
Oh weh, oh weh, oh jemine! Schon wieder ein Mathildchen – der dritten Observanz neben Schildchen und Bildchen. Bolle findet aber, das hier sei ja wohl noch harmlos. Und in der Tat zeigt es einen der schlichtesten Zusammenhänge, die überhaupt nur denkbar sind: Die Kurve hat die Form y = 1/x und stellt damit eine umgekehrte Proportionalität dar. Vornehm könnte man sie auch Hyperbel nennen – obwohl, das lenkt vom Thema ab. Immerhin konnten wir Bolle breitschlagen, die mathematische Strenge durch das Pfeilchen und drei Luftballöngers doch ein wenig abzumildern.
Direkte oder umgekehrte Proportionalitäten kennen wir alle aus den berüchtigten Dreisatz-Textaufgaben in der Mittelstufe: Ein kleines Päck Eier (6 Stück) braucht 6 Minuten, um al dente – oder sagt man à point? – zu sein. Wie lange braucht ein großes Päck mit 10 Eiern? Bolle hatte sich schon seinerzeit ganz köstlich amüsiert …
Die Kurve beschreibt den Zusammenhang zwischen Diversität und common sense: Geringe Diversität (beziehungsweise, was das gleiche ist, eine gewisse Homogenität) begünstigt ein hohes Maß an common sense (Punkt A), während, umgekehrt, ein hohes Maß an Diversität common sense doch eher erschwert (Punkt B). Wirklich verblüffend will Bolle das alles nicht scheinen. Dabei wollen wir unter ›common sense‹ nichts weiter verstehen als die von einer Gesellschaft überwiegend „geteilten“ Werte – wobei wir unter ›Werten‹ nichts sonderlich Hochtrabendes verstehen wollen, sondern lediglich ein ›allgemeines Für-richtig-halten‹.
Interessanterweise wird ›common sense‹ meist mit ›gesunder Menschenverstand‹ übersetzt. Bolle vermutet hier so eine Art imperialen Exzeß der Briten. Mit dem, was die Briten ›Menschenverstand‹ nennen, meinen sie wohl eher ›Britenverstand‹. Was Briten allgemein für richtig halten, muß noch lange nicht dem entsprechen, was zum Beispiel Sizilianer allgemein für richtig halten. Oder etwa Wüstensöhne (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) – um das mal auf die Spitze zu treiben. Andere Länder, andere Sitten. Auch das will nicht weiter verblüffend erscheinen.
Kurzum: common sense ist eine unausgesprochene Übereinkunft darüber, was gesellschaftlich geht – und was nicht. Was man tut – und was nicht. Dabei folgt eine solche Übereinkunft – wie das in Bolles Kreisen heißt – einer sozialen Norm. Gleichzeitig – verwirrend genug – konstituiert sie aber auch die Norm. So etwas entwickelt sich – in Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten. Und irgendwann ist es dann so. Alle halten es für richtig – und richten sich danach.
Sind Sizilianer oder Wüstensöhne – also Leute, die womöglich anderen Normen folgen – deshalb schlechtere Menschen? Natürlich nicht. Sie halten nur verschiedene Dinge für allgemein richtig. Auch kommt es überhaupt nicht darauf an, w a s man für richtig halten mag. Wichtig ist allein, d a ß sich alle – oder doch die meisten – zumindest einigermaßen einig sind. Das, was dabei rauskommt, nennt man dann eben ›common sense‹. Und zwar eben nicht im Sinne von ›gesunder Menschenverstand‹, sondern eher im Sinne von – wie soll man sagen? – ›gesunder Gruppenverstand‹. Ohne einen solchen Gruppenverstand kann eine Gruppe unmöglich existieren. Sie würde unversehens von ihren inneren kognitiven Fliehkräften in sprichwörtlich tausend Fetzen zerrissen werden. Nicht unbedingt unmittelbar – auf die Dauer aber schon.
Auch kommt es überhaupt nicht darauf an, daß alle genau das Gleiche meinen. Natürlich nicht. Darum sprechen wir ja auch von a l l g e m e i n e m Für-richtig-halten. Allgemein – und eben n i c h t en détail.
Nun ist es aber so, daß es sich bei Nationen um Gruppen handelt. Großgruppen, genauer gesagt. Eine Gruppe aber ist nichts weiter als eine ›Personenmehrheit mit Wir-Bewußtsein‹. Und dieses Wir-Bewußtsein entsteht bereits mit der Primärsozialisation – also schon im Kindesalter. Damit ist es – Entwicklungspsychologie, ick hör Dir trapsen – im besten Wortsinne irreversibel. Man könnte auch sagen: unkaputtbar. Es gibt nun mal ’ne Menge Dinge, die verdrahten sich im Hirn, lange bevor sich einer auch nur eine Vorstellung davon machen kann, was es mit ›verdrahten‹ auf sich haben könnte.
Die kesse Idee, man könne – 🎶 Freiheit, Freiheit, die ich meine 🎶 – in reiferen Jahren seine Hirnverdrahtungen mal eben ganz grundsätzlich umpolen, würde Bolle glatt ins Reich von Hülsenfrüchtchens Hirngespinsten verweisen wollen: Tolle Sache – funktioniert nur leider nicht. Wobei – das sei nicht unerwähnt – wir etwa einen 20-jährigen entwicklungspsychologisch durchaus und ohne weiteres als ›sich in reiferen Jahren befindlich‹ erachten können.
Wer es nicht glauben mag: Nehmen wir etwas vergleichsweise leicht Objektivierbares wie die Muttersprache. Was da verdrahtet wurde, sitzt. Von ein paar wenigen Super-Sprachgenies vielleicht mal abgesehen, ist es völlig unmöglich, eine zweite Sprache so zu erlernen und so zu beherrschen, wie das bei der Muttersprache (hoffentlich) der Fall ist.
Mit allen anderen Festverdrahtungen verhält es sich nicht anders. Die sitzen! Natürlich kann man in reiferen Jahren versuchen, sich dagegen aufzulehnen und das alles zu überwinden. Wie ging doch gleich der alte Sponti-Spruch? Wir wollen alles! Und das sofort! Allein es wird nichts nützen. ›Die Rechnung ohne die Realität machen‹ – wie das in Bolles Kreisen heißt.
Kurzum: je heterogener eine Gruppe – wir können auch sagen: je diverser –, desto Essig ist es mit dem common sense. Die einzigen, die das partout nicht einsehen wollen, sind nach Bolles Beobachtung die EWAs. Dabei steht ›EWA‹ für Eierlegende-Wollmilchsau-Apologeten, also Leute, die – wohl aus überschäumender Freiheitsmotivation heraus – der festen Ansicht sind, es müsse doch wohl möglich sein, alles gleichzeitig haben zu können, und das möglichst unbegrenzt (vergleiche den Pfeil in unserem Mathildchen). So zum Beispiel auch Einheit in Vielfalt – oder Freiheit in Sicherheit, oder was und wie auch immer. Für die Anerkennung umgekehrter Proportionalitäten bleibt da natürlich wenig Raum, of course. Und wohl auch nicht für Mathe überhaupt.
Dabei ließe sich an dieser Stelle unglaublich viel Energie sparen – was von gewissen Kreisen derzeit ja durchaus angestrebt wird. Warum? Weil, wenn etwas mathematisch nicht funktioniert, wird es auch im wirklichen Leben unmöglich funktionieren können – nicht einmal in einer möglicherweise besten aller möglichen Welten. Es lohnt sich also nicht, sich darum weiter zu bekümmern – ebensowenig, wie es zum Beispiel Sinn macht, etwa ein perpetuum mobile ersinnen zu wollen (um mal beim Energiesparen zu bleiben). Und so nennt man derlei Bestrebungen in Bolles Kreisen herzlich, und auch ohne jede Häme, kurz und knapp ›HH‹. „Haha“ für Hülsenfrüchtchens Hirngespinste. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
