Mi 03-12-25 Das dritte Türchen: Weihnachtswunder

Totschick …

Es gibt – das wollen wir nicht verhehlen, durchaus Weihnachtswunder der besonderen Art: Manchmal nämlich kann man sich einfach nur wundern. In Bolles Konsumtempel – das ist der mit den mickrigen Weihnachtsbäumchen (vgl. dazu Mo 01-12-25 Das erste Türchen: Früher war mehr Lametta) gibt es jetzt auch – wie soll man sagen? – Indoor-Poller. Zwar würden die keinen heranbrausenden LKW aufhalten können. Nicht mal einen PKW. Aber welches Kraftfahrzeug würde sich schon anschicken, eine Rolltreppe rauf (oder runter) düsen zu wollen? Bolle jedenfalls hat von derlei noch nie gehört.

Was soll das sein? Was soll das werden? Kurz: was soll das? Zunächst dachte Bolle ja, um vielleicht möglichen Gegenverkehr zu kanalisieren. Aber Gegenverkehr auf einer Rolltreppe? Unwahrscheinlich. Eher trifft man einen Geisterfahrer auf der Autobahn als einen Geistergeher auf der Rolltreppe. Um dicke Kundschaft von den höheren Etagen fernzuhalten? Das würde nur bei Treppauf-Pollern Sinn machen. Allerdings sind die Poller auch treppab installiert.  Das spricht – neben einigen anderen Erwägungen – gegen diese Vermutung.

Die Lösung – das hatte Bolle vergleichsweise flott eruiert – findet sich auf den ebenfalls recht schick gestylten – schrägen Pollerköpfen. Da heißt es nämlich in international verständlicher Bildersprache (neudeutsch: Piktogramm), man möge doch bitte weder mit Kinder- noch mit Einkaufswagen die Rolltreppe besteigen – weder auf noch ab. Aha! Und um gar nicht erst in Versuchung zu kommen, hat ein fürsorgliches Konsumtempel-Management nun eben diese Poller angebracht. Sogleich kam Bolle Charly Chaplin in den Sinn. Der nämlich soll einmal gesagt haben: Ein Gag, der einmal ankommt, kommt immer an. Denkbar wär’s – in diesem bunten, wunderlichen Universum.

Nun hat Bolle noch nie – wirklich noch nie – erlebt, daß jemand derlei je hätte versucht zu unternehmen. Aber vielleicht mangelt es ihm ja einfach nur an gehöriger Erfahrung mit modernen Zeiten?

Und wie das Leben so spielt. Schon wenige Minuten nach der photographischen Dokumentation ergab sich ein kurzer Plausch mit einer Konsumtempel-Domestizitin, die meinte, das sei ja wohl voll diskriminierend – und sie werde sich beschweren. Ob damit jetzt Dickenfeindlichkeit, Kinderfeindlichkeit oder eine schlichte Einkaufswagenaversion gemeint sein sollte, hat sich Bolle nicht erschließen wollen. Wie gesagt: Es war ein kurzer Plausch. Im übrigen wär‘ das dann auch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Di 02-12-25 Das zweite Türchen: Was müssen das für Leute sein …?

So isset brav …

Zugegeben: Unser heutiges Bildchen mutet wenig weihnachtlich an. Gleichwohl findet Bolle, das wolle endlich auch mal explizit erwähnt werden. Er hat es vor anderthalb Jahren – Kinder, wie die Zeit vergeht – irgendwo mal aufgeschnappt und getreulich dokumentiert. Wo genau? Darüber hat sich ein wohltuender Mantel des Vergessens ausgebreitet.

Ist das jetzt noch betreutes Denken? Oder schon betreutes Leben? Wir wissen es nicht. Bolle schätzt, daß, wenn man einer solchen Empfehlung getreulich Folge leisten würde, man locker auf etwa zwei Dutzend hygienische Handreinigungsrituale pro Tag käme. Bei geschätzten fünf Minuten pro Ritual – soviel Gründlichkeit muß sein – macht das etwa zwei Stunden täglich. Bolle würde sich hier rein zeitlich überfordert fühlen. Und selbst wenn: Nach seiner Schätzung würde es allerhöchstens einige wenige Wochen dauern, bis der Säureschutzmantel der Haut – der sich in Jahrmillionen aus sehr, sehr guten Gründen herausgebildet hat – restlos ruiniert wäre. Die Folge wären rissige Haut, Ekzeme, und weiß der Teufel was sonst noch alles. So richtig rundherum gesund will Bolle das nicht scheinen. Aber wenn’s doch dem zivilisatorischen Fortschritt dient …? Lautet denn die zweite Schlafschulweisheit aus dem ›ABC der Hygiene‹ in Huxleys ›Schöner Neuer Welt‹ (1932) nicht ganz ausdrücklich: ›Je zivilisierter, desto sterilisierter‹? Dann wird es wohl so sein. Bolle für sein Teil hält es dagegen eher mit alter Väter (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) Sitte und versucht, den gröbsten Unfug zu vermeiden  – ganz ähnlich wie beim Futter (vgl. dazu etwa So 20-07-25 Friß wie früher).

Besonders niedlich findet Bolle übrigens die Anweisung „und umgekehrt“ – auf daß bloß niemand vergessen möge, daß er (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ja schließlich zwei Hände habe, die es zu bedenken gilt. Bolle erinnert das sehr an Martin Perscheids Kartünchen ›Wenn Deppen duschen‹ (1999), wo sich auf einer unter der Dusche abzuhakenden Checkliste unter anderem die Anweisung „Achsel (2)“ befindet. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 01-12-25 Das erste Türchen: Früher war mehr Lametta

Früher war mehr …

Hier das erste Türchen unseres diesjährigen agnostisch-kontemplativen Adventskalenders. Immerhin handelt es sich dabei um den sechsten Selbigen in Folge. Insofern kann man eigentlich nicht meckern, findet Bolle.

Allein wie steht’s um den sonstigen Zauber? Daß mancher bei den Weihnachtsmärkten Fest und Festung ein wenig konfundiert zu haben scheint, hatten wir ja schon erwähnt. Aber nehmen wir Bolles Konsumtempel. Zwar ist der bislang völlig pollerfrei – was Bolle sehr zu schätzen weiß. Ansonsten aber – das wird man kaum anders sagen können – ist er in keinem sonderlich festlichem Zustande. Während selbiger früher – ja, früher – zwar nicht gerade besinnlich, aber doch wirklich festlich-schmuck herausgeputzt war, findet sich dieses Jahr nur noch das ein oder andere vereinzelte mickrige Bäumchen. Das mutet doch recht dürftig an – geradezu herzzerreißend für sensiblere Gemüter. Früher war mehr Lametta. Sagen wir so: Ein Konsumtempel, der es nicht fertigbringt, einen in Festtags- und damit in Konsumlaune zu versetzen, hat ja wohl irgendwie seine Kernaufgabe verfehlt. Immerhin dürfte es das ein oder andere Milligramm CO2 einsparen. Toll, findet Bolle. Toll im Sinne von Sancta Simplicitas, versteht sich, of course. Aber so kann’s gehen, wenn man die Wirtschaft – man ist neuerdings geneigt zu sagen ›Alle Jahre wieder‹ – lustvoll abkacken läßt. Wenn’s doch dem moralischen Fortschritt dient …?

Übrigens haben Loriots Erben 2019 – Loriot ist 2011 verstorben – für die Wendung mit dem Lametta urheberrechtlichen Schutz begehrt. Wir hätten demnach für unseren heutigen Titel Lizenzgebühren entrichten – oder aber in den Untergrund abtauchen müssen. So kann man das auch machen – anderen das Weihnachtsfest zu verdrießen. Und so weit zum moralischen Fortschritt. Zum Glück sind sie seinerzeit sowohl beim Landgericht als auch beim Oberlandesgericht München abgeblitzt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 09-11-25 Es weihnachtet wieder

Hallowe’en im Dörfchen.

Es weihnachtet wieder. Wie schön! Zumindest bei Bolle ist das so. Und zwar alle Jahre wieder – und das seit vielen Jahren schon. Ursprünglich war die Idee ja rein aus der Not geboren. Bolle konnte es nämlich mit seiner Selbstwertanmutung nicht länger vereinbaren, sich Jahr für Jahr und immer wieder überraschen zu lassen. Wie? Weihnachten? Jetze schon? Weia!

Also mußte so eine Art Frühwarnsystem her – ein Weckruf sozusagen. Nur wann? In Bolles Fall hatte sich hier der 9. November ganz natürlich ergeben. Der 9. November nämlich ist ein Datum, das bei Bolle festverdrahtet ist, ohne daß er dafür einen Kalender bräuchte.

Spätestens seit 1989 ist das so, als Bolle – seinerzeit in wahnsinnig wichtigen Geschäften im Westen unterwegs – als Revolutionstourist eigens einen Abstecher nach Berlin gemacht hatte, nur um dem Volk an seinem „Schicksalstage“ (wie manche das – etwas hochtrabend, aber bitteschön – nennen würden) aus nächster Nähe aufs Maul zu schauen. Womöglich etwas überheblich zwar – das sieht Bolle ein – aber sowas merkt man sich dann doch. Hinzu kommt, daß justamente an diesem Tage jemand sein Wiegenfest feiert, den zu vergessen oder auch nur zu verdrängen gänzlich außerhalb von Bolles Möglichkeiten liegt. Kurzum: der 9. November war „gesetzt“ – wie man das heutzutage modisch nennt.

Auch hat sich dieser Tag mitnichten als zu früh erwiesen. Denken wir nur an den in Bolles Kreisen üblichen Adventskalender, den zu verschicken sich spätestens Ende November schickt. Falls man nämlich nicht gedenkt, sich mit den Resten vom Grabbeltisch zu begnügen – oder gar völlig leer auszugehen –, ist Anfang November also durchaus hohe Zeit, sich zu kümmern.

Im Laufe der Zeit hat es sich umständehalber ergeben, den Weckruf noch ein paar Tage vorzuverlegen – und zwar auf Hallowe’en. Zwar hat Hallowe’en mit dem christlichen Wiegenfeste wenig zu tun. Allein es ist so eine Art Event. Die Kinder ziehen durch die Gassen – „Süßes oder Saures“ auf den Lippen – und plündern so den Einzelhandel aus. Bolle findet seit längerem schon Gefallen daran, des Abends einen Bummel durchs Dörfchen zu machen und Zeuge zu sein bei der lieben Kleinen räuberischem Treiben. – Wenn sowas keine Weckruf-Qualitäten hat …

Kurzum: die frühen Novembertage, sei es nun der 9. November oder sei es Hallowe’en, liegen für eine planerische Intelligenz – über die zumindest im Ansatz zu verfügen Bolle bei aller Bescheidenheit für sich in Anspruch nimmt – keinesfalls zu früh im Jahr. Genaugenommen liegen sie genau richtig.

Übrigens: Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, kam besagtes Geburtstagskind auf den durchaus naheliegenden Gedanken, künftig und für immerdar am Nationalfeiertag Geburtstag zu haben – was sicherlich den einen oder anderen Vorzug mit sich bringt. Allein sie hatte die Rechnung ohne die Deutschen gemacht – zumindest aber ohne die bangbüchsige deutsche Politprominenz. Die nämlich fand, der 9. November könne – wegen der Reichskristallnacht 1938 oder des Hitlerputsches 1923 – durchaus ungute Erinnerungen an eigenes schändliches Treiben evozieren und die Festtagslaune trüben. Daher sei das als Gedenktag doch nicht allzu gut geeignet.

Und so kam man überein:
Der dritte zehnte soll es sein.
Zugegeben: etwas fahl,
Doch so isses nun einmal.

Und schon war Essig mit Geburtstag am Nationalfeiertag. Tja. Im Klittern von Geschichte oder zumindest im Meiden von Ambivalenzen war die politische Klasse ja schon immer große Klasse:

Lieb Vaterland, magst ruhig sein –
Nichts soll je trüben deinen Schein.

Dann also doch lieber Hallowe’en. Und allet Jute zum Jeburtstach, nota bene. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 26-10-25 Putin klaut die Kronjuwelen

Kryptisch, oh so kryptisch sein …
[Mabit1, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons]

Das hat gerade noch gefehlt. Jetzt klaut Putin auch noch Kronjuwelen. Und dann auch noch ausgerechnet die von Napoleon. Zwar handelt es sich hierbei nicht wirklich um Kronjuwelen. Allein die Geste aber ist bedenklich genug. Was soll das werden? Eine späte Revanche für 1812, als Napoleon mit einer für damalige Verhältnisse spektakulär großen Armee von 600.000 Mann völkerrechtswidrig – wie man heute sagen würde – meinte Rußland überfallen zu müssen? Oder handelt es sich vielleicht um einen eher präemptiven – auch das übrigens ein Begriff, wie ihn überhaupt erst George W. Busch 2002 in die Welt gesetzt hat – Gegenschlag gegen die von der EU nach moderner Robin-Hood-Manier geplante Beschlagnahme von rund 200 Milliarden russischen Vermögens, das zur Zeit bei Euroclear in Brüssel lagert und aus EU-Sicht einer sinnvollen Verwendung harret – wie zum Beispiel dem Wiederaufbau der Ukraine?

Manche trauen Putin ja alles zu. Aber eine Revanche nach über 200 Jahren vermag Bolle nicht wirklich zu überzeugen. Und für einen präemptiven Gegenschlag wären die Klunker bei weitem nicht wertvoll genug. Genau genommen wären es nicht einmal die sprichwörtlichen Peanuts. 88 Millionen, so der geschätzte Wert der Preziosen, macht nämlich gerade mal 0,04 (!) Prozent von 200 Milliarden aus.

Allerdings soll das hier und heute gar nicht unser Thema sein. Im Gegenteil: Bolle meint, es sei hohe Zeit, sich selber auch mal in der Kunst zu üben, kontrafaktische Fake-News mit prägnantem propitiösem Potential zu produzieren. Immerhin sieht Bolle ein, daß ein Begriff wie ›propitiös‹ der Erläuterung bedarf: es handelt sich hierbei einfach nur um eine Eindeutschung des angelsächsischen propitious ›verheißungsvoll‹.

In der Tat hat Bolle eine entsprechende Meldung bislang schwer vermißt. Üblicherweise läuft es ja so, daß – wenn man schon keine Tatsachen zu berichten weiß, etwa nach Augsteins Credo ›Schreiben, was ist‹ – sich doch irgendwo ein „Experte“ sollte finden lassen, der das jeweils Gewünschte in die Manege munkelt. Und schon ist es eine echte Meldung. Schließlich hat er, der Experte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) es ja in der Tat gesagt. Das muß im Zweifel genügen.

Und wenn das Gewünschte erst mal in der Welt ist, dann wird es seitens geneigter Kollegen aufgegriffen, abgeschrieben und so lange reproduziert, bis es schließlich wirklich wahr wird – denken wir nur an den Virus-Wahn, einen Spätausläufer des Corönchen-Kappes, oder an die Hobbytaucher-Hypothese im Zusammenhang mit Nordstream 2. Nichts genaues weiß man nicht. Aber wenn’s doch täglich in der Zeitung steht …?

So gesehen verwundert Bolle das alles doch sehr. Wer sich demnächst halb Europa unter den Nagel reißen will – manch Experte weiß heute schon, bis wann das spätestens der Fall sein wird –, warum sollte der vor ein paar Klunkern zurückschrecken?

Und überhaupt – let’s go crazy. Was ist mit der Mona Lisa? Da war doch mal was – und zwar ebenfalls im Louvre. Nachtigall, ick hör dir trapsen!

Putin selber kommt hoffentlich kaum in Betracht – dafür ist 1911 viel zu lange her. Das würde wohl selbst der dümmste Zeitungsleser nicht ohne weiteres glauben wollen. Aber wie wär’s mit dem Prinzip Putin – der Inkarnation aller Schlechtigkeiten dieser Welt? War Vincenzo Peruggia, der geständige Täter, nicht doch ein russischer Agent? Diente der Mona-Klau womöglich der Vorbereitung der russischen Revolution 1917? Und wieso nur 7 Monate Knast? Hatte da womöglich die Kampforganisation der russischen Sozialrevolutionäre ihre Finger im Spiel?

Und ist die Fibonacci-Spirale in unserem Bildchen, wenn man es vertikal an der Mittelsenkrechten spiegelt, nicht klar und deutlich ein stilisiertes P? Also P wie Putin – oder zumindest doch wie Putinismus?

Bolle meint, hier müßte sich – de oratione ferenda, also im Rahmen künftiger journalistischer Betätigung – durchaus noch einiges machen lassen. Alles nur eine Frage der Kreativität. Kieken wa ma. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 05-10-25 Drama Queen

Ja, eure Reden, die so blinkend sind …

Und immer wieder erreichen uns Briefe,
in denen der ein oder andere schreibt:
„Treibt’s nicht zu arg mit der geistigen Tiefe,
damit uns des Sonntags mehr Frohsinn bleibt.“

Das Epigramm lehnt sich natürlich an an ›Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?‹ (1930). Allerdings meint Bolle, hier passe es auch ganz gut. Laßt es uns also – zumindest öfters mal – etwas geruhsamer angehen und ›Polit/Presse/Populus – Der Tragödie dritter Teil‹ fürs erste zurückstellen. Aufgeschoben ist ja bekanntlich mitnichten aufgehoben. Auch wollen wir uns etwas knapper fassen, da den letzten Sonntagsfrühstückchen ja ein gewisser Hang zum Überschwang eigen war. Wohlan, denn!

Unser Schildchen zeigt eine hochgestellte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens – die wir natürlich via Augenbalken anonymisiert haben, da es uns stets nur um die Strukturen gehen soll und nie um einzelne Personen – bei einer Rede anläßlich irgendeines Anlasses. Offenbar ergriffen und bewegt von den eigenen Worten fing besagte Person auf offener Bühne und vor laufender Kamera an, ein wenig aus der Form zu fallen: Schmerzverzerrtes Gesicht inmitten der Rede – und womöglich Tränchen gar. So genau wollte Bolle das gar nicht wissen – dafür ist er nun mal zu dezent.

Das allererste indes, was Bolle dazu einfallen wollte, war eine Stelle aus ›Wag the Dog‹ (USA 1997 / Regie: Barry Levinson / mit Dustin Hoffmann und Robert de Niro).

Räuspern und ein Schlücken Wasser …

Im Film sollte der Präsident eine Rede halten – natürlich wie üblich vom Teleprompter abgelesen. Interessant fand Bolle, daß da nicht nur der reine Text steht, sondern auch regelrechte Regieanweisungen – ähnlich wie etwa die Anweisung ›pesante‹ (getragen), wie man es aus Partituren kennt. Hier also „sich räuspern und ein Schlückchen Wasser nippen“. Wer’s nicht glauben mag: Die Szene findet sich im Film an der Stelle 58´58´´. Und nun sage keiner, das sei eben Hollywood – mitnichten aber das wirkliche Leben. Hollywood bringt es womöglich nur auf den Punkt, das wirkliche Leben. Wir hatten es schon öfters mal erwähnt: Alle ein, zwei Jahre mal wieder diesen Film zu gucken, rein zur Auffrischung, scheint Bolle nachgerade eine Frage der geistigen Hygiene zu sein, eine Art Immunisierung gegen schädliche Einflüsse vielerlei Art  – so ähnlich wie Zähneputzen, nur eben nicht ganz so oft.

Aber vielleicht ist das alles ja auch gar nicht so. Vielleicht war besagte Person in der Tat von ihrer eigenen Rede so angegriffen (wie man bei unseren südlichen Nachbarn sagt) beziehungsweise so aufgewühlt, daß es halt kein Halten mehr gab. Unwahrscheinlich – aber möglich wär’s. Allein Bolle mag‘s nicht glauben.

Im übrigen: Der Sommer war sehr groß – wenn auch mitnichten der vom Journalismus 2.0 herbeihysterisierte Superhöllenhitzesommer mit fast 50 Grad im Schatten. Und in einem Monat schon beginnt – zumindest bei Bolle ist das so – die Weihnachtszeit und damit der besinnlichere Teil des Jahres. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 17-08-25 Wir tolerieren uns zu Tode

Rein — oder raus …?

Wir haben uns natürlich überlegt, ob wir Donald Trump heute mal auf unser Schildchen heben wollen. Schließlich soll es ja Leute geben, die durchaus der Ansicht sind, daß, egal was Mr. Trump so von sich gibt, das per se nicht stimmen könne. Mancher würde gar bestreiten, daß 2+2=4 ist, falls der das behaupten sollte. Bolle aber war dafür. Schließlich – so sein Argument – sei oft der Scherz ja wohl das Loch, durch das die Wahrheit pfeife. Vor allem aber fand er das alles ausgesprochen allegorisch. Im übrigen – das kam noch hinzu – war Bolles lieber guter alter Großpapa – Sanitätsoffizier in gleich zwei Weltkriegen – ganz ähnlich drauf. Bevor er sich hat irgendwo Essen servieren lassen, hatte er regelmäßig erst mal heimlich einen Blick in die Küche geworfen. Falls ihm die Zustände nicht zusagen wollten, dann blieb es halt beim Bier. Wer braucht schon Futter mit Bazillen?

Beim Titel haben wir uns von Neil Postmans ›Wir amüsieren uns zu Tode‹ anregen lassen. Es trägt den Untertitel ›Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie‹, ist schon 1985 – vor nunmehr 40 Jahren also – herausgekommen und noch immer (beziehungsweise gar schon wieder) ausgesprochen lesenswert. Mit Urteilskraft und Urteilsbildung ist es zur Zeit ja nicht allzuweit her, könnte man meinen.

Der letzte Satz des Gleichnisses meint natürlich die gegenwärtigen Aufräumarbeiten – falls man das so nennen mag – in Washington, D.C. Mr. President ist nämlich der Ansicht, daß es der Hauptstadt von God’s own country nicht schlecht zu Gesicht stünde, wenn sie keinen allzu verwahrlosten Eindruck machen und auch keinen Spitzenplatz im Mord- und Totschlag-Ranking einnehmen würde. Die rivalisierenden Demokraten, die dort mit überwältigender Mehrheit regieren, waren natürlich aufs blankeste entsetzt ob der präsidialen Einmischung in ihre – wie sie es sehen – inneren Angelegenheiten. Schließlich versteht man sich dort als durch und durch liberal – was sich am besten mit ›links‹ übersetzen läßt – und da legt man nun mal einen gewissen Wert auf ›anything goes‹ (Paul Feyerabend 1975). Nun aber könnte zwischen der wörtlichen Übersetzung ›Man kann alles machen‹ und der lebenspraktischen Aussicht ›Wird schon alles funktionieren‹ ein kleiner, aber feiner semantischer Unterschied liegen, der, so Bolles Vermutung, der „Liberal Crowd“ nicht immer voll bewußt zu sein scheint.

Damit aber wären wir dicht an der Allegorie. Garrett Hardin hatte, in etwa um die gleiche Zeit (1968), in seinem Aufsatz ›The Tragedy of the Commons‹ zum Thema Freiheit folgendes angemerkt:

Der Ruf nach „Rechten“ und nach „Freiheit“ liegt allenthalben in der Luft. Aber was bedeutet Freiheit? Als man übereingekommen war, zum Beispiel Raub unter Strafe zu stellen, wurden die Leute dadurch freier – und nicht etwa weniger frei.

Dem könnte man natürlich widersprechen, of course – so mancher Raubritter würde genau das tun –, muß man aber nicht. Spätestens seit Thomas Hobbes‘ ›Leviathan‹ (1651) dürfte den allermeisten einleuchten, daß ein Gemeinwesen, und sei es das liberalste (beziehungsweise freiheitlichste) einer gewissen inneren Ordnung bedarf, damit die Dinge eben nicht in Mord und Totschlag ausarten. Schließlich, so Hobbes, sei im Naturzustand der Mensch dem Menschen nun mal Wolf und neige dabei ›zum bellum omnium contra omnes‹ – dem Kriege aller gegen alle.

Aber schweifen wir nicht ab und beschränken wir uns für heute auf eine zumindest leidlich adrette Erscheinung als Parallele zu Trumps adretter Eingangstüre. So hat, wie man hört, die Mailänder Scala diesen Sommer erst eine explizite Kleiderordnung eingeführt: Wer sich untersteht, in Shorts, in Flip-Flops oder ärmellosen Hemdchen zu erscheinen, muß künftig leider draußen bleiben – ohne daß die Kosten für die Eintrittskarte in irgendeiner Form erstattet würden, versteht sich. Bolles liebe gute alte Großmama hätte in solchen Fällen nicht versäumt zu erwähnen, daß auf einen groben Klotz nun mal ein grober Keil gehöre.

Natürlich gab es umgehend Diskussionen – bis hin zu heftigem Protest. Aber was will man machen? ›Form follows function‹ ist nun mal nicht alles – auch wenn eine Menge Leute (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) namentlich der jüngeren Generationen nichts anderes gelernt zu haben scheinen. Zu der ›Form‹ im Spruch gehört, wie Bolle ernstlich meinen will, nun mal auch eine gewisse Form.

Übrigens: Wie man weiterhin hört, sollen die Yanks den Ukrainern gesteckt haben, daß Selenski beim nächsten Treffen doch bitteschön im Anzug zu erscheinen habe. Anderenfalls fände leider kein Treffen statt. Ist das jetzt Powerplay? Arroganz der Macht? Oder Pflege guter Sitten und Wahrung bewährter Umgangsformen? The wind of change, womöglich gar? Fragen über Fragen. Apropos Selenski: Der Journalismus 2.0 ätzt zur Zeit aus allen Rohren ob des Treffens der beiden Präsidenten am Freitag. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 13-07-25 Sicilia est insula

Reif für die Insel …

Nachdem unsere letzten Sonntagsfrühstückchen mitunter doch ein wenig haarig ausgefallen waren, wollen wir uns heute einem höchst harmlosen Sujet zuwenden. Dabei handelt es sich um die allerersten Sätze aus Bolles erster Latein-Fibel seinerzeit. Autor und Verlag haben sich mittlerweile im Dunkel der Zeiten verloren. Aber Bolle bleibt natürlich dran, of course.

Sizilien ist eine Insel.
Sardinien ist eine Insel.
Sizilien und Sardinien sind Inseln.

Bolle findet, das ließe sich möglicherweise selbst bei rudimentären beziehungsweise gar nicht vorhandenen Lateinkenntnissen durchaus noch erfassen. Sein erster Gedanke damals jedenfalls war: krass – ich kann Latein! Das dickere Ende sollte erst sehr viel später kommen, of course. Das dickere, wohlgemerkt, nicht etwa das dicke. Im Kern ist Latein ja durchaus logisch – was Bolle seinerzeit sehr entgegenkommen sollte.

Nun hat sich Bolle die Mühe gemacht, selbiges in eine gendergerechte beziehungsweise nachgerade woke Version zu transformieren. Am Informationsgehalt – der Tatsache nämlich, daß es sich sowohl bei Sizilien als auch bei Sardinien um Inseln handelt – ändert sich dabei nichts, und zwar rein gar nichts. Bolle wollte lediglich korrekterweise berücksichtigt wissen, daß auch die männliche Version gegebenenfalls „mitgedacht“ beziehungsweise mitberücksichtigt sein will. Und so kommen wir auf die alternative Version, die sich in manch jung-modern-aufgeschlossenen Kreisen ja durchaus einer gewissen Beliebtheit erfreuen dürfte – falls man dort überhaupt Latein sprechen würde.

Nun, bei der Kontemporärisierung hat sich der Text leider, leider, von ursprünglich 72 Zeichen auf 135 Zeichen aufgebläht – also auf fast das Doppelte. Bolle meint, wenn das damals schon so Sitte gewesen wäre, hätte er sicherlich nie Latein gelernt – und frühzeitig schon das Handtuch geworfen. Zum Glück waren das diesbezüglich seinerzeit deutlich weniger ambitionierte Zeiten.

Die Tatsache, daß sowohl Sizilien als auch Sardinien auch gegengeschlechtlich „gelesen“ werden können, beziehungsweise möglicherweise gar müssen, ist natürlich auch eine Information, of course – spielt aber im vorliegenden Falle keine, und zwar wirklich rein gar keine Rolle. Keinesfalls jedenfalls sollte derlei Blubbersprech eine Verdoppelung des Textumfanges rechtfertigen können. Wir hatten das vor langer Zeit schon mal thematisiert und dabei auf Schopenhauers § 287 in seinem ›Über Schriftstellerei und Stil‹ (1851) verwiesen und das mit ›Deutlich denken‹ unterschrieben (vgl. dazu So 06-09-20 Laber Rhabarber).

Der leitende Grundsatz der Stilistik
sollte seyn, daß der Mensch nur einen
Gedanken zur Zeit deutlich denken kann;
daher ihm nicht zuzumuthen ist,
daß er deren zwei, oder gar mehrere,
auf ein Mal denke. –

Bolle würde ja mitnichten meckern wollen – wenn das Ganze nicht allmählich pandemische Ausmaße angenommen hätte. Dabei handelt es sich hierbei nicht einmal um Redundanz – was als stilistisches Mittel ja durchaus seine Berechtigung haben mag. Vielmehr handelt es sich schlicht und ergreifend um thematischen Overflow: ruinierte Stilistik ohne zusätzlichen Erkenntnisgewinn bei verdoppeltem Textvolumen. Aber wie heißt es in Bolles Kreisen doch gleich so schön: Irren ist menschlich – wirren ist wöklich. Oder – auch das kursiert als Kurzformel: Gestern irre – heute wirre.

In jüngerer Zeit ist Bolle der Begriff ›suggestive Desinformation‹ untergekommen. Das mag auf den ersten Blick recht geschmeidig klingen. Wenn wir aber bedenken, daß wir ›Information‹ als ›entscheidungsrelevantes Wissen‹ aufzufassen haben, dann haben wir es hier nicht einmal mit Information zu tun – und folglich auch nicht mit Desinformation. Also sollte womöglich besser von ›manipulativer Null-Information‹ die Rede sein: Rüber kommt rein gar nichts – jedenfalls nichts Entscheidungsrelevantes. Allerdings soll, wie es scheint, auf die Einstellung – im weiteren Sinne: die mappa mundi – der Empfänger (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) Einfluß genommen werden – und zwar möglichst, ohne daß sie es überhaupt merken. Damit aber berühren wir den Wesenskern der Manipulation – und befinden uns mittenmang auf einem ergiebigen Tummelplatz woker Weltenrichter. Wobei vorläufig offenbleiben muß, ob wir ›richten‹ hier im Sinne von ›geraderücken, in Ordnung bringen‹ oder nicht eher doch im Sinne von ›beurteilen‹ beziehungsweise gar ›verurteilen‹ auffassen wollen oder gar müssen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 15-06-25 Immer auffem Sprung

Immer auffem Sprung.

Unser Bildchen heute zeigt eine Szene aus Bolles derzeitiger Vogelwarte, die sich praktischerweise direktemang auf dem Balkon befindet. Die Entfernung von A nach B – also von Amsel nach Bolle – beträgt dabei gerade mal 2 Meter Luftlinie.

Warum machen Amseln – und auch andere Gefiederte, also Drossel, Fink und Star und der ganze Rest der Vogelschar – sowas? Von eher kitschigen Erklärungen wie „Die mögen halt die Menschen“ einmal abgesehen, haben wir es hier wohl mit dem unabänderlichen Spannungsverhältnis zweier elementarer Bedürfnisse zu tun: dem physiologischen Grundbedürfnis nach Nahrung einerseits und dem Bedürfnis nach Sicherheit andererseits. Beides sind wohl Aspekte des – letztlich natürlich sinnlosen – Versuches zu überleben. Wenn das Bedürfnis nach Nahrung Überhand nimmt, dann muß man das schützende Nest eben vorübergehend verlassen. Gleichwohl bleibt man tunlichst immer auf der Hut – jederzeit bereit, die Prios anzupassen. Was nützt das schönste Futter, wenn man am Ende selber zu Selbigem wird? Daß Bolle keine Katze hat, kann Amsel ja nicht ahnen.

Wie friedlich und wie harmonisch aber könnte die Welt doch sein – ein alternatives Grundkonzept vorausgesetzt. So findet sich als Umschlagsillustration auf Bolles alter Kinderbibel eine Szene, die wohl das Paradies darstellen soll. Löwen und Gazellen liegen da friedlich und einträchtig Seit‘ an Seit‘ im Grase, zusammen mit manch Blümelein. Hosianna, Hallelujah, halt. Selbst in Bolles Kinderaugen schien das damals schon nicht das realistischste aller Konzepte – und zwar lange, bevor er je etwa von Ludwig Thomas ›Der Münchner im Himmel‹ (1911) gehört hatte: „Luja sog i.“

O nein, die Welt ist weiß Gott kein friedlicher Ort. Und das wird sich auch nicht ändern, solange Leute was zu futtern brauchen oder sonstige Interessen meinen verfolgen zu müssen: big fish eats small fish. Oder, wie Woody Allen in seinem ›Die letzte Nacht des Boris Gruschenko‹ (USA 1975 / Originaltitel: Love and Death) im Rahmen einer tiefschürfenden philosophischen Debatte über den Sinn des Lebens und den ganzen Rest zu seiner angehimmelten Sonja meinte: „Mir kommt das alles vor wie ein großes Restaurant.“

Allein auf diesen Umstand hinzuweisen kann einem in Deutschland allerdings schon mal leicht als Billigung eines Angriffskrieges ausgelegt werden und, wenn’s dumm läuft, bis zu 3 Jahren Knast einbringen (§§ 140 Nr. 2, 138 I Nr. 5 StGB i.V.m. § 13 VStGB). Dabei kann eine vergleichsweise harmlose Aufmunterung wie zum Beispiel „Bravo Putin“ – zumindest, wenn es nach dem LG München I gegangen wäre (Urteil vom 2. August 2023) – durchaus schon genügen, um ernstlich mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.

Interessant wird es indessen, wenn man anfängt, Parallelen zu ziehen – was nach Hülsenfrüchtchens Heuristik natürlich strikt verboten ist und gerne mit der Argumentationsattrappe ›Whataboutism‹ pariert zu werden pflegt. Parallelen zu ziehen, Dinge einzuordnen überhaupt, ist nach dieser Vorstellung tunlichst zu unterlassen – zumindest aber höchst unerwünscht. Derlei mache die Dinge nur unnötig „komplex“ – im Sinne von ›dann blick ich nicht mehr durch‹.

Beispiel gefällig? Eines für alles mag hier genügen. Da bombt seit längerem schon ein Land auf ein anderes ein – und Politik und Presse überschlagen sich förmlich und unaufhörlich mit „Kriegsverbrecher“-Krakeele. Nun bombt neuerdings ein anderes Land auf ein anderes ein, nur weil ihm dessen Politik nicht paßt – und schon heißt es, das sei schließlich vorbeugende Selbstverteidigung beziehungsweise, vornehmer formuliert, Präventivnotwehr. Schließlich habe man ein Existenzrecht zu verteidigen – und im übrigen sei das eine Demokratie. Bolle meint nur: Ach herrje!

Völkerrecht ist, allem gutgemeinten Gedusel zum Trotze, im Wesentlichen noch immer Faustrecht – mit Betonung auf Faust und weniger auf Recht. Das war eines der ersten Dinge, die Bolle beim Studium dieses Faches helle wurden. Und allen Bestrebungen, das zum Besseren zu wenden, war bislang nur höchst mäßiger Erfolg beschieden. Hinzu kommt: Recht ist, nach allem, im Wesentlichen ja kaum mehr als geronnene Macht. Folglich empfiehlt Bolle, lieber die Füße ein wenig stiller zu halten, gleichwohl aber auf dem Sprung zu bleiben. Klingt doch fast schon nach Zen – und damit vielleicht nicht ganz unrealistisch. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 01-06-25 Rauchen wie Gott in Frankreich

Twins – Zwillinge (1988).

Um es mal mit Obelix zu sagen: Die spinnen, die Franzosen. Aber nicht nur die. Bei Lichte betrachtet sind es wohl eher die Zeiten an sich, die spinnen. Bolle meint ja, wie so oft, als erstes: Definiere ›spinnen‹. Probieren wir es mit einer Umschreibung: Vielleicht ist ›Spinnen‹ ja nur so eine Art „Realitätsunwilligkeit“ – wie Roger Köppel, der große Journalist der kleinen Schweizer Zeitung, das neulich mal genannt hat.

Was ist passiert? Die Grande Nation hat sich zu der Idee verstiegen, Rauchen ab demnächst nicht nur mehr in geschlossenen Räumen verbieten zu wollen, sondern weitestgehend auch unter freiem Himmel – also in Parks und öffentlichen Gärten, aber auch an Bushaltestellen, bei Sport und Spiel auf den Tribünen, und natürlich in der Nähe von Schulen, of course.

Wo Kinder sind, da muß der Tabak weichen. Soweit die Argumentations-Attrappe. Es gebe nun mal ein Recht der Kinder auf saubere Luft. Im Freien! Hört, hört! Bolle meint, hier durchaus einen Hauch von Hysterie ausmachen zu können, und – let’s go crazy – auch einen Hauch von Filigran-Faschismus, der definitionsgemäß ja will, daß alle gleich sein wollen sollen. Von wegen liberté toujours. Die ganze Liberté-Idee scheint Bolle mittlerweile ja ohnehin so eine Art Auslaufmodell zu sein. Wie nur kann es möglich sein, daß die Grande Nation sehenden Auges im Kern zu einer Grande Imitation, also einem seelenlosen Abklatsch ihrer selbst, verkommt? Aber vielleicht hängt Bolle das alles auch einfach nur zu hoch. Wer weiß?

Im übrigen handelt es sich hier auch um einen Fall von ›Edel versus Eigentlich‹, also Bolles EvE-Theorem: Jedes eigentliche Vorhaben, und sei es noch so schändlich, läßt sich bei hinreichender konstruktivistischer Kreativität locker mit einem Zuckerguß edler Absichten glasieren. Alles für die lieben Kleinen. Und die Freiheit? Die stirbt natürlich unterm Zuckerguß.

Und wie schnell das alles ging und geht – zumindest in der Rückschau im Schnelldurchlauf. Unser Bildchen zeigt eine Szene aus ›Twins – Zwillinge‹ (USA 1988 / Regie: Ivan Reitman / mit Arnold Schwarzenegger, Danny DeVito, Kelly Preston und Chloe Webb). Dort hatten sich die beiden Zwillingsschwestern bei einem Einkaufsbummel im Supermarkt – also drinnen – noch ganz entspannt ein Zigarettchen brüderlich geteilt. Im Supermarkt! So weit hat es Bolle nie getrieben. Und das alles ist gerade mal knapp 40 Jahre her – also nur etwa gut eine Generation. Was nur mag da schiefgelaufen sein bei der Aufzucht der kleinen Racker (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)? Wie nur kann es sein, daß ›Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll‹ zu ›Veganismus, Laktose-Intoleranz und Helene Fischer‹ verkümmern konnten? (Womit natürlich mitnichten irgendwas gegen Helene Fischer gesagt sein soll, of course). Und wie kann es sein, daß sich Lucky Luke etwa – im Nachdruck der Hefte auch rückwirkend, versteht sich – mit einem Grashalm im Mäulchen begnügen muß statt mit ‘ner ehrlichen selbstgedrehten Ziggi?

Seinerzeit, das weiß Bolle noch ganz genau, gab es im ›Schwarzen Café‹ am Savignyplatz noch ein ›Schwarzes Frühstück‹ für Minimalisten (oder vielleicht auch Existentialisten) zu haben. Eine Tasse schwarzen Kaffees mit einer schwarzen Zigarette. Sapienti sat – Der Philosoph wird davon satt.

Aber muß man denn unbedingt rauchen? Natürlich nicht. Ein jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mag das halten, wie es ihm zu Nutz und Frommen scheinen mag. Auf die Frage einer Studentin, warum er denn rauche, ist es Bolle – ohne nachzudenken, also so richtig zenmäßig – in einer großen Pause einmal rausgerutscht: „Weil ich irgend etwas brauche im Leben, das völlig sinnlos ist.“ Ansonsten käme er sich vor wie der Arbeitsgaul ›Boxer‹ in Orwells ›Animal Farm‹ (1945) oder wie einer dieser deprimierend derangierten Borgs aus ›Star Trek‹. Bolle hatte sich immer schon gefragt, worin die wohl ihren Lebenssinn sehen mögen. Indes: am klügsten ist es wohl, wenn man erst gar nicht fragt. Immerhin: Bolles Begründung hatte, wie es schien, durchaus einiges an Überzeugungskraft – wie das mit Zen-Sprech ja öfters mal so ist. Jedenfalls war diesbezüglich Ruhe im Karton.

Übrigens: Frankreichs private Terrassen sollen „selbstverständlich“ von der Regelung ausgenommen bleiben, of course. Bolle meint, dann is ja jut. Kieken wa ma, was die Zukunft bringen mag. Beim Zeitgeist weiß man schließlich nie. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.