Sa 30-01-21 Denken nützt …

Denken nützt.

Heute konnten wir in den bildungsbürgerlichen Medien erfahren, daß Statistiker ermittelt haben, daß die sogenannte „Übersterblichkeit“ in Deutschland zur Zeit bei 5% liegt – daß zur Zeit also 5% mehr Leute sterben als sonst. Kiek ma eener an, meint Bolle und verweist auf unseren Beitrag von neulich, Mo 25-01-21 Live forever? Dort hatten wir locker überschlagen, daß in Deutschland regelmäßig und sowieso Jahr für Jahr 1 Mio Leute sterben – wobei gegenwärtig etwa 50.000 Corönchen zugerechnet werden. Nun ist es so, daß 50.000 geteilt durch 1 Mio zufälligerweise justamente 5% ergibt. Dafür braucht man weiß Gott keine Statistiker – und erst recht keine Mathematiker. Das kann jeder Taschenrechner.

Natürlich möchte Bolle mitnichten „arrogant“ rüberkommen. Aber ein wenig verwundert ist er schon, mit welcher Gründlichkeit – um nicht zu sagen: Scheingenauigkeit – seit Monaten neben den regulären Nachrichten in ungezählten „Extras“ und „Spezials“ über R-Werte, Inzidenzwerte, Verstorbene, „Genesene“ und weiß der Teufel was sonst noch auf die Einerstelle genau (!) berichtet wird. Besonders pikant findet Bolle den regelmäßigen Hinweis, daß es sich hierbei nur um Datenmüll handeln kann (so sagt das natürlich keener – aber genau darauf läuft es hinaus), unter anderem, weil „am Wochenende weniger Daten gemeldet“ würden. Bolle meint: Wie man aus Daten schwankungsbereinigte Trends ermittelt, ist den Statistikern seit mindestens 100 Jahren klar. Warum dann das Volk Tag für Tag sinnlos zumüllen? Weil es „gefühlt“ mehr zu berichten gibt? Weil es die Leute in „gefühlter“ Dauer-Alarmbereitschaft hält? Wenn das mal gutgeht auf die Dauer … Aber das ist dann doch vielleicht schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 24-01-21 Dreschflegel

Die drei Töchter der Philosophie.

Donald Trump ist erst mal „out“. Zeit für ein Comeback für Putin. Wir können und wollen uns hier nicht mit irgendwelchen Einzelheiten beschweren. Wenden wir uns lieber dem Grundsätzlichen zu. Menschliches Streben – im alten Wortsinne also die »Philosophie« – läßt sich rückstandsfrei unterteilen in die Bereiche Logik, Ethik und Ästhetik. Von Kant, der meinte, ein viertes erkennen zu können, wollen wir hier einmal absehen: Jeder kann sich mal verkanten. Die „drei Schwestern“ (wie Bolle sie in seinen Lehrveranstaltungen gerne nennt) haben zunächst einmal nichts, aber auch rein gar nichts miteinander zu tun – obwohl es in der Geschichte der Philosophie nicht an Versuchen gemangelt hat, das Gegenteil zu beweisen – vergeblich. Schwester Logik kümmert sich um Seins-Aussagen. Heute nennen wir das üblicherweise „Wissenschaft“. Schwester Ethik kümmert sich um das, was sein soll. Ihr Tummelfeld ist das Recht und die Religion – aber auch „Werte“ im weitesten Sinne. Schwester Ästhetik schließlich – die sleeping beauty unter den dreien – ist für die (mehr oder weniger) gefällige Darbietung des Gesagten zuständig.

Was auch immer man auf den ersten Blick meinen mag. Die drei können wirklich was, wenn man sie auf die Phänomene dieser Welt losläßt – allen Unterschieden zum Trotze, oder vielleicht gerade deswegen. Wenn wir etwa – um ein tagesaktuelles Beispiel herauszugreifen – erfahren, daß in Rußland zur Zeit gegen Putin demonstriert wird, dann gehört das als Ist-Aussage in den Bereich der Logik. Leider läßt es sich der Journalismus 2.0 nicht nehmen, dem Leser bzw. Zuhörer oder Zuschauer nicht nur zwischen den Zeilen, sondern ganz offen und unverblümt zu vermitteln, wie „schlimm“ Putin im Grunde doch sei. Das aber sind wertende Aussagen (2. Tochter), die im Qualitätsjournalismus (von den Kommentarspalten abgesehen) nichts zu suchen haben. Bolle möchte aufgrund der vermittelten Ist-Aussagen gerne selber entscheiden, was er „schlimm“ finden will und was nicht. Um last but not least die 3. Tochter, die sleeping beauty, nicht zu kurz kommen zu lassen: Wenn ein Reporter am Rande des Geschehens, also definitiv außerhalb der eigentlichen „Gefahrenzone“, dem Zuschauer mit aufgeregtem Gestus hautnahe Berichterstattung vorzugaukeln versucht, dann ist das einfach nur eine wenig gefällige Darbietungsform – mithin also schlechter Stil. Wir hatten diesen Punkt neulich schon mal gestreift – vgl. dazu Do 07-01-21 Journalismus 2.0. Warum der Beitrag »Dreschflegel« heißt? Das läßt und wird sich klären – ist dann aber doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 23-01-21 In vino veritas

Wahrer Wein und weiches Wasser.

Selbst der Erlöser der Christenmenschen fand offenbar, daß Wasser keine wirklich prickelnde Partydroge sei. Warum sonst hätte er bei der Hochzeit zu Kana (Joh. 2, 1–11) beträchtliche Mengen davon in Wein verwandeln sollen? Seine erste Wundertat, by the way.

Als das mit den Talk Shows seinerzeit auch im deutschen Fernsehen losging, saßen die Leute an so einer Art Küchentisch und haben sich, leicht alkoholisiert, alles mögliche um die Ohren gehauen. Außerdem wurde ohne Ende gequalmt. Das kam einer Show deutlich näher als alles, was wir heute erleben müssen. Heute halten sich weichgespülte Wichtigtuer in aufgemotzten Studios jeweils an einem Schlückchen Wasser fest – und verplempern die Hälfte der Sendezeit damit, ihrer „Besorgnis“ Ausdruck zu verleihen und zu betonen, wie entschieden sie doch die Ansichten der anderen „teilen“. Bolle meint: Fetzt überhaupt nicht. Wasser ist wohl wirklich nicht die Partydroge der Wahl – auch nicht für Talk Shows. Ist es wenigstens „gesünder“? Mag sein – wer weiß. Bolle indes beschleicht zunehmend der Eindruck, daß die Leute immer gesünder leben wollen und dabei immer kränker werden – und befürchtet, das könnte was mit dann doch nicht ganz leicht zu durchschauenden Autoimmunreaktionen zu tun haben. Wir sind nun mal aus einem Erdenkloß erschaffen (Genesis 2, 7) – und nicht etwa aus Plaste. Von wegen „Je zivilisierter, desto sterilisierter“ (Huxley’s ›Schöne neue Welt‹). Also doch lieber Wein?

Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben sich zwei grundsätzliche Beobachtungen ergeben: In vino veritas – im Wein liegt die Wahrheit, aber eben auch in vino feritas (letztlich schon Sprüche Salomos 20, 1) – im Wein liegt  das Ungestüm. Für eine Talk Show, die wenigstens ein wenig Wert auf den Show-Aspekt legt und nicht nur auf Talk, wäre beides keine schlechte Grundlage und beileibe kein Gegensatz. Der Satiriker Moritz Gottlieb Saphier hat es schon 1832 auf den Punkt gebracht: Der Wein und die Wahrheit sind sich insofern ähnlich, als man mit beiden anstößt. Na denn: Prost! Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

So 17-01-21 Real existierender Kapitalismus …

Schlange stehen im Kapitalismus.

Schlange stehen im Kapitalismus? Machen wa doch gerne. Wenn’s dem Wachstum dient … Wir haben es hier mit einem klitzekleinen Vorstadt-Laden zu tun – in dem, falls Bolle sich recht erinnert, noch nie so viele Leute waren, wie diese Schlange suggeriert.

Daneben fühlt sich Bolle allerdings ein wenig an Oberstufen-Zeiten erinnert. Damals hieß es aus dem Munde des Gesellschaftslehre-Pädagogen: Schlange stehen? So etwas gebe es nur im Sozialismus. Bolle hatte seinerzeit nachgehakt und wollte wissen, ob er das richtig verstehe: Im Sozialismus kriegen die die knappen Güter, die die meiste Zeit mitbringen. Im Kapitalismus kriegen die die Güter, die das meiste Geld mitbringen. Eine wie immer geartete Systemüberlegenheit hatte er daraus nicht ableiten wollen. Es hätte nicht viel gefehlt und der Pädagoge hätte ihm, mangels besserer Argumente, eine gescheuert. So weit zur klassischen Pädagogik.

War sonst noch was los? Ach Ja. Die CDU hat sich eine neue Vorsitzende gewählt. Das war auch nötig – nach dem seinerzeit dann doch etwas mißglückten Versuch mit Anneglet Klamp-Kallenbauel. (Bolle hat entfelnt asiatische Wulzeln und tut sich sehl schwel damit, ein „R“ oldendlich auszusplechen, vgl. dazu den Eintlag von volgesteln: Fr 15-01-21 Von Tischen und Stühlen. Ist el deswegen ein schlechtel Mensch? Deswegen sichel nicht. Fühlt el sich lassitisch diskliminielt? Da lachen ja die Hühnel.)

Und? Was macht del Joulnalismus 2.0? [Doch nun genug beblödelt]. Erklärt uns, daß die Online-Wahl „aus rechtlichen Gründen“ erst noch durch eine Briefwahl bestätigt werden müsse. Das aber sei „reine Formsache“. Bolle fragt sich: Was, wenn nicht? Was, wenn sich das Premium-Parteivolk besinnt und der eine oder die andere, on second thought, sich doch noch anders entscheidet? Können die das? Vermutlich – wenn die Online-Wahl geheim war. Dürfen die das? Freie Willensbildung – warum nicht? Werden die das? Lieber nicht. Falls Ja, dann ist der Teufel los. Einen waahnsinnig fetten Vorsprung hat der neue große Vorsitzende dann ja wohl doch nicht. Warten wir es ab. Schließlich wäre das ohnehin ein anderes Kapitel.

Sa 16-01-21 Wirklich wahr?

Wirklich wahr?

Nach den doch etwas härteren Beiträgen der letzten Tage hier was zur Entspannung. „Wahrheit“ entsteht regelmäßig als konsistenztheoretisches Bild im Kopf – und hat mit einer Ansammlung von „Fakten, Fakten, Fakten“ so gut wie gar nichts zu tun. Cervantes hat das vor nunmehr 500 Jahren trefflich auf den Punkt gebracht. Aber auch in jüngerer Zeit und aus streng wissenschaftstheoretischer Perspektive klingt das kaum anders – etwa bei Bertrand Russell in seiner ›Philosophie des Abendlandes‹ (1945):

Einfache Regeln nach der Formel „A ist die Ursache von B“ sind in der Wissenschaft wohl niemals zulässig, es sei denn in Form einer ersten Andeutung während der Anfangsstadien. Die Kausalgesetze, die in gut entwickelten Wissenschaften an die Stelle solcher einfachen Regeln treten, sind so kompliziert, daß niemand annehmen kann, sie seien durch Wahrnehmung gegeben; […] Sätze wie „A ist die Ursache von B“ sind immer unzulässig, und unsere Neigung, sie gelten zu lassen, erklärt sich aus Gewohnheits- und Assoziationsgesetzen.

Soweit zu „hört auf die Wissenschaft“. Ein wirklicher Wissenschaftler kriegt da glatt schlechte Laune. Um so erstaunlicher die Vehemenz, mit der sich die verschiedenen „Bilder im Kopf“-Fraktionen nach Art der Frösche (unterste Schublade, also) gegenseitig ihre „Fakten“ um die sprichwörtlichen Ohren hauen. Und? Was macht die Presse 2.0? Immer mittenmang dabei – wie Bolle (nicht unser Bolle, of course) seinerzeit in Pankow: Klare und unkaputtbare Vorstellungen, wie die Welt zu sein hat – darum spricht Bolle ja gerne auch von „Hypno-Presse“ – flankiert durch eine „überschaubare“ Zahl eingeschworener „Experten“, die uns in bester Berger/Luckmann-Manier beteuern, daß wir wohl die wirklichste aller möglichen Welten bewohnen – Wahrheit inklusive.

Hinzu kommt das voluntative Element: Das Sein (und nicht etwa die „Fakten“) bestimmt das Bewußtsein  – und damit auch das Wahrheitsempfinden. Aber das – wie könnte es auch anders sein? – ist schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 15-01-21 Von Tischen und Stühlen

Von Tischen und Stühlen.

Versuchen wir es zunächst mit höchst trivialen, weil definitorischen Aussagen – bei denen eigentlich nichts schief gehen kann. Ein Stuhl ist ein Stuhl. Ein Tisch ist ein Tisch. Ist das so? Definitiv. Kann man das so sagen? Man kann nicht nur – man muß. Ansonsten stünde es finster um den Fortschritt der Wissenschaften. Darf man das so sagen? Diese Frage hat mit Wissenschaft – also mit Ist-Aussagen – rein gar nüscht zu tun. Was dann? Hierbei handelt es sich um eine Frage der Ethik im weiteren Sinne – also um eine Soll-Aussage. Und Soll-Aussagen sind mit Ist-Aussagen definitiv inkompatibel. Allein, daß man im 21. Jhd. – also 280 Jahre nach David Hume’s Treatise of Human Nature – eigens darauf hinweisen muß, ist bei Lichte betrachtet ein Skandal an und für sich.

Nun wird sich ein Stuhl kaum wegen „Diskriminierung“ beschweren, wenn man ihm die Eigenschaft, ein Tisch zu sein, abspricht. Legen wir also sozialpsychologisch ein wenig nach und postulieren: Ein Schwarzer ist schwarz. Ein Weißer ist weiß. Hierbei handelt es sich immer noch um rein definitorische Aussagen, die wissenschaftlich gesehen überhaupt nicht falsch sein können – es sei denn, man wollte um vermeintlich höherer Ziele willen die Wissenschaften in Bausch und Bogen über Bord werfen. Was nun, wenn sich ein Schwarzer deswegen „rassistisch diskriminiert“ fühlt? Oder ein Weißer? Daß sich da jemand finden wird, kann als sicher gelten. Obwohl: einen kleinen Bias sieht Bolle schon: Wenn ein Weißer sich „rassistisch diskriminiert“ fühlt, macht er sich lächerlich. Wenn ein Schwarzer das gleiche verlautbaren läßt, gilt er als Vorkämpfer für eine bessere Welt. Doch das nur am Rande. Nun – falls sich jemand diskriminiert fühlen sollte, müßten wir uns entscheiden, ob wir der Logik (wahr oder nicht wahr?) oder der Ethik (darf man oder darf man nicht?) den Vorrang einräumen wollen. Der Zeitgeist steht auf Ethik – zu Lasten der Wissenschaft.

Was hat das alles mit uns zu tun? Nun – Martin Sonneborn, einer der beiden einzigen Vertreter der Partei „Die PARTEI“ im EU-Parlament, wurde dieser Tage „Opfer“ der Ethik-Präferenz. Anscheinend hatte er darüber gewitzelt, daß Asiaten kein „R“ aussprechen können. Bolle meint: Na und? Ick selber kann ooch keen „R“ aussprechen – jedenfalls keen spanisches. Falls jemand darauf hinweist – muß ick mir dann rassistisch diskriminiert fühlen? Der einzige weitere Abgeordnete der PARTEI, der Kapuziner-Komiker Nico Semsrott, jedenfalls fühlte sich – wenn auch nur stellvertretend – rassistisch betroffen. So betroffen, daß er meinte, umgehend aus der PARTEI austreten zu müssen – und ihre Repräsentanz im Hohen Hause damit glatt zu halbieren. Maximale Konsequenz bei minimalem Anlaß, also – und eine klare Ethik-Präferenz zu Lasten der Wahrheit. Noch konsequenter indessen hätte Bolle es gefunden, wenn er sein Mandat – und damit super-leicht verdientes Geld –  gleich mit niedergelegt hätte. Aber so weit ging die Empörung dann offenbar doch nicht.

Und? Was macht Sonneborn? Abschwör’n, abschwör’n – ganz wie im späten Mittelalter (Galileo, Luther, jeweils nur fast, und noch viele andere mehr …).

Und was macht die Presse? Jubelt das ganze zum „Sonneborn-Eklat“ hoch – und wundert sich, daß sie niemand mehr ernst nehmen mag. No sence of science no sense of humour – no sense of political awareness. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 14-01-21 Derangierte Demokraten

Esse vera — wirklich wahr?

Bolle, sollen wir das übersetzen? Unbedingt!

Weiter ist aber auch das Wissen erforderlich,
daß alles das, was wir
klar und deutlich einsehen,
und in eben der Weise, wie wir es einsehen,
wahr ist.

Zugegeben: Das läßt noch Spielraum für die Wahrheitsfindung.

Was allerdings die Demokraten in God’s own country sich derzeit leisten, sprengt jede Grenze zwischen Wahrheit und Wahnsinn. Da wird allen Ernstes wenige Tage vor dem Ablauf der Amtszeit eines vom Volke gewählten Präsidenten unter Bemühung an den Haaren herbeigezogener Verfassungszusätze ein Amtsenthebungsverfahren initiiert. Mit dem gegenwärtigen Präsidenten kann das schon rein aus Zeitgründen nichts zu tun haben. Was dann? Es geht ganz offensichtlich und ganz allein um den möglichen 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten im Jahre 2025 – Mr. Donald Trump, schon wieder. Horror horribilis. Kann man so sehen – muß man aber nicht. Natürlich steht es jeder Partei frei, ihre politischen Widersacher zu bekämpfen. Aber völlig ohne Maß und Mitte? Und voll am Volk vorbei – indem man potentiell aussichtsreiche Kandidaten gleich im Vorfeld abschießt? Und das ausgerechnet von Leuten, die sich „Demokraten“ nennen? Schon Aristoteles etwa hätte so etwas vor 2.300 Jahren, vorsichtig gefaßt, wohl eher als untugendhaft empfunden.

Letztlich muß man sich wirklich fragen, wessen Demokratie-Verständnis am krassesten unterentwickelt ist: Das von Trump, das der Demokraten, das von Twitter und Konsorten („Twitter & Co.“) – oder womöglich gar das der Presse?

Wenn eine private Firma wie Twitter dem amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten einen Maulkorb verpaßt, dann heißt es in den Systemsendern, für Trump habe es sich „ausgezwitschert“. Ein bemerkenswertes Verständnis von Meinungsfreiheit und Demokratie.

In der Tat hat es nach der Sperrung des Twitter-Accounts Tage gedauert, bis sich die nachdenklicheren, und wohl auch klügeren, Vertreter der schreibenden Zunft zum Beispiel wie folgt geäußert haben (Garbor Steingarts Morning-Briefing vom 12. Januar):

[…] die Meinungsfreiheit ist unter die Räuber gefallen. Diese Räuber bleiben auch dann Räuber, wenn sie sich selbst dem Publikum als Samariter vorstellen.

Aber auch zuvor schon, fast 300 Jahre zuvor, haben ganz offenkundig hellere Geister – wie zum Beispiel Alexis de Tocqueville in seinem Werk „Die Demokratie in Amerika“ (1835 / 1840) – vor der „Tyrannei der Mehrheit“ gewarnt.

Derlei indes kann zeitgenössischen Journalismus 2.0 kaum anfechten. Hier geht es überwiegend darum, wer aufgrund welcher Mehrheitsverhältnisse welche Chancen hat, mit welcher Missetat durchzukommen. „Schwimmflügel-Journalismus“ nennt Bolle das: alles tun, um immer hübsch an der Oberfläche zu bleiben. Ist ja auch sicherer. Das hat man nun davon, wenn man – seinerzeit aus guten Gründen, übrigens – einen ganzen Berufsstand von jeglichem Ausbildungserfordernis freistellt. Aber das ist dann doch schon wieder wohl ein anderes Kapitel.

Nachtrag in eigener Sache: agenda 2028  wird heute 9 Jahre alt. Allet Jute zum Jeburtstach! Hoch sollse leben!

Mi 13-01-21 Von Vakzinen und Wikingern

Von Vakzinen und Wikingern.

Hier eine kleine Notiz am Rande. Kürzlich ist Bolle zu Ohren gekommen, daß es in Schweden relativ gesehen deutlich höhere Corona-Fallzahlen gebe und auch eine höhere Sterblichkeit. So weit, so schlecht. Im gleichen Atemzug aber hieß es: Daher sei der schwedische Sonderweg „gescheitert“. Immer, wenn er so was hören muß, stehen Bolle sämtliche Logik-Schaltkreise zu Berge. Ob dieser „Sonderweg“ – allein das Wort schon: immer, wenn jemand nicht hurtig mit der Herde hoppelt, ist es gleich ein „Sonderweg“, mithin in Sprache gegossene Alternativlosigkeit. Ob nun also dieser Sonderweg gescheitert ist oder nicht, hat nichts mit der Zahl der Fälle, und auch nichts mit der Zahl der Toten zu tun – sondern allein damit, was man erreichen wollte. Nun könnte man den Schweden vorwerfen, daß sie nicht „Leben, Leben, über alles“ gestellt haben. Allerdings meint Bolle, das gehe allein die Schweden was an. Tatsächlich liegt die Zahl der relativ Toten mit 0,9‰ in etwa doppelt so hoch wie in Deutschland. Von 1.000 Schweden ist bislang also knapp einer gestorben – in Deutschland dagegen waren es nur 0,5. Na toll! Hey – das sind Wikinger. Die sind halt anders drauf! Ja, dürfen die das denn? Of course. Ein frecher, frischer Sonderweg ist Bolle allemal lieber als das massenmedial forcierte pathetische Einheitsgeschwurbel. Es lebe der Ideen-Wettbewerb. Wer (noch immer) so wenig weiß wie wir, der sollte besser stille schweigen – zumindest aber das Maul nicht allzu weit aufreißen. Wer Recht gehabt haben wird, entscheidet wie immer die Geschichte. Und nur die Geschichte. Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

So 10-01-21 Das Imperium schlägt zurück …

Von alten Eseln und Säcken …

Die Wendung stammt ursprünglich von Titus Petronius Arbiter, einem römischen Senator und gleichzeitig Vertrauensperson von Kaiser Nero – Arbiter heißt wörtlich ›Schiedsrichter‹ –, und findet sich in seinem Sittenroman »Satirae« bzw. »Satyricon«. Wörtlich heißt es dort: Qui asinum non potest, stratum caedit – wer den Esel nicht (schlagen) kann, haut dafür halt auf die Satteldecke.

Da fragen wir uns doch: Wer oder was ist hier der Esel, und wer oder was der Sack? Nun, der Sack ist in diesem Fall der 45. Präsident der Vereinigten Staaten, Mister Donald Trump. Noch nie wurde, falls Bolle sich recht erinnert, auf einen amtierenden Präsidenten dermaßen eingedroschen – wenn wir von Franklin D. Roosevelt (der 32. Präsident, von 1933–1945) vielleicht einmal absehen wollen. Aber damals waren die Zeiten allgemein noch gesitteter. Und? Was ist der Esel? Die gesamte Ausrichtung wohl, die einer Menge Leute so ganz und gar nicht ins Weltbild passen will – angefangen mit dem äußerst griffigen „America First“. Man könnte sich ja durchaus fragen: Ja, was denn sonst? Ein Staatenlenker, und sei es der Präsident der westlichen Führungsmacht, hat bitteschön zuförderst für seine Leute da zu sein – und nicht als Weltenretter zu brillieren. Könnte man meinen – muß man aber nicht. Die mediale Einigkeit indessen, mit der letzteres als Selbstverständlichkeit präsentiert wurde, ist schon bemerkenswert.  Was ist nun „wahr“? Das wird die Geschichte zeigen – und nur die Geschichte.

Auf Mr. Trump indes kommen absehbar harte Zeiten zu. Allem Versöhnungs-Gesäusel zum Trotze werden seine politischen Gegner, sekundiert von einigen opportunistischen Parteifreunden, jetzt erst mal so richtig auf ihn eindreschen. In einem Land, in dem man (wie Julian Assange) allein für solide journalistische Arbeit 175 Jahre einsitzen kann, könnte das durchaus unangenehm werden. Bolle fragt sich schon länger: Warum tut sich einer sowas überhaupt an? Zivilcourage? Übermut? Das aber ist schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 08-01-21 Corönchen-Sendepause

Von Eulen und Nachtigallen.

Immer nur Corönchen-Berichterstattung, Corönchen-Sondersendungen, Corönchen-Inzidenz­zahlen auf die Einer-Stelle genau – nebst dem regelmäßigen belehrenden Hinweis, daß die „Daten nur bedingt vergleichbar“ seien. Das hält man ja im Kopp nich aus. Zum Glück hat sich mit dem Neuen Jahr ein frisches Thema ergeben. Wir reden hier vom „Sturm auf das Kapitol“, der – allen Ernstes – „Herzkammer der Demokratie“. Das hätte 1789 mal einer den Franzosen erklären sollen. Wir wollen hier nicht weiter auf die „Fakten“ eingehen. Allerdings wäre Bolle entzückt, wenn wir die folgenden drei Punkte etwas klarer auf die Reihe kriegen würden:

Erstens: Definiere »Demokratie«. Ist das a) die Herrschaft der Guten? oder b) die Herrschaft der Mehrheit? Wenn es nämlich b) die Herrschaft der Mehrheit sein soll – und sei sie noch so knapp, dann ist es natürlich nur gerecht, wenn Teile der Minderheit im Staatsfunk ganz offen und unverhohlen als „Mob“, als „Dummköpfe“ oder auch als „Verrückte“ bezeichnet werden. Aber wenn es sich dabei um die Hälfte der amerikanischen Gesellschaft handelt? Wat den eenen sin Uhl …  Vor allem aber ist Bolle völlig schleierhaft, wie man mit einem solchen Sprachgebrauch zur besten bildungsbürgerlichen Sendezeit zur „Versöhnung der Gesellschaft“ beizutragen gedenkt. Das klingt doch eher konfrontativ.

Zweitens: Definiere »Volk«. Sind das a) Stimmzettel-Einwerfer? oder b) Mitgestalter? In den USA versteht sich das Volk potentiell als Mitgestalter – sofern der Zweit- oder auch Drittjob dafür noch Raum läßt. Hey, it’s a free country after all. Muß man deswegen den Mitarbeitern im Kapitol Angst und Schrecken einjagen? Natürlich nicht. Indes: Auch zum Angst und Schrecken-Einjagen gehören immer zwei.

Drittens: Definiere »Gespaltene Gesellschaft«: Ist das a) eine Gesellschaft, deren Mitglieder verschiedener Meinung sind? oder b) eine Gesellschaft mit deutlich auseinanderklaffenden Lebensbedingungen in der Bevölkerung? Fall a) ist schlechterdings trivial – wenn wir von durchsozialisierten Stammes-Gesellschaften einmal absehen wollen. Für Fall b) bleibt unverblümt festzuhalten, daß sich die USA diesbezüglich noch nie mit Ruhm bekleckert haben. Bolle sagt: Schwarze und Hispanos. Bolle sagt: Indianer. Bolle sagt: working poor. Daß die USA eine abgrundtief gespaltene Gesellschaft sind, wird man auch bei maximalem Widerwillen nicht einmal Donald Trump, dem „Lord Voldemort“ der USA, ankreiden können.

Ein vierter möglicher Punkt wäre demnach: Definiere »Trump«, den Stachel im Fleisch des internationalen Journalismus, den ›Friede, Freude, Eierkuchen-Multilateralismus-Leugner‹. Ist das …?  Ja – das ist, da ist sich Bolle sicher, ein völlig anderes Kapitel …