Sa 14-12-24 Das 14. Türchen: Schneemann, Teppich, Meilenstein

Voll auffem Teppich – mit Meilenstein.

Zu unserem Türchen gestern gab es eine Rückmeldung: „Wieso? Das sieht man doch, ob sich der Schneemann bewegt hat oder der Teppich.“ Da wir hier, wie gestern erläutert, eine wohlverstandene relativistische Perspektive einnehmen wollen, scheint uns ein kleiner Nachtrag angebracht.

Natürlich sieht man das. Aber warum sieht man es? Weil wir – ohne uns dessen bewußt zu sein – das Blatt Papier beziehungsweise den Bildschirmausschnitt als Bezugspunkt verwenden. Einen solchen Bezugspunkt haben wir aber nicht – nicht in der Physik und erst recht nicht im wirklichen bzw. sozialen bzw. politischen Leben. Dieses völlige Fehlen eines Bezugspunktes hat übrigens die Physiker ziemlich lange Zeit ziemlich rappelig gemacht und zu so mancher Idee inspiriert, die sich letztlich als nicht soo brauchbar erwiesen hat. So etwas ist aber auch jeglicher Alltagserfahrung allzu ferne. Wir sind nun mal seit sechs Millionen Jahren – also seit der Menschwerdung im weiteren Sinne – daran gewöhnt, daß es feste Bezugspunkte gibt. Entsprechend schwer fällt es uns, sich die einfach wegzudenken – auch wenn sie wirklich mal nicht da sein sollten.

Um uns das alles besser vorstellen zu können, hilft ein kleiner Trick: Nehmen wir an, das Blatt Papier oder der Bildschirmausschnitt, auf dem sich Schneemann und Teppich befinden, sei unendlich groß – zumindest aber unüberschaubar groß. Dann gibt es wirklich keine Möglichkeit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Oder aber wir fügen, tout au contraire, einen Meilenstein in die Graphik ein – eine Wegmarke, an der wir uns orientieren können. Unter der Annahme, daß sich Schneemann und Teppich im Freien befinden – wer stellt sich schon einen Schneemann ins Wohnzimmer? – könnte das irgendein markanter Punkt in der Landschaft sein, zum Beispiel ein Baum oder Busch oder ähnliches (siehe Bildchen). Relativ zu dieser Wegmarke können wir nun eindeutig entscheiden, wer oder was sich bewegt hat – Schneemann oder Teppich?

Jetzt – aber erst jetzt – denken wir uns die Wegmarke wieder weg. Im Grunde wenden wir also die Vorgehensweise von Professor Bömmel aus der Feuerzangenbowle an: „Also, wat is en Dampfmaschin? Da stelle mehr uns janz dumm.“

In der sozialen beziehungsweise politischen Sphäre kommt allerdings erschwerend hinzu, daß es bereits an der Definition hapert: kein Mensch kann zufriedenstellend erklären, was genau das eigentlich sein soll: lechts oder rinks? (Ernst Jandl 1966). Bolle, stets bemüht, auch das Unfaßbare wenigstens anekdotisch faßbar zu machen, hält sich immer an die folgende Faustregel …

Motto „rechts“: Bevor Du dich daran machst, die Welt zu verbessern, kehre drei mal vor Deiner eigenen Tür (chinesisches Sprichwort).
Motto „links“: Wieso? Alles und jeder braucht unsere Solidarität. Immer!

… und muß dabei stante pede an Churchill denken, of course, der angeblich mal gesagt haben soll:

Wie herrlich Deine Strategie auch sein mag:
Gelegentlich solltest Du gucken, was dabei rauskommt.
(However beautiful the strategy,
you should occasionally look at the results.)

Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Fr 13-12-24 Das 13. Türchen: Alles ist relativ

Voll auffem Teppich – oder doch daneben?

Neulich war Bolle mit zwei durchaus aufgeschlossenen Mitmenschen beim Gänse-Essen. Irgendwann gegen Ende des Treffens ging es dann allgemein um die Schlechtigkeit der Welt und im Speziellen, wie sehr sich manche Leute in letzter Zeit doch „radikalisieren“ würden.

Bolle, nicht faul, fühlte sich sofort veranlaßt, eine wohlverstandene relativistische Perspektive ins Spiel zu bringen. Dazu heißt es in Bertrand Russells ›ABC der Relativitätstheorie‹ (1925) – also vor nunmehr 100 Jahren:

Es gibt eine Sorte ungemein überlegener Menschen, die gern versichern, alles sei relativ. Das ist natürlich Unsinn, denn wenn alles relativ wäre, gäbe es nichts, wozu es relativ sein könnte.

Auch hatte Bolle das Schildchen mit dem Schneemann nicht dabei. Aber ein Bierdeckel für den Teppich und Bolles Feuerzeug für unseren Protagonisten tun es natürlich auch.

Im Ausgangspunkt – so wollen wir annehmen — stehe unser Schneemann (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) voll auf dem Teppich. Nun gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten:  Der Schneemann bewegt sich ein paar Schritte nach links (Pfeil a) – was wir hier rein räumlich und mitnichten politisch verstehen wollen. Und schon steht er nicht mehr auf dem Teppich. Oder aber – die zweite Möglichkeit – jemand zieht den Teppich ein Stück weit nach rechts (Pfeil b) und – Wunder über Wunder – auch in diesem Falle steht unser Schneemann nicht mehr auf dem Teppich – obwohl er sich keinen Millimeter von seiner Ursprungsposition wegbewegt hat. Allein die Lage des Teppichs ist eine andere.

Damit aber ist die Frage, ob sich der Schneemann „radikalisiert“ hat – oder nicht vielleicht eher der Teppich – so offen, wie sie nur sein kann. Wir machen wohl keinen allzu großen Fehler, wenn wir das Beispiel auf die politische Sphäre übertragen. Unser Schneemann stünde dann für einen einzelnen Wähler und der Teppich – wie soll man sagen? – für das, was wir gemeinhin Zeitgeist nennen. Wie meinte doch gleich Faust in der Nacht-Szene zu Wagner?

Was Ihr den Geist der Zeiten heißt,
das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.

Abgesehen von der Frage, wer hier die „Herren“ sein sollen, ist das alles im Grunde doch furchtbar selbstverständlich. Allein nicht jeder denkt jederzeit daran. Beim Gänse-Essen nämlich hatte sich Bolle zu der Bemerkung hinreißen lassen, im AfD-Parteiprogramm würde im Prinzip nichts stehen, was nicht auch in einem, sagen wir, CDU-Parteiprogramm von vor 20 Jahren hätte stehen können.

Der Effekt war, wie öfters mal bei Bolles Vorlesungen, zumindest verblüffend. Das heißt natürlich nicht, daß stante pede eine entsprechende Einsicht folgen würde. So etwas braucht ein wenig Zeit – das ist Bolle durchaus klar. Im Moment aber sieht es ja allgemein eher so aus, daß einer zunehmenden Zahl von Leuten ganz allmählich dämmert, daß weder Glühwürmchen (großes Herz, nicht ganz so großes Hirn) noch Hülsenfrüchtchen (außen grün, innen hohl) – wie Bolle das gerne mit zwinkerndem Auge umschreibt – angesichts einer prinzipiell übermächtigen Realität, die überdies, beziehungsweise gerade deswegen, fast immer Recht hat, keine allzu gute Figur machen. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 12-12-24 Das 12. Türchen: AODSCH!

Finis Germania.

Nach den Weihen deutscher Weihnachtsmärkte bzw. deren Derangement in Form von Winterwunderwelten, mit denen wir uns die letzten beiden Tage befaßt hatten – hier zur Abwechslung mal wieder ein ausgesprochen weltliches Thema. AODSCH!

AODSCH ist Bolles jüngstes Akronym für ›Als-Ob-Demokratie-Schietkram‹. Darf man das so sagen? Bolle meint: man muß! Es rumort ja durchaus schon länger im Gebälk. Anlaß – lediglich der Anlaß – für unseren heutigen Beitrag sind die mißratenen Wahlen in Rumänien, of course. Dort fiel dieser Tage ein Urteil des obersten Gerichtes in etwa wie folgt aus:

Im Namen des Volkes! Ihr, das Volk, seid zu blöd zum Wählen. Also zurück auf Los, marsch, marsch!

Natürlich hat das niemand so formuliert. Aber im Tenor ist genau das gemeint. Möglicherweise ist das Volk ja wirklich zu blöd. Dann muß das wohl auch mal gesagt werden dürfen. Aber derlei ›Im Namen des Volkes‹ zu verkünden, mutet dann doch ein wenig skurril an. Und das ganze dann auch noch als ›Demokratie‹ zu verkaufen – eine Staatsorganisationsform, in der alle Staatsgewalt vom Volke auszugehen hat – selbst, wenn es nun mal zu blöd sein sollte. Was wäre die Alternative? Ein besseres Volk? Oder ganz zumindest eben eine ›Als-ob-Demokratie‹, die so tut, als ob – dabei aber niemandem in den höheren Schichten ernstlich wehtut. Merkwürdig – sehr, sehr merkwürdig das, in der Tat.

Man könnte fast meinen, daß so etwas wie ›Demokratie‹ nur dann und nur so lange funktioniert, wie das Volk sich an der Urne angemessen brav verhält. Diese Partei wählen oder jene – geschenkt. Solange die alle das gleiche wollen im Prinzip, wird das nicht weiter stören. Aber so richtig danebenwählen? Das ist nach Ansicht mancher mehr als die stärkste Demokratie abkann. Immerhin ist das ein Indiz für die Richtigkeit von Bolles Partizipationsplacebo-Theorem (vgl. dazu etwa Mo 12-12-22 Das zwölfte Türchen …). Gib den Leuten das Gefühl, daß sie was zu sagen haben – zum Beispiel wählen gehen dürfen. Das fördert das Commitment und damit die Zufriedenheit. Allerdings muß man höllisch darauf achten, daß sie nicht wirklich was sagen – also zum Beispiel völlig falsch wählen. Das ginge dann doch zu weit.

Und? Wie sieht es hierzulande aus? Noch nicht ganz so offenkundig, aber auf dem besten Wege, wie zu befürchten steht. Bolle muß da an die letzten Wahlen im Osten denken, Brandmauern und nicht zuletzt Verbotsphantasien für bestimmte Parteien. Irgendwie muß das Volk ja auf den rechten Weg geführt werden.

Was schließlich sagt die freie Presse, der Journalismus 2.0? Irritierend wenig. Rumänien sei ein EU-Land und überdies in der NATO – da sei es nun mal nicht tunlich, einen Präsidenten zu wählen, der da nicht voll und ganz dahinterstehen mag. Das könne und müsse man ja verstehen. Nun ist es wirklich nicht jedermanns (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) Sache, die Bedeutung von Nachrichten einschätzen und beurteilen zu können. Allerdings fragt Bolle sich manchmal: warum dann Journalist werden? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 09-12-24 Das 9. Türchen: Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Gesetze

Die normative Kraft des Faktischen (Universitätsbibliothek Heidelberg).

Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Gesetze. Das ist weiß Gott nicht weihnachtlich – und doch ist es nicht minder wahr – und zwar nicht nur zur Weihnachtszeit. Aufgeschnappt hat Bolle das in irgendeiner Vorabend-Serie – und war spontan entzückt ob der Dichte des Diktums. Wie ein gut geführter Hammer. Wumm! Und sitzt!

Aber ist es auch wahr? Natürlich ist es wahr – in dem Sinne, daß wir es wieder und wieder beobachten können. Aktuell reden wir von Syrien, of course. Da hat man ein Land seit gut 60 Jahren und in zweiter Generation mehr oder minder fest im Griff – und schwupps: plötzlich ist alles anders. Wenn die Waffen sprechen (und ein paar günstige Umstände hinzukommen), halt.

Daß damit nicht jeder glücklich ist, versteht sich. Als etwa Bismarck – um ein Beispiel aus der jüngeren Weltgeschichte herauszugreifen – sich in einer Rede vor dem Preußischen Abgeordnetenhaus vom 30. September 1862 zu bemerken veranlaßt sah, daß „die großen Fragen der Zeit“ nicht „durch Reden und Majoritätsbeschlüsse“ entschieden würden, sondern durch „Eisen und Blut“ – da war natürlich der Teufel los. Ja, darf der das denn? Natürlich darf der das. Zumindest hat er es getan.

Hier nämlich geht es mitnichten darum, was einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) gerne hören mag. Es geht auch nicht darum, ob etwas wünschenswert ist oder nicht (Schwester Ethik). Hier geht es lediglich um das, was ist (Schwester Logik). Bolle muß immer wieder staunen, mit welcher Hartnäckigkeit so manches Hülsenfrüchtchen selbst elementare Kategorien zu konfundieren weiß (vgl. dazu etwa So 06-10-24 Propaganda).

Manchmal aber ist mancher doch der Einsicht nahe. So meinte eine Journalistin gestern in einem dieser Plauder-Formate (vulgo Talk-Show), „die Realität“ entwickele sich „gerade in eine andere Richtung“. Bolle meint, das hat sie schön gesagt.

Georg Jellinek (1851–1911), ein österreichisch/deutscher Staatsrechtslehrer mit Blick über den juristischen Tellerrand, hat dafür seinerzeit den Begriff ›Die normative Kraft des Faktischen‹ geprägt: Wenn was so is, dann isses so. Friß, Vogel, oder stirb. Ändern können wirst Du’s eh nicht.

Um den Ganzen dann doch noch eine weihnachtliche Note zu verleihen: Bolle findet ja, Georg Jellinek ließe sich großartig als Nikolausi casten – und meint das in keinster Weise despektierlich. Die Brille, der Bart – überhaupt der Ausdruck insgesamt: Im Kern freundlich – aber durchaus wohl auch zur Strenge fähig. Ein echter Nikolausi eben. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 17-11-24 Und niemals wieder landen

Signale hör ick wohl, allein …

Manchmal will es Bolle ja so scheinen, als gäbe es eine Clique von unverdient Hochgestellten, die eine regelrechte Freude daran haben, brave Bürgersleut zu drangsalieren. Das machen sie natürlich nicht mit Absicht. Gleichwohl aber mit Absichten – und zwar mit guten, versteht sich, of course. Im Kern ist es wohl so, wie Diedrich Dörner das 1989 schon in seiner ›Logik des Mißlingens‹ so trefflich formuliert hat. Wir werden ja nicht müde, es immer wieder zu erwähnen (vgl. dazu etwa Fr 23-04-21 Vive la France! – ein Beitrag, der immerhin schon 3½ Jahre alt ist).

Meines Erachtens ist die Frage offen,
ob ›gute Absichten + Dummheit‹
oder ›schlechte Absichten + Intelligenz‹
mehr Unheil in die Welt gebracht haben.
Denn Leute mit guten Absichten
haben gewöhnlich nur geringe Hemmungen,
die Realisierung ihrer Ziele in Angriff zu nehmen.

Nun – momentan scheinen wir von ›gute Absichten + Dummheit‹ regelrecht überschwemmt zu werden. Dabei wollen wir unter ›Dummheit‹, wie stets, nicht mehr verstehen als das kognitive Unvermögen, Gegebenheiten bzw. Zusammenhänge erkennen zu können. Mit anderen Worten: unzureichende prognostische Kompetenz (vgl. dazu auch So 27-10-24 Vorausschauend fahren! Können vor Lachen).

Anlaß zu diesem Beitrag war folgendes: Da hatte ein ansonsten völlig braver Bürger einen der unverdient Hochgestellten als „Schwachkopf“ bezeichnet. Genau genommen hatte er selbst ihn gar nicht bezeichnet. Vielmehr hatte er einfach ein ziemlich süßes TwitteX-Bildchen mit einigem an Witz „geliked“. Die Folge: Strafanzeige wegen Majestätsbeleidigung, § 188 StGB. Bemerkenswert ist also, daß unser braver Bürger den „Schwachkopf“ nicht einmal selbst in den Mund genommen hat. Er fand das einfach nur niedlich. Wir kennen das von früher, als das reine Weitererzählen von politischen Witzen strafbar war – wenn auch nicht unbedingt unter dem Slogan „wehrhafte Demokratie“, dessen sich die unverdient Hochgestellten so gerne befleißigen.

Auch ist es interessant, wie solche Strafanzeigen überhaupt zustandekommen. Hat sich da unser „Schwachkopf“ persönlich beleidigt gefühlt und zum Schutze seiner Ehre Strafanzeige erstattet? Mitnichten. Mittlerweile wird von darauf spezialisierten Firmen das Netz mittels KI auf möglicherweise unbotmäßige Äußerungen durchforstet und die Strafanzeigen in einem automatisierten Prozeß an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, die sich – so viel Rechtsstaat muß sein – dann eben darum zu kümmern hat.

Doch das ist noch nicht alles. So hat ein offenbar höchst ambitionierter Staatsanwalt nebst einem wohl nicht minder ambitionierten Richter eine Hausdurchsuchung bei unserem ansonsten braven Bürger angeordnet. Man muß sich das vorstellen: Eine Hausdurchsuchung! Wegen eines Likes!

Bolle hält es ja eher mit der gewohnheitsrechtlichen britischen Regel ›My home is my castle‹. Eine Burg, in der der Staat, von Verfehlungen der krasseren Art einmal abgesehen, rein gar nichts zu suchen hat. Eben dies war in den vergangenen Jahrzehnten auch durchgängig gute juristische Praxis.

Von Winston Churchills Milchmann-Parabel jedenfalls entfernen wir uns zur Zeit geradezu im Sauseschritt:

Wenn es morgens klingelt an der Tür
und ich weiß, daß es der Milchmann ist,
dann merke ich, daß ich in einer Demokratie lebe.

Eher läuft es wohl auf Bolles Dystopie hinaus:

Wenn es morgens klingelt an der Tür
und ich denk‘, das könnt‘ der Staatsschutz sein,
dann war’s das erstmal mit der Demokratie.

Das alles ist ohne den Journalismus 2.0 natürlich völlig undenkbar, of course. Aber was erfährt der geneigte Durchschnitts-Medien-Konsument? Werfen wir einen Blick auf ein Original:

Journalismus 2.0

Der Beitrag läuft unter der doch recht verqueren Dachzeile ›Start-up‹, nennt ein edles Motiv („gegen Hass“) und erwähnt die erfolgreiche Akquisition „prominenter Mandanten“. Der Kern vons Janze, der nucleus granuli also, wird den Autoren offenkundig nicht helle. Bolle meint, da wundere ihn rein gar nichts mehr. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 10-11-24 Die freiere Zeit

Der Preis der Freiheit.

So kam es, daß es in der Abenddämmerung, drei Tage nach Molotows Hinscheiden, in diesem Teil des Sörmländer Waldes so schlimm knallte wie seit den zwanziger Jahren nicht mehr. Der Fuchs flog in die Luft, ebenso wie Allans Hühner, Hühnerhaus und Holzschuppen. Doch der Sprengsatz reichte bequem auch noch für die Scheune und das Wohnhaus.

So heißt es in Jonas Jonassons ›Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand‹ aus dem Jahre 2009 im 28. Kapitel.

Hundert Jahre später, wieder in den zwanziger Jahren, genau genommen just diese Woche, hat es einmal mehr richtig geknallt: Mr Donald Trump wurde – gemessen am Wunschdenken und an den Schmähschriften eines weitgehend woken Journalismus 2.0 geradezu „erdrutschartig“ – zum 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten designiert.

Dagegen nimmt sich beispielsweise ein Scholz’scher „Doppel-Wumms“ (2022) geradezu harmlos aus. Bolle jedenfalls fand das die spannendste Fernsehnacht seit der Mondlandung. Und das ist durchaus schon ein Weilchen her.

Natürlich war niemand vorbereitet. Hoffen und Harren // Macht viele zum Narren. Das war dem römischen Dichterfürsten Ovid schon vor zweitausend Jahren klar. Bis zuletzt hat man in der politischen Klasse ganz, ganz dolle daran geglaubt, daß dieser Kelch an ihnen vorübergehen werde. Ist er aber nicht. Nun heißt es eben auslöffeln.

In der ersten Schockstarre hieß es etwa, daß Trump bislang offengelassen habe, wie er seine vielen Ziele denn erreichen wolle. Das in der ersten Stunde nach dem Wahlsieg! Seriös ist das nicht. Bolle weiß von Polit-Prominenten zu berichten, die nach Jahren noch nicht wissen, wie sie ihre Ziele erreichen wollen – die, schlimmer noch, nicht einmal klar zu sagen wissen, was ihre Ziele überhaupt sind. Wenn wir von Friede, Freude, Eierkuchen nebst Rettung vor der Klimakatastrophe, Wohlstand für alle und Tod den Tyrannen nebst Rettung „unserer“ Demokratie, of course, einmal absehen wollen.

Vor einigen Wochen war Bolle auf einem 100-Jahre-Abi-Treffen. Das Schöne an solchen Veranstaltungen ist, daß man Leute trifft, die man ewig nicht gesehen hat, die aber ein Bild von einem von damals im Kopf haben. Dabei ergab sich am Rande die Frage nach den Grenzen der Meinungsfreiheit. „Wenn sich jemand verletzt fühlt“, meinte eine ehemalige Mitschülerin. „Nein“ – entfuhr es Bolle, schneller als er denken konnte. Und doch muß er sich im Nachhinein Recht geben. Natürlich soll man nicht unnötig grob werden. Aber letztlich scheint ihm die in den letzten Jahren um sich gegriffen habende PC (Political Craziness) nachgerade ein Einfallstor für fortschreitende Goethe’sche Schafsnatur zu sein (vgl. dazu So 09-06-24 Erst wählen, dann zählen).

Und auf vorgeschriebnen Bahnen
Zieht die Menge durch die Flur;
Den entrollten Lügenfahnen
Folgen alle. – Schafsnatur!

Das jedenfalls, soviel ist jetzt schon klar, will Mr Trump ändern – und dafür hat er durchaus gute Argumente. So heißt es etwa in einer Entscheidung des amerikanischen Supreme Court:

Das Recht zu denken ist der Beginn der Freiheit, und die Sprache muß vor der Regierung geschützt werden, weil die Sprache der Beginn des Denkens ist.

Lyrischer noch hat es Karl Kraus in seinem ›Pro domo et mundo‹ (1919) vor nunmehr 100 Jahren gefaßt.

Die Sprache ist die Mutter,
nicht die Magd des Gedankens.

Aber macht das mal einem Analphabeten oder auch nur einem Hülsenfrüchtchen klar.

Letztlich geht es wohl um die grundsätzliche Ausrichtung: Wollen wir eine politische Landschaft mit einem Souverän, der souverän ist, und seinen gewählten Vertretern tüchtig auf die Finger klopft, wenn sie außer Rand und Band geraten? Oder wollen wir eine mittelalterliche politische Landschaft, wie sie Umberto Eco in seinem ›Der Name der Rose‹ (1980) so trefflich beschreibt: Mit Hirten, Hunden und vielen gefügigen Schäfchen? Wie unsere Hirten derzeit mit dem Recht auf Redefreiheit umgehen, ist jedenfalls durchaus mittelalterlich. Kant hätte glatt ‘n Knall gekriegt – von wegen sapere aude (Bediene Dich Deines Verstandes). Haben vor Lachen? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 03-11-24 Wo sind all die Indianer?

Wenn’s poppt, dann poppt’s.

Damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Bolles ›Polit-PR-Offensiv-Plan‹ ist natürlich nur eine finstere Phantasie – um nicht zu sagen: Dystopie. Ganz im Gegenteil: Bolle ist schwer davon überzeugt, daß eine Gesellschaft – noch dazu eine Gesellschaft, die über kaum natürliche Rohstoffe verfügt – ohne Humankapital ziemlich dumm dastehen würde. Humankapital aber hat doch einiges mit Denken können zu tun. Was, bitteschön, denn sonst?

In diesem Zusammenhang will Bolle das Beispiel von Pol Pots Roten Khmer (1975–1979) nicht aus dem Sinn. Seinerzeit war man der herrschenden Partei schon dann verdächtig und im Zweifel füsilierungswürdig, wenn man – als Indiz für seine Intellektualität – zum Beispiel so etwas Verdächtiges wie eine Brille trug.

So weit sind wir hier bei weitem noch nicht. Allerdings: die Richtung stimmt. Spötter befürchten ja, daß eines nicht allzu fernen Tages das Denken an sich verboten werden könnte, damit die Dummen sich – wohl im Rahmen einer Inklusivitäts-Offensive – nicht zurückgesetzt fühlen mögen.

Diesmal hat es Udo Lindenberg erwischt. In seinem ›Sonderzug nach Pankow‹ (1983) nämlich kommt ein „Oberindianer“ vor. Grund genug für manches Hülsenfrüchtchen, hier „rassistische Diskriminierung“ zu wittern und das Wort auf den Index zu setzen.

Den Index? Gibt es denn einen? Und, falls Ja, wer hat den mit welcher Legitimation wo hinterlegt? Bolle mußte mehrere Tage warten, bis sich die Nebel der Empörung langsam lichteten und herauskam, daß es die ›Stiftung Humboldt-Forum im Berliner Schloss‹ war, die angesichts einer geplanten Sangesdarbietung auf das Lied an sich nicht verzichten wollte – aber doch bitteschön ohne den „Oberindianer“. Statt dessen solle man besser „Ober-I-I-I-I …“ singen – oder was auch immer.

Auch ist das alles keinesfalls neu. Allerdings wird es dadurch nicht besser. So gab es vor einigen Jahren schon Bestrebungen, PURs ›Wo sind all die Indianer hin‹ (1983) entsprechend anzumeckern. Seinen Kindern Cowboy und Indianer spielen zu erlauben – vor allem Indianer – geht ohnehin nur noch, wenn man eine lange und schmutzige Auseinandersetzung mit der jeweiligen Kita-Leitung nicht scheut und Wert darauf legt, wahrhaft resiliente Kinder großzuziehen.

Bolle – das müssen wir einräumen – fällt es wirklich nicht leicht, sich in Hülsenfrüchtchens Horizont reinzudenken. Allein das Motiv scheint klar: Es geht, wie’s scheint, um eine bessere Welt. Was aber soll das sein? Eine Welt ohne Indianer? Oder doch eine Welt mit Indianern – die dann allerdings nicht mehr so heißen dürfen?

Bolle wird das alles erst dann glauben wollen, wenn die Indianer vollständig rehabilitiert sind. Das aber würde neben einer allfälligen „Entschuldigung“ die Rückgabe sämtlicher besetzter Gebiete bedeuten sowie den vollständigen Rückzug der Bleichgesichter vom amerikanischen Kontinent. So ginge Glaubwürdigkeit! Konsequenz statt verquaster Sprachkosmetik! Das aber steht bis auf weiteres wohl kaum zur Disposition und wäre im übrigen auch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 27-10-24 Vorausschauend fahren! Können vor Lachen

Warum? // Ist die Banane krumm?

Manchmal ist eine Allegorie wirklich nicht das schlechteste, um sich selber die eine oder andere Einsicht noch deutlicher vor Augen zu führen. Und hat nicht auch der Erlöser der Christenmenschen stets in Gleichnissen gesprochen?

Neulich mußte Bolle an seine Fahrschulzeit denken. Das ist zwar schon ein Weilchen her – aber manches bleibt halt hängen. Insbesondere die folgende Szene steht Bolle heute noch klar vor Augen. Feierabendverkehr, die Straße vier- bis sechsspurig, eine topographisch etwas barocke Gabelung in Sicht.

„Vorausschauend fahren!“ mahnte der Fahrlehrer. „Sehen Sie denn nicht das Schild da vorne?“

In vielleicht 100 m Entfernung befand sich in der Tat ein riesiges blau-weißes Schild, quer über die Fahrbahnen gespannt. Auf dem Schild stand haargenau, wie die Spuren sich verteilen, welche Spur wohin führen wird – was also zu tun ist, um sich rechtzeitig richtig einzuordnen.

Bolle, seinerzeit schon durchaus faust-gestählt, meinte nur: „Das Schild da seh‘ ich wohl. Allein ich kann’s nicht lesen.“ In der Tat konnte Bolle das Schild an sich deutlich sehen. Auch konnte er Sinn und Zweck des ganzen klar erahnen. Die Feinheiten aber – also die eigentliche Beschriftung – wollte sich Bolle auf diese Entfernung durchaus noch nicht erschließen.

Was ist nun das Allegorische? Nun, vorausschauend zu fahren setzt voraus, daß einer hinreichend gut vorausschauen kann. Wenn einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) genau das aber eben nicht kann – und sei es aus dem schlichten Grunde, daß seine Äuglein nicht so scharf sind wie etwa die des Fahrlehrers, dann ist es Essig mit dem vorausschauenden Fahren.

Wir haben ›Dummheit‹ verschiedentlich umschrieben als ›unzureichende prognostische Kompetenz‹, also zum Beispiel das kognitive Unvermögen, die Konsequenzen seiner eigenen Entscheidungen gut genug überblicken zu können.

So etwas gilt natürlich als per se selbstwertbeschädigend. Erkläre jemandem, daß er dumm ist, oder erkläre ihm auch nur, daß Du an seiner prognostischen Kompetenz zweifelst, und er wird Dich hassen.

Aber wo, bitteschön, soll hier ein Unterschied sein, der einen Unterschied macht? Die einen können ihr Fahrzeug nicht so geschmeidig steuern, wie das aus der Sicht anderer wünschenswert wäre. Und zwar einfach deshalb nicht, weil sie nicht weit genug gucken können. Und manch andere können keine geschmeidigen Entscheidungen treffen – einfach deshalb nicht, weil sie die Konsequenzen nicht weit genug überblicken können.

Aus der Sicht der Talente – egal, ob wir hier von Sehkraft reden oder von so etwas wie Geisteskraft – mag derlei auf Unverständnis stoßen: „Das sieht man doch!“ Tut man ja auch – wenn man entsprechend scharfsichtig ist beziehungsweise scharfsinnig. Ansonsten aber eben nicht.

Und? Die Moral von der Geschicht? Erstens: Ihr Talente, laßt Milde walten. Die Luschen können schließlich nichts dafür, daß sie – in dieser Hinsicht (!) – relativ zu Euch minderbemittelt sind. Zweitens, und vor allem aber: Ihr – wiederum nur in dieser Hinsicht – relativen Luschen: Versucht nicht, Dinge zu tun, die andere nun mal besser oder sehr viel besser können als Ihr selbst. Ihr sollt nicht Rennfahrer werden wollen, wenn Ihr nicht scharfsichtig genug seid, und ihr sollt nicht Staaten lenken wollen, wenn Ihr nicht scharfsinnig genug seid.

Irgendwo wird wohl jeder ein gewisses relatives Talent haben – also etwas, das er besser kann als die Leute um ihn herum. Das gilt es zu pflegen und auszubauen. Versucht, umgekehrt, nach Möglichkeit zu vermeiden, Euch auf Gebieten zu tummeln, auf denen Ihr bestenfalls Mittelmaß seid. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel …

So 20-10-24 Respekt, Digga!

Oh Zeiten, oh Sitten …

Es gibt eine Lehrmeinung, die besagt, daß bestimmte Wörter erst dann aufkommen, wenn das Kind bereits im Brunnen liegt. Ein Beispiel wäre etwa die vor rund 100 Jahren aufgekommene Neurasthenie mit der Kurzumschreibung: Raste nie und haste nie, sonst haste die Neurasthenie (vgl. dazu unseren Beitrag von neulich (So 15-09-24 Volk unter Strom).

In der Zeit davor „hatte“ niemand diese Form von Nervenschwäche. Ebensowenig wie heute: jetzt hat man „Burnout“. Die philosophische Frage, die zu beantworten hier allerdings viel zu weit führen würde, lautet: Gab es früher keine Neurasthenie bzw. keinen Burnout – oder gab es einfach nur kein Wort dafür?

Ganz ähnlich verhält es sich mit posttraumatischen Belastungsstörungen im weitesten Sinne. So weiß Bolle aus Gesprächen mit Zeitzeugen, daß jemand, dem die sogenannten Befreier 1945 das Haus überm Kopp weggebombt hatten, und der sich nach dem Angriff, als Kind (!) über Dutzende von Leichen steigend, mit knapper Not aus dem Keller ins Freie retten konnte, herzlich wenig Zeit und Sinn für derlei hatte.

Auch müssen wir uns nicht auf subjektives Erleben beschränken: So wirft zum Beispiel Robert Pirsig in seinem ›Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten‹ (1974) die nur auf den ersten Blick absurde Frage auf, ob es vor Isaac Newton (1643–1727) so etwas wie Gravitation überhaupt gegeben hat.

Heute sind die Zeiten friedlicher – zumindest hier und noch. Und so können wir friedlich der Frage nachgehen, ob das im letzten Bundestagswahlkampf 2021 fett plakatierte „RESPEKT FÜR DICH.“ (in Großbuchstaben, anbiederndem Du sowie mit Punkt am Ende) nicht vielleicht ein eher übles Vorzeichen war. Bolle zumindest schwante so etwas – von wegen Kind-im-Brunnen-Theorem.

Und so ist es dann ja auch weitestgehend gekommen. Bolle jedenfalls wüßte kein Beispiel, daß eine Regierung zu seinen Lebzeiten jemals derart hochfahrend mit ihrem Wahlvolk umgegangen wäre. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, daß es so manchem Entscheidungsträger kaum noch darum geht, was herkömmlicherweise als recht und billig erachtet wird. Offenbar geht es zunehmend darum, das gegebene Recht so zu biegen und zu kneten, daß man damit irgendwie noch durchkommt. Common sense? Rechtstradition? Gute Sitten und Gepflogenheiten? Kann alles weg. Stört nur beim revolutionären, möglichst schnellen Aufbruch in eine bessere Welt – oder was man dafür hält. Wenn’s der guten Sache dient, ist zu viel Recht ganz schlecht.

Wir durften das beim Heizungsgesetz erleben, von dem es später hieß, man sei womöglich „zu weit gegangen“, bei der Corönchen-Hysterie, bei der praktisch sämtliche Grundrechte bis auf weiteres suspendiert wurden, beim Ukraine-Krieg, der hausgemachten Migrationskrise, und so weiter und so fort.

Dann kam das Compact-Verbot mit seinen ungeahnten und bislang einmaligen juristischen Winkelzügen, die völlig respektlosen Geschehnisse in Thüringen und anderswo im Osten, und schließlich neuerdings die Bestrebungen um getreuliche Petzen („trusted flaggers“). Bolle meint: Ist doch alles nicht seriös.

Nach allem drängt sich der Eindruck auf, daß die Regierung meint, von einem Erziehungsauftrag ausgehen zu müssen: Hier die weisen Staatenlenker, dort der widerspenstige Teil des Volkes, der dringend diszipliniert werden muß („The beatings will continue …“). Das aber ist erstens schlicht kontrafaktisch und zweitens das schiere Gegenteil von ›Respekt für dich‹. Was dann?

In den 1980er Jahren schon gab es in einem Hamburger Hallenbad mal ein Problem mit marodierenden Jugendlichen. Die Jungs fanden es schick, den Mädels an den Oberteilen ihrer Bikinis zu zupfen. Aus heutiger Sicht eher harmlos. Die Mädels allerdings waren not amused. Was tun? Im ersten Ansatz hat man ein Team von Sozialarbeitern eingesetzt, die den Jungs was von Respekt und gewaltfreier Kommunikation verklickern wollten. Ohne jeden Erfolg, of course. Dann schließlich – einige Anläufe später – hat man einen Kerl angeheuert, der fast so breit war wie groß. Jedenfalls keiner, mit dem man sich unnötig würde anlegen wollen – schon gar nicht als hühnerbrüstiger Teenie. Kurzum: wo er war, war Ruhe. Allenfalls mußte er mal mit den Augen rollen. Und das Beste: Die Jungs haben ihn geliebt. So geht Respekt. So und nicht anders.

Die Regierung dagegen scheint sich, tout au contraire, an Bolles Entwurf einer Brav-Schaf-Verordnung zu orientieren:

§ 1  Es ist verboten, gegen die Regierung zu sein.
§ 2  Das gilt auch dann, wenn man nichts Verbotenes tut.
§ 3  Im übrigen behält sich die Regierung vor, entsprechendes Verhalten de lege ferenda (nach zukünftigem Recht) zu verbieten.
§ 4  Bis dahin wird die Regierung alles tun, einschlägiges Verhalten nach Kräften zumindest sozial und medial zu ächten. Dabei beruft sie sich auf die bewährten Grundsätze der wehrhaften Demokratie.
§ 5  Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Na, denn Prost!

Das alles kann natürlich nur funktionieren, wenn man es mit einem Journalismus 2.0 zu tun hat, der seine Hauptaufgabe darin sieht, sich an die vermeintlich Mächtigen mit Verve ranzuwanzen und der mit der in einer Demokratie ebenso unerläßlichen wie ehrenwerten Funktion als Vierte Gewalt nur noch herzlich wenig am Hute hat. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 06-10-24 Propaganda

Wie uns die Alten sungen …

Hier ein kleiner Beitrag aus unserer Historischen Reihe. Es handelt sich dabei möglicherweise um einen TV-Spot, der im amerikanischen Fernsehen wohl während der sogenannten McCarthy-Ära (etwa 1947–1956) ausgestrahlt wurde. Nichts genaues weiß man nicht. Gleichwohl hält Bolle den Beitrag für höchst instruktiv und nicht minder up to date. Der Text, den der jung-dynamisch-aufgeschlossene Yank in bester Märchenonkel-Manier vorträgt, geht wie folgt:

„Im Jahr 1943 wurde von der Parteizentrale folgende Direktive an alle Kommunisten in den Vereinigten Staaten herausgegeben. Sie lautete:
Wenn bestimmte Quertreiber zu lästig werden, bezeichne sie nach einem geeigneten Aufbau als Faschisten oder Nazis oder Antisemiten und nutze das Ansehen der antifaschistischen und der Toleranzorganisationen, um sie in der Öffentlichkeit zu diskreditieren.
Assoziieren Sie in der öffentlichen Meinung diejenigen, die gegen uns sind, ständig mit Begriffen, die bereits ein schlechtes Image haben. Diese Assoziationen werden, wenn sie oft genug wiederholt werden, in der öffentlichen Meinung zu einer Tatsache werden.“

Soweit der Vortrag unseres aufrechten Yanks.

Warum ist das aufschlußreich? Gehen wir zunächst davon aus, daß das alles wirklich wahr ist, daß es also in der Tat eine entsprechende Direktive seitens der Parteizentrale gegeben habe. Bezüglich der (wie man heute sagen würde) nackten Fakten wollen wir also weder meckern noch mäkeln.

So gesehen handelt es sich bei dem Beitrag um eine echte Nachricht – und nicht etwa um Propaganda. Dabei wollen wir unter ›Nachricht‹ die Übermittlung von etwas verstehen, was ist. Unter ›Propaganda‹ dagegen wollen wir die Übermittlung von etwas verstehen, was der Empfänger nach Ansicht des Senders für „richtig“ (i.S.v. ›wünschenswert‹) halten soll. Vermutlich deshalb spricht man heute auch von „Haltungs-Journalismus“. Ohne hier weiter darauf eingehen zu wollen: Der Unterschied ist ähnlich evident wie der zwischen Schwester Logik  und Schwester Ethik – also durchaus elementar.

Die drei Töchter der Philosophie.

Dabei kommt Propaganda oft indirekt um die Ecke. Statt zu sagen: „Wir sind die Guten“ – was so ja auch meist nicht stimmt bzw. zumindest schwierig zu begründen ist – verlegt man sich lieber auf „Die sind die Bösen“. Schmähkritik sticht Selbstkritik.

Was unseren Beitrag angeht: „Faschisten“, „Nazis“ und „Antisemiten“ haben sich erstaunlich gut gehalten und erfüllen – nach immerhin etwa 80 Jahren bzw. knapp drei Generationen – heute durchaus noch ihren Zweck. Hinzugekommen sind allerdings Sexismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit ganz allgemein.

Wenn die Leute das erst mal sprichwörtlich gefressen haben, lebt es sich doch sehr viel entspannter als Teil der Guten. Was das Böse angeht: Wenn man es schon nicht ausrotten kann, so könnte man es doch wenigstens versuchen zu verbieten. Sancta simplicitas. Bolle meinte ja neulich schon: Sitten wie in Hollywood (vgl. dazu So 22-09-24 Opinio et Reactio).

Ansonsten meint er ja immer: Wenn es dann doch so etwas wie eine Spaltung der Gesellschaft geben sollte, dann ja wohl die durchaus medien-inszenierte Spaltung in Gut und Böse. Das wiederum kann nur funktionieren, wenn man eine gewisse Schlichtheit im Geiste unterstellt – sowohl bei den Medien-Schaffenden als auch bei einem erheblichen Teil ihrer Rezipienten. Und? Wer ist schuld? Natürlich niemand. Verweisen wir einmal mehr auf Arachs ›Mensch, lern das und frag nicht!‹. Wer, namentlich in der Oberstufe, so sozialisiert wird, wächst nachgerade naturgemäß in den Kreis der geistig Armen. Möge das Himmelreich ihrer sein (Matth. 5, 3). Hier auf Erden richten sie eher allerlei Schabernack an. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.