So 18-10-26 Der Hang zum Überschwang

Proper, praktisch, plastefrei … (Netzfund).

Heißt es nicht ›Wer schön sein will, muß leiden‹? Bolle ist sich noch nicht sicher, ob man daraus folgern kann, daß, wer schön e r  (Komparativ) sein will, entsprechend  m e h r  leiden muß. Zumindest scheint es so, daß damit einiges an Mehraufwand verbunden ist. Womöglich aber gilt auch das nicht immer und überall. So weiß Bolle aus eigener Anschauung von Naturschönheiten zu berichten, denen man einen sprichwörtlichen Kartoffelsack hätte überstülpen können: Sie hätten immer noch blendend ausgesehen. Die Regel aber ist das nicht.

Beschränken wir uns – um die Dinge übersichtlich zu halten – auf einen einzigen Aspekt: die Frisur. Unser Bildchen zeigt einen Bub – sagt man heute noch so? zumindest in Österreich schon –, vielleicht aus den 1960er Jahren. Er präsentiert sich proper, praktisch, und – manche wird das interessieren – nebenbei auch plastefrei. Dabei wird sich der Aufwand durchaus in Grenzen gehalten haben: Kopp unter den Wasserhahn, kurz rubbeln, kämmen – fertig! Alle paar Wochen mal zum Frisör, zehn Minuten tutto completo – hat sich. So einfach kann’s gehen.

Allein, mit der Länge der Mähne wachsen auch die Maläste. Um der Lage Herr (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu werden, wird dann, manchmal zwei- bis dreimal wöchentlich, shampooniert und konditioniert. Das Shampoo braucht man, um die Haare zu entfetten. Den Conditioner (die Spülung) braucht man, um das entfernte Fett, das Haare nun mal brauchen, wieder zuzuführen. Das zeitaufwendige Trocknen schließlich wird mit dem Fön beschleunigt. An herkömmlichen Standards gemessen ist das natürlich die reine Tortur für die Frisur. Und wenn alles nichts mehr nützt: Dafür gibt’s dann ›Hair repair‹. Bolle findet: faszinierend! Es scheint in der Tat eine Tendenz zu geben, angesichts der allfälligen Widrigkeiten, die das Leben nun mal mit sich bringt, sein Heil auf immer komplizierteren Wegen zu suchen. Ein wenig erinnert das Bolle an ›Unfug mit noch mehr Unfug austreiben‹. Zwar hat das noch nie funktioniert – jedenfalls nicht wirklich. Allerdings hat es auch noch nie die Leute davon abgehalten, es immer wieder zu probieren. Sagen wir so – featuring Eugène Ionesco (1909–1994):

Und so hecheln die Hascherln
Dann eben durchs Leben.

Nun könnte man sagen: Was soll’s? Es geht ja nur um die Frisur. Allein Bolle hegt die Befürchtung, daß wir es hier mit einem mikrokosmischen Ausschnitt eines umfassenderen Phänomens zu tun haben könnten. Statt sich auf die Socken zu machen und sowohl praktikable als auch funktionable Lösungen zu suchen – und vor allem auch zu finden, geht mancherlei Trend in die gegenteilige Richtung: Statt KISS (keep it smart, keep it simple) läuft manches geradezu systemisch auf ›Den Teufel mit Beelzebub austreiben‹ hinaus. Da wär’ er wieder, unser Bub. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Eine Antwort auf „So 18-10-26 Der Hang zum Überschwang“

  1. Vielleicht liegt die Kunst darin, zu unterscheiden, wo Einfachheit eine Stärke und wo Sorgfalt eine Wertschätzung ist. Im Beruf und in der Politik täten uns oft pragmatischere Lösungen gut. Keep it simple? Unbedingt! Aber bei der Haarpflege? Da darf es ruhig ein bisschen mehr sein. KISS ist eine gute Lebensphilosophie – solange wir nicht vergessen, dass manche Dinge gerade durch die Pflege ihren Wert entfalten 😉.

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