Mo 08-12-25 Das achte Türchen: Kein Franzos‘ frißt Faserstoffe

Zen und die Kunst, ein Baguette aufzuschneiden.

Gestern war es uns um die oft doch recht leichtfüßigen Erklärungen mancher Mediziner bestellt – die immer dann zur Anwendung kommen, wenn man sich am Ende fühlt mit seinem Latein. Statt einfach zu sagen: Nichts Genaues weiß man nicht, muß für womögliche Schlaflosigkeit in Voll­mond­näch­ten dann eben das helle Mondlicht herhalten. Licht leuchtet ein! Auch wenn es im Ergebnis noch so absurd werden mag: Verbleibende Ungereimtheiten werden mangels eigentlicher Argumente abgeräumt, indem man sich mächtig in die Brust wirft und – wenn alles nichts hilft – mit ›Fragt die Wissenschaft‹ oder Ähnlichem daherkommt. Heute vor fünf Jahren übrigens hatte man die Absurdität corönchenmäßig zum bislang Äußersten getrieben. 

Neulich ist Bolle eher zufällig über die Frage gestolpert, wieso Ballaststoffe eigentlich ›Ballast­stoffe‹ heißen. Bolle hätte es ahnen können: Wenn einer nur Nährstoffe kennt, dann muß alles, was nicht nährt, nun mal Ballast sein – und damit bestenfalls überflüssig. Leuchtete allen ein – damals. Die Tatsache dagegen, daß sich Verdauungsprozesse im Laufe von Jahrtausenden – von Jahrmillionen, muß man sagen, Abermillionen gar – evolutionär eingespielt haben und daß das alles im Großen und Ganzen schon seine Richtigkeit und seine Funktion haben wird, mußte man offenbar erst einmal einzusehen geruhen. Gegenwärtig sind Ballast­stoffe natürlich voll der heiße Scheiß, of course – um es mal salopp zu sagen. Wir hatten das Thema im Sommer schon mal gestreift (wer nachlesen mag: So 20-07-25 Friß wie früher).

Bolle zum Beispiel nimmt nie Vitamine zu sich – und erst recht keine Vitaminpräparate. Obwohl die doch so gesund sein sollen … Und kein Franzos‘ frißt Faserstoffe (ein ungefähres Synonym für Ballaststoffe, das wir in unseren heutigen Titel allein der Tripel-Alliteration halber eingesetzt haben). Man ißt Baguette. Das muß genügen! Und sollte sich der ein oder andere Ballast- oder Faserstoff darin befinden: Bitteschön! – da wollen wir nicht mäkeln. Aber die Idee, ein Baguette zu essen, um (final!) Ballast­stoffe zu sich zu nehmen, will Bolle nachgerade derangiert anmuten.

Unser Bildchen übrigens zeigt die – man ist versucht zu sagen – legendäre Szene aus dem damaligen Kultfilm ›Diva‹ (F 1981 / Regie: Jean-Jacques Beineix), in der ein ausgewiesener Lebenskünstler seinen Eleven in die Kunst, ein Baguette aufzuschneiden, einführt. In Bolles Augen hat das mehr mit Nahrungsaufnahme zu tun als alle Ballaststoffe der Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 07-12-25 Das siebente Türchen – der 2. Advent: Vollmond

Vollmond im Dörfchen.

Heute ist Vollmond und die Nacht ruft nach mir // Komm mit mir tanzen, und ich küß dich dafür. So heißt es auf Nenas erstem Album (1983).

Zwar ist nicht gerade heute Vollmond – das war schon in der Nacht auf Freitag, unserem fünften Türchen. Auch hat Bolle niemanden rufen hören – und schon gar nicht die Nacht. Und tanzen? Küssen? Mädchen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) womöglich gar? Da sei Gott vor – sprach der Agnostiker.

Immerhin war es ein „Supermond“ – wie der Journalismus 2.0 marktschreierisch zu vermelden wußte. „Der letzte des Jahres“, wie es weiter hieß. Bolle meint nur: Ja, was denn sonst? Vollmond – egal ob super oder normal – ist nun mal nur alle gut vier Wochen. Angesichts der Jahreszeit bleibt da wohl nicht mehr allzu viel Spielraum.

Jedenfalls war Bolle nach zwei Stunden tiefen Schlafes kurz nach Mitternacht plötzlich putzmunter. Wegen Vollmond? Kann sein – kann Zufall sein. Bolle findet es durchaus nicht abwegig, ersteres ernstlich ins Auge zu fassen. Seit Jahrhunderten behauptet das Volk in seiner Weisheit ja, daß es einen Zusammenhang gebe zwischen Vollmond und Schlaflosigkeit. Und zumindest seit Jahrzehnten halten Mediziner – gestützt auf empirische Daten aus sogenannten Schlaflaboren – dagegen, das sei ja wohl alles Humbug, und ziehen sich auf das zurück, was zu verstehen ihnen nahe liegt: das Licht! Bei Vollmond – und erst recht bei Supermond – sei es nun mal heller in der Nacht, und damit auch im Schlafgemach. Daß die Leute heute Jalousien haben? Paßt nicht zur Theorie – kann demnach also auch nicht sein. Daß Bolle nie im Dunkeln schläft – die Beleuchtung seines Schlafgemaches dürfte auch den krassesten Supermond um ein Vielfaches übertreffen – auch das will ganz und gar nicht passen.

Schiere Einbildung? „Heute ist Vollmond – und das heißt, die Nacht ruft nach mir“ will Bolle als wissenschaftliche Erklärung auch nicht so recht einleuchten. Im Grunde weiß er nicht einmal, ob er überhaupt mitgekriegt hat, daß gerade Vollmond ist. Bleibt die unbewußte Aufmerksamkeit: Irgendwie wird Bolle es schon gemerkt haben. Hier allerdings wird es allmählich recht windig mit den wissenschaftlichen Erklärungsversuchen.

Wie weiter? Bolle hält den Vollmond – und erst recht den Supermond – für ein höchst lebenspraktisches Beispiel für die Vorzüge der Agnostik. Statt nur in Kategorien wie ›Ist so / Ist nicht so‹ zu operieren, behält sich ein Agnostiker die Kategorie ›me‹ vor: „Wer bin ich, das zu entscheiden? Ich lasse das mangels hinreichender Datenlage einfach mal offen.“ (Wer kurz nachschlagen beziehungsweise auffrischen mag: vgl. etwa Fr 10-12-21 Das zehnte Türchen …).

Natürlich muß man sich das erst einmal trauen. Üblicherweise ist das Bedürfnis nach Klarheit ja sehr viel stärker ausgeprägt als das Bedürfnis nach Wahrheit – selbst dann, wenn sich die Wahrheit dem Suchenden hartnäckig zu verschließen beliebt. Ein schlichtes ›Wir wissen es nicht – ich zumindest nicht‹ ist durchaus nicht jedermanns Sache. Auch dann nicht, wenn sich damit hunderte von Fehlurteilen oder, ganz allgemein, eine gravierende Schräglage im Umgang mit der Welt vermeiden ließe. Wie heißt es doch gleich bei Mephistopheles: Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Sa 06-12-25 Das sechste Türchen – Nikolausi: Stiefelknechte

Stiefelknechte im Laufe der Zeit (Carl Spitzweg 1845).

So schnell kann’s gehen. Heute schon ist Nikolausi. Außerdem ist Wochenende. Letzteres kann im allgemeinen Weihnachtszauber ja durchaus schon mal untergehen. Eigentlich wollten wir heute was zu den Stiefelknechten in der hohen Politik sagen. Allerdings meinte Bolle in einem seltenen Anflug von Sensibilität, das sei ja wohl kaum das richtige für unseren Adventskalender: kaum kontemplativ und viel zu laut und lärmend. Im Grunde hat er Recht: das läuft uns nicht weg. Verschieben wir es also auf das nächste Jahr.

Heute morgen in aller Herrgottsfrühe hat Bolle den Sankt Nikolaus durch die heimischen Hallen huschen und – sind’s gute Kind, sind’s böse Kind? (Theodor Storm 1862) – Äpfel, Nuß und Mandelkern in die hoffnungsvoll bereitgestellten Stiefel tüten sehen. So etwas kann man natürlich nur beobachten, wenn Kinder im Hause sind und insofern man vor Tau und Tag schon froh und munter ist. Bei Bolles hochsittlichem Lebenswandel ist letzteres natürlich der Fall, of course.

Doch zurück zu den Stiefelknechten. Bei den ›Stiefelknechten‹ – da gibt es kein Vertun – handelt es sich definitiv um ein Teekesselchen. Einerseits können damit die praktischen Ausziehhilfen gemeint sein – gewissermaßen das Gegenstück eines Schuhlöffels als Anziehhilfe –, andererseits aber auch eine Arbeitsplatz- oder doch zumindest Tätigkeitsbeschreibung für weniger hochgestelltes Gesinde. Was die Herrschaften (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) halt so brauchen …

Unser heutiges Bildchen – bei dem es sich um eine Karikatur von Carl Spitzweg handeln soll: Bolle hält es eher für eine Auftragsarbeit als Werbegraphiker – zeigt beides: Im oberen Teil sehen wir die praktische Ausziehhilfe, wie es sie heute noch käuflich zu erwerben gibt, und im unteren Teil einen Stiefelknecht aus Fleisch und Blut bei der Arbeit. Falls das Bild nicht trügt, scheint das – zumindest „bis vor 1452“, wie Spitzweg meint – durchaus nicht die angenehmste aller Arbeiten gewesen zu sein – gutgemeinter hilfreicher Tritt in den Allerwertesten inklusive.

Ob auch Sankt Nikolaus sich eines Stiefelknechtes bedient – im Fleische oder im Holze, möglicherweise Knecht Ruprecht gar? – weiß Bolle unmöglich zu sagen. Und wie hält es Letzterer? Ist man sich womöglich gegenseitig Stiefelknecht? Fragen über Fragen. Wir wissen es nicht. Auch wär‘ das alles doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 04-12-25 Das vierte Türchen: Tempi passati

Tempi passati …

Manchmal wird Bolle von gänzlich unerwarteter Seite ganz weihnachtlich ums Herz. Neulich zum Beispiel hat er – in Ermangelung sonstiger brauchbarer Beiträge in den Öffis – eher zufällig in eine alte Folge von ›Liebling Kreuzberg‹ (mit Manfred Krug in der Hauptrolle) reingezappt. Die Szene spielt im Jahre 1990 – da war in Bolles Augen die Welt noch weitgehend in Ordnung – und zeigt eine ganz normale Kreuzberger, zumindest aber doch Berliner Geburtstagsparty. Seinerzeit war es noch völlig normal, daß sich Anwalt Robert Liebling eine Zigarre anzünden konnte – verbunden mit einer Rauchentwicklung, die zumindest temporär den freien Blick auf die Gastgeberin verstellt.

Was Bolle auch sehr gut gefallen hat, ist übrigens die klassische Sektflöte links im Bild neben der Kerze. Gibt es auch kaum noch – zumindest nicht in Bolles Kreisen. Aufgrund des recht hohen Schwerpunktes sind die zwar nicht wirklich funktional – das sollte jedem klar sein, dessen Sekt sich einmal über Tastatur oder, schlimmer noch, Laptop ergossen hat. Dafür aber sind sie très, très chic. Wenn Bolle am Rechner sitzt, bevorzugt er seitdem Sekt aus alten rezyklierten Senfgläsern. Sapienti sat: der Philosoph wird davon satt – im übertragenen Sinne, of course.

Doch überhaupt: daß die Leute das damals überlebt haben …? Nun gut – Manfred Krug hat es nicht überlebt: Er ist 2016 im Alter von 80 Jahren verstorben. Ob er überlebt hätte, wenn er nicht geraucht hätte? Wir wissen es nicht. Wir können nur sicher sagen, daß so etwas wie ›überleben‹ auf lange Sicht ohnehin recht aussichtslos ist – um nicht zu sagen: völlig. Vom Erlöser der Christenmenschen wollen wir hier einmal absehen. Eine Ironie der Geschichte – oder doch zumindest der Überlieferung – will es, daß ausgerechnet der es eben nicht auf Überleben angelegt hatte. Erklärt das mal einem Hülsenfrüchtchen. Das Leben – so richtig zu Ende gedacht – scheint manchem (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) offenbar dann doch wohl wirklich zu̅ komplex, wie’s scheint. Und insgesamt recht unvernünftig. Da hilft oft nur eine dicke Zigarre. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mi 03-12-25 Das dritte Türchen: Weihnachtswunder

Totschick …

Es gibt – das wollen wir nicht verhehlen, durchaus Weihnachtswunder der besonderen Art: Manchmal nämlich kann man sich einfach nur wundern. In Bolles Konsumtempel – das ist der mit den mickrigen Weihnachtsbäumchen (vgl. dazu Mo 01-12-25 Das erste Türchen: Früher war mehr Lametta) gibt es jetzt auch – wie soll man sagen? – Indoor-Poller. Zwar würden die keinen heranbrausenden LKW aufhalten können. Nicht mal einen PKW. Aber welches Kraftfahrzeug würde sich schon anschicken, eine Rolltreppe rauf (oder runter) düsen zu wollen? Bolle jedenfalls hat von derlei noch nie gehört.

Was soll das sein? Was soll das werden? Kurz: was soll das? Zunächst dachte Bolle ja, um vielleicht möglichen Gegenverkehr zu kanalisieren. Aber Gegenverkehr auf einer Rolltreppe? Unwahrscheinlich. Eher trifft man einen Geisterfahrer auf der Autobahn als einen Geistergeher auf der Rolltreppe. Um dicke Kundschaft von den höheren Etagen fernzuhalten? Das würde nur bei Treppauf-Pollern Sinn machen. Allerdings sind die Poller auch treppab installiert.  Das spricht – neben einigen anderen Erwägungen – gegen diese Vermutung.

Die Lösung – das hatte Bolle vergleichsweise flott eruiert – findet sich auf den ebenfalls recht schick gestylten – schrägen Pollerköpfen. Da heißt es nämlich in international verständlicher Bildersprache (neudeutsch: Piktogramm), man möge doch bitte weder mit Kinder- noch mit Einkaufswagen die Rolltreppe besteigen – weder auf noch ab. Aha! Und um gar nicht erst in Versuchung zu kommen, hat ein fürsorgliches Konsumtempel-Management nun eben diese Poller angebracht. Sogleich kam Bolle Charly Chaplin in den Sinn. Der nämlich soll einmal gesagt haben: Ein Gag, der einmal ankommt, kommt immer an. Denkbar wär’s – in diesem bunten, wunderlichen Universum.

Nun hat Bolle noch nie – wirklich noch nie – erlebt, daß jemand derlei je hätte versucht zu unternehmen. Aber vielleicht mangelt es ihm ja einfach nur an gehöriger Erfahrung mit modernen Zeiten?

Und wie das Leben so spielt. Schon wenige Minuten nach der photographischen Dokumentation ergab sich ein kurzer Plausch mit einer Konsumtempel-Domestizitin, die meinte, das sei ja wohl voll diskriminierend – und sie werde sich beschweren. Ob damit jetzt Dickenfeindlichkeit, Kinderfeindlichkeit oder eine schlichte Einkaufswagenaversion gemeint sein sollte, hat sich Bolle nicht erschließen wollen. Wie gesagt: Es war ein kurzer Plausch. Im übrigen wär‘ das dann auch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Di 02-12-25 Das zweite Türchen: Was müssen das für Leute sein …?

So isset brav …

Zugegeben: Unser heutiges Bildchen mutet wenig weihnachtlich an. Gleichwohl findet Bolle, das wolle endlich auch mal explizit erwähnt werden. Er hat es vor anderthalb Jahren – Kinder, wie die Zeit vergeht – irgendwo mal aufgeschnappt und getreulich dokumentiert. Wo genau? Darüber hat sich ein wohltuender Mantel des Vergessens ausgebreitet.

Ist das jetzt noch betreutes Denken? Oder schon betreutes Leben? Wir wissen es nicht. Bolle schätzt, daß, wenn man einer solchen Empfehlung getreulich Folge leisten würde, man locker auf etwa zwei Dutzend hygienische Handreinigungsrituale pro Tag käme. Bei geschätzten fünf Minuten pro Ritual – soviel Gründlichkeit muß sein – macht das etwa zwei Stunden täglich. Bolle würde sich hier rein zeitlich überfordert fühlen. Und selbst wenn: Nach seiner Schätzung würde es allerhöchstens einige wenige Wochen dauern, bis der Säureschutzmantel der Haut – der sich in Jahrmillionen aus sehr, sehr guten Gründen herausgebildet hat – restlos ruiniert wäre. Die Folge wären rissige Haut, Ekzeme, und weiß der Teufel was sonst noch alles. So richtig rundherum gesund will Bolle das nicht scheinen. Aber wenn’s doch dem zivilisatorischen Fortschritt dient …? Lautet denn die zweite Schlafschulweisheit aus dem ›ABC der Hygiene‹ in Huxleys ›Schöner Neuer Welt‹ (1932) nicht ganz ausdrücklich: ›Je zivilisierter, desto sterilisierter‹? Dann wird es wohl so sein. Bolle für sein Teil hält es dagegen eher mit alter Väter (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) Sitte und versucht, den gröbsten Unfug zu vermeiden  – ganz ähnlich wie beim Futter (vgl. dazu etwa So 20-07-25 Friß wie früher).

Besonders niedlich findet Bolle übrigens die Anweisung „und umgekehrt“ – auf daß bloß niemand vergessen möge, daß er (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ja schließlich zwei Hände habe, die es zu bedenken gilt. Bolle erinnert das sehr an Martin Perscheids Kartünchen ›Wenn Deppen duschen‹ (1999), wo sich auf einer unter der Dusche abzuhakenden Checkliste unter anderem die Anweisung „Achsel (2)“ befindet. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 01-12-25 Das erste Türchen: Früher war mehr Lametta

Früher war mehr …

Hier das erste Türchen unseres diesjährigen agnostisch-kontemplativen Adventskalenders. Immerhin handelt es sich dabei um den sechsten Selbigen in Folge. Insofern kann man eigentlich nicht meckern, findet Bolle.

Allein wie steht’s um den sonstigen Zauber? Daß mancher bei den Weihnachtsmärkten Fest und Festung ein wenig konfundiert zu haben scheint, hatten wir ja schon erwähnt. Aber nehmen wir Bolles Konsumtempel. Zwar ist der bislang völlig pollerfrei – was Bolle sehr zu schätzen weiß. Ansonsten aber – das wird man kaum anders sagen können – ist er in keinem sonderlich festlichem Zustande. Während selbiger früher – ja, früher – zwar nicht gerade besinnlich, aber doch wirklich festlich-schmuck herausgeputzt war, findet sich dieses Jahr nur noch das ein oder andere vereinzelte mickrige Bäumchen. Das mutet doch recht dürftig an – geradezu herzzerreißend für sensiblere Gemüter. Früher war mehr Lametta. Sagen wir so: Ein Konsumtempel, der es nicht fertigbringt, einen in Festtags- und damit in Konsumlaune zu versetzen, hat ja wohl irgendwie seine Kernaufgabe verfehlt. Immerhin dürfte es das ein oder andere Milligramm CO2 einsparen. Toll, findet Bolle. Toll im Sinne von Sancta Simplicitas, versteht sich, of course. Aber so kann’s gehen, wenn man die Wirtschaft – man ist neuerdings geneigt zu sagen ›Alle Jahre wieder‹ – lustvoll abkacken läßt. Wenn’s doch dem moralischen Fortschritt dient …?

Übrigens haben Loriots Erben 2019 – Loriot ist 2011 verstorben – für die Wendung mit dem Lametta urheberrechtlichen Schutz begehrt. Wir hätten demnach für unseren heutigen Titel Lizenzgebühren entrichten – oder aber in den Untergrund abtauchen müssen. So kann man das auch machen – anderen das Weihnachtsfest zu verdrießen. Und so weit zum moralischen Fortschritt. Zum Glück sind sie seinerzeit sowohl beim Landgericht als auch beim Oberlandesgericht München abgeblitzt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 09-11-25 Es weihnachtet wieder

Hallowe’en im Dörfchen.

Es weihnachtet wieder. Wie schön! Zumindest bei Bolle ist das so. Und zwar alle Jahre wieder – und das seit vielen Jahren schon. Ursprünglich war die Idee ja rein aus der Not geboren. Bolle konnte es nämlich mit seiner Selbstwertanmutung nicht länger vereinbaren, sich Jahr für Jahr und immer wieder überraschen zu lassen. Wie? Weihnachten? Jetze schon? Weia!

Also mußte so eine Art Frühwarnsystem her – ein Weckruf sozusagen. Nur wann? In Bolles Fall hatte sich hier der 9. November ganz natürlich ergeben. Der 9. November nämlich ist ein Datum, das bei Bolle festverdrahtet ist, ohne daß er dafür einen Kalender bräuchte.

Spätestens seit 1989 ist das so, als Bolle – seinerzeit in wahnsinnig wichtigen Geschäften im Westen unterwegs – als Revolutionstourist eigens einen Abstecher nach Berlin gemacht hatte, nur um dem Volk an seinem „Schicksalstage“ (wie manche das – etwas hochtrabend, aber bitteschön – nennen würden) aus nächster Nähe aufs Maul zu schauen. Womöglich etwas überheblich zwar – das sieht Bolle ein – aber sowas merkt man sich dann doch. Hinzu kommt, daß justamente an diesem Tage jemand sein Wiegenfest feiert, den zu vergessen oder auch nur zu verdrängen gänzlich außerhalb von Bolles Möglichkeiten liegt. Kurzum: der 9. November war „gesetzt“ – wie man das heutzutage modisch nennt.

Auch hat sich dieser Tag mitnichten als zu früh erwiesen. Denken wir nur an den in Bolles Kreisen üblichen Adventskalender, den zu verschicken sich spätestens Ende November schickt. Falls man nämlich nicht gedenkt, sich mit den Resten vom Grabbeltisch zu begnügen – oder gar völlig leer auszugehen –, ist Anfang November also durchaus hohe Zeit, sich zu kümmern.

Im Laufe der Zeit hat es sich umständehalber ergeben, den Weckruf noch ein paar Tage vorzuverlegen – und zwar auf Hallowe’en. Zwar hat Hallowe’en mit dem christlichen Wiegenfeste wenig zu tun. Allein es ist so eine Art Event. Die Kinder ziehen durch die Gassen – „Süßes oder Saures“ auf den Lippen – und plündern so den Einzelhandel aus. Bolle findet seit längerem schon Gefallen daran, des Abends einen Bummel durchs Dörfchen zu machen und Zeuge zu sein bei der lieben Kleinen räuberischem Treiben. – Wenn sowas keine Weckruf-Qualitäten hat …

Kurzum: die frühen Novembertage, sei es nun der 9. November oder sei es Hallowe’en, liegen für eine planerische Intelligenz – über die zumindest im Ansatz zu verfügen Bolle bei aller Bescheidenheit für sich in Anspruch nimmt – keinesfalls zu früh im Jahr. Genaugenommen liegen sie genau richtig.

Übrigens: Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, kam besagtes Geburtstagskind auf den durchaus naheliegenden Gedanken, künftig und für immerdar am Nationalfeiertag Geburtstag zu haben – was sicherlich den einen oder anderen Vorzug mit sich bringt. Allein sie hatte die Rechnung ohne die Deutschen gemacht – zumindest aber ohne die bangbüchsige deutsche Politprominenz. Die nämlich fand, der 9. November könne – wegen der Reichskristallnacht 1938 oder des Hitlerputsches 1923 – durchaus ungute Erinnerungen an eigenes schändliches Treiben evozieren und die Festtagslaune trüben. Daher sei das als Gedenktag doch nicht allzu gut geeignet.

Und so kam man überein:
Der dritte zehnte soll es sein.
Zugegeben: etwas fahl,
Doch so isses nun einmal.

Und schon war Essig mit Geburtstag am Nationalfeiertag. Tja. Im Klittern von Geschichte oder zumindest im Meiden von Ambivalenzen war die politische Klasse ja schon immer große Klasse:

Lieb Vaterland, magst ruhig sein –
Nichts soll je trüben deinen Schein.

Dann also doch lieber Hallowe’en. Und allet Jute zum Jeburtstach, nota bene. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 26-10-25 Putin klaut die Kronjuwelen

Kryptisch, oh so kryptisch sein …
[Mabit1, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons]

Das hat gerade noch gefehlt. Jetzt klaut Putin auch noch Kronjuwelen. Und dann auch noch ausgerechnet die von Napoleon. Zwar handelt es sich hierbei nicht wirklich um Kronjuwelen. Allein die Geste aber ist bedenklich genug. Was soll das werden? Eine späte Revanche für 1812, als Napoleon mit einer für damalige Verhältnisse spektakulär großen Armee von 600.000 Mann völkerrechtswidrig – wie man heute sagen würde – meinte Rußland überfallen zu müssen? Oder handelt es sich vielleicht um einen eher präemptiven – auch das übrigens ein Begriff, wie ihn überhaupt erst George W. Busch 2002 in die Welt gesetzt hat – Gegenschlag gegen die von der EU nach moderner Robin-Hood-Manier geplante Beschlagnahme von rund 200 Milliarden russischen Vermögens, das zur Zeit bei Euroclear in Brüssel lagert und aus EU-Sicht einer sinnvollen Verwendung harret – wie zum Beispiel dem Wiederaufbau der Ukraine?

Manche trauen Putin ja alles zu. Aber eine Revanche nach über 200 Jahren vermag Bolle nicht wirklich zu überzeugen. Und für einen präemptiven Gegenschlag wären die Klunker bei weitem nicht wertvoll genug. Genau genommen wären es nicht einmal die sprichwörtlichen Peanuts. 88 Millionen, so der geschätzte Wert der Preziosen, macht nämlich gerade mal 0,04 (!) Prozent von 200 Milliarden aus.

Allerdings soll das hier und heute gar nicht unser Thema sein. Im Gegenteil: Bolle meint, es sei hohe Zeit, sich selber auch mal in der Kunst zu üben, kontrafaktische Fake-News mit prägnantem propitiösem Potential zu produzieren. Immerhin sieht Bolle ein, daß ein Begriff wie ›propitiös‹ der Erläuterung bedarf: es handelt sich hierbei einfach nur um eine Eindeutschung des angelsächsischen propitious ›verheißungsvoll‹.

In der Tat hat Bolle eine entsprechende Meldung bislang schwer vermißt. Üblicherweise läuft es ja so, daß – wenn man schon keine Tatsachen zu berichten weiß, etwa nach Augsteins Credo ›Schreiben, was ist‹ – sich doch irgendwo ein „Experte“ sollte finden lassen, der das jeweils Gewünschte in die Manege munkelt. Und schon ist es eine echte Meldung. Schließlich hat er, der Experte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) es ja in der Tat gesagt. Das muß im Zweifel genügen.

Und wenn das Gewünschte erst mal in der Welt ist, dann wird es seitens geneigter Kollegen aufgegriffen, abgeschrieben und so lange reproduziert, bis es schließlich wirklich wahr wird – denken wir nur an den Virus-Wahn, einen Spätausläufer des Corönchen-Kappes, oder an die Hobbytaucher-Hypothese im Zusammenhang mit Nordstream 2. Nichts genaues weiß man nicht. Aber wenn’s doch täglich in der Zeitung steht …?

So gesehen verwundert Bolle das alles doch sehr. Wer sich demnächst halb Europa unter den Nagel reißen will – manch Experte weiß heute schon, bis wann das spätestens der Fall sein wird –, warum sollte der vor ein paar Klunkern zurückschrecken?

Und überhaupt – let’s go crazy. Was ist mit der Mona Lisa? Da war doch mal was – und zwar ebenfalls im Louvre. Nachtigall, ick hör dir trapsen!

Putin selber kommt hoffentlich kaum in Betracht – dafür ist 1911 viel zu lange her. Das würde wohl selbst der dümmste Zeitungsleser nicht ohne weiteres glauben wollen. Aber wie wär’s mit dem Prinzip Putin – der Inkarnation aller Schlechtigkeiten dieser Welt? War Vincenzo Peruggia, der geständige Täter, nicht doch ein russischer Agent? Diente der Mona-Klau womöglich der Vorbereitung der russischen Revolution 1917? Und wieso nur 7 Monate Knast? Hatte da womöglich die Kampforganisation der russischen Sozialrevolutionäre ihre Finger im Spiel?

Und ist die Fibonacci-Spirale in unserem Bildchen, wenn man es vertikal an der Mittelsenkrechten spiegelt, nicht klar und deutlich ein stilisiertes P? Also P wie Putin – oder zumindest doch wie Putinismus?

Bolle meint, hier müßte sich – de oratione ferenda, also im Rahmen künftiger journalistischer Betätigung – durchaus noch einiges machen lassen. Alles nur eine Frage der Kreativität. Kieken wa ma. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 05-10-25 Drama Queen

Ja, eure Reden, die so blinkend sind …

Und immer wieder erreichen uns Briefe,
in denen der ein oder andere schreibt:
„Treibt’s nicht zu arg mit der geistigen Tiefe,
damit uns des Sonntags mehr Frohsinn bleibt.“

Das Epigramm lehnt sich natürlich an an ›Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?‹ (1930). Allerdings meint Bolle, hier passe es auch ganz gut. Laßt es uns also – zumindest öfters mal – etwas geruhsamer angehen und ›Polit/Presse/Populus – Der Tragödie dritter Teil‹ fürs erste zurückstellen. Aufgeschoben ist ja bekanntlich mitnichten aufgehoben. Auch wollen wir uns etwas knapper fassen, da den letzten Sonntagsfrühstückchen ja ein gewisser Hang zum Überschwang eigen war. Wohlan, denn!

Unser Schildchen zeigt eine hochgestellte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens – die wir natürlich via Augenbalken anonymisiert haben, da es uns stets nur um die Strukturen gehen soll und nie um einzelne Personen – bei einer Rede anläßlich irgendeines Anlasses. Offenbar ergriffen und bewegt von den eigenen Worten fing besagte Person auf offener Bühne und vor laufender Kamera an, ein wenig aus der Form zu fallen: Schmerzverzerrtes Gesicht inmitten der Rede – und womöglich Tränchen gar. So genau wollte Bolle das gar nicht wissen – dafür ist er nun mal zu dezent.

Das allererste indes, was Bolle dazu einfallen wollte, war eine Stelle aus ›Wag the Dog‹ (USA 1997 / Regie: Barry Levinson / mit Dustin Hoffmann und Robert de Niro).

Räuspern und ein Schlücken Wasser …

Im Film sollte der Präsident eine Rede halten – natürlich wie üblich vom Teleprompter abgelesen. Interessant fand Bolle, daß da nicht nur der reine Text steht, sondern auch regelrechte Regieanweisungen – ähnlich wie etwa die Anweisung ›pesante‹ (getragen), wie man es aus Partituren kennt. Hier also „sich räuspern und ein Schlückchen Wasser nippen“. Wer’s nicht glauben mag: Die Szene findet sich im Film an der Stelle 58´58´´. Und nun sage keiner, das sei eben Hollywood – mitnichten aber das wirkliche Leben. Hollywood bringt es womöglich nur auf den Punkt, das wirkliche Leben. Wir hatten es schon öfters mal erwähnt: Alle ein, zwei Jahre mal wieder diesen Film zu gucken, rein zur Auffrischung, scheint Bolle nachgerade eine Frage der geistigen Hygiene zu sein, eine Art Immunisierung gegen schädliche Einflüsse vielerlei Art  – so ähnlich wie Zähneputzen, nur eben nicht ganz so oft.

Aber vielleicht ist das alles ja auch gar nicht so. Vielleicht war besagte Person in der Tat von ihrer eigenen Rede so angegriffen (wie man bei unseren südlichen Nachbarn sagt) beziehungsweise so aufgewühlt, daß es halt kein Halten mehr gab. Unwahrscheinlich – aber möglich wär’s. Allein Bolle mag‘s nicht glauben.

Im übrigen: Der Sommer war sehr groß – wenn auch mitnichten der vom Journalismus 2.0 herbeihysterisierte Superhöllenhitzesommer mit fast 50 Grad im Schatten. Und in einem Monat schon beginnt – zumindest bei Bolle ist das so – die Weihnachtszeit und damit der besinnlichere Teil des Jahres. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.