So 27-09-26 Brötchentaste oder Ganz oben – wie geil!

Frühstücken wie ein König (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course). Netzfund.

Wie heißt es doch gleich im Volksmund? Frühstücke wie ein König, iß mittags wie ein Bauer, und abends wie ein Bettelmann (jeweils beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course). Auch heißt es: Das Auge ißt mit. Allein, warum denn nur das Auge? Sollte nicht dem ganzen Drum und Dran ein gewisses königliches Flair zu eigen sein?

Bei Bolle ist das so: Seine Orange Marmalade (bei den Briten mit drei ›a‹, of course) kommt – nicht anders als der Whisky – von der Insel und ist stets ›By appointment to Her Majesty the Queen‹. Bei der nächsten Lieferung übrigens müßte es wohl › … to His Majesty the King‹ heißen. Selbst Briten gehen manchmal mit der Zeit – Tradition hin oder her. Aber kieken wa ma … Dazu gibt es sonntags Ham & Egg (im Singular, denn zu̅ viel Eier machen fett, findet Bolle – vgl. dazu etwa So 19-07-26 De arte subtrahendi – Weniger ist mehr). Doch das alles nur am Rande.

Das war’s dann aber auch schon mit dem prätentiösen Eindecken des Frühstückstisches. Seine Schrippchen („buns“) besorgt Bolle zu Fuß. Dazu braucht er nicht einmal die Brötchentaste (ein Konzept der „Parkraumbewirtschaftung“ – welch unsägliches Wort, nebenbei bemerkt). Dabei wäre hier so viel mehr möglich. Schrippchen koofen kann nämlich soo geil sein. Unser Bildchen zeigt einen Einkauf der wahrhaft königlichen Art. Natürlich haben wir die Paragonisten via Augenbalken anonymisiert, da es uns stets nur um die Strukturen gehen soll und nie um einzelne Personen. Auch das Nummernschild haben wir mit einem – kann man das so sagen? – Augenbalken versehen. Die anderen beiden Paragonisten sind durch ihre Sonnenbrillen genug geaugenbalkt, wie Bolle findet. — Nun, hier stimmt wirklich alles: Es ist nachgeradezu wie in Reinhard Meys ›Das Geheimnis im Hefeteig (1971):

Um sie standen sehr unauffällig und stumm
Drei Herren in Trenchcoat und Schlapphut herum.

Zwar haben die Herren auf unserem Bildchen wenig mit Trenchcoat und noch viel weniger mit Schlapphut am Hut. Allein, man muß halt, siehe oben, mit der Zeit zu gehen wissen. Das Bild bleibt aber gleichwohl stimmig: Ganz tief in den Häuserschluchten – und doch gefühlt ganz oben. Dabei könnte Bolle – featuring The Carpenters 1972 – glatt lyrisch werden:

🎶 I’m on the top of the world lookin’ down on creation
And the only explanation I can find
Are the buns that I’ve found, here and everywhere around
They make me feel right at the top of the world 🎶

Übrigens sieht der Schlapphut rechts im Bild, wie Bolle findet, ein wenig aus wie Clint Eastwood in dem durchaus sehenswerten ›In the line of fire‹ (USA 1993 / Regie: Wolfgang Petersen). Immerhin: Den ganzen weiten Weg vom Wagen bis zum Trottoir hat unsere Protagonistin offenbar ganz allein zu Fuß zurückgelegt. Auch das Tütchen trägt sie selber. Bolle vermutet, daß das wohl zu einem unverfälschten Einkaufserlebnis dazugehören mag.

Kurzum: Ein wahrhaft königlicher Start in den Tag. Warum nur machen das dann nicht alle so? Bolle vermutet ja – und zwar fernab allen Sozialneides –, daß das mal wieder am schnöden Mammon liegen könnte. Schließlich will das alles finanziert sein. Obwohl: daß man für geschätzte  z w e i  Schrippchen natürlich auch  z w e i  Limousinen braucht, of course – das leuchtet Bolle durchaus ein. Alles andere wäre wirklich armselig und so ganz und gar nicht königlich. Die Schlapphüte schließlich (mit oder ohne Hut) runden das Ganze gekonnt-königlich ab.

Dabei trifft es sich natürlich trefflich, wenn man sowas wie Carte blanche hat – also jemanden, der ohne groß zu meckern, oder ohne  ü b e r h a u p t  zu meckern, zuverlässig brav bezahlt. Klingt traumhaft – ist aber wahr. Ein solcher Jemand ist – da gibt es kein Vertun – der deutsche Steuerzahler. Und der hat’s ja bekanntlich. Also Win-Win!

Hat man eigentlich jemals von solch exaltierten Exzentrizitäten seitens der Queen gehört? Oder etwa seitens des Königs? Wie kaufen  d i e  denn ihre Schrippchen ein? Essen die überhaupt was? Möglicherweise zeigt sich – ohne daß wir da irgendwas romantisieren wollen – hier wie unter dem Brennglas der Unterschied zwischen altem Adel und den hochgespülten Gesellen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) unserer Tage. Wie heißt es doch gleich? Adel verpflichtet, beziehungsweise, vornehm formuliert, Noblesse oblige – und zwar idealerweise vor allem einen selbst. Neureich dagegen, beziehungsweise, wiederum vornehm gefaßt, L’existence de parvenu verpflichtet meist nur die anderen, und zwar zum Zechezahlen. Aber wie war das doch gleich mit dem Krug und dem Brunnen, der irgendwann mal bricht? (Der Krug, of course, nicht etwa der Brunnen). Warten wir’s ab – oder, wie Bolle sagen würde: Kieken wa ma. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 20-09-26 Wahn und Wettbewerb

Könnte alles easy sein. Könnte …

Ein Thema, zu dem Bolle schon immer mal was sagen wollte, ist Wettbewerbsfähigkeit. Wenn also irgendein hochgespülter Geselle (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) aus der clique politique sich hinstellt und dem Volke vollmundig verkündet, Deutschland müsse endlich wieder „wettbewerbsfähig“ werden – übrigens habe man das natürlich längst „auf den Weg gebracht“, of course – dann klingt das erst mal gut. Soll es ja auch. Aber ist es auch wahr?

Der Sinn von Wettbewerbsfähigkeit liegt darin begründet, daß eine Volkswirtschaft bestimmte einzelne Güter besser – gemeint ist eigentlich billiger – herstellen kann als ein anderes Land, und diese Güter dann zum beiderseitigen Vorteile tauschen kann – und zwar gegen Güter, die, tout au contraire, das  a n d e r e  Land besser beziehungsweise billiger herstellen kann. Daß ein Land  a l s   G a n z e s  „wettbewerbsfähig“ sein kann, ist also schon im Kern unsinnig. Es sind immer einzelne Güter oder bestenfalls einzelne Sektoren (Automobil, Chemie, Werkzeugmaschinen, etc.), die wettbewerbsfähig sind – oder eben nicht.

Dabei ist ›Wettbewerbsfähigkeit‹ nichts weiter als das Verhältnis („geteilt durch“) eines Marktpreises, der sich, wie auch immer, eingespielt hat und dem Preis, den einer für sein Produkt fordern muß, wenn er nicht pleite gehen will (eigener Preis). Im einfachsten Falle liegt der eigene Preis exakt beim Marktpreis: Für das Verhältnis ergibt sich dann genau 1 beziehungsweise, was das gleiche ist, 100%. Wir wären damit also nicht etwa „hundertprozentig wettbewerbsfähig“, wie der sprachliche Ausdruck das nahelegen würde, sondern eben nur gerade so. Liegt der eigene Preis dagegen zum Beispiel nur halb so hoch wie der Marktpreis, ergibt sich ein Verhältnis von 2 beziehungsweise 200%. Wir wären also locker wettbewerbsfähig. Liegt der eigene Preis, dritte Möglichkeit, dagegen doppelt so hoch wie der Marktpreis, dann ergibt sich ein Verhältnis von ½ beziehungsweise 50%. Eine Wettbewerbsfähigkeit von nur 50% bedeutet also, daß wir eben  n i c h t  wettbewerbsfähig sind – und lieber was anderes produzieren und tauschen sollten.

Aus rein didaktischen Gründen hat Bolle diesen Zusammenhang in unserem heutigen Mathildchen in „Klartext“ notiert – und darunter erst die gängige Definition in Symbolschreibweise. Warum notieren wir nicht immer gleich in Klartext? Nun, wenn einer oft mit derlei zu tun hat, ist es einfach lästig, immer alles auszuschreiben: ›WF‹ geht einem nun mal flotter von der Hand als jedesmal ›Wettbewerbsfähigkeit‹ schreiben zu müssen. Sagen wir so: man gewöhnt sich dran. Da wir uns hier aber weder daran gewöhnen wollen noch müssen, ist für unsere Zwecke die Klartext-Schreibweise wohl die geeignetere. Möge sie – neben den Luftballöngern, of course – dazu beitragen, unzweckmäßige Hemmungen, sobald man nur eine Formel sieht, ein wenig abzubauen. Im Grunde nämlich gibt es nichts, rein gar nichts, was wirklich kompliziert wär‘ auf der Welt, wenn man es versteht. Wie singt doch gleich der flotte Geist in Johann Strauß’ ›Zigeunerbaron‹ (1885)?

Ja, das alles auf Ehr,
Das kann ich und noch mehr,
Wenn man’s weiß ungefähr,
Ist’s nicht schwer − ist’s nicht schwer!

Auch mag das – so zumindest Bolles Hoffnung – den ein oder anderen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) davon abhalten, sich mit völlig sachfremden beziehungsweise gar abwegigen Fragen aufzuhalten – wie etwa: Sollte der Zigeunerbaron nicht lieber ›Cindy-und-Roman-Baron‹ heißen? Und der ›flotte Geist‹ nicht vielleicht ›Geist:in‹ oder ›Geist (m/w/d)‹? Wie’s scheint, gibt’s wirklich wenig, was manch gemeinem Hülsenfrüchtchen (Leguminella vulgaris) dann letztlich doch zu dumm wär’.

Allerdings – das wollen wir nicht vergessen – läßt sich in der Symbolschreibweise manches präziser notieren. So soll etwa das tiefgestellte ›i‹ daran erinnern, daß der Zusammenhang nur für jeweils irgendein (›i‹ wie ›irgendein‹) bestimmtes Gut gelten soll. Nicht, daß wir im Überschwange noch Äpfel mit Birnen vergleichen, also zwei völlig  v e r s c h i e d e n e  Güter. Das ›e‹ schließlich steht dafür, daß wir gegebenenfalls einen Wechselkurs zu berücksichtigen haben. Das leuchtet auch ein: Wenn sich mein eigener Preis in Euro bemißt, ich auf dem Weltmarkt aber zum Beispiel in Dollars wettbewerbsfähig sein will, dann muß ich natürlich wissen, wieviel Euros ein Dollar wert ist. Und der Doppelpunkt vor dem Gleichheitszeichen soll darauf verweisen, daß es nicht (empirisch) so „ist“ (wie etwa 3 · 3 = 9), sondern daß es lediglich zweckmäßigerweise (theoretisch) so definiert wurde. Das alles soll uns aber nicht weiter bekümmern – vor allem dann nicht, wenn ansonsten die Freude an der Einsicht in die grundsätzlichen Zusammenhänge verlorengehen würde.

Nehmen wir an, ein Land wie Costa Rica sei in der Lage, eine Containerkiste Bananen für 1.000 Dollar auf den Weltmarkt zu werfen. Deutschland könnte, wenn es nur wollte, ebenfalls Bananen produzieren: Schließlich gibt es Treibhäuser. Allerdings würde eine Containerkiste dann, sagen wir, vielleicht 20.000 Dollar kosten müssen (eigener Preis). Kurzum: Deutschland wäre, was Bananen angeht,  n i c h t  wettbewerbsfähig. Nach unserer Formel ergibt sich: 1.000 (Weltmarktpreis) geteilt durch 20.000 (deutsche Herstellkosten) macht 0,05 beziehungsweise 5%. Deutschland wäre also – rechnerisch, und praktisch sowieso – alles andere als wettbewerbsfähig, was Bananen angeht. Was aber irgendeine gegebene, zum Beispiel landwirtschaftliche Maschine angeht, verhalten sich die Dinge oft umgekehrt. Nehmen wir an, Deutschland könne eine solche Maschine zum Weltmarktpreis von 10.000 Dollar auf den Markt werfen. Costa Rica dagegen müßte dafür 100.000 aufwenden – falls es technisch überhaupt in der Lage wäre, eine solche Maschine zu bauen. Dann läge Costa Ricas Wettbewerbsfähigkeit bezüglich dieser Maschine bei 10.000 (Weltmarktpreis) geteilt durch 100.000 (costaricanische Herstellkosten) – macht 0,1 beziehungsweise 10%. Costa Rica würde also tunlichst auf die eigene Herstellung einer solchen Maschine verzichten und sie lieber gegen die Lieferung einer bestimmten Menge von Bananen eintauschen. Im Beispiel wären das 10 Containerkisten.

Was aber hat das mit uns zu tun? Nun, Industrieländer wie Deutschland wollen und müssen vornehmlich industriell hergestellte Güter anbieten – das legt allein der Name schon nahe. Industriell hergestellte Güter aber sind Güter, die – neben einer gehörigen Portion Ingenieurskunst und Facharbeiter-Fähigkeiten – mit vergleichsweise hohem Maschinen-Einsatz hergestellt werden. Maschinen aber brauchen vor allem eines: Energie. Wenn aber die Energiekosten vergleichsweise hoch liegen, dann liegen eben auch die Herstellkosten vergleichsweise hoch. Das bedeutet: der Preis, den ein inländischer Hersteller braucht, um wettbewerbsfähig sein zu können, liegt ebenfalls vergleichsweise hoch. Das wiederum bedeutet, daß es mit der Wettbewerbsfähigkeit für derartige Produkte dann nicht allzuweit her ist. Das aber heißt, daß der Hersteller weniger Gewinn erzielen kann oder aber gleich vom Markt fliegt – dann nämlich, wenn das Verhältnis von Weltmarktpreis zu eigenem Preis unter 100% fällt.

Noch krasser gestalten sich die Verhältnisse, wenn, im Extremfall, Energie überhaupt nicht zur Verfügung steht – zum Beispiel, weil es draußen dunkel ist und windstill und die Atomkraft­werke leider gesprengt wurden, ebenso wie die russischen Gas-Pipelines. Mit Konzepten wie ›Waschen, wenn der Wind weht‹ und ähnlichen hülsenfruchtigen Ideen ist es dann auch nicht mehr getan. Dann ist es eben Essig mit Tauschen – und hohe Zeit, sich energiesparend wieder mehr im Dichten und Denken zu üben – so wie früher, etwa im 18. Jahrhundert. Bolle sieht sie schon vor seinem geistigen Auge, die langen Gesichter nebst der Beteuerung,  d a s  habe man schließlich nicht wissen können. Habe man wohl! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 13-09-26 Der Durchmarsch der Deppen

Küchenkonversation statt Kindergarten (The Ladies‘ home journal 1948).

Alle Menschen sind gleich! Denkste! Alle sind verschieden! So wird ein Schuh draus. Der eine ist dicker, der andere dünner, die eine ist schlauer, die andere dümmer, der eine ist länger, der andere dagegen reicht da nicht mal ran, selbst wenn er sich auf Stelzen stellte. Und so weiter, und so fort. Man nehme ein x-beliebiges Merkmal (wie das in Bolles Kreisen vornehm heißt), operationalisiere es (überführe es also in Zahlenwerte) und schwupps – schon hat man eine Gaußverteilung: Da gibt es den Durchschnitt (man könnte auch sagen: das Mittelmaß) mit etwa zwei Dritteln der Grundgesamtheit, und da gibt es Überdurchschnittliches und Unterdurchschnittliches (mit jeweils etwa einem Siebentel), und schließlich gibt es noch ›top‹ und ›ui‹ (wie das in Bolles Kreisen heißt). Dabei steht ›ui‹ für ›unterirdisch‹. Zusammengenommen machen top und ui allerdings nur knapp 5% aus. Demnach ergibt sich das folgende Bild – wie neuerdings immer mit Bolles Luftballöngern, um der Graphik ein wenig die Schärfe zu nehmen.

Ei, der Gauß …

Aber das ist ja furchtbar! Ist es das? Zumindest ist es mathematisch – und damit nur ganz schlecht zu ändern. Und zwar weder im Kapitalismus – und auch nicht in einem wie auch immer gearteten Sozialismus. Bolle meint, da kannste nüscht machen. Oder, wie Bolles liebe gute alte Großmama gelegentlich zu sagen pflegte: Jeder hat sein Päckchen zu tragen.

Zum Glück ist es ja nicht so, daß einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) durch die Bank weg top wäre oder eben ui. Der eine kann dies, der andere kann jenes gut oder zumindest gut genug, um es zur Grundlage eines erfüllten und nützlichen Lebens zu machen. Der Trick – falls man das so nennen mag – kann doch nur darin bestehen, das zu tun, was einem liegt, und alles andere ebenso tunlichst wie weise bleibenzulassen.

Aber macht das mal den Bildungspolitikern klar oder gar den Pädagogen. Offenbar sind 2.500 Jahre praktischer Erfahrung bei weitem noch nicht lang genug. Da stolpert man von einem „hochmodern kreativ-innovativen“ Ansatz zum nächsten und wundert sich, daß man nicht recht weiterkommt. Dieser Tage hat sich – etwa eine Generation nach der ersten einschlägigen Erhebung – in der sogenannten PISA-Studie einmal mehr gezeigt, daß es stetig steil bergab geht mit dem Lesen, Schreiben, Rechnen. Man könnte glatt sagen: Nie war man dümmer als heute. Bolle möchte lieber gar nicht so genau wissen, wie solche Studien zustandekommen. Beschränken wir uns hier und heute auf das Stichwort ›Bildungsgerechtigkeit‹: Es sei, so hört man, völlig ungerecht, daß Kinder aus „unterprivilegierten“ Schichten schlechter abschneiden als Kinder aus den höheren Schichten. Das müsse man natürlich ändern – und zwar sofort, of course. Allerdings meinte man das damals schon. Passiert ist allerdings herzlich wenig in den letzten 25 Jahren.

Die Entschlosseneren meinen ja, man müsse dem Leistungsprinzip wieder mehr zur Geltung verhelfen. Lernen sei nun mal kein Zuckerschlecken. Was ist da dran – falls überhaupt was dran ist? Nun – abgesehen davon, daß Bolle Zucker weder mag noch braucht, glaubt er – falls er überhaupt was glaubt – an Entwicklungspsychologie. Und da gibt es nun mal so etwas wie Zeitfenster beziehungsweise, neudeutsch, „windows of opportunity“. Man könnte auch sagen: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Zumindest aber lernt Hans es nur mit einem völlig ungehörigen Aufwand.

Bei Bolle war das anders. Bei Bolle war es so, daß seine Frau Mama eine – wie man heute sagen würde – Tradwife war. Seinerzeit hieß das noch ›Hausfrau‹ und war ein durch und durch anerkannter und ehrenwerter Beruf. Und so kam es, daß Bolle – in der Küche auf dem Boden sitzend – seiner Frau Mama bei der Hauswirtschaft assistieren durfte. Dabei ist assistieren vielleicht ein wenig übertrieben. Schließlich hatte er wenig mehr zu tun als zuzuhören: „So – Mama schneidet jetzt die Kartoffeln. Dann kommen sie in den Topf …“. Und so weiter, und so fort. So ging das den ganzen Tag. Natürlich hatte Bolles Frau Mama nicht mit High Heels in der Küche gestanden. Auch war der Kühlschrank nicht so groß wie auf unserem Bildchen – und auch nicht so überschwenglich voll. Weniger amerikanisch, halt – dafür aber sehr viel gemütlicher. Vor allem aber: Mama war da und ansprechbar. Das war der wichtige Punkt – wie Bolle heute weiß.

Kurzum: Bolle ist von ganz klein an mit Sprache aufgewachsen. Er hatte sie den ganzen Tag im Ohr. Und irgendwann wurde ihm klar, daß es auch schriftliche Sprache gibt – die es natürlich zu entschlüsseln galt. Und zwar nicht etwa wegen irgendeines „Leistungsprinzips“, sondern allein aus Lust am Lesen, aus reinem Interesse. Bolle kann sich noch daran erinnern, wie er einst versucht hatte, die Aufschrift auf dem Klo-Spülknopf zu entziffern. Dort stand ›DAL‹ – der Markenname eines der damaligen Hersteller. Das ›A‹ kannte er schon. Daß in ›Wasser‹ ein ›A‹ vorkommt, war ihm ebenfalls klar. Und so gebot ihm die schiere Logik zu vermuten, daß dort ›Wasser‹ stehen  k ö n n t e . So macht Lesen lernen Spaß – und zwar ganz ohne jedes „Leistungsprinzip“.

Mit dem Schreiben verhielt es sich ähnlich. Bolle weiß heute noch, daß er stundenlang irgendwelche Buchstaben, die er schon kannte, nach dem Zufallsprinzip aneinandergereiht hatte und von seiner Frau Mama – die schließlich immer da war – wissen wollte, ob das was heiße, was da steht? Einmal war ihm, rein zufällig, ›BEIN‹ gelungen. Sein erster schriftlich gefaßter Begriff. Mama war entzückt – und Bolle stolz wie Bolle. Und so nahm es nicht weiter Wunder, daß er locker-lässig lesen konnte und auch schreiben – lange bevor ihm irgendwelche Pädagogen mit derlei auf die Pelle rücken konnten. Tja – mit der Hausfrau und der Küche ist es halt wie mit Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht. Aber wir waren bei Entwicklungspsychologie. Hier gilt: So etwas läßt sich nicht aufholen in späteren Jahren – nicht mit allem Geld der Welt. Never ever – wobei wir unter ›späteren Jahren‹ ein zartes Alter von vielleicht 6 oder 7 verstehen können und müssen. Soviel also zu „Bildungsgerechtigkeit“.

Natürlich kann einem leicht etwas langweilig werden, wenn die Pädagogen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mit wenig Neuem aufzuwarten wissen. Allein Bolle wußte sich schon immer auch so zu beschäftigen. So beliebte sein Französischlehrer, wohl nicht ganz zu Unrecht, ihn stets mit „Monsieur le Rêveur“, also „Herr Träumer“, anzusprechen und ansonsten in Ruhe zu lassen. Aber immer noch besser als unter verhaltensgestörten – heute heißt das ja verhüllend „verhaltensauffälligen“ – und dabei naturgemäß lerngestörten Mitschülern zu sitzen, die man aus reinem pädagogischen ›Alle Menschen sind gleich‹-Impetus meint, „inklusiv“ unterrichten zu müssen. Oder unter Mitschülern, die nicht einmal die Sprache sprechen und also auch kein Wort verstehen, oder bestenfalls kaum. Kann das funktionieren? Natürlich nicht! Die armen Lehrer! Sind die Mitschüler deshalb schlechtere Menschen? Natürlich nicht! Nur sind sie eben völlig fehl am Platze. Es schadet allen und nützt keinem. Im Grunde verhält es sich wie mit unserem Mathildchen vom So 02-08-26 Einheit in Vielfalt? Oder EWA meets Mathe? Hier müssen wir auf der Ordinate nur ›common sense‹ durch ›Gedeihlichkeit‹ (der Lernerfahrung und des Lernerfolges) ersetzen. Sonst ändert sich nüscht.

Wie sich die Mathildchen gleichen …

Das nicht zu sehen – beziehungsweise gar nicht erst sehen zu  w o l l e n , nachgeradezu zu leugnen – das ist es, was Bolle zu unserer heutigen Überschrift angeregt hat: derb zwar, aber kommt durchaus von Herzen. Für eine Volkswirtschaft nämlich, die außer ihrem Humankapital – mit Lesen, Schreiben, Rechnen als essentialia educationis, als unverzichtbarer Grundlage also – wenig in die Waagschale zu werfen hat, könnte das ein richtig böses Erwachen geben. Kieken wa ma, was passiert. Allein, wie heißt es doch so schön in Bolles Kreisen?

Wir glühen, bis die ganze Welt
an der Wirklichkeit zerschellt
und in sich zusammenfällt.

In Anlehnung an ›Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz‹ (vgl. dazu So 30-08-26 META – make everybody think again) könnte man vielleicht sagen: Freude am Können sieht nur von unten aus wie Leistung. Ist die Freude erst einmal erweckt – und das geht nun mal nur in sehr, sehr jungen Jahren – dann ergibt sich der Rest wie von selbst. Jeder spätere Versuch, da irgendwas zurechtzustoppeln, ist allenfalls ›a very Ersatz‹ (wie die Yanks das trefflich nennen). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 06-09-26 Wenn Krüge vor den Brunnen brechen

Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. (Eiselein 1840).

Was soll man sagen? Es wird Herbst. Unverkennbar. Als Bolle gestern abend in seiner Eckkneipe vor einem Feierabend-Bierchen saß, da war er doch sehr froh, daß er eine solide Tweet-Jacke anhatte und kein sommerliches Leinen-Jäckchen. Wie sagt man doch gleich auf der Insel? The best British clothing for the worst British weather. Doch das nur am Rande.

Politisch dagegen könnte es ein durchaus heißer Herbst sein beziehungsweise werden. Zwar nicht unbedingt ein ›Herbst der Reformen‹ – der ist letztes Jahr schon ausgefallen, und dieses Jahr sieht es kein bißchen besser aus. Aber so kann’s nun mal gehen, wenn zusammenwächst, was partout nicht zusammengehört. Überhaupt kann sich Bolle des Eindruckes nicht entbehren, daß die eigentliche Regierungsarbeit nur noch darin besteht, die Opposition zu bekämpfen. Mehr „Minimalkonsens“ läßt sich kaum noch finden.

Heute sind Wahlen im Lande Sachsen-Anhalt – und der Journalismus 2.0 dreht seit Wochen durch, wie’s scheint. Wir wollen hier nicht spekulieren, wie das alles enden wird. Der kluge Prophet wartet die Ereignisse ab. Heute abend wissen wir mehr.

Was wir aber jetzt schon sagen können: Die Völker der Welt schauen auf dieses Land (Bolle featuring Ernst Reuter 1948). Nicht weil es so bedeutsam wäre – das ist es nun mal nicht –, sondern weil hier etwas passieren könnte, das so rein gar nicht in die bräsigen Köppe der gegenwärtigen clique politique passen will: ein politischer Machtwechsel.

Eigentlich sollte man ja meinen, ein Machtwechsel sei das Normalste in einer Demokratie. Wer so denkt, hat aber nicht begriffen, daß wir hier in einer „unsere Demokratie“ leben – wie es immer so schön heißt. Und da geht sowas nun mal gar nicht. Zumindest ist es nicht vorgesehen.

Bislang lief das Spiel ja in etwa so: Die CDU baut Mist. Also wählen alle das nächste mal SPD. Die SPD baut Mist. Also wählen alle das nächste mal CDU. Die CDU baut Mist … Und so weiter, und so fort – ad libitum. Wir hatten diesen Punkt schon mal erwähnt (vgl. dazu etwa Do 19-12-24 Das 19. Türchen: Seid’s ihr deppert?). Demokratie als Partizipations-Placebo, halt.

Daß es für eine Regierung durchaus mehr zu tun geben könnte als nur die Opposition zu bekämpfen, sollte eigentlich einleuchten. Aber wie ist es bestellt um den – wie Bolle das nennt – kontemporär-kapitulativen Zustand der clique politique? Vielleicht in etwa so:

PLZ ohne diagnostische Kraft und ohne Ziel und ohne Plan.

Um planen zu können, braucht man so etwas wie prognostische Kraft – also ein Gespür dafür, was passieren wird, wenn ich dies oder jenes tue. Davon ist nicht viel zu spüren. Und bevor man sich daran macht, die Welt zum Besseren zu wenden, sollte man zu allererst wissen, wo man eigentlich steht. Bolle nennt das neuerdings diagnostische Kraft. Auch davon ist nicht viel zu spüren: Wenn also, nur pars pro toto, dem staunenden Wahlvolke verkündet wird, daß niemand in die Sozialsysteme einwandere, oder daß das Migrationsproblem im Wahlkampf keine Rolle mehr spiele, oder daß die AfD mit der CDU so rein gar nichts gemein habe, oder, oder, oder – dann muß man sich wirklich fragen: In welcher Welt leben die? Oder, konstruktiv gewendet: Wie wollen solche Leute irgendwelche sinnvollen Schritte unternehmen, wenn sie nicht mal wissen (oder gar nicht wissen wollen), wo sie stehen? Drittens schließlich – auch das kann schwerlich schaden – braucht es ein Ziel. Man muß wissen, wo man hinwill. Sonst ergeht es einem  leicht wie Alice in Wonderland (vgl. dazu Fr 04-12-20 Das vierte Türchen …):

– Könntest Du mir bitte sagen,
wie ich von hier aus am besten weiterkomme?
– Das hängt schwer davon ab, wo Du hinwillst …

Nun – mit allen dreien dieser Punkte ist es weiß Gott nicht zum Besten bestellt. Schaut Euch um auf dieser Welt. Aus einer gründlichst dissoziierten Perspektive – Bolle liebt ja derlei – könnte man, lyrisch werdend, durchaus sagen:

Da gibt es schleimige Gesellen
Gar mannigfaltiger Natur,
Die Recht und Geist vom Fuße auf die Köpfe stellen.
Wo aber bleibt dabei das Volk? Ja, wo zum Teufel bleibt es nur?

Tja – und dann wundert man sich, daß weite Teile des Volkes das zunehmend nicht mehr zu goutieren wissen und – völlig systemfremd, jedenfalls in  d i e s e m  System – nach ernsthaften Alternativen suchen. Wie heute in Sachsen-Anhalt und demnächst, wie’s scheint, auch anderswo. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.