Sa 27-02-21 Wahrheit ohne Klarheit

Wahrheit ohne Klarheit.

Neulich hat Bolle gehört, daß Corönchen in den USA jetzt schon mehr Tote „gefordert“ hat als der 2. Weltkrieg insgesamt. Krass. Ein glattes Faktum, das. Aber ist es auch „wahr“? Nun, nach Angabe des US-Veteranenministeriums belaufen sich die Weltkriegs-Toten auf 405.399. Die Corönchen-Toten dagegen belaufen sich auf bislang 507.800. Also wahr. Aber sind die 405.399 Weltkriegs-Toten wahr? Möglich, aber unwahrscheinlich. Warum? Nun, je genauer eine Zahlenangabe, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß irgendein Statistiker an irgendeiner Stelle irgendein Häkchen falsch gesetzt hat. Also „Fake News“? Strenggenommen Ja. Aber kommt es darauf überhaupt an? Natürlich nicht. Das aber ist keine Frage der Fakten – es ist eine Frage der Einordnung.

Was Bolle damit sagen will: Selbst auf der Ebene schlichter, unverbundener Zahlen kommen wir ohne Einordnung nicht aus. Die „nackten Fakten“ vermitteln allenfalls eine erste, ungefähre Orientierung – und bedürfen dringend der Interpretation. Interpretation aber ist eine höhere kognitive Funktion, eine Kunst geradezu, und mit keinem Taschenrechner der Welt zu bewältigen. Die Wahrheit läßt sich nun mal nicht ausrechnen.

Noch bedenklicher wird es, wenn wir nicht auf der Ebene schlichter, unverbundener Zahlen bleiben, sondern zum Beispiel den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen absoluten vs. relativen Zahlen einführen. Hier ergibt sich, daß bislang nur (?) 1,5 Promille der Amerikaner wegen Corönchen verschieden sind (507.800 geteilt durch 328 Millionen). Dem 2. Weltkrieg dagegen sind doppelt so viele, nämlich 3,0 Promille, zum Opfer gefallen (405.399 geteilt durch damals 132 Millionen). Wahr oder nicht wahr? Offenkundig wahr – paßt aber nicht zu unserem Ergebnis von oben. Was nun? Was tun? Wir kommen nicht drum rum: Schon wieder müssen wir einordnen bzw. interpretieren.

Mit den reinen „Fakten“ kommen wir keinen Schritt weiter. Und dabei haben wir erst die Ebenen „schlichte, unverbundene Zahlen“ bzw. „absolute vs. relative Zahlen“ abgehandelt – also voll die Froschperspektive.

Wie steht es um die „nackten Fakten“, wenn wir Attribution ins Spiel bringen – also die Neigung des menschlichen Gehirns, den Tatsachen Ursachen zuzuschreiben? Auch hierfür hat Bolle ein passendes Beispiel gefunden. In einem Beitrag einer an sich seriösen Zeitung heißt es, der Corönchen-Overkill, also der Zeitpunkt, da die Corönchen-Toten die Weltkriegstoten überschritten haben, sei justamente auf den Amtsantritt von Joe Biden gefallen. Fakt oder Fake? Könnte man als Fakt durchgehen lassen. Allerdings müßte man dann alles, was wir bislang gesehen haben, nonchalant ausblenden. Umgekehrt könnte man es also auch als subtile Form von Trump-Bashing durchgehen lassen. Das wäre nicht weniger wahr.

Richtig dumm wird es indes, wenn wir, viertens, „interessengeneigte Wahrheit“ ins Spiel bringen. Auch das ist alles andere als neu. Francis Bacon hat sich schon 1620, also vor nunmehr 400 Jahren, einschlägig geäußert: „Intellectus humanus luminis sicci non est; sed recipit infusionem a voluntate et affectibus, id quod generat Ad quod vult scientias.“ Übersetzen? Übersetzen. „Der menschliche Intellekt leuchtet nicht aus sich heraus. Vielmehr wird er von Wünschen und Leidenschaften gespeist – was dazu führt, daß wir es mit ›Wissenschaft ganz nach Wunsch‹ zu tun haben.“ Kurz und knapp: Wissenschaft wie’s g’rade paßt. Entsprechend können wir „Ad quod vult veritas“ (wörtlich: Wahrheit, wie man’s gerne hätte) knapp mit: „Wahrheit ohne Klarheit“ übersetzen.

Kurzum: Die nackten Fakten könnt Ihr knicken. Nice to have und als Grundlage unverzichtbar – aber ohne Einordnung bzw. Interpretation in keiner Weise zielführend. Warum dann das ganze doch eher unreflektierte „Fakten eintakten“? Nun, jeder tut, wie er kann, meint Bolle. Die solidere Erklärung: Menschliches Orientierungsbedürfnis, eines der kognitiven Grundbedürfnisse. Lieber irgendeinen Plan haben als gar keinen. Wer mag, mag dazu den kurzen Beitrag unter Sa 16-01-21 Wirklich wahr? nachlesen. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 25-02-21 Le Waldsterben

Le Waldsterben.

Ganz am Rande, und voll von Corönchen und islamistischen oder sonstigen Übeltätern überschattet, hat es das Waldsterben als zartes Pflänzchen dann doch mal wieder bis in die bildungsbürgerlichen Medien geschafft. Bolle gratuliert.

Bolle hat, was Form und Inhalt angeht, bekanntlich einen ausgesprochen Sinn für das Knappe und Grundsätzliche – und in diesem Rahmen vor einiger Zeit eine lose Liste angelegt mit den drängendsten Problemen, die uns plagen. Hier und heute finden sich darin genau zwei Dutzend Einträge. Sollte also eigentlich noch „überschaubar“ sein, wie das auf neudeutsch neuerdings heißt – zumal es deutliche Querbezüge gibt: Die Lösung von so manchem Problem A würde so manches Problem B absehbar obsolet machen.

Für unsere jüngeren Leser: Das Waldsterben ist alles andere als neu. Spätestens in den frühen 1980er Jahren gab es in Deutschland eine regelrechte Waldsterben-Welle. Nun waren die Deutschen ihrem Wald schon immer aufs innigste verbunden. Wo war das doch gleich noch mal, wo Hermann der Cherusker (die Römer nannten ihn Arminius) 9 n. Chr. Varus’ Legionen vernichtend geschlagen hatte? Im Teutoburger Wald.  Der war den Römern viel zu dunkel, zu morastig, kurzum: zu unübersichtlich. Nicht so den Germanen. Die Liebe zum Wald geht den Deutschen so weit, daß Elias Canetti in seinem (übrigens höchst lesenswerten) philosophisch gehaltenen Opus »Masse und Macht« (1960) den Wald als das „Massensymbol“ der Deutschen identifizieren konnte. Das Massensymbol zum Beispiel der Franzosen – also das, was im Kern verbindet – sei dagegen ihre Revolution. Und so kam es, daß die Franzosen das deutsche Waldsterben zunächst belächelt haben – nur um es dann als Lehnwort, „Le Waldsterben“, zu übernehmen. Bolle lieebt der Franzosen Feingefühl für Sprache.

Zwar wurde der Wald in den 1980er Jahren nicht wirklich „gerettet“. Vielmehr wurden die kranken Bäume geschlagen – was sich selbstredend erfreulich auf die Schadensstatistik ausgewirkt hatte. Auch hat die Post 1985 eine Briefmarke mit dem Aufruf „Rettet den Wald“ herausgebracht –  graphisch untermalt mit einer Uhr, die auf etwa drei Minuten vor zwölf steht. Immerhin.

Was hat das mit uns hier und heute zu tun? Nun, die frühen 1980er Jahre sind mittlerweile 40 Jahre her. Passiert ist seitdem – nüscht. Auch war das keineswegs der Anfang. Ansätze zu einer vernünftigen (neudeutsch: „nachhaltigen“) Forstwirtschaft lassen sich bis mindestens 1884 zurückverfolgen. Damals hieß das noch „Dauerwald“ – wobei „Dauer“ im semantischen Netz nicht allzu weit von „nachhaltig“ entfernt ist.

Kommen wir zum Punkt: Bolle befürchtet, daß die Staatsorganisationsform ›Demokratie‹ für die Lösung schwelender Probleme alles andere als erste Wahl ist. Solange es nur schwelt, neigen Demokraten zu einer „Kieken wa ma“-Einstellung. Erst wenn die Hütte brennt – oder gar die Jacke – beginnt das große Flattern. Corönchen ist da wohl das beste Beispiel. Bolle meint: So kann man zwar Symptome bekämpfen, aber keine Probleme lösen – und verweist kühl auf unseren Beitrag von gestern nebst dem Verweis auf Tobin (Di 02-02-21 Von Gänseblümchen und Brennesseln). Also, was tun? Demokratie abschaffen? Das wohl lieber nicht. Aber eine gewisse Feinjustierung kann vielleicht nicht schaden. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 23-02-21 Wo bleibt denn da das Positive?

Wo bleibt denn da das Positive?

Nichts liegt Bolle ferner als übertriebener Zynismus. Und das, obwohl in seinem semantischen Netz »Zynismus« lange nicht so abwertend („negativ“) besetzt ist wie der Geist der Zeiten das gegenwärtig sehen mag. Wir hatten diesen Punkt neulich schon mal gestreift (vgl. So 07-02-21 Shit happens). Wer mag, mag dort nachlesen.

Wo zeigt sich nun das Positive? Womöglich nur im Corönchen-Test. Wirklich aufbauend ist das nicht – das sieht Bolle ein. Nun gibt es, um einen „positiven“ Corönchen-Test zu vermeiden, im Grunde genau zwei Möglichkeiten: a) sich nicht infizieren oder b) sich gar nicht erst testen lassen. Auf Dauer aber – auch das sieht Bolle ein – wird sich letzteres wohl kaum vermeiden lassen. Nicht in Urlaub fahren dürfen mangels „negativem“ Testergebnis? Geschenkt. Bolle entspannt sich regelmäßig bei der Arbeit und ist demnach wenig urlaubs-affin. Nicht in den Klub dürfen aus gleichen Gründen? Ebenfalls geschenkt. Spätestens dann aber, wenn man ohne „negativem“ Testergebnis nicht mal mehr in den Supermarkt darf, wird’s eng. Genau das aber wird kommen. Zwar traut sich bislang noch kein einziger der demokratischen Würdenträger, das offen auszusprechen. Aber der Journalismus 2.0 arbeitet erkennbar und mit Fleiß daran, das Volk auf ebendieses einzustimmen. Bürgerliche Freiheitsrechte? Selbstverständlich – wir leben ja schließlich in einem demokratischen Rechtsstaat. Aber bitteschön doch nur für „gute“ Bürger – und nicht für jeden Lumpi, der verantwortungslos „sich und die anderen“ gefährden tut. Demokratie ist schließlich, wie wir bereits gesehen haben, ›die Herrschaft der Guten‹ (siehe So 06-12-20 Das sechste Türchen — Nikolausi …). Nur brauchen die Guten manchmal eben ein Weilchen, bis sie einsehen, was gut ist und was nicht: „Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum“ (Ihr werdet sein wie Gott und Gut und Böse unterscheiden können). Das hat ausgerechnet Mephistopheles dem jugendlichen Schüler in sein „Stammbuch“ geschrieben (Faust I, Zeile 2048) – nicht ohne hinzuzufügen: „Dir wird gewiß einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!“ (Zeile 2050). Im Grunde war das – obschon nicht ganz neu – der Anfang demokratischer Rechthaberei. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 19-02-21 Die fetten Lieferketten retten?

Die fetten Lieferketten retten?

In einer mittelalterlichen Siedlung wurden, so hört man, geschätzte 98% aller verbrauchten Güter in einem Umkreis hergestellt, den man von der Kirchturmspitze aus überblicken konnte. Lieferketten waren demnach unbekannt. Natürlich hat es immer schon Handel gegeben mit Gütern, die eben nicht in Kirchturmspitzen-Entfernung zu haben oder herzustellen waren. So sollen zum Beispiel ägyptische Pharaonen seinerzeit einen Narren an Bernstein gefressen haben. Bernstein findet sich aber vorwiegend in der Ostsee und nicht etwa im roten Meer. Und so hat es in der Bronzezeit schon einen mehr oder weniger schwungvollen Bernstein-Handel gegeben. Regelrechte Lieferketten waren das allerdings noch nicht.

Etwas anders sieht die Sache aus, wenn wir von der Ostsee zur Nordsee schwenken und von Bernstein zu beispielsweise Krabben. Die in der Nordsee gefangenen Krabben werden heutzutage allen Ernstes nach Marokko gekarrt, dort von Hand gepult und dann wieder zurückgekarrt, um auf einem Häppchen-Teller in, sagen wir, Buxtehude zu landen. Noch krasser wird das ganze, wenn, wie in einigen hoch-industrialisierten Bereichen, so ziemlich alles irgendwo anders hergestellt und hier nur noch zusammengeschraubt wird, um zum Abschluß mit einem fröhlichem „Made in Germany“-Etikett verziert zu werden. So richtig seriös will Bolle das nicht scheinen.

Was tun? Sprichwörtlich ›Zurück auf Los‹ – zurück zur mittelalterlichen Dorfgemeinschaft? Das wäre vermutlich übertrieben. Schließlich profitieren ja alle von der „internationalen Arbeitsteilung“ – wie das gerne und etwas euphemistisch auch genannt wird. In erster Linie profitieren aber die Länder, die die höherwertigen Güter anbieten – egal ob selber hergestellt oder einfach nur zusammengesteckt. In allererster Linie profitieren aber die Unternehmen, die das Lohngefälle ausnutzen (in Marokko liegt der übliche Stundenlohn nun mal deutlich unter dem in Buxtehude), und überdies die Gefälle in den Sozial- und Umweltstandards. Wenn in Marokko jemand nach einem langen Arbeitsleben einfach tot umfällt statt in Rente zu gehen, spart das eine Menge Geld. Und wenn den Krabben-Pulern (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course – wir wollen ja gender-korrekt sein und bleiben) im wahrsten Sinne des Wortes die Fabrikdecke auf den Kopf fällt, weil man in Marokko mit den Bauvorschriften noch nicht so weit ist: Betretene Mienen am Häppchen-Buffet. Wer hat’s vermasselt? Kaum feststellbar – zumal die marokkanischen Auftragnehmer die Aufträge ja regelmäßig längst an Sub-, Subsub- und Subsubsub-Unternehmen weitergereicht haben. „Diversifikation der Verantwortung“ nennt man das dann in der Betriebswirtschaftslehre. „Schulterzucken“ könnte man auch sagen.

Und? Wer ist schuld? Der Verbraucher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) natürlich, der seine Krabben ein paar Cent billiger haben möchte. Der Verbraucher – und nicht etwa die bösen Konzerne – ist immer schuld an allem, of course, und meint dabei auch noch, nicht mal betreten gucken zu müssen. Die Lieferketten sind aber auch zu schlecht zu überblicken (neudeutsch: zu „komplex“) – vor allem, wenn man gar nicht erst hingucken mag. Bolle fragt sich: Wäre die agnostisch-kontemplative Corönchenzeit, in der wir alle ja nun mal feststecken, nicht eine feine Gelegenheit, über diese und ähnliche Fragen mal ganz grundsätzlich nachzudenken? Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 18-02-21 Vom kernigen Lifestyle

Vom kernigen Lifestyle.

Und, Bolle? Übersetzen? Aber Ja doch: „Ich saufe ziemlich viel, schlafe wenig, und rauche eine Zigarre nach der anderen. Das hält mich zweihundertprozentig fit.“

So hat Churchill das, soweit wir wissen, nie gesagt. Ganz aus der Luft gegriffen ist diese Lifestyle-Regel aber dennoch nicht. Sie geht in recht ähnlicher Form zurück auf den britischen Generalfeldmarschall und Bezwinger von Erwin Rommels Panzerarmee in Afrika, Sir Bernard Montgomery. Übrigens nicht zu verwechseln mit dem gegenwärtigen Vorstandsvorsitzenden des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery. Aber auf derlei Feinheiten soll es uns hier gar nicht ankommen.

Worauf dann? Nun, Bolle hat den Eindruck, daß beide, sowohl Churchill als auch Montgomery, einen sehr viel „kernigeren“ Lifestyle gepflegt haben als das heutzutage den meisten zuträglich erscheinen will. Gleichwohl: beide sind rund 90 Jahre alt geworden – und das unter eher widrigeren Lebensumständen. Von wegen „Mimimi“.

Was hat das mit uns zu tun? Nun, Bolle fällt von Zeit zu Zeit immer wieder mal auf, welche geringe Rolle in der gegenwärtigen medizin-hysterischen Debatte die Tatsache spielt, daß offenbar nur um die 5% der Corönchen-Infizierten Raucher sind. Ein Ergebnis, das sich mit sämtlichen der zur Zeit geläufigen Vakzine messen kann. Aber ist das überhaupt wahr? Falls Ja: Darf das überhaupt wahr sein? Oder ist da Christian Morgenstern vor – von wegen „Weil, so schließt er messerscharf, // nicht sein kann, was nicht sein darf“?

Wir wissen es nicht. Auch wissen wir nicht, ob man in der gegenwärtigen Lage mit einem kurzfristigen Wandel zu einem kernigeren Lifestyle noch groß was reißen kann. Falls Ihr es ausprobieren wollt: Fragt auf jeden Fall zunächst Euren Arzt oder Apotheker. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mi 17-02-21 Na, und denn — ?

Na, und denn — ?

Die Textstelle stammt aus Kurt Tucholskys bitter-süßem Gedicht »Danach«. Das ist auch schon wieder 90 Jahre her bzw. für alle, die kleine Zahlen und große Einheiten lieber haben, drei Generationen. Ja, passiert denn nie was wesentliches auf der Welt? Und so endet Tucholskys Gedicht auch recht nüchtern:

Der olle Mann denkt so zurück:
wat hat er nu von seinen Jlück?
Die Ehe war zum jrößten Teile
vabrühte Milch und Langeweile.
Und darum wird beim happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.

Vabrühte Milch und Langeweile. Herrlich. Bolle liebt es, wenn Dichter die Dinge auf den Punkt bringen. Zur Zeit tun wir so, als sei Corönchen – ein Begriff, der vielen nur als Determinativ-Kompositum und ohne Diminutiv, also ›Corona-Pandemie‹ über die Lippen gehen will – eine Ausgeburt des Leibhaftigen. Also nüscht wie weg – und zwar so schnell wie möglich.

Auch über den Weg zum „weg“ herrscht Einigkeit. Wir haben das an anderer Stelle einmal »Humans go Borg« genannt (vgl. Sa 09-01-21 Und? Wie geht’s weiter?). Na, und denn – ? Denn kieken wa ma. „Back to normal“ heißt die Devise. Which normal?, fragt sich Bolle. Aus den corönchenbedingten Staatsschulden wollen wir, wenn man den Verlautbarungen Glauben schenken darf,  mir nichts dir nichts mal eben „rauswachsen“. Na toll. Die Umwelt läßt grüßen – und Perspektive geht irgendwie anders.

Bolle hat es vor einiger Zeit unternommen, eine Liste zu erstellen mit allem, was uns seit längerem schon plagt, und ist dabei auf schlanke 19 Punkte gekommen. Auf zwei, drei Punkte mehr oder weniger kommt es hier nicht an. Das klingt im Grunde noch beherrschbar – geht aber wohl nicht ohne Plan. Hier Bolles abgespeckte Liste, gekleidet in drei grundlegende Fragen:

Erstens: Wie kann es sein, daß die Weltbevölkerung in toto so wenig kreislaufkritisch ist?  Die hervorstechendsten Punkte sind hier vor allem der Atommüll und, weit abgeschlagen, der Plaste-Müll. Zweitens: Wie kann es sein, daß die Weltbevölkerung in toto ernstlich glauben kann, daß dieser Planet Platz für 8 Milliarden Erdenbürger bietet? Und drittens: Wie können wir glauben, daß sich die zu lösenden Probleme auf dem Wege von Mehrheitsentscheidungen werden lösen lassen – wo uns doch die Nash-Gleichgewichte (übrigens ein weiterer Punkt auf Bolles Liste) regelrecht ins Gesicht springen? Wir werden darauf zurückkommen. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 15-02-21 Der Weisheit letzter Schluß …

Der Weisheit letzter Schluß.

Es sind doch immer wieder die Dichter, und nicht etwa Wissenschaftler, denen es gelingt, die Dinge auf den Punkt zu bringen – und das mit einer prophetischen Perspektive von mehreren Jahrhunderten, oder auch noch sehr viel mehr. Die Fertigstellung des Faust II datiert auf 1831. Das war nur wenige Jahre nach den sogenannten Befreiungskriegen gegen den doch etwas übermütig gewordenen kleinen Korsen, der, nach zunächst beachtlichen Erfolgen mit dem erklärten Ziel, Europa zu „einen“, 1812 in Rußland hatte lernen müssen, was es heißt, ein wirklich großes Land erobern zu wollen. Ähnliches, doch das nur am Rande, mußten auch andere Feldherren, und seien es die größten, immer wieder erleben. Die Parallelen ziehen sich bis in die Gegenwart. Hatten wir schon erwähnt, daß sich Bolle, im Kern souverän, wie er nun mal ist, das Recht herausnimmt, alles, wirklich alles mit allem zu vergleichen? Gegebenenfalls auch Äpfel mit Birnen – wohl wissend, daß sie nicht gleich sind? Doch nun Ende Exkurs. Nur ein Jahr später schon, 1813, mußte der kleine Korse, der Lektionen zweiter Teil, in der sogenannten Völkerschlacht bei Leipzig leidvoll lernen, daß auch kleinere „Flickenteppiche“ wie etwa Europa nicht ganz leicht zu erobern sind, wenn sich alle, wirklich alle anderen – im wesentlichen also Preußen, Russen, Habsburger und auch die Briten –, einig sind, wenn auch nicht im erwünschten Sinne geeint. Wiederum nur zwei Jahre später, 1815, nach einer Rekonvaleszenzphase auf der Insel Elba, mußte er dann sein ganz persönliches Waterloo erfahren und wurde von den Briten, safety first, bis auf weiteres auf St. Helena in Sicherungsverwahrung genommen. Ende Gelände. Schluß mit Einiges Europa.

Was hat das mit uns zu tun? Von solcher Weisheit letztem Schluß sind wir heute, in doch eher friedensbewegten Zeiten, zumindest in Europa, weit, weit entfernt. Freiheit? Steht so in der Verfassung (Art. 2 GG). Leben? Das zu schützen ist Aufgabe der Regierung (ebenfalls Art. 2 GG). Und wehe, sie macht ihren Job nicht ordentlich – etwa weil sie zu spät oder zu wenig Impfstoff bestellt oder, mangels besserer Möglichkeiten, gar die Kommunikation per Fax erledigt. Wie haben wir’s so herrlich weit gebracht. Einerseits kann man das ja durchaus als zivilisatorischen Fortschritt durchgehen lassen. Wer will sich schon, wie Goethe das nennt, „täglich“ mit der Grande Armée her­umschlagen müssen? Versteht man ja. Aber wie so oft im Leben hat auch das seinen Preis. Für je selbstverständlicher Freiheit und auch Leben erachtet werden, desto mehr sinkt die Bereitschaft, sie „täglich zu erobern“ – und damit, nach Goethe, der eigene Verdienst daran. Und damit, das läßt sich nun mal nicht vermeiden, wird das ganze hohl und schal. Willkommen in der Gegenwart. Schöne, heile Welt (analog Huxley 1932 – noch so ein Prophet, by the way). Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

So 14-02-21 Corönchen-Proportiönchen

Rechenschieber reicht. Allemal.

Bekanntlich hält Bolle ja nicht viel davon, wie das Kaninchen auf die Zahlenschlange zu starren – vor allem dann nicht, wenn sich die Schlange auf die Einerstelle genau aufplustert. Als ob Schlangen sich aufplustern könnten. Halten wir also einen Moment inne und werfen einen Blick auf die Proportionen. Bis heute sind, wenn man den Zahlen glauben mag, 64.990 Leute an Corönchen gestorben. Vor einem Monat, am 14. Januar, waren es 45.209. Demnach sind in den letzten 31 Tagen 19.781 Leute „an oder mit“ Corönchen gestorben. Das klingt auf den ersten Blick nach richtig viel – bedeutet pro Tag aber „nur“ 638. Nun ist es so, daß in Deutschland 82,8 Mio Leute leben, die im Schnitt (sagen wir) 82,8 Jahre leben. Das bedeutet, daß pro Jahr 1 Mio Leute sterben – so oder so. Conditio humana, eben. Pro Tag sind das 2.740. Wenn wir die Zahlen ins Verhältnis setzen, dann würde das bedeuten, daß zur Zeit fast ein Viertel aller Todesfälle (638 geteilt durch 2.740 = 23%) auf das Corönchen-Konto gehen. Bolle meint: Möglich, aber unplausibel. Selbst wenn wir davon ausgehen, daß die Corönchen-Toten samt und sonders zusätzlich sterben – wovon wir nach allem, was wir wissen, aber nicht ausgehen können – dann wären wir immer noch bei knapp einem Fünftel (638 geteilt durch die Summe aus 2.740 und 638 = 19%). Bolle hält auch das für noch nicht sonderlich überzeugend.

Eher deutet alles darauf hin, daß Corönchen weniger die Ursache der Todesfälle ist (egal ob „mit“ oder „an“) als vielmehr der Auslöser (neudeutsch: Trigger). Das wiederum könnte bedeuten, daß Corönchen in der Tat eher ein sozialpsychologisches Problem ist und weniger ein virologisches. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 09-02-21 Wenn Corönchen kapitalistisch wäre …

Wintergarten. Besten Dank an Mü für die Zusendung.

Bolle ist verwirrt. Da hämmert man uns – zumindest im Westen – jahrzehntelang ein, daß der Markt die geniale Antwort der klassischen Ökonomen auf die allgegenwärtige Knappheit sei.  Manche gehen dabei sogar so weit zu erklären, daß „der Markt“ in der Tat jegliche Knappheit beseitigt – und zwar restlos. Und das nicht etwa erst in ferner Zukunft – wie man sich das in östlicheren Gefilden des Landes von fortgesetzter Planübererfüllung erhofft hatte – sondern hier und heute, jeden Tag. Die Logik geht in etwa wie folgt: (1) Begrenzte Produktionskapazitäten stoßen auf potentiell unbegrenzte materielle Bedürfnisse. (2) Folglich kann nicht jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) alles haben, was er gerne hätte. (3) Demnach brauchen wir einen Verteilungsmechanismus, der regelt, wer welche „knappen Güter“ kriegt und wer leer ausgehen muß. Die Lösung der klassischen Ökonomen ist ebenso verblüffend einfach wie naiv: „Der Markt“ – präziser gesagt: die Freie Marksteuerung, vulgo „der Kapitalismus“ – setzt die Preise solange hoch, bis einem Großteil der Nachfrager die Freude an der Nachfrage vergeht. Wenn also einer gerne einen schicken Lamborghini hätte – oder auch nur eine „bezahlbare“ Wohnung da, wo seine Eltern und Großeltern schon gewohnt haben – dann läßt sich seine „Haben-wollen-Intensität“ ganz einfach an seiner Bereitschaft messen, den Kaufpreis bzw. die Monatsmiete auf den Tisch zu blättern. Und wer nicht will, der hat offenbar schon. Und falls einer doch mehr Bedürfnisse haben sollte als er sich leisten kann: Nun – es steht jedermann frei, sich anzustrengen und seine Einkünfte entsprechend zu steigern. It’s a free country after all. Die Logik ist in der Tat bestechend – kommt dabei aber, wie gesagt, nicht ohne ein gerüttelt Maß an Naivität bzw. gar Lebensferne aus. Und doch ist genau das die auf den Kern runtergebrochene kapitalistische Markt-Logik. Komplizierter ist es an dieser Stelle wirklich nicht.

Was hat das alles mit Corönchen zu tun? Nun, wenn Corönchen konsequent kapitalistisch wäre, dann würden diejenigen das kriegen, was sie unbedingt haben wollen – in diesem Falle also den „rettenden Impfstoff“ – die bereit sind, die meiste Knete auf den Tisch zu blättern. Ihre überdurchschnittliche „Zahlungsbereitschaft“ ist nach dieser Logik nämlich nichts anderes als der Spiegel des überdurchschnittlichen „Nutzens“, den das Vakzin bei ihnen zu stiften vermag. Bilderbuch-Ökonomen sprechen hier auch gerne von „optimaler Ressourcen-Allokation“ – und in gewisser Weise haben sie sogar Recht.

Kurzum: Die kapitalistische Logik befreit uns von allen Nöten. Wer (am meisten) zahlt, hat Recht. Wer nicht bereit ist, (am meisten) zu zahlen, dem scheint die Sache nicht so wichtig zu sein. Und wer zwar bereit wäre, aber schlechterdings nicht in der Lage ist, (am meisten) zu zahlen, der mag sich demnächst halt mehr anstrengen und folglich auch mehr verdienen. Dann wird das schon.

Wenn wir dieser „kapitalistischen“ Logik nicht folgen wollen – und offenbar sind sich die Entscheidungsträger im Lande in diesem Punkt zur Zeit einig – dann brauchen wir einen anderen Mechanismus, der (übermäßige) Nachfrage mit (dem sehr viel knapperen) Angebot in Einklang bringt. Einen solchen Mechanismus gibt es in der Tat: Wir nennen es »Triage«: triager bedeutet in der militärischen Fachsprache ›auswählen‹ – und zwar wiederum nach einer Optimierungsregel – hier also den bestmöglichen Nutzen (möglichst viele „retten“) bei realisierbarem Aufwand (die Zahl der Rettungssanitäter ist regelmäßig begrenzt) zu erzielen.

Beiden Mechanismen – Marktsteuerung und Triage – liegt also ein Optimierungskalkül zugrunde. Der Unterschied: Während sich bei der Marktsteuerung die „Abgehängten“ sozusagen „selber triagieren“, muß bei der eigentlichen Triage ein Arzt, ein Pfleger, ein Sanitäter, oder wer auch immer, die Entscheidung treffen. Und das tut weh – vor allem, wenn man solche Entscheidungen (buchstäblich „auf Leben und Tod“) nicht zu treffen gewohnt ist.

Das war’s dann aber auch schon. Dumm nur, wenn man dabei auf potentiell „Abgehängte“ trifft, die von all dem nichts wissen wollen, und in völliger Ignoranz der Mangellage ihr individuelles Recht auf Weiterexistenz lautstark einfordern – und dabei womöglich auch noch massenmediale Unterstützung erfahren. Auf diese Weise geraten wir aber unversehens in die Abteilung „unlösbare Probleme“. Mit unlösbaren Problemen soll man sich aber möglichst nicht weiter befassen. Im übrigen wäre das dann auch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 08-02-21 Die arrogante Ignoranz der Mächtigen …

Lili Marleen — still going strong.

»Ignoranz« leitet sich ab von lat. ignorare ›nicht wissen, nicht wissen wollen‹. Ein Phänomen, das unter den Mächtigen dieser Welt weit verbreitet ist. Und das leuchtet ja auch ein. Je mehr einer weiß, oder gar wissen will, desto mehr lähmt das die Entscheidungsfindung. Gelehrtenrepubliken jeglicher Art (von Friedrich Gottlieb Klopstock 1774 bis Arno Schmidt 1957) gelten nach wie vor als utopisch und vor allem als dysfunktional. Praktikabler scheint Bolle da das klassische Macher-Motto: Avanti dilettanti. Vulgo: wird schon – kieken wa ma. Kurzum: übertriebene Reflektion stört die Macher nur beim Machen. Untertriebene Reflektion dagegen führt oft zum Verlust jeglichen Gefühles für das Suject – und lockt damit potentiell den „Volkszorn“ an wie die Motten das Licht. Damit wären wir bei Arroganz. Das immer gleiche Ende vom Lied: à la lanterne. Nicht, daß Bolle das befürworten würde: Bolle gönnt allen ein langes, glückliches und erfülltes Leben (vgl. dazu auch Do 04-02-21 Höret auf den Herrn …). Auch muß man heute keinen mehr aufhängen oder sonstwie vom Leben zum Tode befördern.  Erstens wäre das – zumindest zur Zeit – sowieso voll verfassungswidrig (Art. 102 GG: Die Todesstrafe ist abgeschafft) – und zweitens reicht es in aller Regel ja völlig aus, jemandem zum Beispiel die Scheckkarte zu sperren. Gleichwohl: der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Immer, immer wieder …

Was hat das mit uns zu tun? Bolle hat gestern erst erfahren, daß die Spätis (auswärts: Kioske, Büdchen, etc. pp.) in manchen Bezirken in Berlin sonntags nicht mehr sollen öffnen dürfen – und fragt sich, wem zum Teufel das denn possibly nützen soll? Den Späti-Betreibern sicherlich nicht. Der verpeilten Kundschaft vielleicht – auf das sie lernen möge, sich sonnabends schon mit dem Wochenend-Bedarf einzudecken? Möglich, aber unwahrscheinlich. Was dann? Wir wissen es nicht. Auch wird die Maßnahme nicht einmal mit Corönchen begründet – das wäre auch zu albern. Vielmehr wurde hier das Berliner Ladenöffnungsgesetz von 2006 aus irgendeiner Schublade hervorgekramt – ein Gesetz, von dem bislang niemand, wirklich niemand in der Stadt jemals irgendwas gehört hat.

Aber vielleicht ist Corönchen ja in der Tat nur die Hintergrundfolie für ein Spiel namens „Kieken wa ma, was geht“ – bevor das Volk richtig schlechte Laune kriegt. Wie gesagt: Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Aber das ist dann letztlich doch schon wieder ein anderes Kapitel.