So 04-10-26 Erlesene Eliten

Alte Schule …

Reden wir mal wieder von Eliten. Das letzte mal hatten wir uns dieses Themas vor über einem Jahr angenommen (vgl. dazu So 27-07-25 Voll die Elite – oder doch eher Schiete?) Seinerzeit ist selbige – wie die Überschrift von damals schon erahnen läßt – nicht allzu gut davongekommen. Allein, es wird nicht besser, nur weil wir stille schweigen.

Wie  w i r d  man eigentlich Elite? Wenn wir von Standes- und Geldeliten einmal absehen wollen – hier reicht es durchaus aus, im richtigen Bettchen geboren zu sein – und uns auf Leistungseliten beschränken, dann geht das meistens nur auf die harte Tour – etwa so, wie Jacob Burckhardt (1818–1897) das beschrieben hat (siehe unser Schildchen). Ihm war durchaus klar, daß es sowas wie „ein festes Studium“ (Fachrichtung egal) braucht zu dem Zwecke, „konsequent arbeiten zu lernen“ und vor allem auch, „den nötigen Ernst in der Wissenschaft zu befestigen“.

Allerdings, das bliebe anzumerken, ist Bolle weit davon entfernt, unbedingt ein Studium voraussetzen zu wollen. Es gibt durchaus auch andere Wege, sich zu bilden. Sagen wir so: Ein malerischer Malermeister wäre Bolle durchaus lieber als einer, der akademisch in einem Master-Studiengang wie zum Beispiel ›John-Lennon-Studies‹ (soll es angeblich wirklich geben) brilliert hat. Auch sind durchaus Zweifel angebracht, ob derlei auch nur in die Nähe des Burckhardt’schen Ernstes in der Wissenschaft heranreichen würde. Damit soll natürlich nichts gegen John Lennon gesagt sein, of course.

Ei, der Gauß …

Der Trick – wenn man das so nennen will – besteht darin, in die Top-Klasse vorzustoßen, also in die oberen knapp 2½ Prozent. Das ist natürlich nicht nach jedermanns Geschmack, of course. Auch übersteigt es mancher Menschen Fähigkeiten – was bei nur 2½ Prozent nicht weiter Wunder nehmen mag. Im Übrigen – doch das nur ganz am Rande – findet Bolle es immer wieder faszinierend, wie man mit einer handvoll an Mathildchen den gröbsten und dabei auch den größten Teil der Welt erklären kann. Auch scheint sich die an und für sich durchaus verständliche natürliche Reaktanz weiterer Kreise unserer geneigten Leserschaft – nicht zuletzt den Luftballöngern sei wohl Dank – erfreulicherweise durchaus in Grenzen zu halten.

Natürlich ist das alles ganz und gar nicht „inklusiv“. Im Gegenteil, es ist nachgerade  e x klusiv. Man muß zu unterscheiden wissen. Und schon beginnt die Lebenslüge – der Haarriß im Gefüge. Seit es nämlich Mode geworden ist, jede Unterscheidung als „Diskriminierung“ zu diskriminieren, kann das gar nicht anders sein.

Nachdem das geklärt wäre: Wie  b l e i b t  man Elite? Neben der harten Tour gibt es noch sowas wie einen Hysteresis-Effekt. Hysteresis soll meinen, daß Ursache und Wirkung zeitlich auseinanderfallen. So muß einer in der Regel ziemlich lange ziemlich viel leisten (Ursache), bevor die Welt was merkt und einem eine privilegierte Position, einen Status, zuweist (Wirkung). Umgekehrt und ebenso gut kann es aber auch sein, daß einer schon lange nichts mehr leistet, ohne gleich seines Status enthoben zu werden: Man bleibt im Amt, obwohl man da, gemessen an der gegebenen Leistung, an sich rein gar nichts mehr zu suchen hätte. Featuring Wilhelm Buschs Julchen (1877) könnten wir, natürlich grob verkürzt, wie folgt formulieren:

Elite werden ist recht schwer,
Elite sein dann gar nicht mehr.

Einmal im Club – immer im Club. Auf Elite abonniert. Die Solidarität der Insider, der Eliten-Konsens, schützt einen und stützt einen. Bis es wirklich auffällt, daß man nichts mehr kann, ist man längst in Rente. Und nach mir die Sintflut.

Allerdings – das wollen wir nicht vergessen – neigt eine solche leistungsvergessene und nur noch aus idiosynkratischer Selbstherrlichkeit existierende Elite dann doch ein wenig zum Sklerotisieren. Man wird bräsig, faulig, läßt sich gehen. Bolle findet: ungut! und ist versucht, hierfür ein Wort wie Vulgär-Elite im Munde zu führen – was natürlich im Kern ein Widerspruch in sich ist. Um es einmal mehr mit Mephistopheles zu fassen: Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie.

Allein, was wär’ die Wirklichkeit, wenn sie nicht so wirklich wär’? So wirklich – und auch noch so voll humorvoll. Das Universum schlägt gelegentlich zurück – und so kann ganz unversehens aus manchem Haarriß im Gefüge eine veritable Gletscherspalte werden.

So geschehen dieser Tage, als das Wort von den Vulgär-Demokraten die Runde gemacht hat – ein Begriff, der Bolle durchaus neu war. Aber wie gesagt: Das Universum hat Humor. Was genau damit gemeint ist? Wir wissen es nicht. Nur so viel:

Im Wesentlichen ging es wohl um Folgendes: Das Volk hatte sich erfrecht, zu wählen, was es will – und dabei den Korridor des Wählbaren verlassen. Kann es sowas geben? Aber Ja doch. Schließlich gibt es in „unserer“ Demokratie auch einen wohlgepflegten Korridor des Sagbaren. Warum dann nicht auch des Wählbaren? Doch damit nicht genug: In der Folge hatten die begünstigten Funktionäre – also die Vertreter dieses Teiles des Volkes – dann auch noch Ansprüche angemeldet. Im Extremfall wolle man sogar regieren. Das ist in der Tat vulgär. Das leuchtet Bolle ein.

Nehmen wir, da wir schon beim Thema sind, ›vulgär‹ als unmittelbares Antonym zu ›elitär‹. Das paßt auch schön zu unserem Mathildchen. Verstehen wir unter ›elitär‹ alles, was rechts von s = 2 ist, und unter ›vulgär‹ den ganzen groben, großen Rest, dann wird unmittelbar klar, daß eine Demokratie „vulgär“ sein  m u ß  – sonst wäre sie keine Demokratie. Das mag verwirrend klingen – ergibt sich aber rein mathematisch. Allein von daher muß es stimmen.

Nun aber prallen zwei Phänomene aufeinander. Wie gesagt – das Universum hat Humor. Auf der einen Seite die Vulgär-Demokraten, die alle Mathematik auf ihrer Seite haben. Auf der anderen Seite die – wie soll man sagen? – Elitär-Demokraten, also Leute, die im Zweifel zu Sachwaltern des Überkommenen verkommen sind. Hysteresis, halt. Unfähig, und vor allem auch unwillig, sich an  i r g e n d  etwas anzupassen. Demokratie? Gerne – doch störet unsre Kreise nicht. Im besten Ludewig’schen Sinne: L’État? Sind  w i r  – nicht etwa ihr (vgl. dazu So 18-01-26 L’État c’est moi oder Wir sind das Volk).  I h r  seid das Volk – und das soll nun mal nicht anmaßend sein. Man könnte hier – dem Lied der Deutschen folgend, wobei es wie immer keine Rolle spielen soll, ob wir musikalisch die Ost- oder die West-Hymne anlegen – glatt lyrisch werden. Hier Bolles Fassung:

🎶 Bräsig, bräsig woll’n wa bleiben
Woll’n wa bleiben allemal.
Zwar versperrt uns das die Zukunft
Ist uns aber auch egal. 🎶

Unter dem Strich sind das also Leute, die meinen, so eine Art gottesgnadentümliches Anrecht auf die Mitgliedschaft in der jeweils gegebenen Elite zu haben – einschließlich Dienstwagenschlüssel, of course. Will man von sowas regiert werden? Will man wohl eher nicht. Hinzu kommt eine pragmatische Frage: Wozu braucht einer einen Dienstwagenschlüssel, wenn er doch einen Chauffeur hat – oder derer gleich mehrere? (vgl. dazu nicht zuletzt unseren letzten Beitrag: So 27-09-26 Brötchentaste oder Ganz oben – wie geil!) Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.