Fr 06-12-24 Das 6. Türchen – Nikolausi

Tripel-Nikolausi 2009.

Es kommt ja eher selten vor, daß man den Nikolaus gleich in einer Tripel-Version zu Gesicht bekommt. Manchmal aber eben doch. Immerhin ist hier von den Knechten Ruprecht (muß hier konsistenterweise wohl Plural sein), den Schrecken aller Kinder – zumindest in vergangenen Zeiten war das so – keine Spur zu sehen. Von Rentieren und goldenen Schlitten ganz zu schweigen. Aber laßt uns den Realitäts-Check nicht überstrapazieren. Geschenkt.

Das Bildchen stammt aus 2009 und schlummert seitdem auf Bolles vielen Festplatten. Die Qualität ist nicht wirklich „zeitgemäß“ – dafür aber ist es historisch. Heute würde man so etwas womöglich „vintage“ nennen.

In Bolles Bildersammlung ist es geraten, weil eine schon immer aufmerksame Zeitgenössin (und heute noch gelegentliche Leserin unserer kleinen agnostisch-kontemplativen Sonntagsfrühstückchen) mit Blick für die kleinen Skurrilitäten des Alltags helle und schnelle genug war, hurtig ihr Handy zu zücken – mit dem man damals übrigens auch schon ansatzweise photographieren konnte –, um die Begebenheit für die Ewigkeit (oder was immer man mitunter dafür halten mag) zu manifestieren. Et voilà: Bolle meint, nach 15 Jahren Festplattenschlummer – Kinder, wie die Zeit vergeht – könne es nicht schaden, das einer (etwas) breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Übrigens hatte unsere Photographin seinerzeit noch berichtet, daß sich die drei Nikolausis schließlich noch in eine regelrechte Keilerei verwickelt hatten. Genaueres können wir nicht wissen – liegt es doch im Wesen einer jeden U-Bahn, ohne jede Sensibilität für die Faszination des Augenblickes einfach stumpf weiterzufahren. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 05-12-24 Das 5. Türchen: Würde oder Würmchen?

Sic crustula friatur – Da geht er hin, der Keks …

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. So steht es in der Verfassung, gleich im 1. Artikel und dort auch gleich im 1. Absatz. Damit steht sie an ähnlich prominenter Stelle wie das „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ des alten Testaments der Christen- und vor allem auch der Judenmenschen (1. Mose 1, 1). Auch hier haben wir es einmal mehr mit einem Fall von ›Helfen, retten, schützen‹ zu tun – was wenig Gutes ahnen läßt. In der Tat handelt es sich bei ›Würde‹ um das, was die Juristen einen ›unbestimmten Rechtsbegriff‹ nennen: Nichts Genaues weiß man nicht. Zur Zeit jedenfalls macht sich im deutschen Strafrecht eine Tendenz breit, die Würde dermaßen hochzuhängen, daß keiner mehr drankommt. Das ist zwar rechtsdogmatisch ärgerlich – hat für interessierte Kreise aber den Vorzug, daß man alles, wirklich alles, was beliebt, darunter fassen kann. Gegenwärtig jedenfalls muß der arme Art. 1 GG dafür herhalten, die Bösen von den Guten zu scheiden. Du bist frauenfeindlich? – was immer das heißen soll: Klarer Fall von Verfassungsfeindlichkeit. Sexistisch? Nicht minder. Antisemitisch? Dito. Es ist unschwer zu erkennen, daß hier die unbestimmten Rechtsbegriffe Ringelreihen tanzen – was der Auslegung beziehungsweise, allgemein gesagt, dem jeweils herrschenden Zeitgeist ungeahnte Spielräume eröffnet. Das Ergebnis ist Rechtswissenschaft, wie’s grade paßt. Und wenn das erst mal losgetreten ist, gibt es kaum ein Halten mehr. Bolle kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß wir uns gerade in einer solchen Phase befinden. Übel, übel – aber muß man wohl durch.

Versucht man dennoch, die ›Würde‹ halbwegs begrifflich zu fassen – was wir hier und heute unmöglich tun können – landet man ganz schnell beim ›Kantischen Moralprincip‹ (Schopenhauer), wonach die Würde auf der Moralität des Menschen beruht und die Moralität auf der Würde. Na toll. Und so kommt Schopenhauer auch zu dem Schluß, daß es eigentlich nur ironisch gemeint sein kann, weihevolle Worte wie Würde auf „ein am Willen so sündliches, am Geiste so beschränktes, am Körper so verletzbares und hinfälliges Wesen, wie der Mensch ist“, anzuwenden. Vielmehr solle man, so Schopenhauer, die Würde nicht aus der Großspurigkeit der Menschen ableiten wollen (Homo sapiens oder Homo sapiens sapiens, gar), sondern vielmehr, ganz im Gegenteil, aus seiner Minderbemitteltheit. Das allein führe zu einer Haltung sublimierter Menschenliebe, agápē, zu der schließlich auch das Evangelium der Christenmenschen aufrufe.

Daß das Ganze schwer selbstwertbeschädigend sein mag, versteht sich. Aber ist es nicht erquicklicher, mit einer soliden Ent-Täuschung zu leben als sich dauerhaft in die eigene Tasche zu lügen? Bolle findet, auch und vor allem die Adventszeit bietet sich geradezu an, derlei mal zu kontemplieren. Tut ja nicht wirklich weh. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mi 04-12-24 Das 4. Türchen: Keine Zeit für Weihnachtszeit?

Weihnachtszeit Friedrichstraße 2007.

Dieser Tage ist Bolle die ›Vorweihnachtszeit‹ mitunter recht unangenehm aufgestoßen – etwa in einer Wendung wie „Wir wünschen Ihnen eine schöne Vorweihnachtszeit“ – die sich offenbar zunehmender Beliebtheit erfreut.

Was aber ist ›Vorweihnachtszeit‹? Bei Wiki etwa wird man schlicht auf ›Advent‹ weitergeleitet. Ende Gelände. Ein kleiner sachlicher Unterschied läßt sich allerdings, so man etwas tiefer schürft, dann doch feststellen. Der Einzelhandel benutzt den Begriff als logistischen Ausdruck für seine mit Abstand umsatzstärkste Jahreszeit. Und damit kann man, wenn sich’s lohnen soll, offenbar gar nicht früh genug anfangen. So kommt es, daß so mancher bereits Ende August Weihnachtsgebäck „genießen“ soll – wie die Werbung das zu nennen pflegt. Unterm Tannenbaum werden ihm die süßen Sachen dann wohl gründlich zum Halse raushängen. Aber bis dahin ist das Zeug ja schon verkauft.

Aber selbst wenn dem so ist: Muß man deswegen dazu übergehen, sich gegenseitig eine „Schöne Vorweihnachtszeit“ zu wünschen? Bolle findet, eine schlichte „Schöne Weihnachtszeit“ tut’s auch.

Vielleicht aber traut sich mancher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) einfach nicht, seinen jahresendzeit-geplagten Mitmenschen mit derlei zu kommen. Wer gegen Jahresende von ellenlangen „To Do“-Listen, vulgo Weihnachtsstreß, besessen ist, wird von schöner Weihnachtszeit womöglich lieber wenig wissen wollen.

Wann aber ist Weihnachtszeit – wenn wir das verschämte „Vor-“ mal außen vor lassen wollen? Zumindest einmal vom 1. Advent bis zum 2. Weihnachtsfeiertag. Damit kommen wir auf rund drei bis vier Wochen.

Entspanntere Gemüter werden die Zeit „zwischen den Jahren“ noch dazu packen wollen und kommen so auf mindestens einen vollen Monat. Bei Bolle ist ja ohnehin ab Hallowe’en Weihnachtszeit – auch wenn er im November noch keine entsprechenden Grüße äußern würde.

Offiziell beendet ist die Weihnachtszeit übrigens erst am 6. Januar – dem Epiphaniasfest bei den Protestanten bzw. den Heiligen Drei Königen bei den Katholiken. Bolle findet: Weihnachtszeit vom 31. Oktober bis zum 6. Januar – so geht Entschleunigung als Grundlage für ein Vita Contemplativa bzw. als Antidot gegen ein besinnungsloses Leben. Daß man zwischendurch durchaus ein wenig was tun kann, versteht sich, of course. Die Mischung macht’s. Die Mischung und die Stimmung. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Di 03-12-24 Das 3. Türchen: Warum nich drinnen?

Stilvoll geht die Welt zugrunde … (Symbolbild, of course).

Neulich hatte Bolle – kurz vor Wiedereintritt in den heimischen Orbit – eine Begegnung der transzendentalen Art. Nahe seiner Eingangstür hockte eine Frau vor einem Office. Rauchend. Und offenbar auch frierend. „Warum roochen se nich drinnen? Is doch wärmer!“ Manchmal ist das Mundwerk halt schneller als das Gehirn.

Die Frau guckte Bolle von schräg unten direkt in die Augen. Das war ja schon mal ein gutes Zeichen. Dann dachte sie nach. Wenigstens zwei Sekunden. Bolle findet ja, es macht Spaß, Leuten beim Denken zuzugucken – vor allem, wenn die Prozesse in Zeitlupe ablaufen. Dann überlegte sie – zumindest schien es so –, was sie nun antworten solle. Wieder etwa eine Sekunde. Schließlich entschied sie sich, Bolle anzustrahlen – und es dabei zu belassen. Reden ist Silber – Schweigen ist Gold. Kennen wa ja.

Bedenklich mutet Bolle an, daß es noch gar nicht allzu lange her ist, daß derartig verworfene Sitten Einzug gehalten haben. Hier etwa gilt das ›Berliner Gesetz zum Schutz vor den Gefahren des Passivrauchens in der Öffentlichkeit (Nichtraucherschutzgesetz / NRSG)‹ erst seit dem 1. Januar 2008. Das sind nur 17 Jahre bzw. etwa eine halbe Generation.

Allerdings greift das alles viel zu weit, als daß wir uns hier und heute und vor allem zur Adventszeit damit beschweren wollen. Nur so viel: Sinn und Zweck von‘t Janze beziehungsweise, vornehmer ausgedrückt, die ratio legis besteht, wie der Kurzname schon besagt, im Schutze von Nichtrauchern. Also haben wir es einmal mehr mit einem Fall von ›Helfen, retten, schützen‹ zu tun. Auch hier könnt‘ Bolle kotzen, wie so oft, wenn Schafsnatur (Goethe) den Stil und gute Sitten schleift.

Übrigens guckt Bolle vorzugsweise nur noch ältere Filme. Filme also, wo die gesellschaftlichen Verhältnisse – um es mal hochtrabend marx-mäßig zu fassen – längst noch nicht so verlottert waren wie heute. Und? Haben die Raucher von damals überlebt? Natürlich nicht. In diesem Universum überlebt auf Dauer niemand, wirklich niemand – vom Erlöser der Christenmenschen vielleicht einmal abgesehen. Hätten sie nicht wenigstens ein, zwei Jährchen länger leben können? Möglich wär’s. Rückblickend betrachtet allerdings ohne jeden Belang. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 02-12-24 Das 2. Türchen: Wie handgefiltert

Der GuMo-Weihnachtskaffee.

Nach dem vielleicht doch etwas herben Charme unseres gestrigen Türchens wollen wir uns heute einem im Kern völlig bodenständigen Thema zuwenden: Der morgendlichen Tass Kaff.

Bei einem seiner virtuellen Weihnachtsbummel ist Bolle vor Tagen eine Kaffeemaschine untergekommen, die, man höre und staune, Kaffee „wie handgefiltert“ kochen kann. Dabei handelt es sich um eine Maschine, die man mit ca. 250 Euro durchaus schon der Luxusklasse – zumindest aber dem höherpreisigen Segment zuordnen kann. Anspruch verpflichtet – und so begnügt sich unser Luxus-Maschinchen nicht damit, schlicht Kaffee zu kochen. Vielmehr wird der Kaffee laut Herstellerangaben „gebrüht“.

Bolle meint: Na toll. Bei uns wird Kaffee auch gebrüht. So viel Noblesse muß sein. Dabei ist er nicht nur „wie handgefiltert“ – er ist handgefiltert, in der Tat.

Warum dann sich eine Maschine in die Küche stellen, die nichts weiter kann als das, was ein versierter Kaffee-Koch sowieso kann? Dazu muß man wissen, daß Bolle die Vorzüge der chinesischen Kochkunst zu schätzen weiß. So sagt man, daß ein traditioneller chinesischer Koch noch in der Kochnische einer Studentenbude problemlos ein 4-Gänge-Menü für, sagen wir, 10 Personen zu zaubern weiß. Das mag leicht idealisiert sein, aber der Kern ist wahr – wie Bolle aus eigener Erfahrung versichern kann. Chinesisches Indianerehrenwort. Von Knoblauch pürieren bis Ente tranchieren: ein guter chinesischer Koch braucht dafür nicht mehr als ein Hackbeil und ein Bambusbrettchen als einzige Küchengeräte. Bolle findet das voll pragmatisch-philosophisch. Außerdem spart es Abwasch. Die Kaffeemaschine dagegen, die nicht mehr kann als das, was Bolle ohnehin kann, hat einen Raumbedarf von satten 20 Litern. So etwas erfährt man natürlich nur, wenn man sich die Mühe macht, das Kleingedruckte zu lesen.

Spart unser Kaffee-Roboter wenigstens Zeit? In Bolles Lehrveranstaltungen heißt es ja immer, der eigentliche Witz einer Maschine bestünde darin, die Arbeit leichter und schneller zu machen. Die Antwort ist erstaunlich „komplex“. Wir werden im Rahmen unseres diesjährigen Adventskalenders wohl noch darauf zurückkommen. Im übrigen trinkt Bolle seinen Weihnachtskaffee natürlich nicht nur zur Weihnachtszeit und auch nicht nur am Guten Morgen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 01-12-24 Das 1. Türchen – der 1. Advent: Last Christmas …?

Es weihnachtet wieder …

So, Ihr Lieben. Es weihnachtet wieder – schon wieder. Bei Bolle ist es vorausschauenderweise ja so, daß die Weihnachtszeit mit Hallowe’en beginnt – also mit rund einem Monat Extra-Vorlauf. Das entspannt die Dinge doch sehr. Dabei haben wir es dieses Jahr mit dem eher seltenen Fall zu tun, daß 1. Advent und 1. Dezember auf den gleichen Tag fallen. Das erleichtert die Orientierung ganz erheblich.

Unseren agnostisch-kontemplativen Adventskalender gibt es heuer (wie man in Österreich sagt) immerhin das fünfte Jahr in Folge. Mehr Weihnachtsgruß geht kaum. In England gibt es – oder gab es zumindest – die Sitte, an alle, die man kennt, ein Weihnachtskärtchen zu verschicken. Damit das Ganze nicht zu teuer wird, ist (oder war) es Sitte, daß die Weihnachtsindustrie eigens Low-Budget-Kärtchen auf den Mark wirft, die sich auch weniger begüterte Teenager leisten können.

Bei dem Bildchen heute handelt es sich um eine Rückmeldung unserer geneigten Leserschaft: Ein herkömmlicher Lichterbogen (oder auch Schwibbogen), der noch mit echten in Reihe geschalteten Glühbirnchen funktioniert – und nicht etwa mit LEDs. Dabei liegt an jedem Lichtlein eine Spannung von etwa 30 Volt an – von wegen 220 geteilt durch 7. Wem das nicht auf Anhieb einleuchten will: das soll uns die Weihnachtsstimmung nicht verdrießen. Über die Leistungsaufnahme ist nichts bekannt. Auf jeden Fall werden die Birnchen warm genug, um sich glatt die Finger daran leicht verbrennen zu können. Wie hat man das früher gehalten? Bolle meint ja immer: Wer zu doof ist, den bestraft das Leben. Vielleicht waren die Kinder seinerzeit ja noch nicht ganz so doof. Falls doch: so lernt man’s. Trial and error, eben. Der Rest ist eine Frage der natürlichen Auslese. So etwas aber – das sieht Bolle ein – ist heutzutage durchaus nicht mehr „zeitgemäß“. Sich die Finger verbrennen und dabei was lernen – das geht gar nicht. Sprach das Hülsenfrüchtchen.

Zum heutigen Titel: „Last Christmas“ kann ja zweierlei bedeuten: Erstens ›Weihnachten letztes Jahr‹, wie in dem Lied der englischen Pop-Band Wham! aus dem Jahre 1984. Es kann aber auch bedeuten: Das letzte Weihnachten überhaupt.

Nun ist Bolle mitnichten der hysterische Typ. Indes hatten wir schon letztes Jahr (vgl. Mi 13-12-23 Das dreizehnte Türchen …) daran erinnert zu bedenken:

Keine Macht der Welt kann dir garantieren,
daß du noch eine Minute länger leben wirst.

Ist es nicht schön, daß wir in Zeiten leben, wo man nicht leichtfertig sagen kann: „Ja, ja, schon klar. Red‘ Du nur.“ Daß wir vielmehr in agnostisch-kontemplativ hochwertigen Zeiten leben, wo das jederzeit und sehr, sehr plötzlich richtig real werden kann? Bolle meint ja immer – in Abwandlung seiner Standard-Aufmunterung: Genießt der Zeit – wer weiß, wie sehr die spinnen … Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 08-09-24 Finden verboten – streng verboten

Lob der Linie.

Reden wir über Normen. Und fassen wir uns kurz und beschränken uns zunächst auf soziale Normen. Unter Normen versteht man anerkannte und als verbindlich geltende Verhaltensregeln, die sich in einer Gesellschaft herausgebildet haben.

Dabei beruhen soziale Normen im Wesentlichen auf Werten (im Sinne von ›Allgemeines Für-richtig-halten‹). Die Werte wiederum sind, grob gesagt, Ausfluß der Sozialisation, die einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) erfahren hat. Spötter meinen ja, Sozialisation sei, wenn man so wird wie die Leute um einen herum – wobei wir nicht vergessen wollen, daß oft der Scherz das Loch ist, durch das die Wahrheit pfeift. Kurzum: Man hält sich in der Regel an soziale Normen, weil man sie verinnerlicht hat. Man handelt, um es mit Max Weber zu sagen, traditional, also aus eingelebter Gewohnheit bzw., in Bolles Sprache, aus der Mappa mundi vitiosa heraus (vgl. dazu etwa So 25-08-24 Denkmal zur Wahl). So pinkelt man, um nur ein Beispiel herauszugreifen, als zivilisierter Mitteleuropäer üblicherweise nicht einfach an den nächsten Baum – auch dann nicht, wenn man ganz dringend mal muß.

Auch kann es nicht schaden, sich klarzumachen, daß soziale Normen recht regional sind. Sie reichen gerade mal so weit wie die relevante Gruppe, deren Zusammenhalt sie dienen. So ist es etwa in Bayern völlig „normal“ (im Sinne von normgerecht), gleich zum zweiten Frühstück ein Bierchen zu trinken. Auf dem Wochenmarkt hier im Dörfchen mußte Bolle sich exaktemente deswegen aber schon mal anpampen lassen – allerdings nur von einem Zugereisten, versteht sich. Natürlich hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert.

Welche Norm ist nun die „richtige“? Nun, es liegt im Wesen des allgemeinen Für-richtig-haltens, daß es hier kein „richtig“ gibt – und auch nicht geben kann. Wenn die Leute in Bayern ein Bierchen zum Frühstück trinken und das allgemein in Ordnung finden, dann ist das ebensowenig zu beanstanden, wie wenn das in der Herkunftsregion unseres Zugereisten eben nicht so ist.

Dumm wird es nur, wenn die Zugereisten meinen, daß das, was sie allgemein für richtig halten, bitteschön auch für alle anderen zu gelten habe. Mehr noch: wenn die Zugereisten meinen, daß diejenigen, die nicht ihren Vorstellungen entsprechen, deswegen (!) schlechte Menschen seien, und folglich (!) abgekanzelt gehören. Die Briten übrigens haben hierfür eine sehr schöne Wendung: When in Rome, do as the Romans do – Wenn Du in Rom bist, benimm dich, wie ein Römer sich benimmt.

Nun wird man einen einzelnen Zugereisten verschmerzen können. Richtig dumm wird es allerdings, wenn sich im Zuge überschäumender Globalisierung die Völkerscharen schneller durchmischen als die sozialen Normen auch nur ansatzweise hinterherkommen können. Dabei geht der Trend dahin, alles zu verbieten, was nicht das Zeug zu einer weltumspannenden sozialen Norm hat – was allerdings nicht zuletzt unserer Grundannahme widersprechen würde. Aber was kümmert das ein Glühwürmchen mit heißem Herzen und hinkendem Hirn. Schaut Euch um auf der Welt. Genau das ist es, was zur Zeit passiert. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 18-08-24 Was ist da bloß los?

So dumm kann’s laufen …

Manchmal kann man sich wirklich nur wundern, was den höheren Schichten so alles einfällt beziehungsweise was sie so alles anrichten. Was ist da bloß los?

Eines der jüngsten, eher niedertrabenden Beispiele etwa sind Holzbriketts, denen plötzlich, Knall auf Fall, ein CO2-Wert „zugewiesen“ werden sollte – mit der Konsequenz, daß sie als „klimaschädlich“ deklariert worden wären. Das ist offenbar schon wieder vom Tisch – aber als Beispiel taugt es allemal.

Im Grunde hatte sich Bolle schon im Vorfeld schwer verwundert. Das Anpflanzen von Bäumen, so hieß es und so heißt es, kompensiere den CO2-Ausstoß und sei damit per se klimafreundlich. Ganze Branchen leben von dieser Art von Greenwashing. Ersteres mag ja sein – aber doch wirklich nur vorübergehend. Wenn ein Baum in die ewigen Jagdgründe eingeht – wie Bolles indianische Freunde (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) das nennen würden – Asche zu Asche, Staub zu Staub, dann gibt er exakt die gleiche Menge CO2 wieder frei, die er im Laufe seines Lebens „kompensiert“ hatte. Ja was denn sonst?

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (1. Mose 8, 22). Kennen wa ja. Und eben auch einatmen und ausatmen – und sei es CO2.

So geht der Kreislauf des Lebens. Ein Baum „entzieht“ der Atmosphäre also kein CO2 – er speichert es nur für eine gewisse, begrenzte Zeit. Eine wirklich „nachhaltige“ Lösung (i.S.v. ›funktioniert auf Dauer‹) ist das sicherlich nicht. Eher Voodoo-Ökologie. Aber macht das mal einem rechten Hülsenfrüchtchen klar. „Da muß sich doch was ‚optimieren‘ lassen“ ist noch mit das Beste, was einem als Antwort zuteilwerden kann.

Andererseits: Wenn man neuerdings Säuglingen bei der Geburt ein Geschlecht „zuweisen“ kann – warum dann nicht auch einem Baum einen CO2-Wert? Ist doch nur fair – und paßt im übrigen herrlich ins Weltbild von manch mehr oder weniger hochgestelltem Hülsenfrüchtchen.

Daß ein Baum auf lange Sicht einfach einen CO2-Wert hat – im Zweifel nämlich exakt Null, da gibt es nichts „zuzuweisen“ – und daß ein Neugeborenes einfach ein Geschlecht hat, nämlich (von seltensten Ausnahmen einmal abgesehen) männlich oder weiblich, ist im allgemeinen Durcheinander offenbar glatt untergegangen. Wenn aber alle – oder hinreichend viele – ganz dolle dran glauben, dann mag das wohl so sein. Überzeugend findet es Bolle trotzdem nicht.

Immerhin handelt es sich hierbei um ein hübsches Beispiel von umsichgreifender Hybris. Dabei ist Hybris Bolles agnostische Variante der guten alten Gotteslästerung. Des Frevels gar, des Nicht-wahrhaben-wollens, daß eben nicht alles möglich ist, was sich einer in den Kopf gesetzt haben mag. Und was wollen die nicht alles retten oder schützen. Klima und Demokratie sind dabei Bolles gegenwärtige „Top-Favoriten“. (Schon wieder so ein Wort wie Donnerhall übrigens – außen laut und innen hohl).

Und so kommt es denn heraus, daß sich Gedankenlos und Planlos einträchtig die Händchen reichen. Das Ergebnis ist fruchtlos, of course, und die übliche Reaktion seitens der Planer meist schamlos: „Das haben wir nicht wissen können“ oder, maximal-ignorant: „Wieso? Ist doch alles prima.“ Ein Eingeständnis der Planlosigkeit wäre aber auch zu peinlich. In Bolles Kreisen spricht man hier gerne von Selbstwertbeschädigung. Das Selbstwertgefühl – Ich bin ein ganz famoses Haus (Wilhelm Busch) – aber ist eines der vier kognitiven Grundbedürfnisse (SOSS) und will seinerseits unbedingt geschützt sein – egal wie albern die Ausflüchte im Einzelfall auch immer sein mögen. Tricky …

Eine schöne alte deutsche Wendung legt einem nahe, zuweilen doch mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren. Aber bei aller kontemporären, geradezu närrischen Liebe zu den Fakten: In diesem Rahmen werden Tatsachen, wie es scheint, durchaus höchst geringgeschätzt. Was bitteschön sind schon schnöde Tatsachen gegen hochfliegende Ambitionen? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 11-08-24 Börsen-Crashli

Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; gelobet sei der Name des Herrn! (Hiob 1, 21)

In der vergangenen Woche war es so, daß ein veritabler Börsen-Crash durch den Blätterwald rauschte. Das mag dem Sommerloch geschuldet sein. Vielleicht aber liegt der Hase doch tiefer im Pfeffer.

So titelte etwa eine Zeitung, die große Stücke auf sich selber hält und dabei vor allem auf ihre Wirtschaftskompetenz: Angst an den Märkten – Das neue Gefühl der Anleger.

Abgesehen davon, daß Angst ein schlechter Ratgeber ist – vor allem, wenn man sich auf dem aalglatten Börsenparkett tummelt, hält Bolle es mit der Devise: Wenn Euch das hier zu heiß ist, dann bleibt doch bitteschön der Küche fern.

Auch wollen wir uns nicht mit Börsengeschäften beschweren – im Grunde nicht einmal im weiteren Sinne. Allein das Beispiel zeigt sehr schön, was passieren kann, wenn man als Schreiber auf der Ebene der nackten Fakten klebenbleibt. Aufschlußreich dazu ist nach wie vor Cervantes‘ Don Quixote 1605/1615 (vgl. dazu etwa Sa 16-01-21 Wirklich wahr?).

Tatsachen, mein lieber Sancho,
sind die Feinde der Wahrheit.

Und Fakten – bei Cervantes hieß das noch schlicht Tatsachen – gibt es in diesem Metier nun mal reichlich. Die Börsenkurse stehen unumstößlich fest und lassen sich wohl auch nur recht schwierig „faken“. Werfen wir also einen Blick auf die nackten Fakten:

Voll der Börsen-Crash, eye!

Dabei müssen wir gar nicht allzu genau hinschauen, um das Wesentliche zu erfassen. Es reicht völlig, sich klarzumachen, wie sich der DAX grosso modo in den letzten 12 Monaten entwickelt hat. Tendenz: kommod steigend. Lag er vor einem Jahr noch bei knapp 16.000, hatte er um die Jahreswende einen Stand von knapp 17.000 erreicht, und in den letzten Wochen gut 18.000 (vgl. dazu die grünen Bälkchen). Kurzum: es ging – soweit das an der Börse möglich ist – mehr oder weniger stetig aufwärts.

Dann aber – in der vergangenen Woche nämlich – fiel der Kurs, wie unser Qualitätsblatt zu berichten weiß, auf den tiefsten Stand seit Mitte Februar (gestrichelte Linie). Bolle meint: Na und? Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; gelobet sei der Name des Herrn! Daß man mit einer solchen Einstellung an der Börse nicht wirklich reich werden kann, ist Bolle natürlich klar, of course. Doch das soll hier nicht unser Thema sein. Interessanter ist, daß Vergleiche wie „der tiefste bzw. der höchste Stand seit …“ recht wohlfeil zu haben sind. Das Internetz spuckt solche Daten auf Knopfdruck aus. Die muß man dann nur noch reinschreiben in die Zeitung. Man sollte sich dabei aber nicht ohne Not lächerlich machen. Wenn zum Beispiel jemand früh morgens vermelden würde: Booah! Ich bin so hungrig. Mein schlimmster Hunger seit vor dem Abendessen gestern – dann ist das nun mal lächerlich. Im günstigsten Falle ist es witzig.

Etwas anders liegen die Dinge, wenn unser Qualitätsblatt darauf hinweist, daß der Nikkei-Index seinen „größten Tagesverlust seit 1987“ erlebt hat. Hier reden wir von immerhin knapp 40 Jahren. Obwohl – auch das ist durchaus noch albern genug. Würde man sich als Journalist nämlich die Mühe machen, ein ganz klein wenig über den Tellerrand des Tages hinaus zu denken – statt gleich drauflos zu sensationalisieren, dann hätte man leicht ahnen können, daß die Ereignisse mit „Horrormeldung aus Japan“ oder einem „schwarzen Montag“ sogar doch eher reißerisch betitelt sind. Und in der Tat hatte sich das Börsenbarometer auch in Japan binnen weniger Tage wieder auf Normal eingepegelt. Soweit zum Börsen-Crashli.

Aber Journalismus kommt nun mal von le jour, der Tag, und da muß das womöglich so sein. Bolle indes, der sich mehr für Zusammenhänge interessiert als für Sensationen, hält das, und zwar wohl nicht ganz zu Unrecht, für einen Ausfluß des gemeinen A&O des Journalismus: Aufgeregtheit und Oberflächlichkeit. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 04-08-24 Fast fashion / Slow fashion

Sherlock Holmes im feinen Frack (Illustration im Strand von Sidney Paget 1901)

In letzter Zeit hat Bolle ja vermehrt auf die Mütze gekriegt: die Texte seien in der Tendenz zu überkandidelt, man müsse sich zu sehr reindenken, überhaupt seien die Modelle und die Graphiken zu schwer verständlich, und dergleichen mehr, of course. Bolle meint: Ihr habt ja Recht, und würde am liebsten mit Lessings ›Abschied an den Leser‹ (1751) parieren:

Wenn du von allem dem, was diese Blätter füllt,
Mein Leser, nichts des Dankes wert gefunden:
So sei mir wenigstens für das verbunden,
Was ich zurück behielt.

Kurzum: es hätte schlimmer kommen können. Es gibt nun mal Zusammenhänge, die sind vergleichsweise einfach, und es gibt Zusammenhänge, die eher schwierig zu verstehen sind. Daneben gibt es Erklärungen, die verständlich sind, und solche, die ziemlich kauderwelschig sind. Damit kommen wir, wie so oft, auf vier Möglichkeiten. Das dumme daran ist, daß es stets der Leser ist, der entscheidet, was verständlich ist und was nicht. Für heute ginge das also zu weit.

Folglich begnügen wir uns mit einer 4-Felder-Tafel am harmlosen Beispiel von Fashion. Wenn man sich traut, klare, harte Schnitte zu machen, dann können Klamotten minderwertig sein oder hochwertig. Andererseits können sie tiefpreisig sein oder hochpreisig. Tertium non datur – eine dritte Möglichkeit gibt es nun mal nicht in einer dichotomen Welt.

Damit sieht das ganze aus wie folgt:

Fashion dichotomisiert.

Fehlt nur noch, ein paar knackige Begriffe in die weiß unterlegten Felder zu füllen. Nennen wir minderwertig/tiefpreisig also ›Fast Fashion‹ und hochwertig/hochpreisig ›Slow Fashion‹. Natürlich können hochwertige Klamotten ggf. auch günstig zu haben sein – Fein! Umgekehrt können minderwertige Klamotten auch zu einem stolzen Preis vermarktet werden. Das wäre dann also Grrr! Obwohl: das ist nicht das Schlechteste für Leute, die das Bedürfnis haben, sich – wenn schon nicht über den Geschmack, so doch zumindest über den Preis – vom Rest des Volkes abzuheben. In der Werbung heißt es dann, unfreiwillig komisch: Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben.

Ursprünglich war Slow Fashion einmal „alternativlos“, wie man das heute nennen würde. So hat Bolle, vor vielen Jahren schon, in einem Benimm-Buch einmal gelesen, daß ein englischer Gentleman (ausdrücklich nicht beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) einen neuen Anzug zunächst jahrelang nur bei sich zuhause in den eigenen vier Wänden getragen hat. Sich mit einem nigelnagelneuen Anzug in die Öffentlichkeit zu begeben, hätte man als schockierend ungentlemanlike, nachgerade dandyhaft  empfunden.

Und im 5. Kapitel – dies nur als Beispiel – von Sir Arthur Conan Doyles ›Hund von Baskerville‹ (1901/1902) erfahren wir, daß Sir Henry, obwohl 740.000 Pfund schwer – das entspricht heute einem Vermögen im dreistelligen Millionenbereich – gerade mal drei Paar Schuhe sein eigen nannte: alte schwarze, neue braune, sowie ein Paar Lackschuhe – wenn es einmal darum ging, sich stadtfein zu machen (vgl. dazu etwa das Bildchen oben). Das jedenfalls ist gelebte Slow Fashion.

Daß derlei nicht nur in der Literatur vorkommt, können wir sehr schön am Beispiel Bolle beobachten: Seinen letzten Mantel – seinen einzigen, wohlgemerkt – hat er 20 Jahre lang getragen. Allerdings nur im Winter, of course. Und seinen neuen Mantel trägt er seit nunmehr 12 Jahren. Dabei geht es ihm, wie wir erfahren konnten, mitnichten um ethisch hochwertiges Verhalten – als solches nämlich wird Slow Fashion zur Zeit hochgejubelt bzw. (Branchen-Sprech) vermarktet. Bolle hat einfach Null Neigung, pausenlos was anderes anzuziehen. Wenn man aber umgekehrt bedenkt, daß Fast Fashion angeblich für 8–10 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich sein soll, kann einem schon etwas schwindelig zumute werden.

Manchmal wird Bolle wirklich ganz mulmig ums Herz, wenn er an die ganzen Hülsenfrüchtchen mit ihren wundgescheuerten Egos denken muß – an Leute also, die sich nur in neuer Klamotte wohlzufühlen meinen, auch wenn sie durchaus minderwertig ist. Dazu gibt es übrigens reichlich „Studien“. Insbesondere die sog. Generation Z steht in dem Ruf, hier eine ziemliche „Absichtslücke“ (intention-action-gap), wie rührige Soziologen das zuweilen nennen, aufzuweisen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.