Fr 12-02-21 Sich binden — oder schnell verschwinden?

Sich binden — oder schnell verschwinden?

Hier haben wir eine der vielen bekannten Stellen aus Schillers »Lied von der Glocke«. Dazu hat Bolle vor zwei Wochen schon in einer Qualitätszeitung unter der Rubrik »Unsere Empfehlung des Tages« was interessantes aufgeschnappt. In dem Bericht ging es um zwei Mädels (no offence, of course), die sich darüber beklagten, daß in ihren Leben „immer wieder ihre persönlichen Grenzen überschritten“ wurden. Im vorliegenden Fall hatten beide „freiwillig Sex“, wollten ihn sogar „unbedingt“. Dann aber, on second thought sozusagen, fiel ihnen ein, daß sie „im Nachhinein hätten Nein sagen wollen“. Bolle meint: No means now. Im Nachhinein wollen oder nicht-wollen gildet nicht – auch dann nicht, wenn man es wohltönend als „Grenzen ziehen“ deklariert. Während es also Ende des 18. Jahrhunderts noch darum ging, langfristige, in Schillers Worten „ewig“ währende Entscheidungen gründlich zu bedenken, scheint das heutzutage im Zeichen verminderter Frustrationstoleranz selbst für one night stands zu gelten.

Eigentlich könnte uns das mißglückte Liebesleben zweier enttäuschter Twens völlig egal sein. Allerdings sieht Bolle zwei mögliche, durch und durch unerfreuliche Weiterungen. Erstens könnten die beiden auf die Idee kommen, sich nachträglich sexuell belästigt oder gar vergewaltigt zu fühlen. Das zeitgenössische Strafrecht käme ihnen dabei durchaus entgegen. Schlecht  für die Männer, wenn’s hart auf hart kommt – aber vielleicht noch hinnehmbar: No risk, no fun. Was Bolle aber wirklich bedenklich stimmt: Wie steht es mit dem nachträglichen „Lieber-doch-nicht-wollen“, wenn die beiden, statt in die Kiste zu springen, im Rahmen ihrer staatsbürgerlichen Pflichten an irgendeiner Wahlurne ihre Stimme abgegeben hätten? Kann Demokratie denn Zufall sein – so wie Liebe Sünde? Das aber, da sind wir uns mit Bolle einig, ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 11-02-21 Hehre Helden — durch und durch …

Hehre Helden — durch und durch.

Wie wir gestern bei der Lektüre von Gabor Steingarts Morning-Briefing erfahren konnten, feierte „der wahrscheinlich größte Volksdichter unseres Landes“ seinen Geburtstag. Sagen wir so: Er hätte (seinen 123. Geburtstag übrigens) womöglich gefeiert, wenn er nicht seit bereits 65 Jahren tot wäre. Tot sein aber drückt doch mächtig auf die Feierlaune. Von solchen Restriktionen – vor denen auch die meisten Helden nicht gefeit sind – einmal abgesehen, wurde er als „Volksdichter“ gewürdigt, gar als „einer der fleißigsten Menschen, die der Literaturbetrieb hierzulande hervorgebracht hat“.

Ein Held der Literatur, also. Und? Wie steht’s um den privaten Helden? Auf der einen Seite haben wir da seine kaum verhohlene Stalin-Verehrung. Auf der anderen Seite aber wissen wir zum Beispiel auch von seiner Forderung, daß die Hälfte des Preisgeldes für den »Stalinpreis für Frieden und Verständigung zwischen den Völkern« auf ein Konto in der Schweiz (!) überwiesen werden sollte. Im wirklich privaten Bereich könnte man vielleicht sagen: Brecht war schwer gewöhnungsbedürftig. Und? Ist das jetzt schlimm? Tut das dem Heldentum Abbruch? Hier liegt die Antwort voll und ganz im Auge des Betrachters.

Ähnliches gibt es, nur zum Beispiel, von Michael Jackson zu berichten: Ein Held der Musik – im privaten Leben in den Augen mancher aber voll der Kinderschänder.

Betreten wir die politische Bühne und nehmen wir, nur zum Beispiel, George Washington, den 1. Präsidenten der Vereinigten Staaten (1789–1797). Der Mann war Sklavenhalter! Oder nehmen wir Thomas Jefferson, den 3. Präsidenten der Vereinigten Staaten (1801-1809). Der Mann hatte glatt ’ne halbe Armee an Sklaven – 600 an der Zahl. Alles Panne-Helden im Privaten?

Oder nehmen wir einen weiteren Jubilar, keinen geringeren als Martin Luther, der 1517 seine 95 Thesen rausgehauen hat, und 1520 seine 30 Thesen zur Freiheit eines Christenmenschen. Das alles nur, um kurz darauf (1525) »Wider die Mördischen und Reubischen Rotten der Bawren« zu wettern und damit den grauseligen Tod von zehntausenden von Bauern auszulösen. Oder, wiederum nur wenig später (1543), zur Versklavung oder zumindest Vertreibung der Juden aufzurufen. Nach neueren Forschungsergebnissen soll das allerdings kein „Rassismus“ und auch kein „Antisemitismus“ gewesen sein, sondern lediglich Spiegel seiner „antijudaistischen Theologie“. Bolle meint: Na, dann geht’s ja.

Oder nehmen wir Pippi Langstrumpf – die in jüngerer Zeit von interessierten Kreisen geradezu zur Emanzipations-Ikone hochgejubelt wurde – dabei aber ihren eigenen Vater „Negerkönig“ genannt hat, und sich damit privat klar als „Rassistin“ geoutet hat. Nun ist Pippi eine literarische Figur. Anders als Astrid Lindgren – die sich zeitlebens geweigert hat, einer Umfirmierung – etwa zum „Südseekönig“ – zuzustimmen. Als ob es in der Südsee „Neger“ gäbe. Doch das nur am Rande. Erst ihre Erben konnten nach zähen Verhandlungen (und wohl auch angesichts drohender Verluste aus den Lizenzeinnahmen) vom Zeitgeist weichgeklopft und veranlaßt werden, einer entsprechenden Umfirmierung zuzustimmen. Wer ist hier wahrhaft heldenhaft? Die aufrechte Autorin? Oder ihre ertragsgeneigten Epigonen? Auch das liegt wohl, wie immer, vornehmlich im Auge des Betrachters.

Kurzum: Haben wir es hier mit Huldigung des hehren Heldentums zu tun? Oder nicht doch eher mit genuinem Geschichts-Gegacker? Anders gefaßt: Stimmt da mit dem Heldentum an sich was nicht? Oder liegt das Problem nicht doch eher bei den Helden-Huldigern, die sich – ein wenig naiv vielleicht, aber bitteschön – hehre Helden höchster Huld wünschen? Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mi 10-02-21 Breaking News: Es schneit!

Helden 2.0.

Bolle, ist das nicht etwas unfair? Regelrechte „Breaking News“ waren das ja dann doch nicht. – Hätte aber nicht viel gefehlt. Immerhin war das auf vielen Kanälen, die sich selber als völlig seriös durchgehen lassen würden, die Hauptnachricht. Wir haben Winter. Und es schneit. Na toll! Irre interessant. Wenn wir jetzt mitten im Juli wären und ähnliche Schneeverhältnisse hätten: Das wäre eine Nachricht. So aber haben wir es hier schlicht und ergreifend mit „Null-News“ zu tun: Nachrichten, die keine sind.

Aber darum geht es auch gar nicht. Worum dann? Bolle sieht in der Berichterstattung eine Spielart der immer mehr um sich greifenden Helden-Verherrlichung. Wobei Helden auch nicht mehr das sind, was sie mal waren. Während sich ein klassischer Held damit hervorgetan hat, seinen Widersachern – Drachen zum Beispiel oder gern auch gegnerischen Truppen – den Kopf abzuschlagen, sind die heutigen Helden 2.0 durch und durch Menschenfreund. Hier wird niemandem der Kopf abgeschlagen. Im Gegenteil: Helden 2.0 zeichnen sich dadurch aus, daß sie „retten“, wo immer es irgendwie was zu retten gibt. Beispiel: Irgendein Dummkopf fährt bei widrigen Verkehrsverhältnissen mitten ins Schneetreiben auf der Autobahn. Keine Sorge: der Retter naht und befreit mit schwerem Gerät und, wenn die Presse naht, noch schwererer Geste die hilflosen (mit Verlaub) Hirnis aus ihrer mißlichen Lage – in die sie sich allerdings aus freien Stücken überhaupt erst hineinmanövriert haben. Immerhin: Damit kann man ganze Vorabend-Sendungen füllen. Wer so was für gewöhnlich nicht gucken mag wird dann eben auf die Hauptnachrichten verwiesen: Same procedure as everywhere.

Aber natürlich muß es nicht immer ein Schneetreiben sein. Tummelplätze für Helden 2.0 finden sich allerorten. Da erklärt zum Beispiel ein ehemaliges It-Girl (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), dem es aktuell an Aufmerksamkeit zu gebrechen scheint, welch schwere Kindheit es seinerzeit doch gehabt habe – vor gefühlt hundert Jahren, also. Statt aber einfach zu sagen: „Shut up, baby, Du bist mit Deinem Heldenmut locker ’n paar Jahrzehnte zu spät dran. Der Drache ist längst tot. Komm damit klar. Im übrigen gibt es in zivilisierten Gesellschaften aus sehr, sehr guten Gründen so was wie Verjährung“ – erfahren wir, wie mutig, ja wie „heldenhaft“ es doch sei, nach so vielen Jahrzehnten endlich die sprichwörtliche Scheiße wieder aufzuwühlen. Bolle meint: Wahre Helden handeln jetzt – und nicht aus der sicheren Deckung mehrerer vergangener Jahrzehnte heraus. Man könnte auch sagen: Manche der modernen Helden 2.0 ziehen sich ihre Drachen aus dem Hut wie sonst nur der Magier die Kaninchen.

Kurzum: Es ist nicht alles Held, was glänzt – bzw. auch nur versucht, den eigenen Glanz nachträglich ein wenig aufzupolieren. Aber wenn’s doch so im TV kommt? Nun, das sagt mehr über das TV aus als über den Heldenmut der Helden. Im übrigen wäre das dann auch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 08-02-21 Die arrogante Ignoranz der Mächtigen …

Lili Marleen — still going strong.

»Ignoranz« leitet sich ab von lat. ignorare ›nicht wissen, nicht wissen wollen‹. Ein Phänomen, das unter den Mächtigen dieser Welt weit verbreitet ist. Und das leuchtet ja auch ein. Je mehr einer weiß, oder gar wissen will, desto mehr lähmt das die Entscheidungsfindung. Gelehrtenrepubliken jeglicher Art (von Friedrich Gottlieb Klopstock 1774 bis Arno Schmidt 1957) gelten nach wie vor als utopisch und vor allem als dysfunktional. Praktikabler scheint Bolle da das klassische Macher-Motto: Avanti dilettanti. Vulgo: wird schon – kieken wa ma. Kurzum: übertriebene Reflektion stört die Macher nur beim Machen. Untertriebene Reflektion dagegen führt oft zum Verlust jeglichen Gefühles für das Suject – und lockt damit potentiell den „Volkszorn“ an wie die Motten das Licht. Damit wären wir bei Arroganz. Das immer gleiche Ende vom Lied: à la lanterne. Nicht, daß Bolle das befürworten würde: Bolle gönnt allen ein langes, glückliches und erfülltes Leben (vgl. dazu auch Do 04-02-21 Höret auf den Herrn …). Auch muß man heute keinen mehr aufhängen oder sonstwie vom Leben zum Tode befördern.  Erstens wäre das – zumindest zur Zeit – sowieso voll verfassungswidrig (Art. 102 GG: Die Todesstrafe ist abgeschafft) – und zweitens reicht es in aller Regel ja völlig aus, jemandem zum Beispiel die Scheckkarte zu sperren. Gleichwohl: der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Immer, immer wieder …

Was hat das mit uns zu tun? Bolle hat gestern erst erfahren, daß die Spätis (auswärts: Kioske, Büdchen, etc. pp.) in manchen Bezirken in Berlin sonntags nicht mehr sollen öffnen dürfen – und fragt sich, wem zum Teufel das denn possibly nützen soll? Den Späti-Betreibern sicherlich nicht. Der verpeilten Kundschaft vielleicht – auf das sie lernen möge, sich sonnabends schon mit dem Wochenend-Bedarf einzudecken? Möglich, aber unwahrscheinlich. Was dann? Wir wissen es nicht. Auch wird die Maßnahme nicht einmal mit Corönchen begründet – das wäre auch zu albern. Vielmehr wurde hier das Berliner Ladenöffnungsgesetz von 2006 aus irgendeiner Schublade hervorgekramt – ein Gesetz, von dem bislang niemand, wirklich niemand in der Stadt jemals irgendwas gehört hat.

Aber vielleicht ist Corönchen ja in der Tat nur die Hintergrundfolie für ein Spiel namens „Kieken wa ma, was geht“ – bevor das Volk richtig schlechte Laune kriegt. Wie gesagt: Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Aber das ist dann letztlich doch schon wieder ein anderes Kapitel.

So 07-02-21 Shit happens

Shit happens.

Es gibt Regeln, die sind so elementar, daß sie unmittelbar jedem einleuchten sollten. Eine dieser Regeln – vielleicht die Regel überhaupt – postuliert, daß nicht immer alles so läuft, wie wir uns das wünschen mögen. Shit happens, halt. Trotzdem tun sich viele schwer damit, das einsehen zu wollen. Solange wir im Ungefähren bleiben – Shit happens, schon klar – mag die Einsicht noch vergleichsweise hoch sein. Sobald es aber konkret wird – Hey, shit is happen­ing to you, and it’s happening right now – ist es mit der Einsicht schnell vorbei. Why me, me, me? Mein Gott, warum gerade ich? Die Antwort: Weil Du eine zu vernachlässigende Größe in Gottes großem Schöpfungsplan bist. Darum. Komm damit klar.

Waren die Leute immer schon so doof? Vermutlich Ja – zumindest mehrheitlich. Natürlich gab es in der Geschichte der Philosophie auch immer Leute, die sich selber intellektuell nicht so billig abspeisen wollten – in erster Linie wohl die Kyniker (mit Diogenes und seinem Faß) und vor allem auch die Stoiker (mit Marc Aurel, dem römischen Philosophenkaiser). Für diese Leute war die Anerkennung der „Shit happens“-Regel eine agnostisch-kontemplative Selbstverständlichkeit – zumindest aber Notwendigkeit.

Und? Was machen wir heute? Wir nennen einen Kyniker einen „Zyniker“ – und heißen ihn einen schlechten Menschen. Wie kann sich einer dem Elend der Welt nur so verschließen? Aus der Einsicht vielleicht, daß es schlechterdings keinen Sinn macht, sich über Dinge aufzuregen, die man ohnehin nicht ändern kann? Daß man klugerweise einfach lernen sollte, manche Dinge auszuhalten – wenn man sie schon nicht ändern kann? Zugegeben: In einer Welt, die den herkömmlichen (und zugegebenerweise höchst zweifelhaften) Heldenkult nonchalant durch einen (im übrigen nicht weniger zweifelhaften) Opferkult ausgetauscht hat, ist das eine durchaus anfechtbare Position.

Im Rahmen unserer agnostisch-kontemplativen Bestrebungen sollte es uns aber weniger darum gehen, ob und inwieweit unsere Position anfechtbar ist – was stört’s den Mond, wenn ihn der Mops anbellt – sondern vielmehr darum, ob wir sie für uns, nach Prüfung aller Fürs und Widers (neudeutsch: pros und cons), für gut und richtig halten: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ (Luther 1521). Leute, tut was. Aber denkt daran: Bevor Ihr Euch daran macht, die Welt zu verbessern: Kehret dreimal vor Eurer eigenen Tür – auf daß Ihr nicht als klugscheißerischer mainstream-konformer Dummdödel enden möget (vgl. dazu auch Sa 05-12-20 Das fünfte Türchen …). Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 05-02-21 What a wonderful world …

What a wonderful world.

Wat meenste, Bolle? Übersetzen? Besser isset. Wir ham so viel Leserschaft, die besser Russisch kann als Englisch. Nun denn:

Der bunte Regenbogen hoch am Himmelszelt
Leuchtet in den Augen der Leute auf der Welt.
Freunde schütteln die Hand, fragen: Hey, alles frisch?
Aber meinen im Grunde: Ich liebe Dich.

Und ich denke für mich: Was eine herrliche Welt.

Das war 1967. Schon damals war nicht alles Gold, was glänzt – auch und vor allem nicht in den USA. Dort gab es seinerzeit schwere Rassenunruhen mit dem „long, hot summer of 1967“. Manches hat sich seitdem zum Besseren gewendet. Manches aber durchaus nicht. Freunde, die sich, weil sie sich lieben, die Hand schütteln? In Corönchen-Zeiten völlig undenkbar. Abstandsgebot! AHA-Regeln!

Bolle fragt sich: Könnte es nicht vielleicht doch sein, daß es (wie Bolles Freund Franko San das vor vielen Jahren schon postuliert hat) so eine Art „kosmische Freud-/Leid-Konstante“ gibt – daß also jeder Fortschritt, den wir als Menschheit an irgendeiner Stelle erzielen, mit einem entsprechenden Rückschritt an anderer Stelle bezahlt werden muß? In der Summe also Null? Probleme also nur auf höherem Niveau – wenn überhaupt? Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 04-02-21 Höret auf den Herrn …

Höret auf den Herrn.

Die Blöße des Fleisches bedecken von der Nase bis ans Kinn wider seinen Nächsten? Kommt einem bekannt vor. Offen bleiben muß indes, ob es in dieser Adaption in der Tat der Herr ist, der das fordert – und bei Zuwiderhandlung seinen Zorn ergrimmen läßt –, oder ob es sich hierbei nicht doch eher um schnödes Menschenwerk (in Gestalt von Bolle, etwa) handelt.

Für ein solides Zwischenfazit ist es – auch ein Jahr nach „Ausbruch“ der „Pandemie“ – wohl noch zu früh. Vorläufig bleibt nur das Erstaunen darüber, was plötzlich alles möglich ist und vor allem, wo, wenn es zum Schwur kommt, die Werte der Gesellschaft liegen. Was geht, Alter? Was guckst Du? Leben sticht Würde – das haben wir schon geklärt (vgl. dazu Mi 16-12-20 Das sechzehnte Türchen …). Was anderes war von notorischen Bangbüchsen auch nicht zu erwarten. Allerdings versteht Bolle unter diesen Umständen immer noch nicht, wieso bei der gegebenen Prioritätenlage Autofahren nach wie vor erlaubt ist (vgl. dazu So 03-01-21 Step by step …). Von öffentlichem Nahverkehr – der zur Zeit vermutlich noch sehr viel gefährlicher sein dürfte als Autofahren – ganz zu schweigen.

Was Bolle einleuchten würde: Wir steuern mit Schmackes auf eine Gerontokratie zu (neudeutsch: „Seniorendemokratie“) – und ausgerechnet dieses Jahr wird ein „Superwahljahr“ werden. Wenn Bolle sich nicht verzählt hat, dann stehen neben der Bundestagswahl nicht weniger als 5 Landtagswahlen an. Und Senioren sind nicht zuletzt auch Wähler – so ist das nun mal in einer Demokratie. Wie heißt es doch sinngemäß bei Faust? Zum Amte drängt, // Am Amte hängt // Doch alles. Ach wir Armen! (Zeilen 2802–2804). Das würde auch erklären, warum ein Impfstoff in der Hand so viel wichtiger ist als ein Impfstoff auf dem Dache – also in anderen Ländern. Im übrigen wünscht Bolle allen und jedem (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein langes, glückliches und erfülltes Leben. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mi 03-02-21 Von Quatsch und Quark …

Von Quatsch und Quark.

Das ist Bolle nach einer Überdosis System-Medien mal eben so rausgerutscht. Betrachten wir es als kleine sprachliche Pointierung nach fast 100 Jahren Dreigroschenoper (vgl. dazu Mi 27-01-21 Wahn und Wirklichkeit). Anlaß war die Berichterstattung zum putistischen Rußland im allgemeinen bzw. zum Umgang mit Nawalny im speziellen. Dabei ist „Er“, wohlgemerkt, natürlich beider- bzw. allerlei Geschlechts gemeint, of course. Wir wollen ja niemanden zurücksetzen. Dieser Hinweis muß genügen, da gendergerechte Dichtkunst Bolles Fähigkeiten bislang bei weitem übersteigt.

Egal, wie man zu Putin oder Rußland oder Nawalny inhaltlich stehen mag. Diese selbstgerechte Pose – oder gar Posse? –, mit der dem geneigten Zuschauer das eigene journalistische Weltbild untergejubelt werden soll, ist schon bemerkenswert. Im Grunde haben wir es hier mit einem Autoimmun-Argument zu tun. Bolle versteht darunter ein ›Argument, das sich gegen alles, was es sonst noch so geben mag, automatisch immunisiert‹ – hier also in etwa wie folgt:

(1) Wir sind die Guten – die freie Presse in einem freien Land. Folglich geht das, was wir sagen oder senden, per se in Ordnung. (2) Die anderen dagegen sind die Bösen – von korrupten Leadern angepaßt bzw. unterdrückt. Folglich geht das, was die sagen oder senden, per se nicht in Ordnung. (3) Summa summarum grenzt es an Frechheit, das eine mit dem anderen zu vergleichen oder auch nur in die gleiche semantische Ecke zu rücken.

Als Hans-Georg Maaßen im Juli 2019 meinte, Die »Neue Zürcher Zeitung« zu lesen sei für ihn wie „Westfernsehen“, da war richtig der Teufel los im Blätterwald. Wie kann man sich nur so erfrechen? Das – genau das – ist es, was Bolle HypnoPresse nennt. Nicht, daß die wirklich „lügen“ würden. Lügen setzt schließlich Wissen und Wollen voraus (fachsprachlich: Vorsatz). Vielmehr glauben die vermutlich selber an all das, was sie da so sagen oder senden. Bolle empfiehlt einen Hauch von agnostisch-kontemplativer Distanz, gegebenenfalls gewürzt mit einem Hauch von Humor und Selbst-Ironie – als Gegengift zur gegebenen Schlagseite (neudeutsch: bias). Ein Hauch von historischem Hintergrundwissen könnte übrigens auch nicht schaden. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 02-02-21 Von Gänseblümchen und Brennesseln

Von Sümpfen und Chinin.

Bolle meint, wir sollten das besser übersetzen. Wohlan, denn: Die Malaria wurde in erster Linie durch das Trockenlegen der Sümpfe zurückgedrängt – und nicht etwa durch Chinin. Ganz ähnlich verhält es sich mit ökonomischen Ungleichgewichten. Wenn es nicht gelingt, die Probleme an der Wurzel zu packen, dann wird sich für jedes einzelne Problem, das wir erfolgreich lösen, ein ganz ähnlich gelagertes Problem an irgendeiner anderen Stelle einstellen. Darum ist es so wichtig, auf das gesamtwirtschaftliche Klima zu achten.

Was hat das mit uns zu tun? Nun – nicht minder ähnlich verhält es sich auch mit sozialen und sonstigen Ungleichgewichten. Das Thema reicht furchtbar weit, und wir werden es hier nicht abschließend abhandeln können. Nur so viel: Vor einigen Jahren – und nach Monaten vergeblicher „Unkrautbekämpfung“ – hatte Bolle auf seiner Datsche ein Transparent ausgerollt. Darauf stand zu lesen: „Nieder mit den Brennesseln und auch den viel zu vielen Gänseblümchen.“ Die Pflanzenwelt war, wie erwartet, schwer beeindruckt.

Nach dieser dann doch etwas aktivistischen Phase hatte es Bolle mit Nachdenken und vertiefter Informationsbeschaffung probiert und folgendes herausgefunden: Es gibt sogenannte Zeigerpflanzen. Wenn auf einer Datsche übermäßig viele Brennesseln wachsen, dann bedeutet das einfach nur, daß der Boden übermäßig stickstoffreich ist. Und wenn zu viele Gänseblümchen wachsen, dann deutet das auf über Gebühr verdichteten Boden hin. Und genau da gilt es anzusetzen – und nicht etwa bei dann letztlich doch sinnloser „Unkrautbekämpfung“.

Nach unserem Brückenschlag von ökonomischen über botanische Probleme: Was hat das mit der sozialen Welt zu tun? Nun – alles, was passiert, passiert auf einem geeigneten Nährboden. Statt also die Phänomene – wie hier im Beispiel  Brennesseln oder Gänseblümchen – zu bekämpfen, sollte es uns vornehmlich darum gehen, den Phänomenen ihren Nährboden zu entziehen. Kurzum, und in Beantwortung von Sternchens Kommentar von gestern: Jede Unmutsäußerung, jede Demo für oder gegen was, braucht einen geeigneten Nährboden. Ohne den läuft nichts – wirklich gar nichts. Wem der Bogen zu weit gespannt erscheinen mag: Muß ja nicht jeder ein Glasperlenspieler sein (vgl. dazu etwa Fr 04-12-20 Das vierte Türchen …). Obwohl: Bolle meint, daß es lohnt, weiter zu denken. Credo: Man kann alles – wirklich alles – mit allem vergleichen – auch Äpfel mit Birnen. Die Frage ist nur, ob es dann auch gleich ist. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 01-02-21 Tua culpa!

Streitgespräch im Kindergarten.

Eigentlich sollte es heute ja um abgefeimte Demokratie-Umschreibungen gehen. Aber das kann warten. Das läuft uns nicht davon. Kümmern wir uns also lieber um Sternchens Kommentar-Anfrage von gestern: Kurz gefaßt: Warum sind die Juden immer schuld an allem? Schlechte Menschen? Das wohl eher nicht. Sich immer wieder wiederholende Geschichte? Möglich – als Antwort aber nicht wirklich befriedigend. Was dann?

Das Leben in größeren Gruppen schafft naturgemäß Konflikte – wobei wir unter »Konflikte« nichts weiter als widerstreitende Interessen verstehen wollen. Warum nur „in größeren Gruppen“? Easy. In kleineren Gruppen funktioniert das, was wir neulich »Sozialisation« genannt haben (vgl. dazu Do 28-01-21 Sozialisation. Wird schon? Oder Hohn?). Oder kann sich jemand vorstellen, daß sich ein kleiner Unter-Indianer in einem Pueblo in New Mexiko oder Colorado nach Nawalny-Art gegen seinen Big Chief, den Ober-Indianer, auflehnt? Wohl kaum. Da ist seine Sozialisation vor. In größeren sozialen Verbänden ist das anders. Man läuft sich nicht jeden Tag über den Weg, man kann sogar völlig anonym rumpupsen – kurzum: Man kann völlig fehlsozialisiert seine „Freiheit“ ausleben, ohne sich sonderlich um irgendwelche Konsequenzen kümmern zu müssen.

Soweit leuchtet das womöglich ein. Was aber ist die Ursache des Unbehagens? Nun – in einer Welt begrenzter Möglichkeiten und potentiell ungegrenzter Wünsche bzw. gar Ansprüche ist Frustration vorprogrammiert. Warum ist das Gras in Nachbars Garten regelmäßig grüner? Houston – wir haben ein Problem. Und zwar ein Problem der potentiell unlösbaren Art. Wie geht man mit Problemen um? Die naheliegendste Möglichkeit wäre, das Problem schlicht und ergreifend zu lösen. Wenn das nicht geht – und das ist bei potentiell unlösbaren Problemen höchst wahrscheinlich – dann tut es gut, wenigstens zu wissen, wer Schuld ist am Problem. Das kann man herrlich in jedem Kindergarten beobachten – treffen hier doch unzureichende Problemlösungskompetenz und überschießendes Bedürfnis nach sozialpsychologischer Bereinigung aufs Feinste aufeinander: Du bist schuld. Nein, Du. Nein, Du. Jeder, der jemals ein, zwei Stündchen in einem Kindergarten zugegen war, weiß, was Bolle meint. Aber in real life? Ist es kaum anders. Auch hier geht es regelmäßig darum, hilfsweise zu klären, wer jeweils schuld ist am jeweiligen Schlamassel. Das löst zwar kein einziges Problem, dient aber der Sozialhygiene. Danach fühlen sich alle gleich wieder besser – und das Leben kann weitergehen. Tua culpa, Deine Schuld – im Gegensatz zu mea culpa, meine Schuld. Aber außerhalb der katholischen Kirche sagt so was ja ohnehin keiner mehr. Bestenfalls hört man gelegentlich ein schnodderiges „Sorry – my fault“.

Fassen wir zusammen: Leute haben Probleme, weil sie fehlsozialisiert sind. Da die Probleme aus guten Gründen nicht lösbar sind, muß wenigstens jemand her, der Schuld ist am Schlamassel. Warum aber ausgerechnet die Juden? Das bliebe hier noch zu klären. Begeben wir uns zu den Quellen – ad fontes, sozusagen. Im 5. Buch Mose, im 7. Kapitel, lesen wir:

3Und sollst dich mit ihnen nicht befreunden: eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen, und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen euren Söhnen. 4Denn sie werden eure Söhne mir abfällig machen, daß sie andern Göttern dienen; so wird dann des Herrn Zorn ergrimmen über euch und euch bald vertilgen. […] 6Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. […] 14Gesegnet wirst du sein über alle Völker.

So etwas hätte man im viktorianischen England splendid isolation genannt. Ob das heute – mit Ausnahme vielleicht von ultra-orthodoxen Juden (Charedim) – noch jemand wirklich wörtlich nimmt, sei dahingestellt. Rein sozialpsychologisch bleibt aber festzuhalten: Wer dazugehören will, ohne dazugehören zu wollen, hat es, gruppendynamisch gesehen, nicht ganz leicht und prädestiniert sich geradezu für die Rolle des Sündenbocks. Ist das fair? Natürlich nicht. Sind „die Juden“ also „selber schuld“? Wenn Bolle so was hört, dann muß er, ob soviel Dummheit  – auch und insbesondere angesichts der mittlerweile salonfähig gewordenen „Täter/Opfer-Dichotomie“, als gäbe es keine Watzlawick’sche Interpunktion – regelmäßig kotzen. Allein: eingespielte sozialpsychologische Strukturen orientieren sich nun mal nicht an Dummheit (oder Intelligenz), sondern „zünden“ eher auf der affektiven Ebene – also „da, wo’s fühlt“. Solche Strukturen aber mal eben locker par ordre du mufti auszuhebeln, dürfte nicht ganz easy sein. Damit müssen wir leben – oder aber uns gründlich ändern. Allerdings wird das ganz auf die Schnelle – wie manche sich das wünschen mögen – wohl nicht zu machen sein. Und bis dahin? Wir wissen es nicht. Weiterwurschteln, wohl. Im Zweifel sind und bleiben also die Juden schuld. „Die besten stehen immer auf den schwierigsten Plätzen“ – so Bolles lieber guter alter Management-Coach. Das allerdings ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.