisiert. Da kennt Bolle nun mal nüscht.

Seinerzeit, als das Zitat die Runde machte, war bei manchen Nutzern natürlich der Teufel los, of course. Insinuiert es doch – zumindest könnte man das so verstehen –, daß es einen Zielkonflikt geben könnte zwischen Intelligenz und Toleranz: Intelligenteren Leuten nämlich ist unmittelbar helle, daß Toleranz, so sie denn zu einiger Blüte finden soll, sich in funktionablen Grenzen halten muß, während es, umgekehrt, übertrieben toleranten Leuten möglicherweise an Intelligenz mangeln könnte. Der bekannte Glühwürmchen-Phänotypus halt:

Wenn die Herzen heiß entflammen
und das Hirn hinkt hinterher …

Jedenfalls meint Bolle, das alles füge sich aufs Feinste in unsere ›Funktioniert/Wünschenswert‹-Tafel:

Es gibt immer 4 Möglichkeiten …

Wir hatten das Modell vor einem Jahr schon einmal vorgestellt (vgl. So 26-01-25 Das Elend der Wōkness), um zu erhellen, warum sich Hülsenfrüchtchen immer, immer, immer zu einer wünschenswerten Lösung hingezogen fühlen – und zwar ohne jede Rücksicht darauf, ob die denn auch funktioniert. In Bolles Welt dagegen ist alles, was nicht funktioniert, unvermittelt raus – und mag es noch so wünschenswert sein. Aber möglicherweise fehlt es Bolle ja einfach nur an der gebotenen Portion Phantasie, um die Segnungen des Konstruktivismus – „alles ist möglich: so glaubt mir doch“ – gebührend würdigen zu wissen.

Nun, wir haben das Modell spezifiziert und dabei ›wünschenswert‹ mit ›Toleranz‹ konkretisiert – wer wollte wohl nicht tolerant sein? – und ›funktioniert‹ mit ›Intelligenz‹. Schließlich erweist sich Intelligenz ja nicht zuletzt in der Fähigkeit, mit der Welt, wie sie sich einem darstellt, zumindest leidlich klarzukommen – mappa mundi intacta.

Dabei wäre es natürlich am schönsten, wenn alle intelligent wären und tolerant. In unserer 4-Felder-Tafel entspricht das dem grün unterlegten ›Fein!‹. Unintelligent und intolerant dagegen wäre durch und durch von Übel (das rötlich unterlegte ›Grrr!‹). Interessant sind also nur die beiden gelb unterlegten Felder. Was wäre, wenn ein Zielkonflikt bestünde zwischen Intelligenz und Toleranz? Wenn also Intelligenz geböte, nicht übertrieben tolerant zu sein (›square‹) – beziehungsweise übertriebene Toleranz bedeuten würde, daß es mit der Intelligenz nicht allzu weit her sein kann (›wo̅k‹)?

Beim viralen Tumult durften natürlich auch die Faktenchecker nicht fehlen. Von dort bekam man allerdings in bester Kindergartenmanier nur ein fröhliches „Stimmt ja gar nicht, stimmt ja gar nicht“ zu hören. Dostojewski habe das so nie gesagt. Allein was hat das mit dem Spruch und seiner Trefflichkeit zu tun? Ist es nicht völlig egal, ob ausgerechnet Dostojewski das gesagt hat oder ob es im Zweifel selbstersonnen ist? So leicht kann’s nämlich gehen und man befindet sich im Namen der Wahrhaftigkeit auf der völlig falschen Fährte. Bolle findet, hierbei handele es sich übrigens um eine herrliche Illustration zu Miguel de Cervantes‘ Anmerkung in ›Don Quixote de la Mancha‹ (1605/1615):

Tatsachen, mein lieber Sancho,
sind die Feinde der Wahrheit.

Soweit zu Bolle und den Faktencheckern. — Natürlich ist das alles nicht neu. Denken wir nur an ein Werk wie etwa ›Biedermann und die Brandstifter‹ (Max Frisch 1958), in dem ein Herr Biedermann – in dem Stück heißt er tatsächlich so – vor lauter Toleranz zwei zwielichtige Gestalten in sein Haus aufnimmt, obwohl allen, und natürlich auch ihm selbst, völlig klar war, daß die nur Unheil im Schilde führen. Und so heißt es im Untertitel auch: ›Ein Lehrstück ohne Lehre‹. Kurzum: Herr Biedermann war eher tolerant als intelligent – um es mal vorsichtig auszudrücken. Eine frühe Karikatur eines Hülsenfrüchtchens, also.

Gucken wir uns um auf der Welt: Je weniger einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) gebacken kriegt – was einer ungefähren Umschreibung von unzureichender Intelligenz entsprechen mag –, desto eher wird er dazu neigen, sich beleidigt zu fühlen und dementsprechend ein hohes Maß an Toleranz einzufordern – gerne auch mit juristischen Mitteln: „Werden wir brutal!“ (Brutus in ›Streit um Asterix‹ 1970). Keine Toleranz den Intoleranten! Bolle meint, das würde auch umstandslos erklären, warum unsere tonangebende Politgarnitur so sehr auf woke Hülsenfrüchtchen-Wähler steht. Zwar kriegen die auch nichts gebacken – sind dafür aber Brüder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) im Geiste. Von sowas läßt man sich doch gerne wählen. Und der denkendere Teil des Volkes, also der mit potentiellem Beleidigungspotential, der wird am besten ganz verboten – und nicht etwa nur sein Denken. Zwar wird davon rein gar nichts besser – aber wenigstens ist Ruhe im Karton: ›Lieb Vaterland, magst ruhig sein // Nichts soll je trüben deinen Schein.‹ Bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao – bis zur nächsten mittleren Katastrophe, die so sicher kommen wird wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 04-01-26 Wenn der Sekt nicht länger schreckt

Wenn der Sekt nicht länger schreckt …

Manchmal – nicht allzu oft, aber doch immer mal wieder – kommt Bolle sich vor wie ein Idiot. An und für sich ist das ja nicht weiter bedenklich, weil nur wirkliche Idioten sich niemals als solche fühlen. Aber gleichwohl: Was auf unserem Bildchen so unscheinbar aussieht – das eingekringelte Gläschen Sekt nämlich – hat eine längere Vorgeschichte. Zwar ist die Geschichte an sich nicht allzu lang – allein sie ist schon lange her.

Damals war Bolle in seinem Homeoffice – wie man das heute pseudoanglizistisch nennen würde – jeglicher Büromöbel abhold. Sowas kam ihm mitnichten ins Haus. Und so begab es sich, daß Bolles nigelnagelneuer Laptop (derlei gab es damals schon, wenn auch noch nicht weitverbreitet) auf Teppichhöhe residierte – und ein Gläschen Sekt in unmittelbarer Nachbarschaft.

Es kam, wie es kommen mußte: Schwupps, ein flotter Schwung aus dem Handgelenk – und das wohlgefüllte Gläschen Sekt befand sich stante pede in der Horizontalen. Zwar hatte das Glas an sich den Positionswechsel bestens überstanden – allein der Sekt wollte mit des Rechners Innenleben nicht wirklich harmonieren. Futschikado! Rien n‘allait plus! Und so war unvermittelt Schluß mit Homeoffice in jener Nacht. Genügend Sekt war aber noch da. Ein Glück! Auch wollte der Computerhändler den Laptop umgehend und kostenfrei durch einen neuen ersetzen. Schließlich – doch das nur am Rande – war die Firma, für die Bolle seinerzeit als Chefeinkäufer tätig war, ein Premium-Kunde. Bis auf 100 ml vergossenen Sektes war also nichts passiert.

Gleichwohl fühlte Bolle sich veranlaßt, den Vorfall zu evaluieren: (1) Sekt schmeckt – das sowieso. (2) Sekt schreckt – zumindest, was sensible Maschinchen angeht. Als unmittelbare praktische Konsequenz gab es seitdem bei Bolle Sekt nur noch aus Senfgläsern – natürlich sehr formschönen Senfgläsern, of course. Zwar waren die nicht ganz so dünnwandig, und auch nicht so edel – dafür aber waren sie ausgesprochen standfest. Bolle hatte damals eigens eine mittlere Menge Senf minderer Güte gekauft und in den Abfluß gespült – nur um die Gläser zu haben. Und so war es bis vor wenigen Tagen geblieben.

Die Senf-Sektgläser hat Bolle übrigens heute noch ohne jeden wie auch immer gearteten Abgang. Bei entsprechend pfleglicher Behandlung (keine Spülmaschine, stets einigermaßen aufgeräumte Küche, etc. pp.) haben sie sich als quasi unkaputtbar erwiesen. Die Sektflöten von damals – also die, die Bolle wirklich mag (vgl. dazu Do 04-12-25 Das vierte Türchen: Tempi passati) haben sich umständehalber neulich auch wieder eingefunden. Warum also nicht das Funktionale mit dem Ästhetischen verbinden? Und so kommt es, daß Bolle sich für seinen Sekt eigens einen Logenplatz ausgedacht hat – in Armeslänge zum Küchenstuhl (der Bolle als Arbeitsplatz dient) und trotzdem technisch himmelweit entfernt von sämtlichen sensiblen Gerätschaften. Da sollte eigentlich nichts mehr passieren dürfen.

Allein Bolle wäre nicht Bolle, wenn er der Sache nicht mathematisch auf den Grund gegangen wäre: Und so kam es denn heraus, daß bei den Sektflöten ein Neigungswinkel von gerade mal 15° (gerechnet in üblichen Altgrad mit 360° als Vollwinkel) ausreicht – und das Glas liegt auf der Nas‘. Und das bei einem Schwerpunkt, der sich in so luftigen Gefilden wie zwei Dritteln der Glaseshöhe – zumindest aber der Füllstandshöhe – befindet. Zum Winkel stelle man sich ein Tortenstück vor, das nach alter Väter Sitte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein Zwölftel einer Torte ausmacht, und das dann noch einmal halbiert. 15° sind also wirklich nicht viel – und so ist es gar nicht schwör mit dem Malheur. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 01-01-26 Ein gutes Neues Jahr Euch allen!

GuMo New Year! (Bolle featuring Kathrein 2015).

So schnell kann’s gehen. Schon wieder hat die Erde unsere Sonne einmal komplett umrundet. Und zwar mit einem Affenzahn. Kein Wunder, daß das dann so schnell geht. Immerhin waren dabei – da sind die Experten dieser Welt sich überwiegend einig – stattliche 940 Millionen Kilometer zurückzulegen. Und das in einem einzigen Jahr. So etwas ist natürlich nur zu schaffen, wenn man sich tüchtig sputet. Zum Glück tut die Erde das ja auch – und zwar mit 30 Kilometern pro Sekunde. Oder – was aufs gleiche hinausläuft – mit über 100.000 Kilometern pro Stunde. Da kann der stärkste Polenböller (mit einer vergleichsweise albernen Explosionsgeschwindigkeit von nur etwa einem einzigen läppischen Kilometer pro Sekunde) bei weitem nicht mithalten. Daher ist es vermutlich oft auch so zugig, wenn man vor die Türe geht. Aber was weiß Bolle schon?

Zunächst dachte Bolle ja auch, Kathreins Ablichtung des jungen Neujahrsmorgens in den hiesigen Häuserschluchten sei heute genau 10 Jahre alt geworden. Allein das wäre Grund genug gewesen, sie für unser heutiges neujährliches Sonntagsfrühstückchen auszuwählen. Aber schon wieder falsch. Heute – da muß Bolle sich erst noch dran gewöhnen – schreiben wir ja schon das Jahr 2026 (!). Also ist es doch schon wieder ölf Jahre alt, das Bild. Nun denn: Besser spät als nie – und warum überhaupt sollte man einer übertriebenen Hingabe an das Dezimalsystem frönen? Nur weil man zufälligerweise zehn Finger hat? Man ist, doch dies nur ganz am Rande, versucht zu sagen: Immer noch – trotz aller Polenböller in der Silvesternacht. Nachzählen nützt im Zweifelsfalle!

Richtig ist dagegen, daß dieses unser gegenwärtiges Jahrhundert hier und heute schon wieder zu einem vollen Viertel abgelaufen ist. Da beißt die Maus kein‘ Faden ab. Unsere Urgroßeltern übrigens befanden sich damals, vor 100 Jahren, zumindest hier in Berlin, inmitten der Goldenen Zwanziger (1924–1929). War’s besser? War’s schlechter? Oder ist das alles ohnehin nur ein Ringelspiel – mit unsereinem mittendrin? Nun, auf jeden Fall sollte es seinerzeit recht bald rapide schlechter werden. Da können wir nur hoffen, daß sich Geschichte nicht allzu dolle wiederholt – aller zweifelhaften Classe politique zum Trotze. Kieken wa ma. Humor ist schließlich, wenn man trotzdem lacht.

Und? Wo bleibt das Positive? Das Positive ist: Morgen ist schon wieder Wochenende. So gesehen fängt das Jahr gut an. Und da sage noch einer, alles sei schlecht. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 28-12-25 Luja, sog i

Luja, sog i. (Bolle featuring Traudl und Walter Reiner 1970).

Tja – so kann’s gehen. Kaum haben wir das letzte Türchen unseres diesjährigen agnostisch-kontemplativen Adventskalenders geöffnet, da rücken auch schon wieder die Sonntagsfrühstückchen heran. Et voilà. Immerhin ist es das letzte für dieses Jahr – und Bolle verspürt wenig Neigung, jetzt schon wieder in die laute und lärmende Welt da draußen einzutauchen. Zwischen den Jahren herrsche bitteschön Ruhe. Das war bei Bolle schon immer ein sozusagen geheiligter Grundsatz. Halten wir es also mit Erich Kästner. Der nämlich hat sich in seinem ›Die 13 Monate‹ 1955 schon einen Reigen durch das Jahr gereimt. Für ›Dezember‹ heißt es dort:

Das Jahr wird alt. Hat dünne Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Dabei schließt er seine Dezember-Elegie mit den Worten:

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.“

Bolle findet, das passe doch recht trefflich zu unserem diesjährigen unterschwelligen ›Last Christmas‹-Tenor – vergleiche dazu nicht zuletzt Mi 24-12-25 Das vierundzwanzigste – und für dieses Jahr letzte – Türchen: Last Christmas.

Wer noch etwas wohlig-wärmendes sucht für die ja erst noch kommenden kälteren Wintermonate, der möge es vielleicht mit Ashley Davis‘ ›Songs of the Celtic Winter‹ (2012) probieren. Dort findet sich als letztes Lied auch eine sehr schöne Fassung von ›Auld Lang Syne‹. Zum einen handelt es sich dabei um ein traditionelles – in den keltischen Regionen der Insel geradezu unverzichtbares – Lied zum Jahresausklang. Bei sensibleren Gemütern soll damit aber auch der im zurückliegenden Jahre Verstorbenen gedacht werden. So gesehen findet Bolle es sehr stimmig. Eine unserer Leserinnen (nein, diesmal nicht beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mit einer gewissen Affinität zum Althergebrachten hat uns darauf aufmerksam gemacht. Besten Dank dafür.

Unser heutiges Bildchen stammt übrigens aus dem Kurz- und Kultfilm ›Ein Münchner im Himmel‹ (1970 / gezeichnet von Traudl und Walter Reiner, gesprochen von Adolf Gondrell) nach einem Text von Ludwig Thoma (1911). Es erzählt die Geschichte von Alois Hingerl, ehemals Dienstmann Nr. 172 auf dem Münchner Hauptbahnhof, der, einmal entleibt, als Engel Aloisius seine liebe Not hatte im Zwiespalt zwischen himmlischer Hausordnung und bairischer Lebenslust. Aber der Herrgott wäre nicht der Herrgott, wenn er nicht qua göttlichen Ratschlusses eine Lösung gefunden hätte. Und Aloisius wäre nicht Aloisius, wenn die Lösung denn auch funktioniert hätte. Könnt ja ma kieken. Gibt’s in der Mediathek. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 30-11-25 Der 1. Advent: Ich wär‘ so gerne auch mal wer

Sein oder Nichtsein …

So schnell kann’s gehen. Ist es doch gerade mal drei Wochen her, daß Bolle meinte, mit der Kunde aufwarten zu müssen, daß es wieder einmal weihnachte (vgl. dazu So 09-11-25 Es weihnachtet wieder). Mittlerweile allerdings dürfte auch dem letzten Christenmenschen aufgegangen sein, daß es in der Tat mal wieder soweit ist. Die Weihnachtsmärkte harren ihrer Kundschaft, die Poller stehen festvermauert in der Erden – oder doch zumindest so, daß möglichst alles für friedliche Weihnachten getan sein sollte. Kurzum: der Zauber kann beginnen.

Apropos Zauber: Eigentlich hat selbiger schon vor geraumer Zeit begonnen. Sagen wir 2015 – um dem ganzen mal einen Datumsstempel aufzudrücken. Seitdem ist eigentlich nur noch wenig, wie es einmal war. Und wer das nicht zu schätzen weiß – oder sich so ganz und gar nicht darauf freut – ist nazi, of course. Allerdings – das wollen wir nicht verhehlen – blättert hier der Lack allmählich doch ein wenig ab. Das entsprechende Labeling droht unter seiner eigenen Gravitation, verursacht durch langanhaltenden und völlig übermäßigen inflationären Gebrauch, allmählich in sich zusammenzufallen. Bolle meint ja: Wenn das Volk nur nicht immer so lange brauchen würde, um einzusehen, was einzusehen die Vernunft nun mal gebietet. All unsere Bestrebungen, Bolle klarzumachen, daß nun mal nicht jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) die schnellste Kerze auf der Torte sein kann, sind – wie soll man sagen – auf ein eher durchwachsenes Echo gestoßen. Im Kern sieht Bolle das ja ein – wenn auch nur eher nolens volens.

Das Volk folgt seinen Führern. Das leuchtet rein sozialpsychologisch ein. Was aber, wenn es sich bei den Führern – daß das Wort noch nicht verboten ist oder zumindest verpönt, wundert Bolle übrigens sehr – um ausgesprochene Egoshooter handelt? Leute also, die ach so gerne auch mal wer wären – und denen das Volk im engeren Sinne eigentlich so ziemlich am Allerwertesten vorbeigeht? Im Buch Jesus Sirach, Kapitel 3, Vers 22 (von der Demut) heißt es:

Strebe nicht nach dem,
was zu hoch ist für dich,
und frage nicht nach dem,
was deine Kraft übersteigt …

Eiseleins ›Sprichwörter und Sinnreden‹ (1840) übrigens hauen recht trefflich in die gleiche Kerbe:

Mancher auf Stelzen
ist für die Sache dennoch zu kurz.

Und Max Weber schließlich hält in seinem ›Politik als Beruf‹ (1919) die Eitelkeit für die größte Schwäche eines jeden, der sich zu Höherem berufen fühlt. Bolle meint ja, hierbei könnte es sich durchaus um ein Katz‘-und-Schwanz-Phänomen handeln.

Auch vermutet er, daß das Problem in einem dysfunktionalen Auswahlverfahren begründet liegen könnte. Die Möglichkeit nämlich, daß es sich bei dem, was es so an die Spitze spült, um das Beste handeln soll, was ein Volk im besten aristokratischen Sinne jeweils aufzubieten hat, will Bolle gar zu abwegig erscheinen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel. Jetzt ist erstmal Weihnachtszeit!

So 23-11-25 Der Preuße und sein Lichtelein

Ein Lichtlein brennt … (Symbolbild).

Es begab sich vor langer, langer Zeit. Da gibt es die wahre Geschichte eines preußischen Regierungsrates, der Tag für Tag von früh bis spat dienstbeflissen seine Arbeit tat – und dabei, vornehmlich in der dunklen Jahreszeit, mit Einbruch der Dämmerung eine Kerze entzündete, auf daß er seine Augen nicht allzu sehr quälen mußte. Von elektrischem Licht – die Geschichte spielt irgendwann im 19. Jahrhundert – war seinerzeit noch nicht die Rede in Berlin und auch nicht anderswo.

Irgendwann aber ist Dienstschluß. Das war auch in Preußen so. Und? Was tat unser fleißiger Regierungsrat? Da er neben seiner amtlichen Tätigkeit noch weitere Ambitionen hatte, für die zu arbeiten sich seine Amtsstube geradezu anbot, hatte er die Angewohnheit, pünktlich zum Feierabend seine Dienstkerze zu löschen und dafür eine private Kerze anzuzünden. Alles andere hätte ihm Mißbrauch öffentlichen Eigentumes gedünkt. Unpreußisch!

Zugegeben: etwas krass ist das schon. Aber so oder so ähnlich war das wohl mal hierzulande: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Und Licht ist Licht. Da gibt es kein Vertun.

Bolle findet, diese Geschichte – sei sie nun wirklich wahr oder nur allegorisch – kontrastiert in ganz erheblichem Maße mit den Sitten und Gebräuchen, die sich mittlerweile allerorten eingeschlichen haben. Da gibt es Amtsträger jeglicher Stufe und Couleur, die mit geradezu spektakulärer Schamlosigkeit scheinen vergessen zu haben, daß es nicht ihr Geld ist, das sie frohen Mutes geflissentlich und mit viel Verve zum Fenster rausschleudern.

Das geht mit Petitessen (neudeutsch: Peanuts) los. Da gibt es Amtsträger (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), die meinen, um die 11.000 Euro im Monat für Frisör und Styling verplempern zu müssen – auf Staatskosten, versteht sich. Rechnen wir das einmal um: Der Regelbedarf eines armen Würstchens – das ist das, womit man klarzukommen hat, um ein angeblich menschenwürdiges Dasein zu führen – liegt derzeit bei 563 Euro im Monat. Das aber heißt nichts anderes, als daß besagtes Würstchen aus dem Volke mit dem monatlichen Schönheitsaufwand manches Amtsträgers im richtigen Leben über anderthalb Jahre (!) zurechtkommen muß.

So richtig wohlproportioniert will Bolle das mitnichten erscheinen. Eher würde ihm einleuchten, daß solche Leute so ziemlich jeglichen Sinn für jedwede Proportion verloren haben. Augenmaß? Fehlanzeige!

In der Mitte der 1990er Jahre gab es einmal den Slogan eines Kreditinstitutes, der lautete: ›Schließlich ist es Ihr Geld‹ – und eben nicht das Unsere, mit dem wir umgehen. Bolle meint, ein Körnchen dieser Einsicht stünde der gegenwärtigen Politprominenz nicht schlecht zu Gesichte.

Allein – alles ist anders: Die scheinen offenbar zu denken, es sei ihr Staat. Ihr Geld. Und, ins Absurde gewendet: Ihre Demokratie. Wie krass kann man danebenliegen? Bolle meint: das kann nichts werden, beim besten Willen nicht – und fühlt sich an Wilhelm Buschs ›Max und Moritz‹ (1865) erinnert:

Aber wehe, wehe, wehe!
Wenn ich auf das Ende sehe!!

Schließlich, nota bene, reden wir hier nur von den Peanuts. Die richtig fetten Knaller – verschleuderte „Sondervermögen“ im Hunderte-Milliarden-Bereich, et cetera perge perge, und was sonst noch so alles möglich ist in einer recht systematisch derangierten Politposse: Da schweigt des Sängers Höflichkeit. Ein ganz klein wenig mehr solides Preußentum könnte vermutlich wahrlich nicht schaden. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 16-11-25 Disruptive dolle Dinger

Kannste ma sehen …

In Bolles Kreisen kennt man das Straßenkehrer-Theorem. Es besagt, daß, je schlichter und anspruchsloser eine Tätigkeit, desto einfacher ist es zu beurteilen, ob einer das, was er tut, auch kann. Der Begriff lehnt sich vermutlich an Beppo Straßenkehrers Kunst des Kehrens an: ›Schritt, Atemzug, Besenstrich‹ – die ihn erfolgreich durch so manch elend lange Straße getragen hat. Übrigens: wer lange nicht mehr Michael Endes ›Momo‹ (1973) gelesen oder zumindest gesehen hat (D/I 1986 / Regie: Johannes Schaaf): Warum nicht in der Weihnachtszeit mal wieder?

Umgekehrt gilt: Je höher eine Tätigkeit angesiedelt ist, um so schwieriger wird es, ihre Qualität zu beurteilen. Allenfalls post festum – also wenn es längst zu spät ist – läßt sich hierzu etwas sagen. Natürlich heißt ›schwierig‹ nicht ›unmöglich‹. Aber dazu bräuchte es so etwas wie prognostische Kompetenz beziehungsweise schlicht Urteilskraft – und das ist durchaus nicht jedermanns (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) Sache.

Allerdings gibt es auch Phänomene, die man in Bolles Kreisen ›disruptive dolle Dinger‹ nennt. Hierbei handelt es sich um Ereignisse, die das Zeug haben, auch das hartgesottenste Hülsenfrüchtchen in seiner Wolkenkuckucksheimeligkeit tüchtig zu erschüttern – zumindest aber wenigstens vorübergehend ein wenig zu irritieren.

Ein derart disruptives dolles Ding dieser Tage waren die jüngsten Nachrichten um den sogenannten „Sturm auf das Kapitol“ vor vier Jahren.

Damals hatte Trump seine Fans aufgerufen, sich zum Kapitol zu begeben, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen – und zwar ausdrücklich „peacefully“. Das ›friedlich‹ wurde in der Version für die Weltöffentlichkeit allerdings tunlichst rausgeschnitten – und dafür „Wir werden kämpfen“ angehängt. Das hatte Trump in der Tat auch so gesagt – allerdings ungefähr eine Stunde später und in einem völlig anderen Zusammenhang. Und schon war der „Sturm auf das Kapitol“ pressegerecht angerichtet. So etwas nennt man üblicherweise – da gibt es kein Vertun – manifeste Manipulation.

Die eigentliche Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist aber: Wieso konnte es 4 (in Worten: vier) lange Jahre dauern, bis dieser Spuk dann endlich doch noch aufgeflogen ist?

Und? Wie geht der Journalismus 2.0 damit um? Nun – zum einen gab es den Versuch, den Leuten vorzugaukeln, hier habe es sich ja wohl um einen – so ebenso niedlich wie wörtlich – „Schnittfehler“ gehandelt. Zum zweiten gab und gibt es den Versuch, das alles auf der BBC abzuladen: Dort habe man sich bedauerlicherweise einen Schnittfehler geleistet. Der Rest der Weltpresse sei davon aber völlig unbeleckt. Bolle meint da nur: Echt jetzt? Und im übrigen habe die BBC sich ja auch „entschuldigt“. Damit sei ja wohl alles gut. Daß Trump die BBC gleichwohl auf 1 Milliarde Schadensersatz verklagen will, sei demnach ja wohl völlig unerhört. Bolle hört die Hosen schlottern. Und ist es nicht so, daß eine richtig schöne kalte Milliarden-Dusche für die ein oder andere Sendeanstalt ein durchaus probater Ausgang aus ihrer selbstverschuldeten Bräsigkeit sein könnte – um hier einmal Kant zu bemühen?

Bolle übrigens hat an den ganzen Spuk nicht einen Tag geglaubt. Daß das ganze Lug-und-Trug-Gespinste dann aber doch so offenkundig „an die Sonnen“ kam, ist dann doch erstaunlich – und wirft ein gewisses Schlaglicht auf den erzieherischen Impetus, mit dem so mancher „Haltungsjournalist“ meint, seine Gesinnung – denn was anderes wird es wohl kaum sein – systematisch in die Welt tröten zu müssen. Wer weiß, was da sonst noch so im Verborgenen schlummert? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 09-11-25 Es weihnachtet wieder

Hallowe’en im Dörfchen.

Es weihnachtet wieder. Wie schön! Zumindest bei Bolle ist das so. Und zwar alle Jahre wieder – und das seit vielen Jahren schon. Ursprünglich war die Idee ja rein aus der Not geboren. Bolle konnte es nämlich mit seiner Selbstwertanmutung nicht länger vereinbaren, sich Jahr für Jahr und immer wieder überraschen zu lassen. Wie? Weihnachten? Jetze schon? Weia!

Also mußte so eine Art Frühwarnsystem her – ein Weckruf sozusagen. Nur wann? In Bolles Fall hatte sich hier der 9. November ganz natürlich ergeben. Der 9. November nämlich ist ein Datum, das bei Bolle festverdrahtet ist, ohne daß er dafür einen Kalender bräuchte.

Spätestens seit 1989 ist das so, als Bolle – seinerzeit in wahnsinnig wichtigen Geschäften im Westen unterwegs – als Revolutionstourist eigens einen Abstecher nach Berlin gemacht hatte, nur um dem Volk an seinem „Schicksalstage“ (wie manche das – etwas hochtrabend, aber bitteschön – nennen würden) aus nächster Nähe aufs Maul zu schauen. Womöglich etwas überheblich zwar – das sieht Bolle ein – aber sowas merkt man sich dann doch. Hinzu kommt, daß justamente an diesem Tage jemand sein Wiegenfest feiert, den zu vergessen oder auch nur zu verdrängen gänzlich außerhalb von Bolles Möglichkeiten liegt. Kurzum: der 9. November war „gesetzt“ – wie man das heutzutage modisch nennt.

Auch hat sich dieser Tag mitnichten als zu früh erwiesen. Denken wir nur an den in Bolles Kreisen üblichen Adventskalender, den zu verschicken sich spätestens Ende November schickt. Falls man nämlich nicht gedenkt, sich mit den Resten vom Grabbeltisch zu begnügen – oder gar völlig leer auszugehen –, ist Anfang November also durchaus hohe Zeit, sich zu kümmern.

Im Laufe der Zeit hat es sich umständehalber ergeben, den Weckruf noch ein paar Tage vorzuverlegen – und zwar auf Hallowe’en. Zwar hat Hallowe’en mit dem christlichen Wiegenfeste wenig zu tun. Allein es ist so eine Art Event. Die Kinder ziehen durch die Gassen – „Süßes oder Saures“ auf den Lippen – und plündern so den Einzelhandel aus. Bolle findet seit längerem schon Gefallen daran, des Abends einen Bummel durchs Dörfchen zu machen und Zeuge zu sein bei der lieben Kleinen räuberischem Treiben. – Wenn sowas keine Weckruf-Qualitäten hat …

Kurzum: die frühen Novembertage, sei es nun der 9. November oder sei es Hallowe’en, liegen für eine planerische Intelligenz – über die zumindest im Ansatz zu verfügen Bolle bei aller Bescheidenheit für sich in Anspruch nimmt – keinesfalls zu früh im Jahr. Genaugenommen liegen sie genau richtig.

Übrigens: Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, kam besagtes Geburtstagskind auf den durchaus naheliegenden Gedanken, künftig und für immerdar am Nationalfeiertag Geburtstag zu haben – was sicherlich den einen oder anderen Vorzug mit sich bringt. Allein sie hatte die Rechnung ohne die Deutschen gemacht – zumindest aber ohne die bangbüchsige deutsche Politprominenz. Die nämlich fand, der 9. November könne – wegen der Reichskristallnacht 1938 oder des Hitlerputsches 1923 – durchaus ungute Erinnerungen an eigenes schändliches Treiben evozieren und die Festtagslaune trüben. Daher sei das als Gedenktag doch nicht allzu gut geeignet.

Und so kam man überein:
Der dritte zehnte soll es sein.
Zugegeben: etwas fahl,
Doch so isses nun einmal.

Und schon war Essig mit Geburtstag am Nationalfeiertag. Tja. Im Klittern von Geschichte oder zumindest im Meiden von Ambivalenzen war die politische Klasse ja schon immer große Klasse:

Lieb Vaterland, magst ruhig sein –
Nichts soll je trüben deinen Schein.

Dann also doch lieber Hallowe’en. Und allet Jute zum Jeburtstach, nota bene. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 02-11-25 Plapper und Fallensteller

Vermintes Gelände …

Der Titel unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens bezieht sich natürlich auf Zeiten, als Bolle noch Trappern und Fallenstellern wie etwa Sam Hawkens mit seiner tausendmal überflickten Weste nacheifern konnte, oder edlen Wilden wie Winnetou – ohne daß irgend jemand auch nur den geringsten Anstoß daran genommen hätte. Warum auch?

Heute scheint das alles ganz anders zu sein. Heutzutage ist es so, daß einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zwar immer noch machen kann, was er will. Allerdings sollte er tunlichst darauf achten, bloß nicht in eines der oben skizzierten Fettnäpfchen zu tappen. Keinesfalls nämlich darf man rassistisch sein oder sexistisch beziehungsweise frauenfeindlich gar oder, oder, oder … Nicht einmal ›menschenverachtend‹ ist drin – obwohl es hierfür mehr als gute Gründe gäbe.

Bolle liebt es ja, die Dinge mit den Methoden der Mathematik präzise auf den Punkt zu bringen – und das ganze dann möglichst auch noch so darzustellen, daß es eigentlich jedem einleuchten sollte, sofern er nicht völlig vernagelt ist. Die Graphik oben ist übrigens bereits älteren Datums und hat bislang schon so manchen Studenten (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu einigem Nachdenken angeregt. Allerdings stand in den einzelnen Fettnäpfchen-Feldern bislang lediglich „Grrr!“–  als Ausdruck sozial verordneten Widerwillens.

Wenn wir uns also darauf verständigen, daß alles, was sich in den verschiedenen Feldern befindet, rein gar nicht geht, dann bleiben allein die dunkler unterlegten Felder am Rande. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Aber eben nur hier und nirgends sonst. Zugegeben: viel Spielraum bleibt da nicht.

Und genau so sieht sie denn auch aus, die dürftige und durchaus platte Debatte, die sich dem Volke hier und heute mit progressiver Tendenz darbietet. Da muß nur einer etwa ›Kleine Paschas‹ sagen oder ›Stadtbild‹ oder ähnliches zum Besten geben – und schon ist wochenlang der Teufel los im Blätterwald. Da drängt sich doch die Frage auf: cui bono – wem zum Teufel soll das nützen?

Betrachten wir dazu das sozialpsychologische Muster, das hinter all dem stecken könnte, an einem historischen Beispiel. Dabei bietet sich jemand wie Luther geradezu an. Zum einen war justamente vorgestern erst Reformationstag – der den Jüngeren allerdings eher als Hallowe’en bekannt sein dürfte –, jener Tag also, an dem Luther 1517 seine 97 Thesen am Hauptportal der Schloßkirche zu Wittenberg angeschlagen haben soll. Zum anderen ist das alles so lange her, daß sich hier und heute wohl kaum einer übermäßig auf die Füße getreten fühlen dürfte.

Heider-Dreieck mit Ad-Hominem-Anwandlung (AHA).

Die Graphik zeigt ein sogenanntes Heider-Dreieck, von dem wir eigentlich nur wissen müssen, daß es genau dann stabil ist, wenn in ihm entweder gar keine oder genau zwei Minuszeichen vorkommen. Mehr noch: Wenn wir zwei Vorzeichen kennen – hier also die Beziehung von Luther zu seinem eigenen Argument (+) und die Beziehung von Antonius zu Luther (–), dann können wir auf die Ausprägung der dritten Beziehung (also Antonius zum Argument) schlußfolgern.

Luther hat ein Argument, egal welches (+). Und nun kommt sein Mitbruder Antonius oder – schlimmer noch – Papst Leo X (1475–1521), ein geborener Medici-Machtmensch, auf die Idee, Luther sei ja wohl ketzerisch – nachgeradezu häretisch also. Zwar hat der Einwand mit Luthers Argument im Kern rein gar nichts zu tun – aber bitteschön. Die dahinterstehende Logik: Weil (!) Luther Häretiker ist, sei folglich (⇒) sein Argument zu verwerfen (–). Allgemeiner, und lutherisch-derb auf den Punkt gebracht: Luther scheiße, also Argument scheiße. Der stilisierte rötliche Blitz soll dabei andeuten, daß das alles mögliche sein mag – nur eben keine Logik in einem wie auch immer gearteten Sinne. Darum wollen wir das auch nicht als Argument gelten lassen. Vielmehr wollen wir von einer Anwandlung sprechen – einem gedanklichen Konstrukt also, das sich nicht mit Luthers Argument auseinandersetzt (ad rem – auf die Sache bezogen), sondern mit Luther als Person an sich (ad hominem). In der Graphik haben wir es dementsprechend auch als Ad-Hominem-Anwandlung bezeichnet, kurz AHA.

Gleichwohl erfreut sich derlei – immerhin 500 Jahre nach Luther – ungebrochener Beliebtheit. Wer erst einmal als rassistisch, sexistisch, oder gar völkisch etc. pp. (siehe unser Bildchen oben) gelabelt ist, hat nach dieser Logik keine, wirklich gar keine Chance, irgend etwas vorzubringen, das auch nur im Entferntesten zustimmungsfähig wäre. Wie heißt es doch gleich in Faustens Studierzimmer, aus dem Munde des Mephistopheles? Spotten ihrer selbst – und wissen nicht wie.

Abschließend bleibt natürlich die Frage: wer labelt da? Wer hat ein Interesse daran, eine sachliche Auseinandersetzung (ad rem) durch sozialpsychologische Spielchen (ad hominem) zu ersetzen? Zuvörderst wohl jene, die sehr genau wissen, daß sie für eine offen und ehrliche Ad-Rem-Auseinandersetzung kein allzu gutes Blatt auf der Hand halten. Dann doch lieber die Ad-Hominem-Anwandlung (AHA) als Argumentationsersatz. Auch muß man hier nicht so viel denken – was manchem durchaus entgegenkommen mag. Einen der Dröhnsprechbegriffe von unserem Schildchen in die Diskussion geworfen – und schon ist man im Spiel. Nicht mal definieren muß man sie. Hauptsache laut und lärmend und langanhaltend. Neil Postman übrigens hat sich diesem Phänomen in seinem ›Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie‹ (1985) vor nunmehr 40 Jahren schon recht ausführlich gewidmet. Allein: Vergebens predigt Salomo … Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.