Mo 20-12-21 Das zwanzigste Türchen …

So kann’s gehen …

Seit wir unserer geneigten Leserschaft versprochen haben, uns nicht länger übermäßig auf den ganzen Corönchen-Kappes zu kaprizieren, bleibt deutlich mehr Luft für die würdigeren Aspekte des Lebens. Würdiger – aber durchaus nicht unwichtiger. Wohl gar im Gegenteil.

Da wir uns größte Mühe geben wollen, die Dinge zu durchschauen und den Leser nach Möglichkeit zu erbauen und auch Beweise (oder zumindest Argumente) nicht leichtfertig schuldig zu bleiben, sehen wir uns veranlaßt, unseren Beitrag von gestern ein wenig zu präzisieren. Et voilà.

Ausgangspunkt war ein Imperativ: „Bedenke, daß Du sterblich bist.“ Übersetzt in den Indikativ heißt das: „Du bist sterblich“ bzw., in der 1. Person Singular: „Ich bin sterblich.“ Das kann man für zutreffend halten – oder auch nicht. Wir befinden uns also voll und ganz in der Domäne von Schwester Logik.

Im Bereich von Schwester Ethik ergibt sich das folgende: Hier könnte man sich auf die Wertung versteifen: „Find ick aber doof“ – also ›soll nicht‹. Nun hat jemand, der sich selbst faktisch für sterblich hält, das einstellungsmäßig aber ablehnt, naturgemäß ein Problem. Etwas abzulehnen, was nun mal so ist, ist per se witzlos, weil krass kontrafaktisch. So etwas kann nur zu allen möglichen Formen von vegetativer Dystonie führen, wie etwa permanenter Verspannung mit allen möglichen Nebenerscheinungen wie Kopfschmerzen, Streßsymptomen aller Art, wöchentlichen Arztbesuchen bis hin zur Neigung exzessiven Dahinvegetierens unter intensivmedizinischer Betreuung – und weiß der Teufel, was alles noch.

Was bleibt, ist, die Tatsachen hinzunehmen und die Haltung entsprechend auszurichten: „Ich weiß, daß ich sterblich bin – also lebe ich entsprechend“. Den Weisen dieser Welt (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) war das übrigens schon immer klar. Genau so, wie es Friedrich von Logau vor nunmehr über 350 Jahren so trefflich auf den Punkt gebracht hat (vgl. Sa 18-12-21 Das achtzehnte Türchen …).

Leb ich / so leb ich!
Dem Herren hertzlich;
Dem Fürsten treulich;
Dem Nechsten redlich;
Sterb ich / so sterb ich!

Obwohl: was ist, wenn man sich geirrt hat – und doch unsterblich ist? Nun, dann hätte man sein gesamtes (und überdies nicht enden wollendes Leben) mit einer zumindest überflüssigen Haltung verbracht. Wirklich schwerwiegend will Bolle das aber nicht erscheinen. Irren ist nun mal menschlich – und eine würdige Haltung kann selbst dann nicht schaden, wenn sie an und für sich und bei Lichte betrachtet überflüssig ist. Schwester Ethik denkt nun mal nicht in solchen Kategorien – falls sie überhaupt jemals denkt. Derlei überläßt sie lieber ihrer großen Schwester, der Logik. Im übrigen aber wäre das dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 19-12-21 Das neunzehnte Türchen — der vierte Advent …

Memento mori.

Und immer wieder sind es die Dichter, die den dichtesten Durchblick an den Tag legen …  Ist memento mori („Sei Dir Deiner Sterblichkeit bewußt“) ein Fakt? Oder nicht vielleicht doch eher ein Fake? Weder noch. Sowohl Fakt als auch Fake gehören in die Domäne von Schwester Logik, der Ersten Tochter der Philosophie – und da geht es um ›wahr?‹ oder ›nicht wahr?‹ – und sonst rein jar nüscht. Was dann? Nun, memento mori ist, um im Versmaß zu bleiben und wenn wir es aus dem Imperativ zurückübersetzen, ein „Find“. Ein Find in der Bedeutung von ›ich finde aber / ich meine aber / mir ist klar, daß / mir scheint es so zu sein‹ – und damit eine Frage der Einstellung bzw. der Werte (im Sinne von ›allgemeines Für-Richtig-Halten‹). Damit aber sind wir der Ebene der Logik vollends enthoben. Vielmehr befinden wir uns mittenmang im Hoheitsgebiet von Schwester Ethik, der Zweiten Tochter (vgl. dazu grundlegend So 24-01-21 Dreschflegel bzw. anwendungsbezogen Do 16-12-21 Das sechzehnte Türchen …). Und die ist durchaus souverän und läßt sich von ihrer großen Schwester mitnichten in die Suppe spucken.

Wenn nun also jemand (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) etwas „findet“, kann man ihm das ganz schlecht ausreden, schon gar nicht und erst recht nicht mit den Mitteln der Logik – Fakt oder Fake hin oder her.

Wir wollen hier und heute nicht allzu dick auftragen – schließlich feiern die Christenmenschen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) heute ihren vierten Advent. Gleichwohl: ein bißchen Kontemplation kann, wie eigentlich fast immer, überhaupt nicht schaden. Aber letztlich ist das dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel …

Fr 17-12-21 Das siebzehnte Türchen …

Ach herrje!

Heute wollen wir uns – nach den Anstrengungen der letzten Tage – mit einem „kleineren“ Türchen begnügen. Bolle hält Kästners „Verhängnis“ (aus seiner Epigramme-Sammlung) ja für ein hübsches Beispiel dafür, daß es durchaus möglich ist, auch aversive Tatsachen (Erste und zweite Tochter der Philosophie) gefällig auszudrücken (Dritte Tochter).

Wer aber dreht denn da dermaßen am Rad in diesem Jammertale? Das Volk (oder zumindest Teile davon) fühlt sich durch seine eigene Regierung bedrängt, die Regierung fühlt sich durch Telegram und Russia Today bedrängt. Die Russen wiederum fühlen sich durch den Westen und die NATO bedrängt. Vielleicht, so Bolle, ist das alles einfach nur conditio humana: Geht halt nicht anders.

Jacob Burckhardt, der Grandseigneur der (nicht nur) Kunstgeschichte,  hat eine mögliche Erklärung parat:

„Hohe Verfeinerung der Gesellschaft und des Staates besteht neben völliger Garantielosigkeit des Individuums und neben beständigem Triebe, andere zu knechten, um nicht von ihnen geknechtet zu werden.“

Tja – vielleicht interessiert sich wirklich niemand für uns einzelne Erdlinge …  Zugegeben: das ist kein sonderlich erbaulicher Gedanke, und auch nicht sonderlich christlich – und schon gar nicht zur Weihnachtszeit. Aber wir wollen ja auch gar nicht jubilieren („Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage …“), sondern vielmehr kontemplieren. Fassen wir es auch hier mit Burckhardt:

„Unsere Kontemplation ist aber nicht nur ein Recht und eine Pflicht, sondern zugleich ein hohes Bedürfnis; sie ist unsere Freiheit mitten im Bewußtsein der enormen allgemeinen Gebundenheit und des Stromes der Notwendigkeiten.“

That leaves no room for discussion – ist dann aber doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel …

Do 16-12-21 Das sechzehnte Türchen …

Recht so! zum zweiten …

Nachdem wir gestern mitten in den Gender Dynamics steckengeblieben sind, hier ein weiteres kleines weihnachtliches Überraschungs-Ei zum vor- und nachdenken.

Nehmen wir an, jemand (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), den wir hier Aurelius nennen wollen, habe einen 30-Stunden-Job, der ihm 2.500 Silbermuscheln im Monat einbringt. Wer sich mit „Aurelia“ besser identifizieren kann: bitteschön. Auf die genauen Zahlen kommt es hier ebensowenig an wie auf die Währung oder das Geschlecht.

Nehmen wir weiter an, Aurelius stünde vor der Wahl,
            a) seinen Job zu behalten oder
            b) einen 60-Stunden-Job anzunehmen, der ihm 5.000 Silbermuscheln pro Monat einbringen würde.

30 / 60 / 2.500 / 5.000. Das sind die nackten Fakten.

Nun? Was tun? Den alten Job behalten oder den neuen Job annehmen? Here’s a flash: Das läßt sich aufgrund der Faktenlage nicht entscheiden – jedenfalls nicht, soweit Bolle bekannt ist. Was dann?

Nun, Aurelius muß die Fakten bewerten. Das heißt, er muß sich überlegen, ob ihm ein zusätzliches Einkommen von 2.500 Silbermuscheln einen zusätzlichen Zeitaufwand von 30 Stunden wert ist. Falls Ja, dann wechselt er den Job – falls Nein, dann nicht.

Was hat das mit uns zu tun? Nun – falls jetzt irgendein, mit Verlaub, Klugscheißer daherkommt und behauptet, 5.000 Silbermuscheln sei doch deutlich mehr als nur 2.500, dann hat er faktisch recht. Das ist in der Tat so. Wenn er aber überdies behauptet, Aurelius sei folglich unvernünftig oder, je nach Sprachregister, irrational, wenn er den neuen Job nicht annimmt, dann ist er richtig schief gewickelt – trotz aller Fakten. Falls unser Klugscheißer darüber hinaus auf die Idee verfallen sollte zu meinen, Aurelius müsse überzeugt werden oder gar „mitgenommen“ auf dem Weg zu höherem Wohlstand, dann wird es in der Tat übergriffig – und Aurelius täte gut daran, „dergleichen Strolche“, wie Wilhelm Busch das nennt, nach Möglichkeit zu meiden.

Leider ist es so, daß solche Klugscheißer in aller Regel gleichzeitig auch noch „Gutscheißer“ sind. Sie wollen doch nur helfen (!) bei Aurelius’ Weg ins Glück. Bolle meint: Get lost – schert Euch zum Teufel.

Kurzum: Was Aurelius für richtig hält und was nicht, liegt im Bereich von Schwester Ethik, der zweiten Tochter der Philosophie (vgl. dazu kurz und bündig So 24-01-21 Dreschflegel). Was dagegen wahr ist und was nicht – die „Fakten“ also –  liegen in der Domäne von Schwester Logik, der ersten Tochter. Jemanden aufgrund seiner Präferenzen, wie es oft vornehm heißt, für „unvernünftig“ bzw. „irrational“ zu erklären, ist demnach im Kern so was von absurd, daß einem glatt die Spucke wegbleiben könnte – scheint aber dem gegenwärtigen Stand der Zivilisation zu entsprechen.

Bislang hatten wir unser Beispiel so gewählt, daß es nur um eine Zeit- / Einkom­mens­abwä­gung ging. Der Stundenlohn (knapp 20 Silbermuscheln) blieb dabei unverändert. Wie wäre es, wenn Aurelius eine dritte Option hätte, nämlich

            c) einen 30-Stunden-Job, der ihm 5.000 Silbermuscheln (statt nur 2.500) einbringen würde?

Wäre es wenigstens jetzt gerechtfertigt, Aurelius „irrational“ zu schelten, wenn er ablehnt? Denkt mal drüber nach, so Ihr Zeit und Muße findet. Was hat das mit Corönchen zu tun? Auch das ist womöglich eine agnostisch-kontemplative Mußestunde wert. Ansonsten aber ist das dann doch schon wieder ein anderes Kapitel …

Di 07-12-21 Das siebte Türchen …

Schwester Ethik in Hochform.

Heute wollen wir uns zur Abwechslung und zur Entspannung mit einem „kleineren“ Schildchen begnügen. Hart genug, aber nicht zu hart, wie wir mal schwer hoffen wollen. Es geht, einmal mehr, um die Drei Töchter der Philosophie (vgl. dazu etwa So 24-01-21 Dreschflegel).

Gibt es auch einen tagesaktuellen Bezug? Aber ja doch. Justamente hier und heute erklärt uns einer der führenden Wirtschaftswissenschaftler, ein „Zurückdrehen“ von Hartz IV sei „problematisch“, weil wir damit „hinter die Reformen von Gerhard Schröder zurückspringen“ würden. Bolle ist immer wieder fasziniert, mit welcher Klarheit und Überzeugung die Leute wissen, wo „vorne“ ist und wo „hinten“. Erkläre das einer mal dem Kanarienvogel, daß er einen wertvollen Beitrag zu Katzens Frühstück leistet.

Kurzum: Wo „vorne“ ist und wo „hinten“, hängt schwer von der Perspektive ab. Wo aber bleibt die Wahrheit? Spielt hier keine Rolle. Schwester Ethik hat mit „Wahrheit“ nichts, aber wirklich rein gar nichts am Hut – und auch noch nie gehabt.

Übrigens läßt sich das alles bei allem Respekt nahtlos auf eine Regierung übertragen, die „mehr Fortschritt wagen“ will. Klingt erst mal gut. Wir werden sehen. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel …

Sa 13-03-21 Mimimi

Von das kommt das.

Unser heutiger Sinnspruch geht zurück auf Herodot (etwa 490–430 v. Chr.), der seit Cicero vielen als pater historiae ›Vater der Geschichtsschreibung‹ gilt. In seinem Hauptwerk, »Historien«, erwähnt er beiläufig, daß dem Perserkönig Kyros einmal der Vorschlag unterbreitet wurde, das angestammte karge Siedlungsgebiet zu verlassen und sich und seinem Volke fruchtbarere Gefilde zu erschließen. Kyros indessen lehnte ab mit der Begründung, daß übermäßig kommode Lebensbedingungen das Volk nur unnötig verweichlichen würden.

Bolle meint, daß das Prinzip bis heute trägt und daß man es ohne weiteres von ›Herrschaftsgebiet‹ im engeren Sinne auf ›systemrelevante Umwelt‹ im weiteren Sinne übertragen kann. Wenn den Leuten zu wohl wird, führt das nicht etwa dazu, daß sie sich einfach nur wohler fühlen. Dagegen wäre ja nichts einzuwenden. Nein, oft genug führt es dazu, daß sie, wie wir das heute noch nennen, der sprichwörtliche Hafer sticht. Sie drehen einfach durch.

Wir hatte das Thema schon einmal gestreift, wenn auch nur am Rande, und es in Anlehnung an das „ideale Gasgesetz“ der Thermodynamik »Soziales Gasgesetz« genannt (vgl. dazu Sa 19-12-20 Das neunzehnte Türchen …).

Was hat das mit uns zu tun? Nehmen wir, weil naheliegend, Harry und Meghan, das Dream Team der Zersetzung des englischen Königshauses. Da geriet die wohl eher beiläufig in den Raum geworfene Frage, mit welcher Tönung bei dem zu erwartenden „royalen“ Baby denn möglicherweise zu rechnen sei, sofort und unmittelbar zum krassen „Rassismus“-Vorwurf. Bolle sieht sich veranlaßt, hier hart gegenzuhalten: „Ein Stuhl wird nicht diskriminiert, wenn man feststellt, dass er kein Tisch ist. Eine Grenze kategorial zu ziehen, bedeutet noch nicht, zu werten.“ (Liessmann 2012: Lob der Grenze; vgl. dazu auch Fr 15-01-21 Von Tischen und Stühlen). Kurzum, und in Anlehnung an Gertrude Stein: Eine Farbe ist eine Farbe ist eine Farbe. Und keine Wertung.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Greift den „Vorwurf“ begierig auf und zeigt sich schockiert: Streit in der Familie sei das eine. Rassistische Diskriminierung dagegen habe ein ganz anderes Kaliber. Und schwupps – schon ist aus dem „Vorwurf“ eine handfeste „rassistische Diskriminierung“ geworden – und keiner hat’s gemerkt.

Um das ganze noch zu toppen, läßt Maghan die mehr oder weniger interessierte Öffentlichkeit – gegen royales Honorar, versteht sich – auch noch an ihren royalen „Suizid-Gedanken“ teilhaben.

Und? Der Journalismus 2.0? Lobt das auf breiter Front als „offen und furchtlos“. Da muß Bolle schon auf die Neue Zürcher Zeitung zurückgreifen, um zu erfahren, daß es ganz so einfach dann wohl doch nicht sei.

„Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich weiß was“ – so der Schlachtruf eifriger Eleven in der Grundschule. Wie sich die Bilder gleichen. Heute werden, mit der gleichen Verve und in der Hoffnung und Erwartung, sich sein Scheibchen abzuschneiden vom Skandälchen, vorauseilende Sozial-Bollerchen ins Volk gestreut: „Ich bin auch dagegen. Ich bin auch empört. Ich schäme mich dafür. Hört nur her: Ich bin einer von den Guten.“ Bolle meint: Souveränität geht anders. Denken und urteilen übrigens auch. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 22-01-21 Vom Wollen und Verwirklichen

Der Turing-Test in Bolles Adaption.

Die IT-Technologie hatte in den 1940er Jahren für damalige Verhältnisse gigantische Fortschritte gemacht. Weder der Bau der Atombombe noch die Entschlüsselung der ENIGMA wäre ohne „Maschinen“ – wie die Rechner damals noch hießen – möglich gewesen. Damit kam die Frage auf, was passieren müsse, um eine Maschine als „intelligent“ einstufen zu können bzw. gar zu müssen. So kam es 1950 schon zum (später) so genannten „Turing-Test“: Wenn ein Mensch sich über längere Zeit mit einer Maschine austauschen würde, ohne seinen „Gesprächspartner“ als Computer „entlarven“ zu können, dann müsse man – so Turing – davon ausgehen, daß die Maschine „intelligent“ sei. Der Clou dabei: Wir reden hier nicht von humanoider Intelligenz. Der konnten und wollten die frühen Nerds schon damals nicht allzu viel zutrauen. Falls Ihr Zweifel habt: Fragt Euch doch mal kurz, was die dritte Wurzel aus 4711 ist? Und dann fragt mal Euren Taschenrechner. Die Antwort ist etwa 16,76374. Und? Wer war schneller? Oder zählt mal kurz durch, wie oft der göttliche Zuspruch „Fürchte Dich nicht“ in der Bibel vorkommt. Eine Maschine erledigt so etwas in sekundenschnelle. Oder versucht mal, einen modernen Schachcomputer zu schlagen. Fassen wir zusammen: Maschinen ticken anders – und können dabei sehr, sehr vieles sehr viel besser als humanoide Intelligenz das jemals können wird. Damit stellt sich früher oder später – nach heutigem Stand eher früher – die Frage: Wer hat auf Dauer das Sagen? Maschinen oder Menschen? Diese und ähnliche Überlegungen veranlaßten Turing damals schon zu der verschärften Fassung – daß also Maschinen auf die Idee kommen könnten, daß Menschen letztlich gar nicht denken können.

Und? Was sagt Bolle? Schlimmer geht immer. Wir hatten diesen Punkt am Rande schon mal kurz gestreift – vgl. dazu Fr 04-12-20 Das vierte Türchen … Bei ›Alice in Wonderland‹ heißt es ganz treffend:

– Könntest Du mir bitte sagen,
wie ich von hier aus am besten weiterkomme?
– Das hängt schwer davon ab, wo Du hin willst …

Kurzum: Solange man nicht weiß, wo man hin will, muß man sich nicht wundern, wo man ankommt – falls überhaupt irgendwo. Können die Maschinen das nicht für uns ausrechnen? Nein, können sie nicht. Wo wir hinwollen, müssen wir schon selber wissen. Und wenn wir uns nicht trauen zu wollen, sieht’s finster aus – furchtbar finster. Übertrieben? I wo. Hier ein einziges, klitzekleines Beispiel aus den heutigen Nachrichten: Wir wollen (1) „Freie Grenzen in Europa“ und wir wollen (2) „Die Pandemie eindämmen“. Ja, was denn nun? Idealerweise beides – und zwar gleichzeitig. Das funktioniert aber absehbar nicht.

Eine Maschine würde kühl zwei Eingaben erwarten:
Was sind die Zielparameter (was wollt Ihr erreichen)?
Was sind die Aktionsparameter (an welchen Stellschrauben ließe sich drehen)?

Und wenn wir dann bei Zielparameter „Friede, Freude, Eierkuchen“ nebst „Demokratie und Freiheit“ und vielleicht auch noch „heal the world“ eingeben, dann wird jede Maschine – und sei es die intelligenteste – ein fröhliches „Error“ ausspucken: Gleichungssystem nicht lösbar. Ein humanoides soziales System – insbesondere eine Demokratie – braucht da deutlich länger, um zum gleichen Ergebnis zu gelangen. Das indes geht absehbar so lange so weiter, bis die Maschinen dann letztlich doch zu dem Ergebnis kommen, daß Menschen in der Tat nicht denken können – und nicht einmal zu wollen wissen. Aber das ist dann wirklich doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 15-01-21 Von Tischen und Stühlen

Von Tischen und Stühlen.

Versuchen wir es zunächst mit höchst trivialen, weil definitorischen Aussagen – bei denen eigentlich nichts schief gehen kann. Ein Stuhl ist ein Stuhl. Ein Tisch ist ein Tisch. Ist das so? Definitiv. Kann man das so sagen? Man kann nicht nur – man muß. Ansonsten stünde es finster um den Fortschritt der Wissenschaften. Darf man das so sagen? Diese Frage hat mit Wissenschaft – also mit Ist-Aussagen – rein gar nüscht zu tun. Was dann? Hierbei handelt es sich um eine Frage der Ethik im weiteren Sinne – also um eine Soll-Aussage. Und Soll-Aussagen sind mit Ist-Aussagen definitiv inkompatibel. Allein, daß man im 21. Jhd. – also 280 Jahre nach David Hume’s Treatise of Human Nature – eigens darauf hinweisen muß, ist bei Lichte betrachtet ein Skandal an und für sich.

Nun wird sich ein Stuhl kaum wegen „Diskriminierung“ beschweren, wenn man ihm die Eigenschaft, ein Tisch zu sein, abspricht. Legen wir also sozialpsychologisch ein wenig nach und postulieren: Ein Schwarzer ist schwarz. Ein Weißer ist weiß. Hierbei handelt es sich immer noch um rein definitorische Aussagen, die wissenschaftlich gesehen überhaupt nicht falsch sein können – es sei denn, man wollte um vermeintlich höherer Ziele willen die Wissenschaften in Bausch und Bogen über Bord werfen. Was nun, wenn sich ein Schwarzer deswegen „rassistisch diskriminiert“ fühlt? Oder ein Weißer? Daß sich da jemand finden wird, kann als sicher gelten. Obwohl: einen kleinen Bias sieht Bolle schon: Wenn ein Weißer sich „rassistisch diskriminiert“ fühlt, macht er sich lächerlich. Wenn ein Schwarzer das gleiche verlautbaren läßt, gilt er als Vorkämpfer für eine bessere Welt. Doch das nur am Rande. Nun – falls sich jemand diskriminiert fühlen sollte, müßten wir uns entscheiden, ob wir der Logik (wahr oder nicht wahr?) oder der Ethik (darf man oder darf man nicht?) den Vorrang einräumen wollen. Der Zeitgeist steht auf Ethik – zu Lasten der Wissenschaft.

Was hat das alles mit uns zu tun? Nun – Martin Sonneborn, einer der beiden einzigen Vertreter der Partei „Die PARTEI“ im EU-Parlament, wurde dieser Tage „Opfer“ der Ethik-Präferenz. Anscheinend hatte er darüber gewitzelt, daß Asiaten kein „R“ aussprechen können. Bolle meint: Na und? Ick selber kann ooch keen „R“ aussprechen – jedenfalls keen spanisches. Falls jemand darauf hinweist – muß ick mir dann rassistisch diskriminiert fühlen? Der einzige weitere Abgeordnete der PARTEI, der Kapuziner-Komiker Nico Semsrott, jedenfalls fühlte sich – wenn auch nur stellvertretend – rassistisch betroffen. So betroffen, daß er meinte, umgehend aus der PARTEI austreten zu müssen – und ihre Repräsentanz im Hohen Hause damit glatt zu halbieren. Maximale Konsequenz bei minimalem Anlaß, also – und eine klare Ethik-Präferenz zu Lasten der Wahrheit. Noch konsequenter indessen hätte Bolle es gefunden, wenn er sein Mandat – und damit super-leicht verdientes Geld –  gleich mit niedergelegt hätte. Aber so weit ging die Empörung dann offenbar doch nicht.

Und? Was macht Sonneborn? Abschwör’n, abschwör’n – ganz wie im späten Mittelalter (Galileo, Luther, jeweils nur fast, und noch viele andere mehr …).

Und was macht die Presse? Jubelt das ganze zum „Sonneborn-Eklat“ hoch – und wundert sich, daß sie niemand mehr ernst nehmen mag. No sence of science no sense of humour – no sense of political awareness. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 11-11-19 Logik vs Ethik

Gerade in einer Zeit, in der mehr und mehr Fakten ignoriert werden, ist es wichtiger denn je, dass sich die Wissenschaft zu Wort meldet und sich in Debatten einmischt.

Gefunden in der Tagesspiegel Morgenlage unter „Zitate“. Wer hat’s gesagt? Forschungsministerin Anja Karliczek. Bolle meint: Da hat jemand auf ganz grundsätzliche Weise mißverstanden, was die Aufgabe „der Wissenschaft“ ist – Forschungsministerin hin oder her. Aufgabe der Wissenschaft ist es erstens, Kenntnis von Tatsachen zu erlangen (zum Beispiel „Leute haben eine Leber“ oder „Es gibt Ethanol“) sowie zweitens Wissen um Zusammenhänge (zum Beispiel „Wenn eine Leber mit zu viel Ethanol in Kontakt kommt, dann tut ihr das nicht gut“). Wir hatten das übrigens schon mal (vgl. »Do 17-10-19 Homöopathie«). Ob es dagegen jemand in Anbetracht der wissenschaftlichen Erkenntnisse vorzieht, a) ein nüchternes, im Zweifel sozial ausgegrenztes, dafür aber leberfreundliches Leben zu leben, oder aber b) dem einen oder anderen Gläschen zuzusprechen (oder auch einem ganzen Faß), hat mit Wissenschaft rein gar nichts zu tun. Es handelt sich hierbei um eine Frage der Entscheidung. Der Unterschied könnte nicht grundsätzlicher sein. Wissenschaft, bzw., in klassischer Diktion, Logik fragt: Was ist / was ist nicht? Ethik dagegen fragt: Was soll / was soll nicht? Seins-Aussagen und Sollens-Aussagen miteinander zu vermengen ist dabei ebenso daneben wie verbreitet. Aus Entscheider-Sicht hat es ja auch einen gewissen Charme: (1) Die Wissenschaft hat festgestellt, […]. (2) Also müssen wir […]. Damit ist man der Entscheidung enthoben. Wenn’s schief geht, ist dann eben jemand anderes schuld. Na toll. Dumm nur, daß diese Logik aus Sicht der »Logik« ganz und gar unzulässig ist: Aus einer Seins-Aussage läßt sich unter keinen Umständen („never ever“) eine Sollens-Aussage ableiten.

Graphisch gestaltet sich das ganze wie folgt. Auch das hatten wir übrigens schon mal (vgl. »Fr 04-10-19 Klimabremse«) – aber man kann es offenbar nicht oft genug wiederholen.

Der Managementzirkel.

Die Gesellschaft bzw. deren designierte Entscheider legen fest, wo sie hin wollen: »Ziel-Definition«. Die Wissenschaft versucht dann zu ergründen, wie man (beim gegebenen Stand der Technik) da hin kommen kann bzw. was zu tun ist, um das Ziel zu erreichen: »Plan«. Dabei kann es passieren, daß die Wissenschaft im Rahmen von »Check der Mittel« (ein unverzichtbarer Bestandteil jeglicher Planung) zu dem Schluß kommt, das in der Aufgabenstellung zu viele Zielgrößen vorkommen und zu wenige Aktionsgrößen – daß das Problem also überbestimmt ist. Zum Beispiel: (1) Wir wollen unseren CO2-Ausstoß bis dann und dann halbieren – und zwar so, (2) daß sich niemand auch nur im geringsten einschränken muß. Natürlich würde kein Entscheider das so platt formulieren. Wenn wir uns aber umgucken auf der Welt, läuft es zur Zeit exaktemente darauf hinaus. In diesem Fall bleiben einem aufrechten Wissenschaftler nur zwei Optionen. Er kann sagen: „Überdenkt Euer Ziel und meldet Euch dann noch mal bei mir“, Pfeil a). Oder er kann sagen: „Laßt uns uns anderen Problemen zuwenden. Das hier kriegen wir vorläufig nicht gelöst“, Pfeil b). Auch hier würde kein Wissenschaftler das so platt formulieren. Aber auch hier läuft es exaktemente darauf hinaus. Kurzum: Von der Wissenschaft zu erwarten, daß sie uns „ausrechnet“, was wir wollen, geht nach allem rein gar nicht. Aus Entscheider-Sicht (»Ethik«) ist das natürlich eine ultra-charmante Lösung – weil sie sich dann nicht entscheiden müssen (obwohl sie genau dafür bezahlt werden). Aus Wissenschaftler-Sicht (»Logik«) dagegen ist das aber leider voll „unlogisch“ (siehe oben) und somit im Ansatz und damit auch als Ansatz unbrauchbar. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Fr 20-09-19 Klima-Rente

Wenn die Große Koalition nicht über das Klima streitet, dann über die Grundrente. Nun zeichnet sich offenbar ein Kompromiss ab […]

Gefunden im Handelsblatt Morning Briefing. Wenn das alles so flott geht mit dem „Streit unter aufrechten Demokraten“, dann wird das Klima sich wohl noch ein wenig gedulden müssen. Greta läßt grüßen.

Statt einer Bedürftigkeitsprüfung sollen Bezieher der Grundrente eine Einkommensprüfung durchlaufen. Die Grundrente würde dann nur gezahlt, wenn das Haushaltseinkommen unterhalb einer bestimmten Grenze liege.

Wer Grenzen zieht, erzeugt notwendigerweise Abgrenzungsprobleme: Wer nur soundso viel verdient, bekommt den Grundrentenzuschlag. Wer einen einzigen Euro mehr verdient, bekommt ihn nicht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis hier „Gerechtigkeits“-Debatten losgetreten werden und, in der Folge, das „Nachbessern“ der „handwerklichen Fehler“ versichert wird – die üblichen betröppelten [rheinischer Sprachgebrauch] Mienen inklusive. Bolle fragt sich: Was zum Teufel treiben die denn die ganze Zeit in ihren Kommissionen und ihren ewigen Nachtsitzungen? Immerhin: „Die Regierung tut was.“ Na toll.

Beide Seiten sehen sich als Sieger: Die Union, weil die Grundrente nicht bedingungslos gezahlt wird. Die SPD, weil sie ein zentrales Wahlkampfversprechen durchsetzen kann.

Na, das ist doch das wichtigste, meint Bolle. Gesichtswahrung vor Problemlösung – muß doch alles seine Ordnung haben. Das Klima läßt grüßen.

In der Sache bleibt das Ergebnis vor allem eins: ein fauler und teurer Kompromiss.

Ein fauler Kompromiß? Definitiv. Allerdings liegt es im Wesen eines Kompromisses, „faul“ zu sein – namentlich in einer Demokratie. Ein echter Konsens – verstanden als der aufrechte Bruder des Kompromisses – ist sehr viel anspruchsvoller und nur mit sehr viel mehr Gehirnschmalz (Sitz des Denkens) und überdies mit sehr viel mehr  „Bauchschmalz“ (Sitz des Wollens) zu bewerkstelligen. Bevor man nämlich auch nur anfangen kann zu denken, muß man notwendigerweise wissen, worüber man eigentlich nachdenken will. Kurzum: Man muß wissen, was man will [vgl. dazu auch »Fr 04-10-19 Klimabremse« – dort heißt das Baby, wie üblich, »Zieldefinition«]. Genau hier, da ist sich Bolle sicher, liegt das demokratietheoretische Problem: Wenn einer klipp und klar sagt, was er will, verprellt er umgehend all diejenigen potentiellen Wähler, die genau das eben nicht wollen. Wer traut sich das schon? Außerdem kommt rucki-zucki die (übrigens in keiner Weise demokratisch legitimierte) Sprachpolizei um die Ecke und rügt, daß man das – egal, worum es im Einzelfall gehen mag – so nicht sagen könne oder dürfe. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Warum aber eigentlich „teuer“? Teuer für wen? Für die Bezieher der Grundrente sicher nicht. Ganz im Gegenteil. Des Einen Kosten sind des Anderen Einkommen. Immer! In einer Volkswirtschaft kommt – ähnlich wie in einem Universum – nichts weg. Es gibt schlechterdings kein „weg“. Aber auch das ist ein anderes Kapitel.