So 30-08-26 META – make everybody think again

So geht’s auch. Womöglich sogar besser …

Bolle hegt ja seit langem schon die Befürchtung, daß die eigentliche, die elementare Spaltung, die sich durchs Land zieht, jene ist zwischen den mächtig Dummen und den (nur) mäßig Dummen (vgl. dazu etwa So 03-08-25 Eritis sicut Deus, scientes veritatem et falsitatem). Dort hieß es: Ein klitzekleines bißchen dumm sind wir ja wohl alle. Allein man sollte auch hier nichts übertreiben. Bolle meint, das kann so stehenbleiben.

Neulich hat es Bolle einen Beitrag der ›Agenda Austria‹ in die Timeline gespült (siehe unser Bildchen). Rein zufällig – wie das Leben halt so spielt. Agenda Austria versteht sich als Denkfabrik und existiert als solche seit immerhin 13 Jahren schon. Manchmal fragt sich Bolle durchaus, ob er noch auf der Höhe der Zeit ist. Wie meinte doch sein lieber guter alter Deutschlehrer seinerzeit schon in der Oberstufe? „Sie müssen Ihr Ohr immer am Puls der Zeit haben.“ Allein, was will man machen? Zu̅ groß die Welt – zu̅ kleen det Hirn.

Deren Leitspruch jedenfalls lautet: ›Make Austria think again‹. Bolle war entzückt. Dabei ist das alles so einfach. Man ersetze lediglich ›America durch ›Austria‹ und ›great‹ durch ›think‹. Ein minimalinvasiver Eingriff, also. Und schon entsteht Verblüffendes. Apropos Timeline: Agenda Austria hat sich 2013 gegründet – ›Make America great again‹ wurde allerdings erst 2015 als Donald Trumps zentrales Wahlkampfmotto allgemein bekannt. Die Auflösung: der Spruch ist sehr viel älter. Ronald Reagan hatte ihn 1980 schon in seinem Wahlkampf verwendet – wenn auch nicht in ganz so knackiger Form. Wie man sieht, kommt alles wieder. Nichts geht verloren – nicht in diesem Universum. Da ist sich Bolle mit den meisten Physikern völlig eins.

Bolle jedenfalls war so entzückt, daß er meinte, wir müßten das auf jeden Fall – bevor es im Mahlstrom der Zeiten untergehen kann – unter Hintanstellung anderer Themen aufgreifen für unser heutiges Sonntagsfrühstückchen. Und wir können ihm immer nur ganz schlecht was abschlagen. Vor allem dann nicht, wenn er Recht hat – was interessanterweise irritierend oft der Fall ist.

Auch ist der Rahmen denkbar schlicht gehalten: Ein Tisch, zwei Stühle – fertig. Kein Vergleich zu den üblichen gebührenfinanziert aufgedonnerten Öffi-Studios, in denen Glas und Plaste den Ton angeben, und oft eine Unzahl an Moderatoren (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu kaschieren versucht, was ist: Innerlich und äußerlich hohl – wie das in Bolles Kreisen zwar hart, aber durchaus herzlich gemeint zuweilen auch heißt. Dabei ist man sich natürlich der Tatsache wohl bewußt, daß eine Wendung wie ›äußerlich hohl‹ logisch ein wenig grenzwertig ist. Allein so geht nun mal subtiler Spott.

Wir haben den Beitrag – ein Gespräch mit Harald Martenstein – in den Anhang gepackt. Er dauert ein knappes dreiviertel Stündchen. Allein Bolle meint, es gebe unangenehmere Weisen, ein dreiviertel Stündchen zu verbringen. Denken wir nur an einen Zahnarzttermin oder ein Gespräch mit einem Versicherungsvertreter. Et voilà – nur zu! Und viel Vergnügen damit.

Zusammenfassend kann man wohl sagen, daß es in der Tat Formate zu geben scheint für die – bar jeder Despektierlichkeit – mächtig Dummen einerseits und die (nur) mäßig Dummen andererseits. Letzteres verdient natürlich verbreitet zu werden, of course. Wie heißt es doch in Bolles Kreisen? Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 23-08-26 Unsere Sprache, unsere Verfassung, unsere Demokratie

Der Weltgeist in persona (Bolle featuring Ralph Bittner 1997).

Der Klügere gibt nach. So wurde es Bolle seinerzeit zwar nicht gerade in die Wiege gelegt – aber immerhin doch in jungen Jahren schon nahegelegt. Allein das wollte ihm noch nie so recht einleuchten – zumindest nicht in dieser Apodiktik.

Wenn nämlich der Klügere sich das Nachgeben zur Regel macht – zunächst natürlich nur in Kleinigkeiten, dann, aus reiner Gewohnheit, womöglich in nicht ganz so kleinen Kleinigkeiten, und das dann so weiter –, dann bedeutet das nichts anderes als dies: Der Dümmere – um mal den Gegensatz zum ›Klügeren‹ sprachlich klar zu fassen – setzt sich durch. Was aber passiert, wenn sich die Dümmeren regelmäßig durchsetzen – zunächst im Klitzekleinen, dann im nicht mehr ganz so Kleinen, und schließlich und letztlich dann eben auch in der großen Politik beziehungsweise „gesamtgesellschaftlich“ – um hier mal ein beliebtes Modewort aufzugreifen? Nun, dann landen wir genau da, wo wir zur Zeit stehen. Zumindest ist das der Eindruck, den man haben kann.

Nun hegt Bolle seit langem schon die Vermutung, daß sich eine solche Abstufung ohne viel Federlesens nahtlos auf die Trias Sprache, Verfassung, Demokratie übertragen läßt. Mit der Sprache fing es an. An dieser Stelle könnte Bolle glatt lyrisch werden und es mit Reinhard Meys ›Das Geheimnis im Hefeteig oder der Schuß im Backofen‹ (1971) fassen:

🎶 Soweit ich mich noch erinnern kann
Fing alles mit unsrer Sprache an
Unsrer Gaga-Sprache, genauer gesagt
Mit Eifer und Verve in die Menge gequakt 🎶

Was alles man angeblich nicht mehr sagen darf … Warum eigentlich nicht? Wer legt das denn fest, das Unaussprechliche? Die Duden-Redaktion? Die tun zumindest so. Bolle aber fragt sich ebenso bieder wie ganz grundsätzlich: Warum nur, warum? In erster Näherung könnte man, featuring Bob Dylan 1963, vielleicht sagen:

Die Antwort, mein Kind,
Weiß ganz allein der Wind.
Die Antwort weiß ganz allein der Wind.

Bei näherem Hinsehen scheint aber kaum minder klar: Weil die Leute es mit sich machen lassen. Der Klügere gibt nach! Für Bolle indes ist das natürlich kein Kriterium, of course. Und so bestellt er sich zuweilen fröhlich, frisch und fromm sein „Cindy-und-Roman“-Schnitzel – und empfindet sich dabei als durchaus dem Zeitgeist entgegenkommend. Natürlich weiß kein Mensch, was das sein soll – schon gar nicht bei Bolle im Dörfchen. Allein Bolle weiß sich zu helfen: Ein Schnitzel mit Letscho tut’s auch. Im Prinzip ist das das gleiche – nur weiß ein jeder, was gemeint ist. Hier jedenfalls. Woanders mag das anders sein.

Allein warum in aller Welt sollte ein Zigeuner (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sich beleidigt fühlen, wenn etwas so leckeres wie ein Cindy-und-Roman-Schnitzel seinen Namen trägt? Im Volksmund heißt es: Dummheit und Stolz // Wachsen am gleichen Holz. Vielleicht gibt es ja einen ganz analogen Zusammenhang zwischen Beleidigte und Leberwurst? – wobei die Leberwurst hier als Chiffre für das Schnitzel dienen mag. So zumindest geht Bolles Vermutung.

Nun, Bolle hält das alles für einen Fall von postkognitivem Imperialismus. Dabei wollen wir unter ›Imperialismus‹ nicht mehr verstehen als das oft aggressive Streben tatsächlich oder vermeintlich herrschender Kreise nach Durchsetzung des von ihnen für wahr und richtig Befundenen. Verstehen wir unter ›kognitiv‹ so viel wie ›verstandesmäßig, erkenntnisbezogen‹ (von lat. cognitio ›Erkenntnis‹), dann bietet sich für ›postkognitiv‹ eine Umschreibung wie etwa ›das Verstandesmäßige hinter sich lassend, das Gute, Schöne – wenngleich auch meist nicht Wahre – anstrebend‹ nachgeradezu an. Und da wären wir wieder bei ›Der Klügere gibt nach – die Herrschaft den weniger Klugen überlassend‹.

Und weil das mit dem Imperialismus im Bereich ›Sprache‹ bislang so schön geklappt hat: Was liegt da näher, als es auf weitere wichtige gesellschaftliche Bereiche auszudehnen? Naheliegend sind da in der Tat die Verfassung und – let’s go crazy – die Demokratie an sich. Bolle ist und bleibt verwundert, wie man, ohne im geringsten rot zu werden, „unsere“ Sprache auf „unsere“ Verfassung beziehungsweise gar „unsere“ Demokratie ausdehnen kann. „Allet unser! Ham wa jepachtet.“ Bolle is baff – das kann man wohl kaum anders sagen. Darauf angesprochen gibt er – eher ungern, aber immerhin – zu, daß es mit seinem ›Wie fühl’ ick mir am besten ein in Hülsenfrüchtchens Lebens- und Erlebenswelt?‹-Projekt noch immer weiß Gott nicht zum Besten bestellt ist. Allein er arbeitet dran. Wäre ja gelacht.

Mit Hegels (1770–1831 / siehe unser Bildchen) These/Antithese-Dingens jedenfalls hat das alles wohl nicht allzu viel zu tun. Von Synthese jetzt mal ganz zu schweigen. Das gemeine Hülsenfrüchtchen (Leguminella vulgaris) – so zumindest Bolles Eindruck – fühlt sich ja schon überfordert, wenn es eine Gegenthese überhaupt nur „aushalten“ muß (um mal den zur Zeit dafür landläufig-geläufigen Ausdruck zu verwenden). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 16-08-26 Wenn die SoFi zweimal schlingelt

SoFi in Niederösterreich (Fritz Bachner 2026: Spitze auf der Spitze).

Heute wollen wir uns – zum einen aus aktuellem Anlaß, zum anderen und vor allem aber, weil unsere letzten Sonntagsfrühstückchen manchem (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), wie wir hörten, doch eher etwas schwerer verdaulich haben erscheinen wollen – mit etwas leichterer Kost begnügen.

Letzten Mittwoch war mal wieder eine SoFi – nicht nur am Himmel über Berlin. Unser heutiges Bildchen zeigt sie über der Basilika in Sonntagberg in Niederösterreich. Mit etwas finsterer Phantasie könnte man hier durchaus nicht nur eine ›Spitze auf der Spitze‹ erkennen (wie der Künstler meint), sondern, tout au contraire, ein Menetekel für die Islamisierung des Abendlandes. Aber Nein: Derlei Dingen wollen wir uns heute enthalten. Also Schluß damit.

Die letzte Sonnenfinsternis, an die sich Bolle lebhaft erinnern kann, war jene im August 1999 mit einer Abdeckung von knapp 87 Prozent.  D a s  war noch was: Mitten am hellen Vormittag verfinsterte sich die Sonne, es wurde schlagartig dunkler und auch sehr viel kühler. Man konnte sie einfach nicht überspüren, die SoFi –  m i t  Ausrüstung oder ohne. Sie war einfach da.

Bolle fühlte sich seinerzeit natürlich sofort an die Schlacht am Halys (585 v. Chr.) erinnert. Seinerzeit standen sich zwei der damaligen Großmächte – die Meder (Vorfahren der Perser) und die Lydier (ein Volk, das sich dann aber zunächst unter den Griechen und schlußendlich unter den Römern rückstandsfrei hat auflösen sollen – sehr zum Unmut der damals Herrschenden, vermutlich, aber so geht nun mal Geschichte) waffenstarrend gegenüber, und tüchtig zu meucheln, das war ihr Sinn. Dann aber kam die SoFi – also eine  r i c h t i g e , eindrucksvolle SoFi – und aus  w a f f e n starrend wurde von jetzt auf gleich  e r starrend. Man kam nach kurzer Erörterung der Lage zu dem Schluß, daß der Fluß Halys schließlich eine naturgegebene, nachgeradezu natürliche Grenze sei, die anzuerkennen wohl keine schlechte Idee sein würde – und ließ alles Meucheln fahren. So einfach kann es gehen, wenn man nicht allzu verstockt ist und man sich einen gewissen Respekt – beziehungsweise eine gewisse Demut gar – vor höheren Mächten bewahrt hat.

Diesmal aber war alles anders. Zwar sollte die Abdeckung mit 85 Prozent ganz ähnlich sein wie seinerzeit in Göttingen. Aber eine Finsternis, bei der rein gar nichts finster is? Das einzige, was hier stimmt, sind Reim und Rhythmus. Alles andere ist ein Widerspruch in sich.

Das Bemerkenswerteste aber: Vollends beschäftigt mit der Justage der Technik, war Bolle zunächst gar nicht aufgefallen, daß von Finsternis überhaupt keine Rede sein konnte. Sagen wir so: Wenn er nicht gewußt hätte, daß er gerade Zeuge einer Sonnenfinsternis ist: Er hätte nichts bemerkt – und zwar rein gar nichts. Ist doch nicht seriös …

Der Himmel über Berlin. (Bolle featuring Wim Wenders 1987).

Hier sehen wir immerhin einen Hauch von SoFi. Wenn man in die Sonne guckt: Links unten ist es deutlich dunkler. In der Vergrößerung sieht sie übrigens aus wie ein daherfliegender flauschiger Tennisball in Rot. Im Hintergrund (oder müßte es nicht besser heißen: im Vordergrund?) sieht man (höchst unscharf, aber bitteschön) ein Stück Berliner Häuserschluchten – dank Bolles exponierter Position im siebenten Stock fast schon aus der Vogelperspektive. Darüber zeigt sich der übliche Berliner Sonnenuntergang – mit allem abendlichen Streulicht, das er nur aufzubieten hat. Das Streulicht nämlich war – wie soll man sagen? – der Fehler in der Matrix. Das Sonnenlicht hat in der Abenddämmerung einen elend langen Weg durch die Atmosphäre hinter sich – und macht dabei das Naheliegende: Es streut und streut und streut. Die direkte Sonneneinstrahlung und damit eben auch der Abdeckungsgrad geraten dabei völlig unter ›ferner liefen‹. Unter diesen Umständen, da ist sich Bolle sicher, hätten die Meder und die Lydier munter weitergemetzelt.

Kurzum: Zwar hatte die Sonnenfinsternis diesmal schon einiges mit der Sonne, aber nur wenig mit einer Finsternis zu tun. Allein wo bleibt das Positive? Das Positive ist, daß wir in diesem Falle unmöglich die Regierung dafür verantwortlich machen können. Die nämlich befindet sich in den Sommerferien – da kann sie wenigstens nur wenig Schaden anrichten – und hat damit diesmal wirklich rein gar nichts zu tun. Oderr? (wie die Schwiizer sagen). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 09-08-26 Geschmack am Grusel: von Fake News und Ache News

Schlagende Argumente …

›Fake News‹ kennt jeder. Spätestens seit Donald Trumps Kampf um die Präsidentschaft (2016) ist das so. Allerspätestens aber seit seinem der CNN entgegengeschleuderten Statement ›You are fake news‹ (2017) ist der Begriff (nebst all seiner Derivate) fester Bestandteil der deutschen Sprache.

Was aber sind ›Ache News‹? Ache News – abgeleitet von angelsächsisch ›ache‹, was soviel wie ›Schmerz‹ bedeutet und sich aufs Feinste auf ›fake‹ reimt –, sind Nachrichten, die beim Rezipienten, wenn schon nicht direkte Schmerzen, so aber doch zumindest einen gewissen Grusel auslösen sollen. Und Grusel lieben die Leute nun mal. Vermutlich hat das was mit Aufmerksamkeitsökonomie zu tun: ›Sex sells‹ – das kennen wir seit jeher. Aber offenbar scheint auch zu gelten: ›Ache sells‹.

Der Unterschied zwischen Grusel und echter Gefahr: Bei echter Gefahr kann es einem schnell ans Leder gehen. Und wer will das schon? Beim Grusel dagegen bleibt man kuschelig dissoziiert. Man weiß, man ist nicht unmittelbar betroffen. Darum ja auch die vielen Krimis in den Öffis. Von den Splatter-Filmen, wo das Blut nur so spritzt, mal ganz zu schweigen. Niemand möchte das hautnah erleben. Aber kieken – ganz auf Entfernung – kann man ja mal. Grusel, eben. Aus dem wirklichen Leben kennen wir das Phänomen der Schaulustigen, der Gaffer gar, die von jedem Unglück angezogen werden die Fliegen von der sprichwörtlichen Scheiße.

Da wird aus einem, historisch gesehen, höchst harmlosen leichten Temperaturanstieg medial vermittelt eine dramatische „Erderhitzung“, da „entzünden“ sich die Wälder bei schlappen 40° C. Bolle fragt sich, wie es nur sein kann, daß es sein Kochlöffel seit geschätzten 100 Jahren aushält, ständig durch knapp 100° C warme Speisen gerührt zu werden, ohne je in Flammen aufzugehen? Aber bleiben wir sachlich.

Eine interessante Erklärung für die verbreitete Grusel-Affinität findet sich bei ›Matrix‹ (USA 1999 / Regie: Wachowski Brothers). Dort heißt es in einem Monolog des Agenten Smith:

Wußten Sie, daß die erste Matrix als perfektes Paradies geplant war? Ein Ort, an dem alle glücklich waren und niemand leiden mußte. Es war ein Desaster. Niemand akzeptierte das Programm. Ganze Ernten gingen uns verloren. Mittlerweile glaube ich, daß die Menschen ihre Realität durch Kummer und Leid definieren.

Kummer und Leid. Sagen wir so: Lieber Grusel als gar nichts spüren. Erinnert das alles nicht doch sehr an eine mappa mundi friata? (vgl. dazu So 31-05-26 Mappae mundi variae – Was es doch alles gibt auf der Welt). Bolle meint: Womöglich doch ein Fehler in der Matrix – ein Fehler der tieferen Art?

Natürlich würde niemand sagen, daß er Leid und Elend braucht zum Leben. Im Gegenteil: Man strebt nach Glück – und hat sogar ein Recht darauf. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1776) finden wir das sogar schriftlich: ›Life, Liberty and the pursuit of Happiness‹. Allein – was redet Salomo? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 02-08-26 Einheit in Vielfalt? Oder EWA meets Mathe?

EWA meets Mathe.

Oh weh, oh weh, oh jemine! Schon wieder ein Mathildchen – der dritten Observanz neben Schildchen und Bildchen. Bolle findet aber, das hier sei ja wohl noch harmlos. Und in der Tat zeigt es einen der schlichtesten Zusammenhänge, die überhaupt nur denkbar sind: Die Kurve hat die Form y = 1/x und stellt damit eine umgekehrte Proportionalität dar. Vornehm könnte man sie auch Hyperbel nennen – obwohl, das lenkt vom Thema ab. Immerhin konnten wir Bolle breitschlagen, die mathematische Strenge durch das Pfeilchen und drei Luftballöngers doch ein wenig abzumildern.

Direkte oder umgekehrte Proportionalitäten kennen wir alle aus den berüchtigten Dreisatz-Textaufgaben in der Mittelstufe: Ein kleines Päck Eier (6 Stück) braucht 6 Minuten, um al dente – oder sagt man à point? – zu sein. Wie lange braucht ein großes Päck mit 10 Eiern? Bolle hatte sich schon seinerzeit ganz köstlich amüsiert …

Die Kurve beschreibt den Zusammenhang zwischen Diversität und common sense: Geringe Diversität (beziehungsweise, was das gleiche ist, eine gewisse Homogenität) begünstigt ein hohes Maß an common sense (Punkt A), während, umgekehrt, ein hohes Maß an Diversität common sense doch eher erschwert (Punkt B). Wirklich verblüffend will Bolle das alles nicht scheinen. Dabei wollen wir unter ›common sense‹ nichts weiter verstehen als die von einer Gesellschaft überwiegend „geteilten“ Werte – wobei wir unter ›Werten‹ nichts sonderlich Hochtrabendes verstehen wollen, sondern lediglich ein ›allgemeines Für-richtig-halten‹.

Interessanterweise wird ›common sense‹ meist mit ›gesunder Menschenverstand‹ übersetzt. Bolle vermutet hier so eine Art imperialen Exzeß der Briten. Mit dem, was die Briten ›Menschenverstand‹ nennen, meinen sie wohl eher „Britenverstand“. Was Briten allgemein für richtig halten, muß noch lange nicht dem entsprechen, was zum Beispiel Sizilianer allgemein für richtig halten. Oder etwa Wüstensöhne (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) – um das mal auf die Spitze zu treiben. Andere Länder, andere Sitten. Auch das will nicht weiter verblüffend erscheinen.

Kurzum: common sense ist eine unausgesprochene Übereinkunft darüber, was gesellschaftlich geht – und was nicht. Was man tut – und was nicht. Dabei folgt eine solche Übereinkunft – wie das in Bolles Kreisen heißt – einer sozialen Norm. Gleichzeitig – verwirrend genug – konstituiert sie aber auch die Norm. So etwas entwickelt sich – in Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten. Und irgendwann ist es dann so. Alle halten es für richtig – und richten sich danach.

Sind Sizilianer oder Wüstensöhne – also Leute, die womöglich anderen Normen folgen – deshalb schlechtere Menschen? Natürlich nicht. Sie halten nur verschiedene Dinge für allgemein richtig. Auch kommt es überhaupt nicht darauf an,  w a s  man für richtig halten mag. Wichtig ist allein,  d a ß  sich alle – oder doch die meisten – zumindest einigermaßen einig sind. Das, was dabei rauskommt, nennt man dann eben ›common sense‹. Und zwar eben nicht im Sinne von ›gesunder Menschenverstand‹, sondern eher im Sinne von – wie soll man sagen? – ›gesunder Gruppenverstand‹. Ohne einen solchen Gruppenverstand kann eine Gruppe unmöglich existieren. Sie würde unversehens von ihren inneren kognitiven Fliehkräften in sprichwörtlich tausend Fetzen zerrissen werden. Nicht unbedingt unmittelbar – auf die Dauer aber schon.

Auch kommt es überhaupt nicht darauf an, daß alle genau das Gleiche meinen. Natürlich nicht. Darum sprechen wir ja auch von  a l l g e m e i n e m  Für-richtig-halten. Allgemein – und eben  n i c h t  en détail.

Nun ist es aber so, daß es sich bei Nationen um Gruppen handelt. Großgruppen, genauer gesagt. Eine Gruppe aber ist nichts weiter als eine ›Personenmehrheit mit Wir-Bewußtsein‹. Und dieses Wir-Bewußtsein entsteht bereits mit der Primärsozialisation – also schon im Kindesalter. Damit ist es – Entwicklungspsychologie, ick hör Dir trapsen – im besten Wortsinne irreversibel. Man könnte auch sagen: unkaputtbar. Es gibt nun mal ’ne Menge Dinge, die verdrahten sich im Hirn, lange bevor sich einer auch nur eine Vorstellung davon machen kann, was es mit ›verdrahten‹ auf sich haben könnte.

Die kesse Idee, man könne – 🎶 Freiheit, Freiheit, die ich meine 🎶 – in reiferen Jahren seine Hirnverdrahtungen mal eben ganz grundsätzlich umpolen, würde Bolle glatt ins Reich von Hülsenfrüchtchens Hirngespinsten verweisen wollen: Tolle Sache – funktioniert nur leider nicht. Wobei – das sei nicht unerwähnt – wir etwa einen 20-jährigen entwicklungspsychologisch durchaus und ohne weiteres als ›sich in reiferen Jahren befindlich erachten können.

Wer es nicht glauben mag: Nehmen wir etwas vergleichsweise leicht Objektivierbares wie die Muttersprache. Was da verdrahtet wurde, sitzt. Von ein paar wenigen Super-Sprachgenies vielleicht mal abgesehen, ist es völlig unmöglich, eine zweite Sprache so zu erlernen und so zu beherrschen, wie das bei der Muttersprache (hoffentlich) der Fall ist.

Mit allen anderen Festverdrahtungen verhält es sich nicht anders. Die sitzen! Natürlich kann man in reiferen Jahren versuchen, sich dagegen aufzulehnen und das alles zu überwinden. Wie ging doch gleich der alte Sponti-Spruch? Wir wollen alles! Und das sofort! Allein es wird nichts nützen. ›Die Rechnung ohne die Realität machen‹ – wie das in Bolles Kreisen heißt.

Kurzum: je heterogener eine Gruppe – wir können auch sagen: je diverser –, desto Essig ist es mit dem common sense. Die einzigen, die das partout nicht einsehen wollen, sind nach Bolles Beobachtung die EWAs. Dabei steht ›EWA‹ für Eierlegende-Wollmilchsau-Apologeten, also Leute, die – wohl aus überschäumender Freiheitsmotivation heraus – der festen Ansicht sind, es müsse doch wohl möglich sein, alles gleichzeitig haben zu können, und das möglichst unbegrenzt (vergleiche den Pfeil in unserem Mathildchen). So zum Beispiel auch Einheit in Vielfalt – oder Freiheit in Sicherheit, oder was und wie auch immer. Für die Anerkennung umgekehrter Proportionalitäten bleibt da natürlich wenig Raum, of course. Und wohl auch nicht für Mathe überhaupt.

Dabei ließe sich an dieser Stelle unglaublich viel Energie sparen – was von gewissen Kreisen derzeit ja durchaus angestrebt wird. Warum? Weil, wenn etwas mathematisch nicht funktioniert, wird es auch im wirklichen Leben unmöglich funktionieren können – nicht einmal in einer möglicherweise besten aller möglichen Welten. Es lohnt sich also nicht, sich darum weiter zu bekümmern – ebensowenig, wie es zum Beispiel Sinn macht, etwa ein perpetuum mobile ersinnen zu wollen (um mal beim Energiesparen zu bleiben). Und so nennt man derlei Bestrebungen in Bolles Kreisen herzlich, und auch ohne jede Häme, kurz und knapp ›HH‹. „Haha“ für Hülsenfrüchtchens Hirngespinste. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.