Fr 20-12-24 Das 20. Türchen: Mit Schirm, Charme und ohne Regen

Very british …

Wie das Leben so spielt. Gestern noch mußten wir uns fragen, wie in drei Teufels Namen jemand auf die Idee kommen kann, einen Stockschirm auf den Massenmarkt zu werfen, der wahrscheinlich schon als Schirm, aber ganz sicher nicht als Stock taugen dürfte. Bolle meint: Wenn schon Zwergenschirm, dann doch besser einen Knirps.

Natürlich sieht Bolle ein, daß der Gebrauch eines Stockes wohl ein wenig aus der Mode gekommen ist. Wenn schon Gehhilfe, dann nutzt der rüstige Rentner (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) doch eher einen Rollator. Allerdings: Kaum war die Tinte trocken, kam Bolle eine alte Folge von ›Mit Schirm, Charme und Melone‹ unter – wie sie auf ›One‹ dankenswerterweise seit geraumer Zeit ausgestrahlt werden. Es handelte sich um ›Die fehlende Stunde‹ aus der vierten Staffel (England 1965) mit Patrick Macnee alias Mr. John Steed und Emma Peel („Karate-Emma“) alias Mrs. Diana Rigg, einer ›Dame Commander‹ des Order of the British Empire.

Warum wir das alles erwähnen? Unsere Großeltern hatten seinerzeit zwar noch keine Smartphones und dergleichen – dafür aber hatten sie Stil. Unnötig zu erwähnen, daß Bolle das ausgesprochen sympathisch findet.

Nun – in der Folge war es so, daß Mr. Steed mächtig mit seinem Stockschirm gewedelt hat. Offenbar hatte er richtig Spaß dabei. Da sage noch einer, Engländer seien steif. Und da sage noch einer, Schirme seien nur bei Regen brauchbar. So sehr hat er gewedelt, daß (bei damaliger Bildauflösung) die Schirmspitze nicht mehr scharf zu erkennen war. Wir mußten, um den Eindruck nicht zu verfälschen, die Spitze eigens nacharbeiten.

Und nun stellen wir uns vor, Mr. Steed hätte einen Stockschirm, wie wir ihn gestern vorgestellt haben, dabeigehabt: Die Schirmspitze wäre ziemlich genau auf Höhe der Baumkronen gewesen. Bolle meint: Wie albern wäre das denn? Manchmal kommt es eben doch auf Größe an.

Mittlerweile übrigens haben beide längst das Zeitliche gesegnet. Patrick Macnee 2015 im gesegneten Alter von 93 Jahren und Diana Rigg 2020 mit 82 Jahren in einem Alter, über das man sich wohl auch nicht beschweren kann. Philosophisch gewendet findet Bolle ja immer, das sei das bitter-süße an alten Filmen: Die Möglichkeit der Verwandlung in andere Figuren und Schauplätze (André Heller: Abendland 1976) beziehungsweise das  Erleben längst vergangener Zeiten als definitives Kontrastprogramm – wenn auch nur aus der Zuschauerperspektive. Man sagt ja, Reisen bildet. Bolle findet, für Zeitreisen gilt das mindestens ebenso: Hilft es einem doch sehr, die eigene Gegenwart als das zu sehen, was sie ja schließlich auch ist. Vanitas – eitler Schein. Der Wimpernschlag eines Wimpernschlages – wenn überhaupt. Manchen mittelalterlichen Philosophen war das übrigens durchaus noch klar – auch ohne alte Filme gucken zu müssen. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 19-12-24 Das 19. Türchen: Seid’s ihr deppert?

Zwergenschirm.

Gegen Ende unseres kleinen agnostisch-kontemplativen Adventskalenders wollen wir noch mal so richtig tüchtig gesellschaftskritisch werden – dabei aber strikt im Rahmen unserer Human-Touch-Themen bleiben.

Das Bildchen zeigt einen Fund, wie er sich bei einem von Bolles gelegentlichen Weihnachtsbummeln zufällig ergeben hat. Von „Einkäufen“ zu reden, wäre schließlich glatt übertrieben.

Was soll das sein? Ein Regenschirm, schon klar. Ein Stock? Mit einer Länge von etwa 70 Zentimetern – Bolle hatte seinen Zollstock nicht dabei – ist er definitiv zu kurz für fast jeden (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course). Bolles Billo-Stockschirm etwa hat eine Länge von 88 Zentimetern – das mag noch eben angehen, der Versace eine Länge von 93 Zentimetern. Gardemaß!

Bolle meint ja, wenn schon Stockschirm, dann sollte er auch was mit Stock zu tun haben. Und das setzt nun mal eine bestimmte Länge voraus, eine gewisse Stabilität und nicht zuletzt auch einen bestimmten Krümmungsradius des Griffes, damit man den Schirm, wenn es mal nicht regnet und man sich auch nicht stützen möchte, bequem an den Arm hängen kann. Form ohne Funktion ist nun mal Kitsch. In dieser Hinsicht ist Bolle recht streng.

Ansonsten kommt es bei einem Schirm ja eher auf die Spannweite an. Hier liegen alle für diesen Beitrag eigens getesteten Schirme mit 100–110 Zentimetern in einer brauchbaren Größenordnung. Selbst ein Knirps – die es übrigens auch schon wieder seit knapp 100 Jahren gibt – bringt es bei einer Länge von nur etwa 30 Zentimetern noch auf 90 Zentimeter Spannweite.

Das alles erinnert natürlich ein wenig an Tommy Jauds ›Millionär‹ (2007) – ein Roman, der von einem gewissen Simon Peters handelt, der, nachdem er arbeitslos geworden ist, zusehen muß, wo er bleibt. Wie das Leben so spielt, denkt er sich eine Tätigkeit als Produktkritiker aus.

Gleich einleitend heißt es dort: Ein Drittel der Menschheit ist bekloppt. Manchmal ist es auch die Hälfte, das hängt vom Wetter ab. Unsinn? Vielleicht erklärt mir dann ja mal jemand, warum fast alle Fußgänger bei den ersten Regentropfen sofort ein unfaßbar blödes Gesicht machen und die Schultern hochziehen. Glauben sie im Ernst, sie würden durch eine dämliche Grimasse und hochgezogene Schultern auch nur einen einzigen Tropfen weniger Regen abkriegen? Das ist eine rhetorische Frage mit einer sehr, sehr traurigen Antwort: Sie glauben es!

Was die Quantifizierung der Bekloppten angeht, ist Bolle übrigens weniger optimistisch als Tommy Jaud. Pars pro toto: Neulich ist Bolle eine Zirkel-Graphik folgenden Inhalts unter die Augen gekommen: CDU baut Mist — alle wählen SPD — SPD baut Mist — alle wählen CDU — CDU baut Mist, … und so weiter, ad libitum. Ein Zirkel, eben. Ein wenig erinnert das an Sartres Einakter ›Geschlossene Gesellschaft‹ (1944), für den Bolle übrigens als Schüler schon den Titel ›No exit‹ vorgezogen hat. Am Rande bemerkt soll man auch „Zwerge“ – wie etwa in ›Zwergenschirm‹ – nicht mehr sagen dürfen. Laut DWDS (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache) sei das nicht nur „abwertend“ (wie so oft), sondern glatt „diskriminierend“ – also noch einen Zacken heftiger. Na toll. Wenn’s denn dem Wachstum dient … Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Di 17-12-24 Das 17. Türchen: Cowboy-Kaffee

Hart, aber gerecht.

Bolle meint, zu unserem 2. Türchen (siehe Mo 02-12-24 Das 2. Türchen: Wie handgefiltert) sei wohl noch dringend ein kleiner Nachtrag nötig. Nicht, daß das noch untergeht im Weihnachtstrubel.

Vor einigen Jahren mal war Bolle – ausdrücklich nicht zur Weihnachtszeit, doch das spielt hier keine Rolle – auf einer Hochzeitsfeier zu Gast. Am Tag der Hochzeit selbst war alles soweit fein. Es gab reichlich Wein und alles, was man sonst so braucht, um Leib und Seele zusammenzuhalten.

Kritisch wurde es am nächsten Morgen. Die Hochzeitsgäste – etwa ein Dutzend an der Zahl – standen, nachdem sie sich aus ihren Betten geschält beziehungsweise gequält hatten, mit dem frisch vermählten Paar alle zusammen in der Küche. Selbstversorgung war angesagt. Kaffee, vor allem! Die Küche war groß und erlesen und es gab natürlich auch Kaffee, of course. Den allerdings mußte man mit einem der in gewissen Kreisen so beliebten schicken italienischen Espresso-Kochern zubereiten. Bolle – der frühe Vogel fängt den Wurm –, hatte seinen ersten Kaffee schon intus. Der nächste bitte! Und so weiter.

Bolles Hintergrundroutinen fingen, frisch coffein-gestärkt, sofort an zu rattern: Zubereitungszeit etwa 10 Minuten pro Kaffee – macht bei 12 Personen circa 2 Stunden. Weia! Bolle schwante nichts Gutes.

Um dem Jammer ein Ende zu bereiten, schnappte sich Bolle einen stinknormalen Topf und tat Wasser und tüchtig Kaffeemehl dazu. Nach etwa 10 Minuten war Kaffee für alle da. Zwar kein schicker Espresso, sondern halt Cowboy-Kaffee, den man mit einer herkömmlichen Schöpfkelle vorsichtig entnehmen mußte. Aber das war allen, ausnahmslos allen Anwesenden dann auch egal.

Und die Moral von der Geschicht? Wer zu doof ist, der kriegt keinen Kaffee. Jedenfalls nicht in (gefühlt) endlicher Zeit. Und – was nützt die schickste Küche mit der schicksten Espressomaschine, wenn man dabei – übertragen gesagt – die Kunst, ein Motorrad zu warten (Pirsig 1974) völlig aus den Augen verliert? Das Prinzip, meint Bolle, läßt sich auf so manches übertragen. Man muß nur Geist und Augen offenhalten. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 16-12-24 Das 16. Türchen: Bewegte bunte Bilder

Bewegte bunte Bilder.

Beginnen wir die neue Woche aufs Gemütlichste. Feuerchen faszinieren. Das war schon immer so. Mit „immer“ meinen wir – soweit man das überhaupt halbwegs zuverlässig sagen kann – seit etwa 1,5 Millionen Jahren. Das entspricht in etwa einem Viertel der Zeit, die sich die Menschheit im weiteren Sinne auf diesem Planeten tummelt.

Kaum nämlich hatten unsere Vorfahren gelernt, daß Feuer nicht nur gräßlich gefährlich sein kann, sondern durchaus auch höchst nützlich – zum Beispiel schmeckt ein frisch erlegtes Mammut deutlich besser, wenn man es vor dem Verzehr ein wenig anröstet. Feine Unterscheidungen – wie etwa „rare“, „medium“ oder „well done“ kamen vermutlich erst sehr viel später auf. Noch viel später kamen Leute auf, die mit so etwas rein gar nichts mehr am Hut haben wollen – Vegetarier etwa oder gar Veganer. Für die gibt‘s dann Marshmallows.

An dieser Stelle fällt Bolle ein kleiner Witz ein: Er und Sie sitzen in einer Bar und sind am Turteln: Sie: „Ich bin Veganerin, trinke keinen Alkohol und dusche immer kalt.“ Daraufhin Er: „Ich finde es toll, wenn man so offen über seine Probleme reden kann.“ – Soweit der Witz.

Um sich die Größenverhältnisse besser vorstellen zu können, hat es sich bewährt, die Zahlen in eine anthropologische Uhr umzurechnen – also von der Menschwerdung um 0 Uhr in der Nacht bis 24 Uhr hier und heute. Demnach hätten wir Menschen seit etwa 18 Uhr – also seit etwa 6 Stunden – das Feuer genutzt. Das Feuerzeug entdeckt – also die Möglichkeit, selber ein Feuerchen zu entfachen und nicht auf den nächsten Buschbrand warten zu müssen – haben unsere Vorfahren allerdings erst vor etwa 32.000 Jahren – auf der anthropologischen Uhr also vor gerade mal 8 Minuten.

Dabei ist alles so einfach, wenn man weiß, wie’s geht: Man nehme einen haushaltsüblichen Feuerstein (SiO2) und schlage ihn gegen einen Pyrit (FeS2), auch Schwefelkies oder Katzengold genannt. Dabei beachte man, das in unmittelbarer Nähe von Reisig oder einem Zunderschwamm zu tun. Fertig ist das Feuerchen! – und alles bereit für die Faszination der bewegten bunten Bilder.

Mittlerweile allerdings geht der Trend ja wieder dahin, daß wir dazu neigen, die ganz uralte Angst vor dem Feuer neu zu entdecken. Vorsicht, heiß! Allerdings kann sich Bolle beim besten Willen zum Beispiel Holmes und Watson in der Baker Street 221 B nicht mit Fußbodenheizung oder gar Wärmepumpe vorstellen – obwohl die Londoner damals schon ihre liebe Not mit den vielen Feuerstellen hatten. So ist das Wort ›Smog‹ eine Zusammensetzung aus ›Smoke‹ (Rauch) und ›Fog‹ (Nebel) – auch dann, wenn es gar nicht so nebelt wie in London. Das Problem war also bekannt. Indes: Nichts ist vollkommen – nicht mal zur Weihnachtszeit. Immerhin ist die Luftqualität – zumindest in den Innenräumen – sehr viel besser, wenn ein zünftiges Feuerchen prasselt im Kamin und dabei die ganzen Luft-Schadstoffe durch den Schornstein jagt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 15-12-24 Das 15. Türchen – der 3. Advent

Weia!

Nach zwei Tagen relativistischer Betrachtungen in Folge fand Bolle, daß es wieder Zeit wird für was wirklich Weihnachtliches. Zumal die Christenmenschen dieser Welt ja finden, daß heute bereits der 3. Advent ist. Danach kommt nicht mehr allzu viel – und schon ist es wieder soweit.

Unser Bildchen für heute hat Bolle beim Bummeln durchs Dörfchen im Schaufenster einer Sparkasse gefunden. Man hätte es glatt ahnen können – ist ein Begriff wie ›Stresstest‹ doch recht bankenaffin. Um was es bei der Werbung überhaupt ging, ist Bolle übrigens glatt entgangen.

Allerdings – das war Bolle neu – kommt ›Stresstest‹ gar nicht originär aus dem Bankenwesen, sondern aus der Medizin – hat sich dann aber, weil so hübsch vielfältig verwendbar, in alle möglichen Lebensbereiche ausgebreitet, nicht zuletzt eben auch in den Bankensektor. 2011 hat es der Streßtest sogar zum ›Wort des Jahres‹ gebracht.

Ron Kurtz übrigens hat mit seiner ›Hakomi-Methode‹ 1983 – also vor nunmehr 40 Jahren  schon – eine psychotherapeutische Richtung entwickelt, die Charaktere allein dadurch unterscheidet, wie sie unter Streß reagieren. Manche arbeiten halt härter, wenn’s eng wird. Andere holen Hilfe, und wieder andere fahren erst mal in Urlaub. Bolle war seinerzeit schon fasziniert davon, auf was für Ideen man kommen kann. In Urlaub fahren, wenn die Bude brennt. Krass!

Manche meinen ja, sie bräuchten ihren Streß. Vermutlich fühlen sie sich sonst nicht lebendig genug beziehungsweise „spüren“ sich zuwenig. Falls man das aber nicht so sieht, sollte man wohl besser darauf achten, sich seinen Streß für Ausnahmesituationen vorzubehalten (akuten Streß). Dafür hat ihn die Natur wohl auch vorgesehen. Streß als Normalzustand dagegen (chronischer Streß) haut auf Dauer glatt den stärksten Yogi (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) um.

Wie steht es nun mit Streß zum Fest? Man mag ja von Weihnachten halten, was man will. Eines allerdings sollte klar sein: Weihnachten ist absolut absehbar – und läßt daher im Grunde wenig Spielraum für chronischen Streß. Falls manch Christenmensch das anders sehen sollte, liegt der Verdacht nahe, daß er nach dem Motto „Alles ist möglich.“ durchs Leben rennt – und muß sich dann womöglich Bolles „Denkste. Ist es nicht.“ anhören.

In unserem Problemlösungszirkel (vgl. So 13-10-24 Die beste Lösung) findet sich die Antwort übrigens im Feld ›Plan/Check der Mittel) und lautet, als Frage formuliert: „Kann ich mir mein Problem überhaupt leisten?“ Falls Nein, gilt Bolles eiserne Regel: Probleme, die man nicht lösen kann, muß man loswerden. Total so.

Bolle jedenfalls war – wie so oft zur Weihnachtszeit – mit den Händen in den Taschen unterwegs. Und das wird – zumindest als kontemplative Grundausrichtung – bis auf weiteres wohl auch so bleiben. Mancher wird hier einwenden, daß man sich derlei nur leisten kann, wenn man sich’s leisten kann, oder so. Bolle aber meint, tout au contraire, daß man doch bitteschön nicht immer Ursache und Wirkung verwechseln möge – wenn’s auch schwerfallen mag. Lieber leben nach dem (leicht angepaßten) Motto: Geh auf, mein Herz, und suche Freud // In dieser schönen Weihnachtszeit (Paul Gerhardt 1653) – und schon kann der Streß sehen, wo er bleibt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mi 11-12-24 Das elfte Türchen: Winterwunderland

Winterwunderland.

Kaum rühmt man einen Weihnachtsmarkt der herkömmlichen Art, wie wir das gestern getan haben, da muß man erfahren, daß es eine gewisse Tendenz zu geben scheint, den Weihnachtsmarkt gleich rein begrifflich abzuschaffen. So heißt er, wie’s scheint, zum Beispiel in Wolfsburg, aber auch anderswo, jetzt angeblich „Winterwunderland“. Bolle meint: Na toll! Ein kleiner Schritt für die Sprachdesigner, aber ein Riesensprung für die kulturelle – von religiös wollen wir hier gar nicht reden – Allerwelts-Beliebigkeit der Sitten. Bolle mag ja nicht an den großen Zampano glauben. Aber gleichwohl scheint derzeit ein Zeitgeist mit einer noch viel größeren Schleifmaschine am Werke zu sein, der alles schleift und schmirgelt, was in irgendeiner Weise bei irgendwem irgendwie auch nur den geringsten Anstoß erregen könnte.

Das Thema greift viel zu weit, als daß wir heute auch nur anfangen sollten, uns damit zu befassen – geschweige denn zu echauffieren. Und so mag sie tunlichst stille schweigen, des Sängers Höflichkeit.

Jakob Burckhardt hat das in seinen ›Weltgeschichtlichen Betrachtungen‹ (1905) vor nunmehr 120 Jahren wie folgt gefaßt: „In der Natur erfolgt der Untergang nur durch äußere Gründe: Erdkatastrophen, klimatische Katastrophen, Überwucherung schwächerer Spezies durch frechere, edlere durch gemeinere. In der Geschichte wird er stets vorbereitet durch innere Abnahme, durch Ausleben. Dann erst kann ein äußerer Anstoß allem ein Ende machen.“ Bolle meint, man muß nicht übertrieben pessimistisch sein – realistisch reicht vollends –, um die „innere Abnahme“ förmlich mit Händen greifen zu können. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Di 10-12-24 Das 10. Türchen: Weihnachtsmarkt im Dörfchen

Weihnachtsmarkt im Dörfchen.

Nach dem doch etwas herben Türchen gestern ist es Zeit, sich wieder einem wirklich weihnachtlichen Thema zuzuwenden. Gestern wollte es sich fügen, daß Bolle en passant auf dem Weihnachtsmarkt in seinem Dörfchen war. Neben Glühwein, der nur mäßig übersüßt ist, und Bratwurst, die nicht sinnlos überwürzt ist, gibt es da noch richtige Feuerchen, an denen man sich wärmen kann, bevor einem die Finger so klamm werden, daß sich kaum noch fachgerecht ein Zigarettchen drehen läßt.

Auch gibt es an den Eingängen keine Poller, die einem die Stimmung doch sehr vermiesen und verdrießen können. Kurzum: die laute und lärmende Welt muß auf geradezu magische Weise leider draußen bleiben. Recht so, findet Bolle.

Auch wissen sich die Leute angemessen zu bewegen. Anderswo und immer häufiger ist es ja so, daß jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) dermaßen in seiner eigenen Blase blubbert, daß ihm jegliches Gefühl für die nicht-virtuelle, also die tatsächlich wirklich wahre Umwelt völlig flöten zu gehen scheint. Da wird gerempelt und geschoben und aneinander angeeckt, daß es wirklich keine wahre Freude ist – erst recht nicht zur Weihnachtszeit.

Dazu nur ein Beispiel, wie es sich auf dem Hinweg zugetragen hat: Fußgängerüberweg. Radfahrer starrt auf die Ampel – und nur auf die Ampel. Kaum grün, tritt er mit Wucht in die Pedale. Daß es richtige Leute aus dem richtigen Leben vielleicht noch nicht ganz auf den rettenden Gehweg geschafft haben, weil die Ampelphasen so geschaltet sind, wie sie nun mal geschaltet sind, interessiert da anscheinend wenig. Wo das hinführen soll, offenbar ebensowenig. Es ist nun mal nicht ganz einfach, einen Fußgänger mit dem Fahrrad zu überrollen, ohne selbst Schaden zu nehmen. Darauf angesprochen – vielleicht auch angeranzt – ist die Empörung natürlich groß, of course.

Im Grunde findet Bolle es ja faszinierend, wie man sich rein tatsächlich übel danebenbenehmen und dabei völlig unerschütterlich daran glauben kann, daß man selber voll im Recht ist: „Wieso? War doch grün!“ Daß man Vorfahrt nicht erzwingen soll – und übrigens auch nicht darf – ist offenbar längst nicht jedem Hülsenfrüchtchen helle. Bolle vermutet ja, daß es sich dabei um ein Resultat der völlig unterkomplexen „Grün gehen – Rot stehen“-Kindergartenregel handeln könnte: Fehlsozialisation der sublimen Art, halt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 09-12-24 Das 9. Türchen: Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Gesetze

Die normative Kraft des Faktischen (Universitätsbibliothek Heidelberg).

Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Gesetze. Das ist weiß Gott nicht weihnachtlich – und doch ist es nicht minder wahr – und zwar nicht nur zur Weihnachtszeit. Aufgeschnappt hat Bolle das in irgendeiner Vorabend-Serie – und war spontan entzückt ob der Dichte des Diktums. Wie ein gut geführter Hammer. Wumm! Und sitzt!

Aber ist es auch wahr? Natürlich ist es wahr – in dem Sinne, daß wir es wieder und wieder beobachten können. Aktuell reden wir von Syrien, of course. Da hat man ein Land seit gut 60 Jahren und in zweiter Generation mehr oder minder fest im Griff – und schwupps: plötzlich ist alles anders. Wenn die Waffen sprechen (und ein paar günstige Umstände hinzukommen), halt.

Daß damit nicht jeder glücklich ist, versteht sich. Als etwa Bismarck – um ein Beispiel aus der jüngeren Weltgeschichte herauszugreifen – sich in einer Rede vor dem Preußischen Abgeordnetenhaus vom 30. September 1862 zu bemerken veranlaßt sah, daß „die großen Fragen der Zeit“ nicht „durch Reden und Majoritätsbeschlüsse“ entschieden würden, sondern durch „Eisen und Blut“ – da war natürlich der Teufel los. Ja, darf der das denn? Natürlich darf der das. Zumindest hat er es getan.

Hier nämlich geht es mitnichten darum, was einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) gerne hören mag. Es geht auch nicht darum, ob etwas wünschenswert ist oder nicht (Schwester Ethik). Hier geht es lediglich um das, was ist (Schwester Logik). Bolle muß immer wieder staunen, mit welcher Hartnäckigkeit so manches Hülsenfrüchtchen selbst elementare Kategorien zu konfundieren weiß (vgl. dazu etwa So 06-10-24 Propaganda).

Manchmal aber ist mancher doch der Einsicht nahe. So meinte eine Journalistin gestern in einem dieser Plauder-Formate (vulgo Talk-Show), „die Realität“ entwickele sich „gerade in eine andere Richtung“. Bolle meint, das hat sie schön gesagt.

Georg Jellinek (1851–1911), ein österreichisch/deutscher Staatsrechtslehrer mit Blick über den juristischen Tellerrand, hat dafür seinerzeit den Begriff ›Die normative Kraft des Faktischen‹ geprägt: Wenn was so is, dann isses so. Friß, Vogel, oder stirb. Ändern können wirst Du’s eh nicht.

Um den Ganzen dann doch noch eine weihnachtliche Note zu verleihen: Bolle findet ja, Georg Jellinek ließe sich großartig als Nikolausi casten – und meint das in keinster Weise despektierlich. Die Brille, der Bart – überhaupt der Ausdruck insgesamt: Im Kern freundlich – aber durchaus wohl auch zur Strenge fähig. Ein echter Nikolausi eben. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 08-12-24 Das 8. Türchen – der 2. Advent: Neuer Wein zu alten Bräuchen?

Neuer Wein zu alten Bräuchen?

Dieser Tage hatte Bolle Weihnachtspost im Spam. Normalerweise löscht sich sowas ja von selber. Aber dieses mal – schließlich ist bald Weihnachten, das Fest der Liebe – wollte Bolle ausnahmsweise auch mal lieb zu seinem Spam sein. Also klick und auf.

Dort hieß es, die Adventszeit stehe vor der Tür – was Bolle ein wenig befremdlich fand: schließlich ist die Adventszeit bereits zu einem Drittel um. Von wegen vor der Tür. Nun sei das – hieß es weiter – die Zeit für besonders gute Weine. Das war Bolle neu. Zwar liegen Wein und Weihnachten rein phonetisch nicht allzu weit auseinander. Aber von Glühwein einmal abgesehen war Bolle der Zusammenhang bislang nicht helle.

Richtig ist allerdings, daß der Heiland höchstselbst gelegentlich gepichelt hat. So ist er, zumindest in David Safiers ›Jesus liebt mich‹ (2008) geradezu ins Schwärmen geraten, als er nach zweitausend Jahren Abstinenz im Himmelreich in Gestalt eines Joshua mit Marie, einem Erdenwesen, in einer Pizzeria saß und bei einem Glas Rotwein meinte: „Den habe ich vermißt.“

Jedenfalls sollte Bolle, so der Vorschlag, ein Sechser-Pack „einzigartiger“ festlicher Weine erstehen und „genießen“. Dazu noch vier Gläser – wohl, damit man den Wein nicht aus der Flasche trinken muß. Irgendwie hat man da an alles gedacht.

Was man womöglich weniger bedacht hat: Wieso im Namen des Herrn – um nicht zu sagen: in drei Teufels Namen – sollte einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ausgerechnet in der Adventszeit mit neuen Sorten rumexperimentieren, statt die Zeit froh und besinnlich – kontemplativ gar – zu verbringen und das zu trinken, was er kennt und mag? Oder ist das jetzt zu konservativ gedacht? Bolle jedenfalls ist derlei völlig fremd.

Immerhin erinnert ihn das an eine alte Geschichte. Damals, vor furchtbar vielen Jahren, sollte oder wollte er im Rahmen eines Studentenjobs ganz ähnliche Dinge telephonmarketingmäßig anpreisen – und zwar nicht nur zur Weihnachtszeit.

Beim allerersten Briefing mit dem Verkaufsleiter meinte Bolle ohne Arg, Weintrinker hätten wohl höchstwahrscheinlich bereits ihre Quellen. Was denn da der Telephonverkauf ausrichten könne? Der Verkaufsleiter – das weiß Bolle noch wie heute – hatte ihn damals angeguckt als käm‘ er von ‘nem anderen Stern. Kurzum: Bolles Karriere als Telephonverkäufer für einzigartige Weine endete am ersten Tag in der allerersten Stunde. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Sa 07-12-24 Das 7. Türchen: Wollense Toast …?

Sapienti sat – Der Philosoph wird davon satt.

Vorab muß man wissen, daß „Hölzerbrot“, so lange Bolle denken kann, das Essen am Heiligen Abend ist, bzw. in der Weihnachtszeit ganz allgemein. Wir hatten das vor Jahren schon mal am Rande erwähnt (vgl. Do 24-12-20 Das vierundzwanzigste – und für dieses Jahr letzte – Türchen …), aber nicht weiter ausgeführt.

Nun – Hölzerbrot ist wohl noch schneller zubereitet als zum Beispiel Würstchen mit Kartoffelsalat. Denjenigen, die meinen, am Heiligen Abend der Christenmenschen Gans servieren zu müssen, ist ohnehin nicht zu helfen.

Das Wesentliche am Hölzerbrot: Es ist durch und durch minimalistisch. Das bedeutet, daß sowohl Zutaten als auch innere Haltung stimmen müssen. Die Zutaten, das sind eine dicke Scheibe Kastenweißbrot, Kochschinken, und zwar ungeräuchert, Chester-Junk-Käse und Ketchup. Ananas wär‘ albern. Im Grunde verhält es sich damit nicht anders als mit der Kunst, ein Baguette aufzuschneiden. Wer wissen will, was wir meinen, sei an die einschlägige Szene aus Diva (F 1981 / R: Jean-Jacques Beineix) erinnert, in der einer der Protagonisten, Serge Gorodish, genau eben das unternimmt: Zen und die Kunst, ein Baguette aufzuschneiden. Total so!

Als fünfte, und namensgebende, Zutat brauchen wir übrigens noch jeweils zwei kopflose Streichhölzer. Angeblich sollen sie verhindern, daß sich Schinken und Käse beim Backen verlaufen. Seit Bolle aber nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubt, mag er auch nicht mehr so recht an eine regelrechte Funktion der Streichhölzer glauben. Schinken und Käse halten wohl auch so. Allerdings kann das kein ernstlicher Grund sein, Hölzerbrote ohne Hölzer herzustellen. Wie albern wär‘ das denn?

Nun – was seinerzeit höchst einfach war, gestaltet sich, wie Bolle feststellen muß, zunehmend immer schwieriger. So gibt es in ganz Prenzlauer Berg offenbar nur noch einen einzigen Laden, in dem ein ehrliches Kastenweißbrot (also ohne Dinkel und Geminkel) verkauft wird – und das meist auch nur auf Bestellung. Neulich – ohne Vorbestellung: „Ick hätte gern ein Kastenweißbrot.“ – „Ham wa nich. Wollense Toast?“ Ne – wollen wa nich. Mit dem Schinken verhält es sich ganz ähnlich. Man findet – möglicherweise der umsichgreifenden Geschmacksabstumpfung geschuldet – fast nur noch geräucherten Kochschinken. Das aber ist nicht das gleiche und stört die weihnachtliche Zen-Anmutung doch sehr. Selbst den traditionellen Ketchup findet man nur noch mit Mühe. Ist das jetzt schlimm? Sagen wir so: schön ist es nicht. Vor allem deshalb nicht, weil Bolle meint, hier einen allgemeinen Trend zur Verrohung der Sitten ausmachen zu müssen. Aber vielleicht ist Bolle ja einfach nur unglaublich old-fashioned.

›Sapienti sat‹ ist übrigens, ordentlicher übersetzt, eine abgeschliffene Form der Wendung ›Dictum sapienti sat est. – Dem Verständigen genügt’s.‹ des karthageischen Dichters Terenz (2. Jhd. vor der Geburt des Erlösers der Christenmenschen). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.