Mo 16-12-24 Das 16. Türchen: Bewegte bunte Bilder

Bewegte bunte Bilder.

Beginnen wir die neue Woche aufs Gemütlichste. Feuerchen faszinieren. Das war schon immer so. Mit „immer“ meinen wir – soweit man das überhaupt halbwegs zuverlässig sagen kann – seit etwa 1,5 Millionen Jahren. Das entspricht in etwa einem Viertel der Zeit, die sich die Menschheit im weiteren Sinne auf diesem Planeten tummelt.

Kaum nämlich hatten unsere Vorfahren gelernt, daß Feuer nicht nur gräßlich gefährlich sein kann, sondern durchaus auch höchst nützlich – zum Beispiel schmeckt ein frisch erlegtes Mammut deutlich besser, wenn man es vor dem Verzehr ein wenig anröstet. Feine Unterscheidungen – wie etwa „rare“, „medium“ oder „well done“ kamen vermutlich erst sehr viel später auf. Noch viel später kamen Leute auf, die mit so etwas rein gar nichts mehr am Hut haben wollen – Vegetarier etwa oder gar Veganer. Für die gibt‘s dann Marshmallows.

An dieser Stelle fällt Bolle ein kleiner Witz ein: Er und Sie sitzen in einer Bar und sind am Turteln: Sie: „Ich bin Veganerin, trinke keinen Alkohol und dusche immer kalt.“ Daraufhin Er: „Ich finde es toll, wenn man so offen über seine Probleme reden kann.“ – Soweit der Witz.

Um sich die Größenverhältnisse besser vorstellen zu können, hat es sich bewährt, die Zahlen in eine anthropologische Uhr umzurechnen – also von der Menschwerdung um 0 Uhr in der Nacht bis 24 Uhr hier und heute. Demnach hätten wir Menschen seit etwa 18 Uhr – also seit etwa 6 Stunden – das Feuer genutzt. Das Feuerzeug entdeckt – also die Möglichkeit, selber ein Feuerchen zu entfachen und nicht auf den nächsten Buschbrand warten zu müssen – haben unsere Vorfahren allerdings erst vor etwa 32.000 Jahren – auf der anthropologischen Uhr also vor gerade mal 8 Minuten.

Dabei ist alles so einfach, wenn man weiß, wie’s geht: Man nehme einen haushaltsüblichen Feuerstein (SiO2) und schlage ihn gegen einen Pyrit (FeS2), auch Schwefelkies oder Katzengold genannt. Dabei beachte man, das in unmittelbarer Nähe von Reisig oder einem Zunderschwamm zu tun. Fertig ist das Feuerchen! – und alles bereit für die Faszination der bewegten bunten Bilder.

Mittlerweile allerdings geht der Trend ja wieder dahin, daß wir dazu neigen, die ganz uralte Angst vor dem Feuer neu zu entdecken. Vorsicht, heiß! Allerdings kann sich Bolle beim besten Willen zum Beispiel Holmes und Watson in der Baker Street 221 B nicht mit Fußbodenheizung oder gar Wärmepumpe vorstellen – obwohl die Londoner damals schon ihre liebe Not mit den vielen Feuerstellen hatten. So ist das Wort ›Smog‹ eine Zusammensetzung aus ›Smoke‹ (Rauch) und ›Fog‹ (Nebel) – auch dann, wenn es gar nicht so nebelt wie in London. Das Problem war also bekannt. Indes: Nichts ist vollkommen – nicht mal zur Weihnachtszeit. Immerhin ist die Luftqualität – zumindest in den Innenräumen – sehr viel besser, wenn ein zünftiges Feuerchen prasselt im Kamin und dabei die ganzen Luft-Schadstoffe durch den Schornstein jagt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 15-12-24 Das 15. Türchen – der 3. Advent

Weia!

Nach zwei Tagen relativistischer Betrachtungen in Folge fand Bolle, daß es wieder Zeit wird für was wirklich Weihnachtliches. Zumal die Christenmenschen dieser Welt ja finden, daß heute bereits der 3. Advent ist. Danach kommt nicht mehr allzu viel – und schon ist es wieder soweit.

Unser Bildchen für heute hat Bolle beim Bummeln durchs Dörfchen im Schaufenster einer Sparkasse gefunden. Man hätte es glatt ahnen können – ist ein Begriff wie ›Stresstest‹ doch recht bankenaffin. Um was es bei der Werbung überhaupt ging, ist Bolle übrigens glatt entgangen.

Allerdings – das war Bolle neu – kommt ›Stresstest‹ gar nicht originär aus dem Bankenwesen, sondern aus der Medizin – hat sich dann aber, weil so hübsch vielfältig verwendbar, in alle möglichen Lebensbereiche ausgebreitet, nicht zuletzt eben auch in den Bankensektor. 2011 hat es der Streßtest sogar zum ›Wort des Jahres‹ gebracht.

Ron Kurtz übrigens hat mit seiner ›Hakomi-Methode‹ 1983 – also vor nunmehr 40 Jahren  schon – eine psychotherapeutische Richtung entwickelt, die Charaktere allein dadurch unterscheidet, wie sie unter Streß reagieren. Manche arbeiten halt härter, wenn’s eng wird. Andere holen Hilfe, und wieder andere fahren erst mal in Urlaub. Bolle war seinerzeit schon fasziniert davon, auf was für Ideen man kommen kann. In Urlaub fahren, wenn die Bude brennt. Krass!

Manche meinen ja, sie bräuchten ihren Streß. Vermutlich fühlen sie sich sonst nicht lebendig genug beziehungsweise „spüren“ sich zuwenig. Falls man das aber nicht so sieht, sollte man wohl besser darauf achten, sich seinen Streß für Ausnahmesituationen vorzubehalten (akuten Streß). Dafür hat ihn die Natur wohl auch vorgesehen. Streß als Normalzustand dagegen (chronischer Streß) haut auf Dauer glatt den stärksten Yogi (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) um.

Wie steht es nun mit Streß zum Fest? Man mag ja von Weihnachten halten, was man will. Eines allerdings sollte klar sein: Weihnachten ist absolut absehbar – und läßt daher im Grunde wenig Spielraum für chronischen Streß. Falls manch Christenmensch das anders sehen sollte, liegt der Verdacht nahe, daß er nach dem Motto „Alles ist möglich.“ durchs Leben rennt – und muß sich dann womöglich Bolles „Denkste. Ist es nicht.“ anhören.

In unserem Problemlösungszirkel (vgl. So 13-10-24 Die beste Lösung) findet sich die Antwort übrigens im Feld ›Plan/Check der Mittel) und lautet, als Frage formuliert: „Kann ich mir mein Problem überhaupt leisten?“ Falls Nein, gilt Bolles eiserne Regel: Probleme, die man nicht lösen kann, muß man loswerden. Total so.

Bolle jedenfalls war – wie so oft zur Weihnachtszeit – mit den Händen in den Taschen unterwegs. Und das wird – zumindest als kontemplative Grundausrichtung – bis auf weiteres wohl auch so bleiben. Mancher wird hier einwenden, daß man sich derlei nur leisten kann, wenn man sich’s leisten kann, oder so. Bolle aber meint, tout au contraire, daß man doch bitteschön nicht immer Ursache und Wirkung verwechseln möge – wenn’s auch schwerfallen mag. Lieber leben nach dem (leicht angepaßten) Motto: Geh auf, mein Herz, und suche Freud // In dieser schönen Weihnachtszeit (Paul Gerhardt 1653) – und schon kann der Streß sehen, wo er bleibt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mi 11-12-24 Das elfte Türchen: Winterwunderland

Winterwunderland.

Kaum rühmt man einen Weihnachtsmarkt der herkömmlichen Art, wie wir das gestern getan haben, da muß man erfahren, daß es eine gewisse Tendenz zu geben scheint, den Weihnachtsmarkt gleich rein begrifflich abzuschaffen. So heißt er, wie’s scheint, zum Beispiel in Wolfsburg, aber auch anderswo, jetzt angeblich „Winterwunderland“. Bolle meint: Na toll! Ein kleiner Schritt für die Sprachdesigner, aber ein Riesensprung für die kulturelle – von religiös wollen wir hier gar nicht reden – Allerwelts-Beliebigkeit der Sitten. Bolle mag ja nicht an den großen Zampano glauben. Aber gleichwohl scheint derzeit ein Zeitgeist mit einer noch viel größeren Schleifmaschine am Werke zu sein, der alles schleift und schmirgelt, was in irgendeiner Weise bei irgendwem irgendwie auch nur den geringsten Anstoß erregen könnte.

Das Thema greift viel zu weit, als daß wir heute auch nur anfangen sollten, uns damit zu befassen – geschweige denn zu echauffieren. Und so mag sie tunlichst stille schweigen, des Sängers Höflichkeit.

Jakob Burckhardt hat das in seinen ›Weltgeschichtlichen Betrachtungen‹ (1905) vor nunmehr 120 Jahren wie folgt gefaßt: „In der Natur erfolgt der Untergang nur durch äußere Gründe: Erdkatastrophen, klimatische Katastrophen, Überwucherung schwächerer Spezies durch frechere, edlere durch gemeinere. In der Geschichte wird er stets vorbereitet durch innere Abnahme, durch Ausleben. Dann erst kann ein äußerer Anstoß allem ein Ende machen.“ Bolle meint, man muß nicht übertrieben pessimistisch sein – realistisch reicht vollends –, um die „innere Abnahme“ förmlich mit Händen greifen zu können. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Di 10-12-24 Das 10. Türchen: Weihnachtsmarkt im Dörfchen

Weihnachtsmarkt im Dörfchen.

Nach dem doch etwas herben Türchen gestern ist es Zeit, sich wieder einem wirklich weihnachtlichen Thema zuzuwenden. Gestern wollte es sich fügen, daß Bolle en passant auf dem Weihnachtsmarkt in seinem Dörfchen war. Neben Glühwein, der nur mäßig übersüßt ist, und Bratwurst, die nicht sinnlos überwürzt ist, gibt es da noch richtige Feuerchen, an denen man sich wärmen kann, bevor einem die Finger so klamm werden, daß sich kaum noch fachgerecht ein Zigarettchen drehen läßt.

Auch gibt es an den Eingängen keine Poller, die einem die Stimmung doch sehr vermiesen und verdrießen können. Kurzum: die laute und lärmende Welt muß auf geradezu magische Weise leider draußen bleiben. Recht so, findet Bolle.

Auch wissen sich die Leute angemessen zu bewegen. Anderswo und immer häufiger ist es ja so, daß jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) dermaßen in seiner eigenen Blase blubbert, daß ihm jegliches Gefühl für die nicht-virtuelle, also die tatsächlich wirklich wahre Umwelt völlig flöten zu gehen scheint. Da wird gerempelt und geschoben und aneinander angeeckt, daß es wirklich keine wahre Freude ist – erst recht nicht zur Weihnachtszeit.

Dazu nur ein Beispiel, wie es sich auf dem Hinweg zugetragen hat: Fußgängerüberweg. Radfahrer starrt auf die Ampel – und nur auf die Ampel. Kaum grün, tritt er mit Wucht in die Pedale. Daß es richtige Leute aus dem richtigen Leben vielleicht noch nicht ganz auf den rettenden Gehweg geschafft haben, weil die Ampelphasen so geschaltet sind, wie sie nun mal geschaltet sind, interessiert da anscheinend wenig. Wo das hinführen soll, offenbar ebensowenig. Es ist nun mal nicht ganz einfach, einen Fußgänger mit dem Fahrrad zu überrollen, ohne selbst Schaden zu nehmen. Darauf angesprochen – vielleicht auch angeranzt – ist die Empörung natürlich groß, of course.

Im Grunde findet Bolle es ja faszinierend, wie man sich rein tatsächlich übel danebenbenehmen und dabei völlig unerschütterlich daran glauben kann, daß man selber voll im Recht ist: „Wieso? War doch grün!“ Daß man Vorfahrt nicht erzwingen soll – und übrigens auch nicht darf – ist offenbar längst nicht jedem Hülsenfrüchtchen helle. Bolle vermutet ja, daß es sich dabei um ein Resultat der völlig unterkomplexen „Grün gehen – Rot stehen“-Kindergartenregel handeln könnte: Fehlsozialisation der sublimen Art, halt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 09-12-24 Das 9. Türchen: Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Gesetze

Die normative Kraft des Faktischen (Universitätsbibliothek Heidelberg).

Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Gesetze. Das ist weiß Gott nicht weihnachtlich – und doch ist es nicht minder wahr – und zwar nicht nur zur Weihnachtszeit. Aufgeschnappt hat Bolle das in irgendeiner Vorabend-Serie – und war spontan entzückt ob der Dichte des Diktums. Wie ein gut geführter Hammer. Wumm! Und sitzt!

Aber ist es auch wahr? Natürlich ist es wahr – in dem Sinne, daß wir es wieder und wieder beobachten können. Aktuell reden wir von Syrien, of course. Da hat man ein Land seit gut 60 Jahren und in zweiter Generation mehr oder minder fest im Griff – und schwupps: plötzlich ist alles anders. Wenn die Waffen sprechen (und ein paar günstige Umstände hinzukommen), halt.

Daß damit nicht jeder glücklich ist, versteht sich. Als etwa Bismarck – um ein Beispiel aus der jüngeren Weltgeschichte herauszugreifen – sich in einer Rede vor dem Preußischen Abgeordnetenhaus vom 30. September 1862 zu bemerken veranlaßt sah, daß „die großen Fragen der Zeit“ nicht „durch Reden und Majoritätsbeschlüsse“ entschieden würden, sondern durch „Eisen und Blut“ – da war natürlich der Teufel los. Ja, darf der das denn? Natürlich darf der das. Zumindest hat er es getan.

Hier nämlich geht es mitnichten darum, was einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) gerne hören mag. Es geht auch nicht darum, ob etwas wünschenswert ist oder nicht (Schwester Ethik). Hier geht es lediglich um das, was ist (Schwester Logik). Bolle muß immer wieder staunen, mit welcher Hartnäckigkeit so manches Hülsenfrüchtchen selbst elementare Kategorien zu konfundieren weiß (vgl. dazu etwa So 06-10-24 Propaganda).

Manchmal aber ist mancher doch der Einsicht nahe. So meinte eine Journalistin gestern in einem dieser Plauder-Formate (vulgo Talk-Show), „die Realität“ entwickele sich „gerade in eine andere Richtung“. Bolle meint, das hat sie schön gesagt.

Georg Jellinek (1851–1911), ein österreichisch/deutscher Staatsrechtslehrer mit Blick über den juristischen Tellerrand, hat dafür seinerzeit den Begriff ›Die normative Kraft des Faktischen‹ geprägt: Wenn was so is, dann isses so. Friß, Vogel, oder stirb. Ändern können wirst Du’s eh nicht.

Um den Ganzen dann doch noch eine weihnachtliche Note zu verleihen: Bolle findet ja, Georg Jellinek ließe sich großartig als Nikolausi casten – und meint das in keinster Weise despektierlich. Die Brille, der Bart – überhaupt der Ausdruck insgesamt: Im Kern freundlich – aber durchaus wohl auch zur Strenge fähig. Ein echter Nikolausi eben. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 08-12-24 Das 8. Türchen – der 2. Advent: Neuer Wein zu alten Bräuchen?

Neuer Wein zu alten Bräuchen?

Dieser Tage hatte Bolle Weihnachtspost im Spam. Normalerweise löscht sich sowas ja von selber. Aber dieses mal – schließlich ist bald Weihnachten, das Fest der Liebe – wollte Bolle ausnahmsweise auch mal lieb zu seinem Spam sein. Also klick und auf.

Dort hieß es, die Adventszeit stehe vor der Tür – was Bolle ein wenig befremdlich fand: schließlich ist die Adventszeit bereits zu einem Drittel um. Von wegen vor der Tür. Nun sei das – hieß es weiter – die Zeit für besonders gute Weine. Das war Bolle neu. Zwar liegen Wein und Weihnachten rein phonetisch nicht allzu weit auseinander. Aber von Glühwein einmal abgesehen war Bolle der Zusammenhang bislang nicht helle.

Richtig ist allerdings, daß der Heiland höchstselbst gelegentlich gepichelt hat. So ist er, zumindest in David Safiers ›Jesus liebt mich‹ (2008) geradezu ins Schwärmen geraten, als er nach zweitausend Jahren Abstinenz im Himmelreich in Gestalt eines Joshua mit Marie, einem Erdenwesen, in einer Pizzeria saß und bei einem Glas Rotwein meinte: „Den habe ich vermißt.“

Jedenfalls sollte Bolle, so der Vorschlag, ein Sechser-Pack „einzigartiger“ festlicher Weine erstehen und „genießen“. Dazu noch vier Gläser – wohl, damit man den Wein nicht aus der Flasche trinken muß. Irgendwie hat man da an alles gedacht.

Was man womöglich weniger bedacht hat: Wieso im Namen des Herrn – um nicht zu sagen: in drei Teufels Namen – sollte einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ausgerechnet in der Adventszeit mit neuen Sorten rumexperimentieren, statt die Zeit froh und besinnlich – kontemplativ gar – zu verbringen und das zu trinken, was er kennt und mag? Oder ist das jetzt zu konservativ gedacht? Bolle jedenfalls ist derlei völlig fremd.

Immerhin erinnert ihn das an eine alte Geschichte. Damals, vor furchtbar vielen Jahren, sollte oder wollte er im Rahmen eines Studentenjobs ganz ähnliche Dinge telephonmarketingmäßig anpreisen – und zwar nicht nur zur Weihnachtszeit.

Beim allerersten Briefing mit dem Verkaufsleiter meinte Bolle ohne Arg, Weintrinker hätten wohl höchstwahrscheinlich bereits ihre Quellen. Was denn da der Telephonverkauf ausrichten könne? Der Verkaufsleiter – das weiß Bolle noch wie heute – hatte ihn damals angeguckt als käm‘ er von ‘nem anderen Stern. Kurzum: Bolles Karriere als Telephonverkäufer für einzigartige Weine endete am ersten Tag in der allerersten Stunde. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Sa 07-12-24 Das 7. Türchen: Wollense Toast …?

Sapienti sat – Der Philosoph wird davon satt.

Vorab muß man wissen, daß „Hölzerbrot“, so lange Bolle denken kann, das Essen am Heiligen Abend ist, bzw. in der Weihnachtszeit ganz allgemein. Wir hatten das vor Jahren schon mal am Rande erwähnt (vgl. Do 24-12-20 Das vierundzwanzigste – und für dieses Jahr letzte – Türchen …), aber nicht weiter ausgeführt.

Nun – Hölzerbrot ist wohl noch schneller zubereitet als zum Beispiel Würstchen mit Kartoffelsalat. Denjenigen, die meinen, am Heiligen Abend der Christenmenschen Gans servieren zu müssen, ist ohnehin nicht zu helfen.

Das Wesentliche am Hölzerbrot: Es ist durch und durch minimalistisch. Das bedeutet, daß sowohl Zutaten als auch innere Haltung stimmen müssen. Die Zutaten, das sind eine dicke Scheibe Kastenweißbrot, Kochschinken, und zwar ungeräuchert, Chester-Junk-Käse und Ketchup. Ananas wär‘ albern. Im Grunde verhält es sich damit nicht anders als mit der Kunst, ein Baguette aufzuschneiden. Wer wissen will, was wir meinen, sei an die einschlägige Szene aus Diva (F 1981 / R: Jean-Jacques Beineix) erinnert, in der einer der Protagonisten, Serge Gorodish, genau eben das unternimmt: Zen und die Kunst, ein Baguette aufzuschneiden. Total so!

Als fünfte, und namensgebende, Zutat brauchen wir übrigens noch jeweils zwei kopflose Streichhölzer. Angeblich sollen sie verhindern, daß sich Schinken und Käse beim Backen verlaufen. Seit Bolle aber nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubt, mag er auch nicht mehr so recht an eine regelrechte Funktion der Streichhölzer glauben. Schinken und Käse halten wohl auch so. Allerdings kann das kein ernstlicher Grund sein, Hölzerbrote ohne Hölzer herzustellen. Wie albern wär‘ das denn?

Nun – was seinerzeit höchst einfach war, gestaltet sich, wie Bolle feststellen muß, zunehmend immer schwieriger. So gibt es in ganz Prenzlauer Berg offenbar nur noch einen einzigen Laden, in dem ein ehrliches Kastenweißbrot (also ohne Dinkel und Geminkel) verkauft wird – und das meist auch nur auf Bestellung. Neulich – ohne Vorbestellung: „Ick hätte gern ein Kastenweißbrot.“ – „Ham wa nich. Wollense Toast?“ Ne – wollen wa nich. Mit dem Schinken verhält es sich ganz ähnlich. Man findet – möglicherweise der umsichgreifenden Geschmacksabstumpfung geschuldet – fast nur noch geräucherten Kochschinken. Das aber ist nicht das gleiche und stört die weihnachtliche Zen-Anmutung doch sehr. Selbst den traditionellen Ketchup findet man nur noch mit Mühe. Ist das jetzt schlimm? Sagen wir so: schön ist es nicht. Vor allem deshalb nicht, weil Bolle meint, hier einen allgemeinen Trend zur Verrohung der Sitten ausmachen zu müssen. Aber vielleicht ist Bolle ja einfach nur unglaublich old-fashioned.

›Sapienti sat‹ ist übrigens, ordentlicher übersetzt, eine abgeschliffene Form der Wendung ›Dictum sapienti sat est. – Dem Verständigen genügt’s.‹ des karthageischen Dichters Terenz (2. Jhd. vor der Geburt des Erlösers der Christenmenschen). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Fr 06-12-24 Das 6. Türchen – Nikolausi

Tripel-Nikolausi 2009.

Es kommt ja eher selten vor, daß man den Nikolaus gleich in einer Tripel-Version zu Gesicht bekommt. Manchmal aber eben doch. Immerhin ist hier von den Knechten Ruprecht (muß hier konsistenterweise wohl Plural sein), den Schrecken aller Kinder – zumindest in vergangenen Zeiten war das so – keine Spur zu sehen. Von Rentieren und goldenen Schlitten ganz zu schweigen. Aber laßt uns den Realitäts-Check nicht überstrapazieren. Geschenkt.

Das Bildchen stammt aus 2009 und schlummert seitdem auf Bolles vielen Festplatten. Die Qualität ist nicht wirklich „zeitgemäß“ – dafür aber ist es historisch. Heute würde man so etwas womöglich „vintage“ nennen.

In Bolles Bildersammlung ist es geraten, weil eine schon immer aufmerksame Zeitgenössin (und heute noch gelegentliche Leserin unserer kleinen agnostisch-kontemplativen Sonntagsfrühstückchen) mit Blick für die kleinen Skurrilitäten des Alltags helle und schnelle genug war, hurtig ihr Handy zu zücken – mit dem man damals übrigens auch schon ansatzweise photographieren konnte –, um die Begebenheit für die Ewigkeit (oder was immer man mitunter dafür halten mag) zu manifestieren. Et voilà: Bolle meint, nach 15 Jahren Festplattenschlummer – Kinder, wie die Zeit vergeht – könne es nicht schaden, das einer (etwas) breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Übrigens hatte unsere Photographin seinerzeit noch berichtet, daß sich die drei Nikolausis schließlich noch in eine regelrechte Keilerei verwickelt hatten. Genaueres können wir nicht wissen – liegt es doch im Wesen einer jeden U-Bahn, ohne jede Sensibilität für die Faszination des Augenblickes einfach stumpf weiterzufahren. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 05-12-24 Das 5. Türchen: Würde oder Würmchen?

Sic crustula friatur – Da geht er hin, der Keks …

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. So steht es in der Verfassung, gleich im 1. Artikel und dort auch gleich im 1. Absatz. Damit steht sie an ähnlich prominenter Stelle wie das „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ des alten Testaments der Christen- und vor allem auch der Judenmenschen (1. Mose 1, 1). Auch hier haben wir es einmal mehr mit einem Fall von ›Helfen, retten, schützen‹ zu tun – was wenig Gutes ahnen läßt. In der Tat handelt es sich bei ›Würde‹ um das, was die Juristen einen ›unbestimmten Rechtsbegriff‹ nennen: Nichts Genaues weiß man nicht. Zur Zeit jedenfalls macht sich im deutschen Strafrecht eine Tendenz breit, die Würde dermaßen hochzuhängen, daß keiner mehr drankommt. Das ist zwar rechtsdogmatisch ärgerlich – hat für interessierte Kreise aber den Vorzug, daß man alles, wirklich alles, was beliebt, darunter fassen kann. Gegenwärtig jedenfalls muß der arme Art. 1 GG dafür herhalten, die Bösen von den Guten zu scheiden. Du bist frauenfeindlich? – was immer das heißen soll: Klarer Fall von Verfassungsfeindlichkeit. Sexistisch? Nicht minder. Antisemitisch? Dito. Es ist unschwer zu erkennen, daß hier die unbestimmten Rechtsbegriffe Ringelreihen tanzen – was der Auslegung beziehungsweise, allgemein gesagt, dem jeweils herrschenden Zeitgeist ungeahnte Spielräume eröffnet. Das Ergebnis ist Rechtswissenschaft, wie’s grade paßt. Und wenn das erst mal losgetreten ist, gibt es kaum ein Halten mehr. Bolle kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß wir uns gerade in einer solchen Phase befinden. Übel, übel – aber muß man wohl durch.

Versucht man dennoch, die ›Würde‹ halbwegs begrifflich zu fassen – was wir hier und heute unmöglich tun können – landet man ganz schnell beim ›Kantischen Moralprincip‹ (Schopenhauer), wonach die Würde auf der Moralität des Menschen beruht und die Moralität auf der Würde. Na toll. Und so kommt Schopenhauer auch zu dem Schluß, daß es eigentlich nur ironisch gemeint sein kann, weihevolle Worte wie Würde auf „ein am Willen so sündliches, am Geiste so beschränktes, am Körper so verletzbares und hinfälliges Wesen, wie der Mensch ist“, anzuwenden. Vielmehr solle man, so Schopenhauer, die Würde nicht aus der Großspurigkeit der Menschen ableiten wollen (Homo sapiens oder Homo sapiens sapiens, gar), sondern vielmehr, ganz im Gegenteil, aus seiner Minderbemitteltheit. Das allein führe zu einer Haltung sublimierter Menschenliebe, agápē, zu der schließlich auch das Evangelium der Christenmenschen aufrufe.

Daß das Ganze schwer selbstwertbeschädigend sein mag, versteht sich. Aber ist es nicht erquicklicher, mit einer soliden Ent-Täuschung zu leben als sich dauerhaft in die eigene Tasche zu lügen? Bolle findet, auch und vor allem die Adventszeit bietet sich geradezu an, derlei mal zu kontemplieren. Tut ja nicht wirklich weh. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mi 04-12-24 Das 4. Türchen: Keine Zeit für Weihnachtszeit?

Weihnachtszeit Friedrichstraße 2007.

Dieser Tage ist Bolle die ›Vorweihnachtszeit‹ mitunter recht unangenehm aufgestoßen – etwa in einer Wendung wie „Wir wünschen Ihnen eine schöne Vorweihnachtszeit“ – die sich offenbar zunehmender Beliebtheit erfreut.

Was aber ist ›Vorweihnachtszeit‹? Bei Wiki etwa wird man schlicht auf ›Advent‹ weitergeleitet. Ende Gelände. Ein kleiner sachlicher Unterschied läßt sich allerdings, so man etwas tiefer schürft, dann doch feststellen. Der Einzelhandel benutzt den Begriff als logistischen Ausdruck für seine mit Abstand umsatzstärkste Jahreszeit. Und damit kann man, wenn sich’s lohnen soll, offenbar gar nicht früh genug anfangen. So kommt es, daß so mancher bereits Ende August Weihnachtsgebäck „genießen“ soll – wie die Werbung das zu nennen pflegt. Unterm Tannenbaum werden ihm die süßen Sachen dann wohl gründlich zum Halse raushängen. Aber bis dahin ist das Zeug ja schon verkauft.

Aber selbst wenn dem so ist: Muß man deswegen dazu übergehen, sich gegenseitig eine „Schöne Vorweihnachtszeit“ zu wünschen? Bolle findet, eine schlichte „Schöne Weihnachtszeit“ tut’s auch.

Vielleicht aber traut sich mancher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) einfach nicht, seinen jahresendzeit-geplagten Mitmenschen mit derlei zu kommen. Wer gegen Jahresende von ellenlangen „To Do“-Listen, vulgo Weihnachtsstreß, besessen ist, wird von schöner Weihnachtszeit womöglich lieber wenig wissen wollen.

Wann aber ist Weihnachtszeit – wenn wir das verschämte „Vor-“ mal außen vor lassen wollen? Zumindest einmal vom 1. Advent bis zum 2. Weihnachtsfeiertag. Damit kommen wir auf rund drei bis vier Wochen.

Entspanntere Gemüter werden die Zeit „zwischen den Jahren“ noch dazu packen wollen und kommen so auf mindestens einen vollen Monat. Bei Bolle ist ja ohnehin ab Hallowe’en Weihnachtszeit – auch wenn er im November noch keine entsprechenden Grüße äußern würde.

Offiziell beendet ist die Weihnachtszeit übrigens erst am 6. Januar – dem Epiphaniasfest bei den Protestanten bzw. den Heiligen Drei Königen bei den Katholiken. Bolle findet: Weihnachtszeit vom 31. Oktober bis zum 6. Januar – so geht Entschleunigung als Grundlage für ein Vita Contemplativa bzw. als Antidot gegen ein besinnungsloses Leben. Daß man zwischendurch durchaus ein wenig was tun kann, versteht sich, of course. Die Mischung macht’s. Die Mischung und die Stimmung. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.