Karfreitag 02-04-21 Immer feste feiern?

Unselige Agnostiker? Da ist die Logik vor.

Worum geht es den Christenmenschen im Kern an diesem Tage, dem Karfreitag? Die Schlüsselszene findet sich bei Johannes im 19. Kapitel. Dort sprach Pilatus, der Statthalter der römischen Provinz Judäa, zu dem auf Sturm gebürsteten Volke: „Nehmet ihr ihn hin und kreuzigt ihn; denn ich finde keine Schuld an ihm.“ Ein Punkt, den die, so wörtlich, „Juden“ indes ganz anders sehen wollten: „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben; denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.“ Und in der Tat läßt sich, zumindest mit etwas Phantasie, ein entsprechendes Gesetz finden. So lautet die Regel: Welcher des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen (3. Mose 24, 16). Nun wirft der Sachverhalt zumindest zwei juristische Fragen auf. Lästert man, rein tatbestandlich, des Herren Namen, nur weil man sich zu seinem Sohn erklärt? Und was die Rechtsfolge angeht, so wäre ja eigentlich eine Steinigung angesagt gewesen – und nicht etwa eine Kreuzigung. Kurzum: Hier geraten das, zumindest seinerzeit, moderne römische Recht und das auch damals schon eher archaische Recht in einer für Gottes Sohn eher ungünstigen Weise über Kreuz. Und so endet die Geschichte dann ja auch: über Kreuz.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Verabschiedet sich im Rahmen einer Qualitäts-Nachrichtensendung von seinen Zuschauern allen Ernstes mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Karfreitag.“ Bolle meint: Geht’s noch? Wenn überhaupt, gläubig oder nicht, irgend etwas so rein gar nicht zum Karfreitag der Christenmenschen passen will, dann ja wohl die Erwartung, „angenehm“ sein zu sollen. So Ihr’s nicht glauben wollet: Fraget den Herrn.

Übrigens feiern in jüngerer Zeit die „Gläubigen“ fröhlich Urständ in den Medien. Man könnte geradezu, der Jahreszeit entsprechend, von einer massenmedial vermittelten Wiederauferstehung reden. Bolle will gar nicht so genau wissen, ob, was, wie und wie tief die glauben mögen. Gerade in Corönchenzeiten wäre das durchaus eine Frage wert. Sein Vorschlag zur Güte: Laßt uns diese Leute im Interesse sprachlicher Abrüstung doch schlicht und ergreifend einfach als „Kirchgänger“ (jedweder Konfession, of course) bezeichnen.  Das täte in den Ohren eines aufrechten Agnostikers weniger weh. Muß ja nicht jeder leiden heute. Wahrer wäre es vermutlich ohnehin. Allerdings ist das dann doch schon wieder ein anderes Kapitel. Im übrigen verweisen wir gerne auf Fr 26-02-21 Sprache als Handwerk?

Mo 29-03-21 Osterruhe ohne Ende

Jenseits von Max und Moritz.

Manchmal ist es aber auch vertrackt. Eigentlich war unser Beitrag vom letzten Dienstag (Di 23-03-21 Hinterm Argument geht’s weiter …) ja nur als kleiner Zwischenruf gedacht. Und dann so was. Erst hat die Kanzlerin öffentlich Asche über ihr Haupt gestreut – nur um dann, in einer exklusiv gehaltenen Talkshow zur besten bildungsbürgerlichen Sendezeit, verschärft inhaltlich zu werden. Ob der Renitenz mancher Landesfürsten sei sie wahrlich not amused. Ihr Amtseid gebiete ihr, da gegebenenfalls ordnend einzuwirken. Der Journalismus 2.0, der qua Profession wohl gerne mal die sprichwörtlichen Flöhe husten hört, hat das in eine offene „Drohung“ umgemünzt, eine „Breitseite“ bzw. eine „Kampfansage“ gar – und gefolgert, die Kanzlerin wolle offenbar „mehr Kompetenzen an sich ziehen“ bzw. denke darüber nach, den Ländern „klare Ansagen“ zu machen.

Daß das nicht ganz einfach werden wird, hatten wir gestern bereits erwähnt (So 28-03-21 Die Osterruhe vor dem Sturm). Verschärfend hinzu kommen demokratie-typische Nebenbedingungen, die mit der Sache an sich rein gar nichts zu tun haben: Die Kanzlerin ist auf dem Ritt in die Abendsonne, während immerhin zwei der Landesfürsten in den Startlöchern stehen und gerne selber Kanzler werden wollen.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Wünscht sich in fester Kanzlerinnen-Treue ein „hartes Durchgreifen“ und nutzt ansonsten den „Flickenteppich“ munter als Fußabtreter. Geschichte? Wozu? Wir haben doch Corönchen.

David Ricardo, ein Volkswirt klassischer Provenienz, sah sich schon 1811 veranlaßt anzumerken, daß er Leuten, die überwiegend auf den Augenblick schielen, mit Skepsis begegne. Solche Leute seien notwendigerweise leichtgläubig, da sie kein Bezugssystem hätten, um ihre Fakten zu sortieren.

Und so müssen wir hören, daß sich der Föderalismus als dysfunktional erwiesen habe. Also weg damit? Das gleiche Argument allerdings ließe sich – let’s go crazy – ohne weiteres auch gegen die Demokratie, zumindest aber gegen die Gewaltenteilung an sich, vorbringen.

Zwar ist das, hoffentlich, so nicht gemeint. Aber das Muster dahinter stimmt schon bedenklich. Hier ein gegebenes Problem, das nach einer Lösung schreit. Und in der Tat ist eine Lösung in Sicht. Problem gelöst. Sollte man meinen. Wenn da nur nicht Tobin’s Argument mit dem over-all climate wäre (vgl. etwa Di 02-02-21 Von Gänseblümchen und Brennesseln). Die Abschaffung bzw. Einschränkung des Föderalismus könnte sehr leicht zu einem ganz ähnlich gelagerten Problem an irgendeiner anderen Stelle führen.

Ein Mitglied der schreibenden Zunft hat übrigens den sprichwörtlichen Vogel abgeschossen, als er, mit empörter Stimme, über Ministerpräsidenten berichtete, die tun würden, was sie für richtig halten. Ja, was denn sonst? Nur, um dann hinzuzufügen: Selbst die von der CDU. Bolle hält das in der Tat für empörend – meint dabei aber die aus berufenem Munde doch etwas seltsam anmutende Vorstellung über die Rolle von Staat und Partei in einer Demokratie. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

So 28-03-21 Die Osterruhe vor dem Sturm

Wer hätte das gedacht?

Unser letzter Eintrag war ja, zugegeben, etwas knapp gehalten. Auch haben wir uns ein paar Tage kontemplativer Distanz gönnen müssen. Es war aber auch zu gruselig. Da kam die Regierung – genauer gesagt: die sogenannte Bund/Länder-Konferenz – nach durchdachter Nacht auf die grandiose Idee, mal eben die Osterlogistik zu zerschießen und das ganze, so viel Nudging muß sein, euphemistisch „Osterruhe“ zu nennen. Osterruhe – das klingt nachgerade kontemplativ. Wünschen wir uns nicht alle etwas mehr Ruhe um die Feiertage rum?

Nach der angesagten Ruhe kam der Sturm. Das geht schon damit los, daß es so etwas wie „Bund/Länder-Konferenzen“ in der Verfassung gar nicht gibt. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn man das Baby „Bund/Länder-Gespräche“ nennt. Allerdings ist das, weder in der Politik noch im Journalismus 2.0, irgend jemandem groß aufgefallen. Was dann?

Nach dem Bundesstaatsprinzip (Art. 20 I GG) ist die Bundesrepublik zweigliedrig organisiert. Das bedeutet im wesentlichen, daß die Länder eigene Staaten sind – mit eigener, und nicht etwa vom Bund abgeleiteter staatlicher Hoheitsmacht. Erschwerend kommt hinzu, daß die Ausübung staatlicher Befugnisse im Zweifel Sache der Länder ist (Art. 30 GG). Fazit: In Deutschland haben die Länder richtig was zu sagen (vgl. dazu auch Fr 05-03-21 Und ewig schläft das Murmeltier). Wenn sich nun die Kanzlerin hinstellt und in einer „Asche über mein Haupt“-Ansprache erklärt, daß ihr „qua Amtes“ die letztendliche und alleinige Verantwortung für den ganzen Schlamassel zufalle, so irrt sie sich. Nein, die Kanzlerin ist nicht die Cheffin der Bund/Länder-Konferenz – zumal es die ja ohnehin nicht gibt. Aber wenn man schon mal einen Lauf hat: Warum dann nicht noch einen draufsetzen?

Kurzum: Bolle hätte es fein gefunden, wenn die Länderchefs wie ein Mann (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) aufgestanden wären und ihrerseits und jeder für sich ein fröhliches „Mea culpa, dito“ unters Volk gestreut hätten: „Ich bin schuld. – Nein, ich. – Nein, ich.“ Sind wir nicht letztlich alle Sünder vor dem Herrn (wiederum beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)?

Noch feiner hätte Bolle es indes gefunden, wenn solche kapitalen „handwerklichen Fehler“, wie es wiederum höchst euphemistisch heißt, gar nicht erst passieren würden. Immerhin: Dieses mal hat das Volk gefühlt, daß das so nicht angehen kann.

Und nun? Noch ein Lock-Downchen, und noch eins, und vielleicht ein allerletztes zu Weihnachten? Oder Ostern nächstes Jahr? Bolle meint: Plan geht anders. Vor allem geht Plan mit Anerkennung der Gegebenheiten los. Krisen-PR, falls nötig, übrigens auch. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 19-03-21 Von guten und von lupenreinen Demokraten

Nichts bleibt wie es ist.

»Why the West Rules – For Now«. So der Titel eines regelrechten Historienschinkens, den Ian Morris, ein britischer Historiker und Archäologe, 2010 schon vorgelegt hat. Bolle hatte das Werk seinerzeit gelesen, verliehen, wie so oft nie mehr zurückbekommen, und neulich erneut erstanden – und findet es nach wie vor höchst lesens- und empfehlenswert. Wenn es nur nicht so dick wäre. Die deutsche Ausgabe kommt auf immerhin 635 Seiten, ohne Register. Aber so ist das nun mal: Romane sind keine Kurzgeschichten. Und das Werk liest sich, allem „wissenschaftlichen“ Anspruche zum Trotze, flüssig wie ein guter Roman. „London, 3. April 1848: Königin Victoria hatte Kopfschmerzen.“ So geht das los.

Was Bolle weniger gelungen findet, ist die deutsche Übersetzung des Titels: „Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden“. Der eigentliche Clou des Werkes, daß nämlich Geschichte ein permanenter „Such und finde“-Prozeß ist mit offenem Ausgang, bleibt dabei völlig auf der Strecke. Wobei, das kommt erschwerend hinzu, so etwas wie „Ausgang“ nicht einmal definiert ist. Von wegen Demokratie als „Endlösung“. Wo kein Ausgang, da auch kein Ende. Klar, das. Was dann? Vielleicht nur schnöder Werte-Imperialismus in gefälliger Verpackung? Aber laßt uns nicht hysterisch werden. Ist Bolle nun ein „Anti-Demokrat“? Natürlich nicht. Indes: ein gelegentlicher Blick über den temporalen Tellerrand sollte auch einem Demokraten erlaubt sein. Soviel Freiheit muß sein.

Greifen wir zur Erhellung und Vertiefung noch einmal unsere Randnotiz von gestern auf. Da hatte Joe Biden, der 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, die Frage eines Journalisten, ob er Putin für einen Mörder halte, allen Ernstes mit „I do.“ (mit Punkt) beantwortet. Krass, das. Und? Was macht Putin? Lädt den Präsidenten zu einem öffentlichen Streitgespräch ein. Bolle hält das für höchst souverän. Die einzige Bedingung: Das Gespräch solle, bitteschön, „online und live“ stattfinden – wohl, um mögliche Wahrnehmungsverzerrungen westlicher Medienschaffender von vorneherein einzudämmen. Das muß nicht bös gemeint sein: Déformation professionelle nennt’s der Franzose: Die berufstypische Neigung zu eingeengter Sichtweise auf manche Dinge – vor allem, wenn sie nicht ins eigene Weltbild passen.

Beispiel gefällig? Heute konnten wir aus der Qualitätspresse erfahren, daß Putin Biden erstens „Gesundheit“ gewünscht hat und ihn dabei „indirekt selbst als Mörder bezeichnet“ habe. Wie fies ist das denn? Begründung für das unterstellte indirekte Mördertum: Putin soll gesagt haben, man übertrage immer auf andere, was man eigentlich selber sei. Bolle meint: Unter diesen Umständen würde ich auch auf Live-Übertragung bestehen wollen.

Und sonst? Der neue amerikanische Außenminister, Antony Blinken, hat in demokratisch-lupenreiner Manier einmal mehr den sofortigen Stopp von Nord Stream 2 gefordert – ansonsten setze es US-Sanktionen. Aber das kennen wir ja schon. Im übrigen wäre das auch schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 13-03-21 Mimimi

Von das kommt das.

Unser heutiger Sinnspruch geht zurück auf Herodot (etwa 490–430 v. Chr.), der seit Cicero vielen als pater historiae ›Vater der Geschichtsschreibung‹ gilt. In seinem Hauptwerk, »Historien«, erwähnt er beiläufig, daß dem Perserkönig Kyros einmal der Vorschlag unterbreitet wurde, das angestammte karge Siedlungsgebiet zu verlassen und sich und seinem Volke fruchtbarere Gefilde zu erschließen. Kyros indessen lehnte ab mit der Begründung, daß übermäßig kommode Lebensbedingungen das Volk nur unnötig verweichlichen würden.

Bolle meint, daß das Prinzip bis heute trägt und daß man es ohne weiteres von ›Herrschaftsgebiet‹ im engeren Sinne auf ›systemrelevante Umwelt‹ im weiteren Sinne übertragen kann. Wenn den Leuten zu wohl wird, führt das nicht etwa dazu, daß sie sich einfach nur wohler fühlen. Dagegen wäre ja nichts einzuwenden. Nein, oft genug führt es dazu, daß sie, wie wir das heute noch nennen, der sprichwörtliche Hafer sticht. Sie drehen einfach durch.

Wir hatte das Thema schon einmal gestreift, wenn auch nur am Rande, und es in Anlehnung an das „ideale Gasgesetz“ der Thermodynamik »Soziales Gasgesetz« genannt (vgl. dazu Sa 19-12-20 Das neunzehnte Türchen …).

Was hat das mit uns zu tun? Nehmen wir, weil naheliegend, Harry und Meghan, das Dream Team der Zersetzung des englischen Königshauses. Da geriet die wohl eher beiläufig in den Raum geworfene Frage, mit welcher Tönung bei dem zu erwartenden „royalen“ Baby denn möglicherweise zu rechnen sei, sofort und unmittelbar zum krassen „Rassismus“-Vorwurf. Bolle sieht sich veranlaßt, hier hart gegenzuhalten: „Ein Stuhl wird nicht diskriminiert, wenn man feststellt, dass er kein Tisch ist. Eine Grenze kategorial zu ziehen, bedeutet noch nicht, zu werten.“ (Liessmann 2012: Lob der Grenze; vgl. dazu auch Fr 15-01-21 Von Tischen und Stühlen). Kurzum, und in Anlehnung an Gertrude Stein: Eine Farbe ist eine Farbe ist eine Farbe. Und keine Wertung.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Greift den „Vorwurf“ begierig auf und zeigt sich schockiert: Streit in der Familie sei das eine. Rassistische Diskriminierung dagegen habe ein ganz anderes Kaliber. Und schwupps – schon ist aus dem „Vorwurf“ eine handfeste „rassistische Diskriminierung“ geworden – und keiner hat’s gemerkt.

Um das ganze noch zu toppen, läßt Maghan die mehr oder weniger interessierte Öffentlichkeit – gegen royales Honorar, versteht sich – auch noch an ihren royalen „Suizid-Gedanken“ teilhaben.

Und? Der Journalismus 2.0? Lobt das auf breiter Front als „offen und furchtlos“. Da muß Bolle schon auf die Neue Zürcher Zeitung zurückgreifen, um zu erfahren, daß es ganz so einfach dann wohl doch nicht sei.

„Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich weiß was“ – so der Schlachtruf eifriger Eleven in der Grundschule. Wie sich die Bilder gleichen. Heute werden, mit der gleichen Verve und in der Hoffnung und Erwartung, sich sein Scheibchen abzuschneiden vom Skandälchen, vorauseilende Sozial-Bollerchen ins Volk gestreut: „Ich bin auch dagegen. Ich bin auch empört. Ich schäme mich dafür. Hört nur her: Ich bin einer von den Guten.“ Bolle meint: Souveränität geht anders. Denken und urteilen übrigens auch. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 12-03-21 America first!

Von festen Punkten und weichen Stellen.

„Erst wird die Bevölkerung der USA geimpft. Wenn wir dann noch was übrig haben, teilen wir es gerne mit anderen.“ So hat es der 46. Präsident der Vereinigten Staaten, Mr Joe Biden, gestern zur besten Sendezeit verlauten lassen. Deutlicher geht’s kaum. Und? Wie haben die Medien das aufgefaßt? Betröppeltes Schulterzucken. Keine Spur von Aufschrei. Bolle meint: Das hätte sich der 45. Präsident, Mr Donald Trump, mal trauen sollen. Dann wäre, einmal mehr, so richtig der Teufel losgewesen.

Was Bolle wirklich ein wenig irritiert: Wir reden hier von Selbstverständlichkeiten. So lautet etwa der Amtseid, den der Bundespräsident, der Kanzler und sämtliche Minister (jeweils beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu leisten haben: „Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden …“, und so weiter (Art. 64 II, 56 GG). Dem Wohle des deutschen Volkes – nicht etwa dem Wohle der ganzen Welt. Entsprechendes gilt selbstredend für die Amtseide anderer Länder. Auch sind sich die Verfassungsrechtler völlig darin einig, daß die sogenannte Eidesformel nur Pflichten bekräftigt, „die ohnehin als selbstverständlich mit dem Präsidentenamt und überhaupt jedem staatlich-politischen Führungsamt verbunden anzusehen sind.“

Grundsätzlich scheint es so zu sein: Je mehr Probleme man gleichzeitig lösen will, desto unwahrscheinlicher wird es, daß man überhaupt irgendwas gebacken kriegt. Ziele brauchen Raum! Damit wären wir wieder beim Thema »Wunsch und Wirklichkeit« (vgl. dazu Mo 08-03-21 Wunsch und Wirklichkeit). Kurzum: „Bevor Du Dich daranmachst, die Welt zu verbessern: Kehre dreimal vor Deiner eigenen Tür.“ Und so paßt es aufs feinste ins Bild, daß genau die Staaten bzw. die Staatenlenker (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) , die diese kleine chinesische Weisheit beherzigen, im Cöronchen-Management zur Zeit die mit Abstand beste Figur machen. Und? Was macht der Journalismus 2.0? Schweiget stille und wundert sich.

Auch hatten wir diesen Punkt vor einigen Wochen schon mal angesprochen und dabei festgehalten: „Bolles vorläufige Prognose: Wir werden noch ein Weilchen weiterwurschteln – und zwar so lange, bis die Maschinen soweit sind, daß man ihnen einfach nur Ziel- und Aktionsparameter eingeben muß und sie uns dann mit kühler Logik mitteilen, was zu tun ist – bzw. daß wir die Zielparameter (also das, was wir erreichen wollen) gründlich abspecken müssen oder aber die Aktionsparameter (also das, was wir possibly überhaupt tun können) gründlich aufstocken, da die Gleichungssysteme ansonsten schlechterdings unlösbar sind. Bolles altes Credo: Was mathematisch nicht funktioniert, funktioniert nicht mal im Kapitalismus – und übrigens auch nicht im Sozialismus.“ (vgl. Mo 18-01-21 So sein — oder so sein …?). Das aber ist dann letztlich doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 11-03-21 Sputnik-Schock 2.0

Sputnik-Schock 2.0.

Damals, 1957, war der Teufel los. Nur 12 Jahre nach dem Endsieg über Nazideutschland und mitten im damals so genannten Kalten Krieg hatten sich die Russen erfrecht, ein Flugobjekt in den Weltraum zu schießen und damit ein Leuchtfeuer technischer Kompetenz gezündet. Im freien Westen war seinerzeit allen Ernstes von „Sputnik-Schock“ die Rede. Die Russen: Nüscht anzuziehen, keen Dach überm Kopp – aber sich im Weltraum tummeln.

Zwar meinte Bolle damals schon, ein Begriff wie »Weltraum« sei ja wohl doch ein wenig sehr euphemistisch, wenn man sich die Proportionen auch nur grob vor Augen hält: Von der Erde bis zu einer Umlaufbahn braucht ein Lichtstrahl in etwa eine zehntel Sekunde. Bis zu unserer Sonne sind es immerhin schon gut 8 Minuten, und bis zu den Außenbereichen unseres Planetensystems, dem Kuipergürtel, fast 7 Stunden. Nun ist eine zehntel Sekunde im Vergleich zu 7 Stunden doch eher wenig. Mikro-Peanuts, sozusagen. Doch es kommt noch dicker: Bis zur nächsten Sonne um die Ecke, Proxima Centauri, würde unser Lichtstrahl schon über 4 Jahre brauchen. Soviel zum Thema »Weltraum«. Das allerdings hat damals keinen interessiert – und tut es wohl bis heute nicht.

Aber davon ab: Der Sputnik-Schock saß tief. So tief, daß der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, John F. Kennedy, unbedingt bemannt zum Mond fliegen wollte, und zwar rucki-zucki, binnen eines einzigen Jahrzehntes – einfach nur um klarzustellen, wer hier Master of the Universe ist.

Und dann das mit den Atomkraftwerken. Als den Russen 1986 ihr Tschernobyl um die Ohren geflogen war, da hieß es im freien und fortschrittlichen Westen: Keen Wunder – sind halt Russen. Dumm gelaufen, war aber absehbar. Uns kann so was nicht passieren. Wir können schließlich Mond.

Erst als den Japanern, genau heute vor 10 Jahren, in Fukushima genau das gleiche passiert war, begann im Westen das große Flattern – allen voran bei den Deutschen: Ausstieg aus der Atomenergie sprichwörtlich über Nacht. Gerade erst beschlossene Laufzeitverlängerungen wurden, von einer Physikerin übrigens, über Nacht suspendiert – whatever it takes.

Und jetzt erfrechen sich die Russen, in Rekordzeit einen Impfstoff zu entwickeln, der anscheinend tadellos funktioniert – und allen Ernstes auch noch ›Sputnik‹ heißt. Zufall? Sprach-Design? Treppenwitz der Geschichte? Wir wissen es nicht.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Wundert sich, daß einige Länder der EU – einschließlich Thüringen übrigens – lieber Sputnik „verimpfen“ als gar nicht impfen. Berichtet, daß kein Land der EU häufiger von „Falschinformationen“ aus Rußland betroffen sei als Deutschland – und führt das auf ein hierzulande unzureichendes Maß an Vorurteilen zurück. Zeigt sich befremdet, daß eine AfD-Delegation dieser Tage nach Rußland reist, um im Gespräch zu bleiben. Miteinander reden – das geht ja wohl gar nicht. Fragt sich, warum denn North Stream 2, fünf Minuten vor Fertigstellung, nicht doch lieber wieder eingestampft wird, um den Weg freizumachen für amerikanisches Fracking-Gas. Das ist zwar deutlich teurer und auch sehr viel umweltschädlicher. Dafür kommt es aber aus einem freien Land – und das ist ja wohl die Hauptsache für lupenreine Demokraten (vgl. dazu auch Fr 04-09-20 Die Recken des Rechtsstaates).

Kurzum: Die Rußland-„Skepsis“ (wie das neudeutsch neuerdings heißt) sitzt so richtig, richtig tief bei den „Eliten“ im Lande. Das scheint Bolle aber eher sozialpsychologisch bedingt und weniger geschichtlich. Die letzte ernstliche russische Invasion nach Europa liegt mittlerweile immerhin zwei- bis dreihundert Jahre zurück. Damals waren russische Adelige in Scharen in Pariser Cafés und Salons eingefallen, weil sie sich zuhause, zwischen Tundra und Taiga, einfach zu sehr gelangweilt hatten. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mi 10-03-21 Wellenreiter

Wellenreiter.

Deutschland braucht, wie’s scheint, einen neuen Fußball-Bundestrainer. Jogi Löw hat offenbar das Schnäuzchen voll. Statt einfach nur zu sagen, was ist (Rudolf Augstein), konnten es die Medienschaffenden mal wieder nicht lassen zu spekulieren, wer denn nun möglicherweise der nächste Bundestrainer sein könnte. Statt aber ein souveränes und dabei auch ein wenig ironisches „beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course“ einzustreuen – Bolle wird ja nicht müde, das nahezulegen – konnte es sich eine Moderatorin nicht verkneifen, ein fröhliches „oder Bundestrainerin“ – Betonung auf „rin“, of course – dazwischenzukrähen.

Bolle ist es herzlich egal, ob das Bundestrainer ein Schwänzchen hat oder nicht. Bolle ist es sogar herzlich egal, ob es überhaupt ein Bundestrainer-Bärchen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)  gibt.

Auf Bolles Liste ewiger Probleme, die uns plagen, nimmt ›Erregungsneigung‹ einen prominenten Platz ein. Man denke nur an „Wutbürger“, die unsägliche Wortschöpfung aus 2010 – die es seinerzeit übrigens aus dem Stand zum „Wort des Jahres“ gebracht hatte und sich bis heute einer ungebrochenen Popularität im Journalismus 2.0 erfreut.

Mit der Erregungsneigung des Volkes, der sozialen Libido sozusagen, werden wir vermutlich leben müssen. Das Problem ist so alt wie die Demokratie. Allerdings wußten die Griechen, falls Bolle das nicht zu sonnig sieht, es einigermaßen in Grenzen zu halten. Zumindest hatten sie schon mal einen Begriff dafür. Begriffsfindung galt den alten Griechen – das nur am Rande – als erster (und mitunter übrigens auch als letzter) Schritt zur Problemlösung. Polybios (um 200–118 v. Chr.) hatte in seiner Staatsformenlehre dafür »Ochlokratie« vorgeschlagen – was man ohne große Übertreibung als ›Herrschaft der Empörten‹ umschreiben könnte.

Muß man die dann noch massenmedial verstärken? Wenn wir die Erregungsneigung „soziale Libido“ nennen, dann liegt es nahe, die Erregungsverstärkung als „soziales Viagra“ zu umschreiben. Bolle meint: Muß man nicht. Lieber einfach nur schreiben, was ist (vgl. dazu Di 22-12-20 Das zweiundzwanzigste Türchen …).

Läßt sich das noch toppen? Aber Ja doch. Indem der Journalismus 2.0 nämlich „Erregungsvorlagen“ liefert – also Dinge, über die man sich, falls einem sonst die Puste ausgeht, überdies empören könnte. Ein soziales Porno-Heftchen, sozusagen, um im Bilde zu bleiben. Auf unseren Aufhänger bezogen: Warum ist der Bundestrainer keine Frau? oder, in der Steigerungsform: Warum darf der Bundestrainer keine Frau sein? Und, schwuppdiwupp, schon wieder hat man eine Sau, die man stunden-, tage- oder gar monatelang durchs mediale Dörfchen treiben kann. Bolle meint: Ernstzunehmender Journalismus sollte sich lieber nicht als Wellenreiter betätigen. Und erst recht nicht als Wellenerzeuger. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 09-03-21 Die große und die kleine Welt

Die große und die kleine Welt.

Gestern hat uns eine Rückmeldung erreicht, die lobend hervorgehoben hat, daß sich unser kleiner Blog bemüht, nach Möglichkeit ein wenig die Tiefen auszuleuchten, statt immer nur stramm an der Oberfläche zu paddeln. Wir hatten das an anderer Stelle (Do 14-01-21 Derangierte Demokraten) einmal „Schwimmflügel-Journalismus“ genannt. Im Grunde wollen wir ja Journalismus überhaupt vermeiden, da der Begriff die Oberflächlichkeit ja schon im Namen trägt: »Journalismus« leitet sich ab von frz. journal ›jeden einzelnen Tag betreffend‹. Das kann ja nichts werden, meint Bolle – zumindest dann nicht, wenn man’s damit übertreibt. Danke also für die Blümis.

»Eduards Traum« übrigens ist eine kleine, aber feine Erzählung, die alle verwundern und vielleicht auch entzücken dürfte, die Wilhelm Busch sonst nur von »Max und Moritz« her kennen. Kann nicht schaden, sich das im Rahmen seiner agnostisch-kontemplativen Bestrebungen gelegentlich mal zu Gemüte zu führen – 39 Seiten sollten eigentlich zu schaffen sein.

Die „Masken-Mörder“ (viel fehlt ja nicht mehr bei der ganzen Uffregung) jedenfalls entwickeln sich zum tagesaktuellen Dauerbrenner – falls das kein Widerspruch in sich ist. Werfen wir einen kurzen Blick in die Schlagzeilen: Die ›Bild‹ macht damit auf, wie die „Masken-Raffkes“ weiter abkassieren. Die FAZ berichtet über einen geplanten „strengeren Verhaltenskodex“ für Abgeordnete. Bolle fragt sich: Warum jetzt erst – nach über 70 Jahren Herrschaft der Guten? Und auch die ›Süddeutsche‹, der ›Tagesspiegel‹ und ›Die Welt‹ sind mittenmang dabei – die ›taz‹ natürlich sowieso. „Eine Sau durchs Dorf treiben“, nennt man so etwas seit alters her. Bolle meint: Weckt mich, wenn’s was zu berichten gibt.

Der eigentliche Hintergrund vons Janze – den wir an dieser Stelle aber unmöglich ausleuchten können – scheint Bolle das Zeiterleben zu sein: Während sich ein mittelalterlicher Bauer die Zeit zyklisch vorgestellt hat – Frühling, Sommer, Herbst und Winter, das Kirchenjahr mit seinen immer wiederkehrenden Festen, Geburt, Taufe, Hochzeit, Tod – und immer wußte, was wann ansteht, stellen wir uns die Zeit heute eher linear vor. Statt also jahrein, jahraus das mehr oder weniger Gleiche zu machen, versuchen wir, auf ein Ziel zuzusteuern. Dumm nur, daß niemand zu wissen scheint, was dieses Ziel denn eigentlich sein mag. Mehr Wohlfahrt und mehr Wachstum? Mehr „weiter so“? (vgl. dazu auch etwa Mo 18-01-21 So sein — oder so sein …?). Bolles Vermutung: Viel zu dünn, um zu tragen. Doch davon später mehr …

Zum Schluß noch der Schluß von »Eduards Traum«: „Ein Buch, wenn es so zugeklappt daliegt, ist ein gebundenes, schlafendes, harmloses Tierchen, welches keinem was zuleide tut. Wer es nicht aufweckt, den gähnt es nicht an; wer ihm die Nase nicht grad zwischen die Kiefer steckt, den beißt’s auch nicht.“ Bolle meint: Kein Grund, es zugeklappt zu lassen. Nur eben auf die Nase achten. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 08-03-21 Wunsch und Wirklichkeit

Wunsch und Wirklichkeit.

Wünsche werden Wirklichkeit. Ein alter Menschheitstraum. Allein: Die Welt ist schlecht. Zumindest aus der Perspektive der Wunschbeseelten. Nie sind die Dinge so, wie sie sein sollen. Liegt das nun an der zu harschen Wirklichkeit – oder an den überschäumenden Wünschen? Die Frage ist müßig, weil längst entschieden.

Berlin feiert heute seinen Weltfrauentag als regulären Feiertag. Totaler Lockdown in den Geschäften. Viel los ist also nicht. Aber Berlin ist ja auch nicht die Welt. Obwohl auch das einmal der Wunsch bestimmter Kreise war – dann aber doch an der Wirklichkeit zerschellt ist.

Was also war sonst noch so los? Greifen wir, weil thematisch naheliegend, noch einmal kurz auf Löbel und seine Freunde zurück (vgl. dazu So 07-03-21 Gut zerknüllt, Löbel). Die wollen ihr Mandat partout nicht hier und heute niederlegen. Müssen sie auch nicht. Da ist die Verfassung vor. Sollen sie aber, wenn es nach ihren Parteifreunden geht – von SPD und Opposition mal ganz zu schweigen. Was Bolle irritiert, ist, mit welcher Lässigkeit die bereit sind, selbstauferlegte Regeln – und die Verfassung ist eine selbstauferlegte Regel – über Bord zu werfen, wenn denn die Wünsche überschäumen. Selbst ein Untersuchungsausschuß ist im Gespräch. Als ob es da was zu untersuchen gäbe. Nun gut – es ist Wahlkampf-Auftakt. Das sieht Bolle ein. Lieber wäre es ihm indes, wenn sich einer der Empörten hinstellen würde und dem Volk reinen Wein einschenken: Die dürfen das! Und? Was macht der Journalismus 2.0? Blubbert von „mutmaßlichen“ Provisionen – als ob die in irgendeiner Weise strittig wären. Blubbert von „Unschuldsvermutung“, die schließlich für alle gelte, also auch für Parlamentarier. Als ob es hier um irgendein Vergehen ginge. Aber so ist das eben, wenn der Wunsch mit der Wirklichkeit wackelt.

Der Beispiele fänden sich noch viele. Allein, heute ist Weltfrauentag und Bolle hat noch einiges vor. Nur so viel: Da hätten wir zum einen den Wunsch nach dauerhafter Enteignung der Hohenzollern, obwohl die Wirklichkeit das nur schwerlich hergeben wird. Da hätten wir die „Katastrophenstimmung“ bei den Behörden an Amerikas Südgrenze wegen „papierloser Migranten“, wie es in der NZZ heißt, nur weil Joe Biden partout sein Trump-Trauma therapieren will. Da hätten wir die Taliban, die in Afghanistan so stark sind wie nie seit ihrem Sturz 2001. Und schließlich hätten wir da noch Ursula von der Leyen mit ihrer verträumten „EU-Impfallianz“. Bolle meint, frei nach Goethe: Der Wünsche sind genug gewechselt. Nun laßt uns endlich Wahrheit sehn! Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.