So 11-05-25 Muttertag

Ich ging im Garten so für mich hin …

Neulich lief ›Let It Be‹ in Mutters Radio – ein alter Beatles-Song von 1970. Da werden natürlich Erinnerungen wach, of course. Neben dem Lied an sich mußte Bolle daran denken, wie seinerzeit ein vielleicht doch ein wenig klugscheißerischer Radiomoderator meinte zum Besten geben zu müssen, daß er sich nicht sicher sei, ob das wirklich „words of wisdom“ seien, die da gewispert wurden – wie es im Text heißt.

Nun, die Antwort hängt natürlich nicht zuletzt schwer davon ab, ob man unter ›let it be‹ ein abgeklärtes ›So-sein-lassen‹ verstehen will oder ein eher resignatives ›Bleibenlassen‹ im Sinne von widerspruchs- und tatenlos hinnehmen. Im Grunde verhält es sich wie mit dem ›Gelassenheitsgebet‹ in Bolles agnostisch-kontemplativer Fassung (vgl. dazu Fr 23-12-22 Das dreiundzwanzigste Türchen …).

Wenn Du etwas ändern kannst auf der Welt −
dann sei tüchtig in dem, was Du tust.
Wenn Du aber etwas nicht ändern kannst,
dann mach Dir klar: Shit happens −
und verliere darüber nicht Dein Gleichgewicht.
Zuweilen braucht es großen Seelenfrieden,
die beiden Fälle zu unterscheiden.

In ganz jungen Jahren war es in Bolles Kreisen üblich, der Mama zum Muttertag ein Bild zu malen. Große Kunst wird das kaum gewesen sein. Allein es kam von Herzen – und die Mütter dieser Welt haben viele dieser Werke getreulich aufbewahrt.

Mit zunehmender Adoleszenz setzte dann oft ein gewisses Abgrenzungsbedürfnis ein: Man versucht herauszufinden, wer man selber ist, was man gutfindet und was nicht. Dabei ist das, was man selber gutzufinden meint, selten das, was auch die Eltern – namentlich die Frau Mama – gutfinden. Oft genug im Gegenteil. Das muß natürlich zu gewissen Spannungen führen. Jedenfalls werden keine Bilder mehr gemalt – und auch ersatzweise passiert oft recht wenig.

Immerhin darf Bolle sich zugutehalten, daß er nie so doof war, irgendwelchen Ideologen auf den Leim zu gehen, die zum Beispiel meinten, der Muttertag sei ja wohl eine Nazi-Erfindung und schon von daher abzulehnen. Im Gegenteil: Bolle kann sich noch lebhaft an eine Sternstunde seines Sozialkundeunterrichtes in der Oberstufe erinnern, als sein Studienrat, ein alter 68er immerhin, meinte: „Die haben pubertäre Probleme und machen ein politisches Konzept daraus.“ Bolle – damals wohl im Kern schon agnostisch-kontemplativ – war entzückt.

Die originär-adoleszente Abgrenzung funktioniert ja in etwa wie folgt: Ein Jüngling (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) verfährt nach dem Motto ›I am o.k.‹ – das muß wohl so sein als gesunde pubertäre Grundeinstellung – und weiterhin ›Du bist folglich not o.k.‹, wenn Du nicht meiner Meinung bist oder meine Werte (im Sinne von ›allgemeines Für-richtig-halten‹) nicht teilen willst. Damit aber lehnt er alles ab, was er als vorgesetzt oder gar als aufgesetzt empfindet. Mit der Ablehnung ist regelmäßig eine entsprechende Abwertung verbunden, of course. Schließlich steht man ja noch ziemlich am Anfang der Menschwerdung. Und wer oder was würde sich hier besser als Projektionsfläche eignen als die eigene Mama?

Fortgeschrittenere Adoleszenz – man könnte auch sagen: Altersmilde – dagegen besteht wohl darin, daß man andere, also nicht zuletzt die eigene Frau Mama, in ihrem So-Sein so lassen kann, wie sie nun mal ist – ohne nervig-penetrant stets Wahrheit für andere meinen haben zu müssen. Letztlich ist das wohl weniger eine Frage der Überzeugung als vielmehr eine Frage der Haltung. Ohne ein gewisses Maß an Haltung aber windet man sich wohl im Wesentlichen als Würmchen durch das Weltgeschehen. Und wer will das schon – bei Lichte betrachtet?
 

Paul McCartney übrigens meinte zur Entstehungsgeschichte seines ›Let It Be‹, mit ›Mother Mary‹ sei in der Tat seine eigene Frau Mama gemeint gewesen, die ihm in rauhen Zeiten – die Beatles waren seinerzeit in Auflösung begriffen – im Traum erschienen sei. Dabei fügte er hinzu: „Sie starb, als ich 14 war. Folglich hatte ich ziemlich lange wenig von ihr gehört.“ Bolle findet, hier wie auch sonst so oft: Gebraucht der Zeit – sie eilt so schnell von hinnen. Später ist es oft zu spät – und führt dann regelmäßig zu den üblichen langen Gesichtern. Nicht nur, was den Muttertag angeht. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 20-04-25 Frohe Ostern, urbi et orbi!

Ei forbibbsch.

Kaum ist Weihnachten vorbei – die Menschwerdung des Heilandes der Christenmenschen –, da rüsten die Gläubigen auch schon zum Osterfeste – in Erinnerung an das Ereignis, da der Erlöser denen, die da glaubten, zugerufen hatte:

Zwar habt Ihr Menschen mich am Kreuze vom Leben zum Tode gebracht. Aber sehet: Hier stehe ich – voll unkaputtbar. So gehet denn hin in alle Welt und verkündiget die Frohe Botschaft.

Allerdings hatte der Heiland es vorgezogen, auch seinen Anhängern nur noch höchst ghostly zu erscheinen – um dann, am 40. Tage, endgültig vom Antlitz der Erde zu verschwinden. Leibhaftig in diesem Jammertale aufgetaucht ist er dann erst wieder in jüngerer Zeit – zumindest, wenn man David Safiers Roman ›Jesus liebt mich‹ (2008) Glauben schenken mag. Hier ein kleiner Auszug aus einem Dialog zwischen Joshua (Jesus‘ nom de guerre auf Erden) und Marie, einem höchst irdischen Wesen, in einer Kirche in Malente, einem Städtchen in Ostholstein. Jesus hatte berichtet, daß er es seinerzeit als Kind schon nicht leicht gehabt habe – zum Beispiel was seine Erziehung anging. Aus Maries Perspektive verlief das Gespräch wie folgt:

– „Wie erzieht man denn Jesus?“, fragte ich erstaunt.
– „Mit Strenge. Josef verbot mir eine Zeitlang, vor die Tür zu gehen.“
– „Was hast Du denn angestellt?“
– „Ich habe mit fünf Jahren am Sabbat zwölf Spatzen aus Lehm geformt.“
– „Und warum war das so schlimm …?“
– „Weil man am Sabbat so etwas nicht tun darf. Und weil ich die Spatzen zum Leben erweckt habe.“

So hat jeder seine Sorgen. Allein – Marie, dem höchst irdischen Wesen, war klar, daß es für Maria und Josef seinerzeit schon nicht ganz leicht gewesen sein dürfte, so etwas den Nachbarn zu erklären.

Bolle meint: Leute sind halt sonderbar. Vor allem aber sind sie sklerotisch. Kaum ist etwas auch nur etwas anders als gewohnt, werden sie rappelig. Das geht schon los, wenn die Aktienkurse mal ein bißchen hin und her hüpfen (vgl. dazu letzte Woche, So 13-04-25 Die sklerotische Gesellschaft). Bei zum Leben erweckten Spatzen setzt dann natürlich alles aus.

Was tun, sprach Zeus? Ein erster Schritt in die richtige Richtung könnte es sein, hin und wieder ein wenig in sich zu gehen und sich ernstlich zu fragen:

Um was kümmern? Um was nicht?

Dabei wird man – so jedenfalls Bolles Eindruck – sehr schnell feststellen, daß vieles – wenn nicht gar fast alles – mit dem man sich tagein, tagaus befaßt, durchaus belanglos ist. Vanitas. Eitler Schein. Das letzte Hemd hat nun mal keine Taschen – wie Bolle seit frühester Kindheit weiß. Was also, könnte man sich fragen, braucht es für eine veritable Auferstehung? Wenn schon nicht von den Toten – so vielleicht doch zumindest von den Tölpeln? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel. Frohe Ostern!

So 06-04-25 Wie bei Muttern

🎶 Always look at the bright side of life 🎶

Mel Brooks‘ Einsicht, daß einem vieles nicht mehr möglich ist, wenn man selber nicht mehr ist, findet sich in seiner Komödie ›Das Leben stinkt‹ (USA 1991), für die er in Tausendsassa-Manier das Drehbuch geschrieben, Regie geführt, das Ganze selber produziert und – zusammen mit Lesley Ann Warren – auch noch die Hauptrolle gespielt hat.

Man mag den Film finden, wie man will. An der Einsicht an sich führt aber wohl kein Weg vorbei – da beißt die sprichwörtliche Maus kein‘ Faden ab. Allerdings läßt sie sich durchaus auch umkehren – gewissermaßen ins Optimistische wenden: Kaum ein Ärgernis in diesem Jammertale, das sich nicht mit größter Nonchalance hinnehmen ließe.

Die Synthese – so kann man wohl meinen – findet sich in der höchst lebenspraktischen alten Indianerregel, daß man den Tod als Ratgeber annehmen möge, da auf diese Weise ungeheuer viel Belangloses von einem abfallen werde.

In Monty Pythons ›Das Leben des Brian‹ (UK 1979 / Regie: Terry Jones) heißt es dazu – und wohl nicht ganz unzutreffend:

For life is quite absurd
And death’s the final word
You must always face the curtain with a bow.
Forget about your sin – give the audience a grin
Enjoy it – it is your last chance anyhow.

Das ist mal wieder – wie wohl so vieles – ganz schlecht übersetzbar. Hier ein Versuch:

Das Leben? Recht absurd.
Der Tod? Die letzte Furt.
Verbeug Dich, wenn der Vorhang für Dich fällt.
Jetzt bloß nicht schwächeln – gönn uns ein Lächeln.
Was sonst mag bleiben einem Held?

Und so finden wir uns unversehens und stante pede im Agnostisch-Kontemplativen wieder. Vanitas – eitler Schein. Oder eben ›Eh scho Wuascht‹ – so heißt ein Würstelstand am Wiener Zentralfriedhof. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 19-01-25 Hefeteig und Hysterie

Schlicht und elegant – und ohne Etikett.

Manchmal – und das findet Bolle höchst charmant und auch durchaus elegant an diesem Universum – stellt sich die eine oder andere Einsicht auf faszinierend verschlungenen Pfaden ein. Neulich – das war noch während der Weihnachtszeit – kam es Bolle blitzartig in den Sinn, daß man das für Hölzerbrot unverzichtbare Kastenweißbrot (vgl. dazu Sa 07-12-24 Das 7. Türchen: Wollense Toast …?), wenn schon kaum noch kaufen, so doch immerhin durchaus auch selber backen kann – ganz nach dem alten Kinderlied: Backe, backe Kuchen, der Bäcker hat gerufen. Wer will guten Kuchen backen, der muß haben sieben Sachen … Kennen wa ja. Auf Eier, Milch und Schmalz können wir dabei getrost verzichten – und auf Safran sowieso. Easy cooking! Etwas Hefe allerdings muß sein. Als Rührschüssel hatte Bolle auf die Schnelle nur seinen alten Wok zur Hand. Sapienti sat – der Philosoph liebt’s autotroph (im weiteren Sinne, of course). Zum Glück gab es auch nicht viel zu rühren.

Was aber, wenn? Wenn der Philosoph – Genügsamkeit hin, Genügsamkeit her – auf die Idee verfällt, eine regelrechte Rührschüssel brauchen zu müssen? In früheren Zeiten hätte man das Haushaltswarengeschäft seines Vertrauens aufgesucht – und dort in aller Regel schnell gefunden, was einem in Form und Funktion angenehm deucht.

Heute führt der erste Weg meist erstmal ins Netz. So auch bei Bolle. Dabei hat das Netz den großen Vorzug, daß man mit Rückmeldungen der Nutzer auf Tuchfühlung kommt. Bolle kennt kaum einen schöneren und unverstellteren Zugang zu Hülsenfrüchtchens Leben und Erleben.

So meinte eine Nutzerin zu einer der feilgebotenen Schüsseln, selbige sei ja wohl „lamentable“ – was so viel wie ›erbärmlich‹ oder ›bemitleidenswert‹ heißen soll. Ein schönes Wort, das Bolle noch nicht kannte. Im weiteren hieß es, man habe das Material, aus dem die Schüssel gefertigt ist, als „gesund“ angepriesen – was immer auch das heißen mag. Allein – und hier wird’s kritisch – klebte auf der Innenseite der Schüssel ein garstig Etikett, das mit mechanischen Mitteln zu entfernen sich als praktisch unmöglich erwiesen habe. Bolle greift in solchen Fällen ja stets zur chemischen Lösung – etwa einem Tröpfchen Benzin. Dem konnte bislang noch kein Etikett widerstehen. Allein unsere Nutzerin war der Ansicht, daß dadurch etwas appliziert würde, das schädlich sei für Lebensmittel. Folglich sei das Material der Schüssel mitnichten gesund – und von einem Kauf müsse demnach abgeraten werden.

Bolle meint da nur: Sancta simplicitas! Immerhin ist es ein hübsches Beispiel dafür, wie ein vergleichsweise miniscules Problem (Tröpfchen Benzin) der Lösung eines viel größeren Problems (Etikett muß ab) „nachhaltig“ – um mal eines von Hülsenfrüchtchens Lieblingswörtern zu verwenden – im Wege stehen kann. Und selber steht man da – und muß heillos verheddert durchs Leben hoppeln. Aber so kann’s gehen, wenn‘s an Urteilskraft gebricht. Dann doch lieber fleißig Fakten checken – zum Beispiel „Benzin böse“. Kann es da verwundern, daß Bolle derartiges als heillos hysterisch einzustufen geneigt ist? Wie hoch etwa der Nagellackverbrauch besagter Nutzerin sein mag – Nagellack statt Benzin tut’s nämlich auch –, will Bolle lieber gar nicht wissen. Und was das mit dem aktuell ablaufenden „Wahlkampf“ nebst seiner Wahlvolk-Dynamik zu tun haben mag, ebensowenig. Bolle meint, ein flüchtiger Blick auf die Plakate sollte vorläufig vollends genügen. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mi 01-01-25 Ein gutes Neues Jahr Euch allen!

Dum spiro spero – Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Und schon wieder – und wie so oft. Ein altes Jahr ist um – ein neues fängt an. Der König ist tot – es lebe der König. Irgendwie muß man damit ja umgehen. Letztlich sind es doch immer wieder die gleichen Fragen:

Was haben wir gedacht?
Was davon gemacht, was angebracht?
Mitunter auch: was haben wir gelacht.

Und? Wie meinte Erich Kästner 1950 schon – also vor nunmehr 75 Jahren? Hier in der Bolle-Version:

„Wird’s besser? Wird’s schlimmer?“
fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich:
Leben ist immer
höchst ungefährlich.

Dabei soll mit ›ungefährlich‹ natürlich nicht ›frei von Gefahr‹ gemeint sein, sondern, ganz im Gegenteil, eine Adjektivierung des adverbiellen ›ungefähr‹. Soll heißen: Wir kennen die Zukunft, kaum anders als das Leben selbst,  nur höchst ungefähr – wenn überhaupt. Nichts Genaues weiß man nicht – und wird man auch nie wissen können. Und vielleicht ist das auch ganz gut so.

Wenn man schon nichts wissen kann – so kann man doch was hoffen. Das ist zwar kein vollwertiger Ersatz – fühlt sich aber zumindest gut an. Und so meinte schon Cicero (106–43 v. Chr.) in einem seiner Briefe: Dum spiro spero (solange ich atme, hoffe ich) – was wir hier mit ›Die Hoffung stirbt zuletzt‹ frei übersetzen wollen. Und vielleicht ist auch das ganz gut so.

Unser Bildchen stammt übrigens aus dem Jubiläumsprojekt ›Lichtgrenze – 25 Jahre Mauerfall‹, das sich der Berliner Senat für das Jahr 2014 ausgedacht hatte. Damals sollten – und sind auch – knapp 7.000 leuchtende Luftballons gen Himmel aufgestiegen, um aller Welt zu zeigen, wo die Grenze zwischen Gut und Böse seinerzeit verlief – mitten durch die Stadt. Einem aufgeweckten jugendlichen Ossi kann man das heute kaum mehr vermitteln. Lieber wählt er, zum Entsetzen der Guten, die AfD. Doch das nur am Rande. Das alles ist nunmehr auch schon wieder 10 Jahre her. Dabei dient das Photo Bolle seitdem als Hintergrundbild auf allen seinen Geräten – und hat es, in Postergröße, auch schon in eine Photographie-Ausstellung geschafft. Eine klitzekleine Ausstellung zwar – aber immerhin. Es zeigt eine Mutter mit ihrem Sohn, wie sie gerade eine oder zwei der knapp 7.000 Luftballon-Abschußrampen, die entlang der alten Mauer aufgestellt waren, in räuberischer Absicht entwenden. Sie waren die einzigen nicht. Bolle sieht darin in reiner Form Hoffnung – oder zumindest Zukunftsgewandheit, vielleicht garniert mit einem Schuß Erwerbsfleiß – verkörpert. Bolle mußte seinerzeit hoch und heilig versichern, daß man auf dem Photo niemanden wird identifizieren können. Ehrensache, of course. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 29-12-24 Ladespaß

Ladespaß.

Dieses Jahr ist das erste Jahr, in dem es sowohl den agnostisch-kontemplativen Adventskalender als auch unsere Sonntagsfrühstückchen gibt. Warum? Weil letztere erst seit Mitte Mai dieses Jahres (nein, nicht „diesen“ Jahres) eingeführt sind. Dafür – das sei nicht unerwähnt – aber mit schönster Regelmäßigkeit.

Was den Adventskalender angeht, haben wir uns, den Wünschen unserer geneigten Leserschaft Rechnung tragend, überwiegend um Human-Touch-Themen gekümmert und schnöden Polit-Zirkus ein wenig außen vor gelassen. Schließlich war Weihnachtszeit und außerdem läuft uns das nicht weg.

Heute wollen wir – halb Human Touch, halb harte Welt (Goethe 1779) – einen Blick auf Bolles Ladespaß werfen. Wie? Ladespaß? Ist es nicht furchtbar lästig, die ganzen Gerätschaften, die man so braucht (oder zumindest zu brauchen meint), pausenlos mit frischem Saft zu füttern, als habe man es mit einem halben Dutzend Tamagotchis zu tun? Das durchaus. Allein – immer, wenn Bolle mal wieder eines seiner Geräte mit der nötigen Energie versorgen muß, kann er nicht umhin, sich zu freuen, daß es sich ja nur um Kleingeräte handelt, die zu füttern soo viel Aufwand dann ja auch wieder nicht ist. Unser Bildchen zeigt Bolles Ladestation – die sich wohl noch in durchaus vertretbaren Grenzen hält. Und so bleibt es nicht aus, daß Bolle beim Anstöpseln seiner Gadgets gelegentlich nach der Melodie eines uralten Karneval-Schunkelliedes vor sich hersummt: 🎵 Am liebsten aber laden wir // was handlich ist und klein. 🎵 Im Original heißt es: 🎵 Am liebsten aber baden wir // im Bier und auch im Wein. 🎵

Um den Kontrast zu verstärken, wollen wir uns vorstellen, daß Bolle ein Elektro-Auto hätte – eine Gerätschaft also, die wirklich richtig viel Energie braucht und sich durchaus nicht gemütlich vom Schreibtisch aus aufladen ließe. Da sei Gott vor, of course – sprach der Agnostiker.

Vor Jahrzehnten schon hatte Bolle von seinem damals besten Freund, einem angehenden Elektro-Ingenieur, gelernt, daß man in Fachkreisen zwischen Nachrichtentechnik und Energie­technik unterscheidet. Dabei ist Nachrichtentechnik alles, wo elektrische Energie der Speicherung und Verbreitung von Informationen dient. Energietechnik dagegen ist das, wo Strom ernstlich Arbeit verrichten muß – also zum Beispiel Maschinen antreiben, zu denen nicht zuletzt auch die E-Autos gehören, of course.

Nun – für Nachrichtentechnik braucht man vergleichsweise wenig elektrische Energie, für Energietechnik vergleichsweise viel. Das aber ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht. So gibt es zum Beispiel Unkenrufer (ein höchst seltenes Wort, übrigens), die rausgefunden haben wollen, daß Lithium – also der Rohstoff für die gleichnamigen Akkus – auf diesem Planeten nur in sehr viel geringeren Mengen vorhanden ist, als das für eine extensive Energietechnik wünschenswert oder gar erforderlich wäre. In diesem Zusammenhang läßt der Ukraine-Krieg aufs Heftigste grüßen. Da nämlich geht es nicht zuletzt um – Lithium.

Nach allem ist E-Autos aufzuladen also womöglich ähnlich abenteuerlich wie Gänse am Heiligen Abend zu braten (vgl. dazu Sa 07-12-24 Das 7. Türchen: Wollense Toast …?) – nur halt eben ganzjährig. Entsprechend halten sich die Leute auch zurück. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Natürlich mag es sein, daß das alles doch noch ein gutes – oder zumindest weniger schlechtes – Ende nimmt. Noch ist schließlich nicht aller Tage Abend. Ob da aber was gelingen kann, wenn man den technischen Fortschritt in die Hände von, ausgerechnet, Berufspolitikern legt, scheint Bolle mehr als fraglich. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Di 24-12-24 Das 24. – und für diesmal letzte – Türchen: Frohe Weihnachten Euch allen!

Die Zähmung des Feuers.

Wir hatten ja neulich erwähnt, daß es unseren Vorfahren vor immerhin 1,5 Millionen Jahren schon gelungen war, das Feuer zu zähmen, um zum Beispiel Mammuts oder Marshmallows schmackhafter zuzubereiten. Mit ›zähmen‹ ist dabei gemeint, ein Feuerchen auf die Stelle zu begrenzen, wo man es haben will – daß also die Feuerstelle brennt, und nicht gleich das ganze Dorf oder zumindest die ganze Höhle. Der nächste Schritt, der allerdings erst sehr, sehr viel später kam – vor 32.000 Jahren beziehungsweise vor gerade mal 8 Minuten auf der anthropologischen Uhr –, war dann die Erfindung des Feuerzeuges. Man mußte also das Feuer nicht mehr finden und einfangen und dann mühsam hüten und bewahren und bloß nicht erlöschen lassen. Nein, ab sofort konnte man jederzeit nach Belieben ein Feuerchen entzünden, wenn man eines brauchte. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit übrigens galt es unter Hausfrauen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) als ganz schlechtes Omen, wenn einem das Feuer im heimischen Herde ausging. Ein Feuer zu hüten – obwohl man doch längst Feuerzeuge oder Streichhölzer hat – steckt offenbar recht tief im kollektiven Unbewußten.

Das alles aber ist natürlich nichts gegen Bolles Feuerzähmung neulich – also vor wenigen Tagen erst. Kaum war das Adventskalendertürchen fertig (vgl. dazu Mo 16-12-24 Das 16. Türchen: Bewegte bunte Bilder), da kam es Bolle in den Sinn, warum denn nicht ein Feuerchen auf dem Schreibtisch entfachen?

Man könnte das natürlich kitschig finden – und das war auch Bolles erster Gedanke. Allein: definiere ›Kitsch‹. In Bolles Arbeitsdefinition, die sich für praktische Zwecke als durchaus ausreichend erwiesen hat, ist ›Kitsch‹ in guter Näherung ›Form ohne Funktion‹. Wenn sich also zum Beispiel jemand ein Klavier in den Salon stellt, obwohl er es gar nicht zu spielen weiß. Oder wenn jemand sich eine Bibliothek einrichtet, obwohl er gar nicht lesen kann oder es zumindest nicht tut. Hauptsache, es sieht gut aus. In Bolles Kreisen nennt man derlei übrigens ›symbolische Selbstergänzung‹: Man hübscht sein Ego auf, indem man sich mit Dingen umgibt, mit denen man zwar nichts anfangen kann, die aber was hermachen sollen.

Ist das Schreibtisch-Feuerchen also Kitsch? Demnach im Grunde eher nicht. Ein richtiges Feuerchen hat ja im wesentlichen vier Funktionen: Es wärmt, es leuchtet und erfreut das Herzelein, es knistert anheimelnd und es saugt die schlechte Luft aus dem Zimmer. Zwei der vier Funktionen erfüllt das Schreibtisch-Feuerchen durchaus, beim Rest muß es leider passen, of course. Aber immerhin: Von ›ohne Funktion‹ – zumindest von ganz ohne Funktion – kann also keine Rede sein. Der Rest ist – wie so oft im Leben – eine Frage der praktischen Erfahrung. Bolle jedenfalls findet sein Feuerchen klasse. Man hat was zu gucken und kommt dabei ganz ohne Telly aus. ›Telly‹ steht für TV oder Glotze und ist so very british, daß es als Wort kaum einer kennt. Bolle hat es seinerzeit mal bei Roald Dahls Matilda (1988) aufgeschnappt – eine entzückende Geschenkidee für das nächste Weihnachtsfest, übrigens. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel. Frohe Weihnachten!

Mo 23-12-24 Das 23. Türchen: Gansl-Essen

Weihnachtszeit – Gansl-Zeit.

So kann’s gehen. Neulich erst hatten wir mit einiger Überzeugung zum Besten gegeben, daß jemandem, der meint, am Heiligen Abend der Christenmenschen Gans servieren zu müssen, ohnehin nicht mehr zu helfen sei (vgl. Sa 07-12-24 Das 7. Türchen: Wollense Toast …?). Und wie das Leben so spielt, hat Bolle nun eine Einladung zum Gansl-Essen, und zwar am Heiligen Abend!

Das schreit natürlich geradezu nach einer Klarstellung. Natürlich kann und soll jeder machen und auch zubereiten, was immer ihm (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) beliebt. Was anderes zu meinen wäre eines überzeugten Agnostikers auch völlig unwürdig. Mehr noch: es wäre nachgerade albern.

Der Grundgedanke war natürlich, daß man – nach den ganzen Vorbereitungen – nicht auch noch den Heiligen Abend zum größten Teil in der Küche verbringt. Darum das Hölzerbrot. Oder die Würstchen mit Kartoffelsalat. Oder, wie wir aus zuverlässiger Quelle aus dem Kreise unserer geneigten Leserschaft wissen, gar Nudeln mit Tomatensoße – mit Tomaten aus dem Garten, allerdings.

Bolle weiß, wovon er spricht. Vor langen Jahren mal, so war seinerzeit der Plan, sollte es statt der üblichen Geschenke zum Weihnachtsfeste ein chinesisches Essen geben – mit einem halben Dutzend Gängen und einem ganzen Dutzend Gäste. Im Ansatz war die Idee ja gar nicht schlecht. Man erspart sich das ganze Geschenke auswählen und besorgen. Allein: nach etwa zweieinhalb Tagen Vorbereitung – Einkaufen und Schnippeln und was sonst noch alles so anfällt – hatte Bolle seine liebe Not, selber überhaupt was abzukriegen vom Festschmause, weil stets der jeweils nächste Gang fertig werden wollte – obwohl nach Art chinesischer Kochkunst doch alles schon vorgeschnippelt bereitstand.

Wer also die Kunst des Gansl-Zelebrierens in den Mittelpunkt des Weihnachtsfestes stellen mag und auch ansonsten einen freien Kopp hat – ähnlich wie etwa Serge Gorodish mit seiner Kunst, ein Baguette aufzuschneiden (vgl. wiederum Sa 07-12-24 Das 7. Türchen: Wollense Toast …?) – bitteschön. Wichtig ist doch letztlich nur, wie stets, der Geist, der unterm Weihnachtsbaume weht. Chaos oder Kontemplation?

Das Schildchen übrigens stammt aus Wien. Dort weiß man auf – verglichen mit hierzulande – geradezu deprimierend leckere Weise im Gasthaus ein Gansl zuzubereiten. Bei uns dagegen muß man alles selber machen, wenn schon. Obwohl es natürlich auch einige wenige Ausnahmen gibt, of course. Außerdem – das sei der guten Ordnung halber nachgetragen – hatten wir bei dem Rezept im 7. Türchen glatt die Butter vergessen. Die Zutaten, das sind also eine dicke Scheibe Kastenweißbrot, Butter, und zwar nicht zu knapp, Kochschinken ungeräuchert, Chester-Junk-Käse und Ketchup – und natürlich die Hölzer, of course. Ohne Butter nämlich wird das ebensowenig was wie ohne Hölzer. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 22-12-24 Das 22. Türchen – der 4. Advent: Lange Schlange

Lange Schlange.

Na also – wer sagt’s denn? Nach immerhin drei Wochen und einem Tag ist es nun doch soweit: Der vierte und letzte Advent! In diesem Jahr bedeutet das, daß übermorgen schon das Weihnachtsfest der Christenmenschen da ist.

Die Türchen der Adventskalender der Kleinen (und der vielen nicht ganz so Kleinen mehr) stehen fast alle sperrangelweit offen, die letzten Vorbereitungen sind, wie Bolle doch mal schwer hoffen will, dann doch erledigt, und auch der letzte Hektiker (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) darf sich auf eine hoffentlich ruhig und besinnlich auslaufende Zielgerade einstellen.

Aus rein kalendarischen Gründen ist es in diesem Jahr ja nicht anders als in Rilkes ›Herbsttag‹ (1902):

Wer jetzt kein‘ Plan hat, macht sich keinen mehr.
Wer hinterdrein ist, wird’s für diesmal bleiben,
wird … (und so fort …).

Zwar könnten höchst optimistische Frohnaturen morgen noch versuchen, sich in eine der letzten Schlangen einzureihen, um ihre Last-Minute-Präsenterl dann doch noch zur Post zu geben – und die frecheren unter den Frohnaturen können sich dann – natürlich nur post festum, of course, darüber beschweren, daß ihre Päckchen nicht rechtzeitig angekommen sind. Scheiß Post!

Mit all dem hat unsere geneigte Leserschaft kontemplations-gestählt aber hoffentlich wenig zu tun. Gleichwohl wollen wir die diesjährige Adventszeit nicht ausklingen lassen, ohne noch Bolles jüngste Entdeckung – sozusagen als immaterielle Weihnachtsgabe – den Menschen auf Erden allgemein zu verkünden.

Wer sich auf das sachlich und sittlich notwendige beschränkt, allen möglichen Tüddelkram beiseite läßt und dabei darauf achtet, daß das Präsenterl nicht dicker ausfällt als maximal 5 Zentimeter – und dabei ein wenig Ausrüstung im Hause hat, also Zollstock, Waage, Briefmarken und nur weniges mehr –, kann Weihnachtsgeschenke sehr gut als Brief versenden. Zwar entgeht einem auf diese Weise die Freude an der Sendungsverfolgung – aber man kann nun mal nicht alles haben. Bolle hat in diesem Jahr den Praxistest gemacht. Funktioniert! Den Weg zur Post kann man sich allerdings gleichwohl nicht ersparen, da normale Briefkästen auf der Straße einen zu schmalen Einwurfschlitz haben. Aber egal: Auf dem Bildchen oben sehen wir am linken Bildrand einen Postbriefkasten mit breit genugem Schlitz. Für Bolle war es ein herrliches Gefühl, ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk geradezu – nach der Devise: Ich kam, sah und staunte. Wie leicht doch Schlangen umgangen werden können. Man soll ja nicht schadenfroh sein. Sich aber über entgangenen Schaden – der niemandem sonst ein Leides tut – zu freuen wird man ja wohl dürfen.

Ansonsten ist in Bolles Konsumtempel heute verkaufsoffener Sonntag. Auf daß bloß niemand zur Ruhe kommen möge – die Verkäufer nicht und auch die Kundschaft nicht. Ein dreifach Hoch auf das vita activa, das bewegte Leben. Wer nur denkt sich sowas aus? Vielleicht wird Bolle nachher mal durchschlurfen – Hände in den Manteltaschen, of course. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Sa 21-12-24 Das 21. Türchen: Silentium

Einfach mal die Klappe halten.

Eigentlich sollte es uns heute um ›Lange Schlangen‹ gehen – Schlangen vor den Postämtern beziehungsweise Paketannahmestellen, an den Kassen der Konsumtempel und nicht zuletzt auch auf den Autobahnen. Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

Es hat mal wieder geknallt auf einem deutschen Weihnachtsmarkt. Falls der überhaupt noch so heißen darf – und nicht etwa „Winterwunderland“ (vgl. Mi 11-12-24 Das 11. Türchen: Winterwunderland).

Und? Wie geht der Journalismus 2.0 damit um? Zunächst einmal verunstalten sie den im Telly laufenden ›Kleinen Lord‹ (GB 1980 / Regie: Jack Gold) mit der höchst häßlichen Einblendung von „Eilmeldungen“ am oberen und am unteren Bildschirmrand. Doppelt gemoppelt hält besser, wird man sich wohl gedacht haben. Bolle aber findet, das störe den Filmgenuß doch sehr – und meint das ganz und gar nicht zynisch. Wozu die Eile? Hat das nicht Zeit bis nach dem Film? Schlechte Nachrichten werden nunmal auch dann nicht besser, wenn sie sich  überschlagen.

Schließlich wurde, wie’s scheint, das sprichwörtliche Kribbeln im Arsch der Medienschaffenden anscheinend übermächtig, und so hat man den Film kurzerhand zwecks Katastrophenberichterstattung glatt unterbrochen – nur um zu berichten, daß man noch nichts zu berichten wisse. Dazu die üblichen langen Gesichter – wie immer, wenn einem die Realität mal wieder höchst unsanft vor Augen führt, daß es sie noch gibt, allem Leugnen und Schönsäuseln zum Trotze, und daß nicht jeder gut gemeinte und dabei ganz schlecht durchdachte Plan auch ein gutes Ende nehmen muß.

Mehr wollen wir heute gar nicht sagen. Einfach mal die Klappe halten scheint uns mehr als angemessen. Nur so viel: Laßt Euch von sowas nicht die Weihnachtszeit verderben – auch wenn es naheliegen mag. Und doch: da freut man sich auf Weihnachten – zumindest aber auf Glühwein und Bratwurst, den Christbaum, leuchtende Kinderaugen und viele, viele Geschenke. Und zack: ganz plötzlich, eh man sich’s versieht, findet man sich im Krankenhaus oder gar auf dem Friedhof wieder. Schön ist das nicht. Bolle jedenfalls würde sich das anders wünschen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.