So 10-11-24 Die freiere Zeit

Der Preis der Freiheit.

So kam es, daß es in der Abenddämmerung, drei Tage nach Molotows Hinscheiden, in diesem Teil des Sörmländer Waldes so schlimm knallte wie seit den zwanziger Jahren nicht mehr. Der Fuchs flog in die Luft, ebenso wie Allans Hühner, Hühnerhaus und Holzschuppen. Doch der Sprengsatz reichte bequem auch noch für die Scheune und das Wohnhaus.

So heißt es in Jonas Jonassons ›Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand‹ aus dem Jahre 2009 im 28. Kapitel.

Hundert Jahre später, wieder in den zwanziger Jahren, genau genommen just diese Woche, hat es einmal mehr richtig geknallt: Mr Donald Trump wurde – gemessen am Wunschdenken und an den Schmähschriften eines weitgehend woken Journalismus 2.0 geradezu „erdrutschartig“ – zum 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten designiert.

Dagegen nimmt sich beispielsweise ein Scholz’scher „Doppel-Wumms“ (2022) geradezu harmlos aus. Bolle jedenfalls fand das die spannendste Fernsehnacht seit der Mondlandung. Und das ist durchaus schon ein Weilchen her.

Natürlich war niemand vorbereitet. Hoffen und Harren // Macht viele zum Narren. Das war dem römischen Dichterfürsten Ovid schon vor zweitausend Jahren klar. Bis zuletzt hat man in der politischen Klasse ganz, ganz dolle daran geglaubt, daß dieser Kelch an ihnen vorübergehen werde. Ist er aber nicht. Nun heißt es eben auslöffeln.

In der ersten Schockstarre hieß es etwa, daß Trump bislang offengelassen habe, wie er seine vielen Ziele denn erreichen wolle. Das in der ersten Stunde nach dem Wahlsieg! Seriös ist das nicht. Bolle weiß von Polit-Prominenten zu berichten, die nach Jahren noch nicht wissen, wie sie ihre Ziele erreichen wollen – die, schlimmer noch, nicht einmal klar zu sagen wissen, was ihre Ziele überhaupt sind. Wenn wir von Friede, Freude, Eierkuchen nebst Rettung vor der Klimakatastrophe, Wohlstand für alle und Tod den Tyrannen nebst Rettung „unserer“ Demokratie, of course, einmal absehen wollen.

Vor einigen Wochen war Bolle auf einem 100-Jahre-Abi-Treffen. Das Schöne an solchen Veranstaltungen ist, daß man Leute trifft, die man ewig nicht gesehen hat, die aber ein Bild von einem von damals im Kopf haben. Dabei ergab sich am Rande die Frage nach den Grenzen der Meinungsfreiheit. „Wenn sich jemand verletzt fühlt“, meinte eine ehemalige Mitschülerin. „Nein“ – entfuhr es Bolle, schneller als er denken konnte. Und doch muß er sich im Nachhinein Recht geben. Natürlich soll man nicht unnötig grob werden. Aber letztlich scheint ihm die in den letzten Jahren um sich gegriffen habende PC (Political Craziness) nachgerade ein Einfallstor für fortschreitende Goethe’sche Schafsnatur zu sein (vgl. dazu So 09-06-24 Erst wählen, dann zählen).

Und auf vorgeschriebnen Bahnen
Zieht die Menge durch die Flur;
Den entrollten Lügenfahnen
Folgen alle. – Schafsnatur!

Das jedenfalls, soviel ist jetzt schon klar, will Mr Trump ändern – und dafür hat er durchaus gute Argumente. So heißt es etwa in einer Entscheidung des amerikanischen Supreme Court:

Das Recht zu denken ist der Beginn der Freiheit, und die Sprache muß vor der Regierung geschützt werden, weil die Sprache der Beginn des Denkens ist.

Lyrischer noch hat es Karl Kraus in seinem ›Pro domo et mundo‹ (1919) vor nunmehr 100 Jahren gefaßt.

Die Sprache ist die Mutter,
nicht die Magd des Gedankens.

Aber macht das mal einem Analphabeten oder auch nur einem Hülsenfrüchtchen klar.

Letztlich geht es wohl um die grundsätzliche Ausrichtung: Wollen wir eine politische Landschaft mit einem Souverän, der souverän ist, und seinen gewählten Vertretern tüchtig auf die Finger klopft, wenn sie außer Rand und Band geraten? Oder wollen wir eine mittelalterliche politische Landschaft, wie sie Umberto Eco in seinem ›Der Name der Rose‹ (1980) so trefflich beschreibt: Mit Hirten, Hunden und vielen gefügigen Schäfchen? Wie unsere Hirten derzeit mit dem Recht auf Redefreiheit umgehen, ist jedenfalls durchaus mittelalterlich. Kant hätte glatt ‘n Knall gekriegt – von wegen sapere aude (Bediene Dich Deines Verstandes). Haben vor Lachen? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 20-10-24 Respekt, Digga!

Oh Zeiten, oh Sitten …

Es gibt eine Lehrmeinung, die besagt, daß bestimmte Wörter erst dann aufkommen, wenn das Kind bereits im Brunnen liegt. Ein Beispiel wäre etwa die vor rund 100 Jahren aufgekommene Neurasthenie mit der Kurzumschreibung: Raste nie und haste nie, sonst haste die Neurasthenie (vgl. dazu unseren Beitrag von neulich (So 15-09-24 Volk unter Strom).

In der Zeit davor „hatte“ niemand diese Form von Nervenschwäche. Ebensowenig wie heute: jetzt hat man „Burnout“. Die philosophische Frage, die zu beantworten hier allerdings viel zu weit führen würde, lautet: Gab es früher keine Neurasthenie bzw. keinen Burnout – oder gab es einfach nur kein Wort dafür?

Ganz ähnlich verhält es sich mit posttraumatischen Belastungsstörungen im weitesten Sinne. So weiß Bolle aus Gesprächen mit Zeitzeugen, daß jemand, dem die sogenannten Befreier 1945 das Haus überm Kopp weggebombt hatten, und der sich nach dem Angriff, als Kind (!) über Dutzende von Leichen steigend, mit knapper Not aus dem Keller ins Freie retten konnte, herzlich wenig Zeit und Sinn für derlei hatte.

Auch müssen wir uns nicht auf subjektives Erleben beschränken: So wirft zum Beispiel Robert Pirsig in seinem ›Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten‹ (1974) die nur auf den ersten Blick absurde Frage auf, ob es vor Isaac Newton (1643–1727) so etwas wie Gravitation überhaupt gegeben hat.

Heute sind die Zeiten friedlicher – zumindest hier und noch. Und so können wir friedlich der Frage nachgehen, ob das im letzten Bundestagswahlkampf 2021 fett plakatierte „RESPEKT FÜR DICH.“ (in Großbuchstaben, anbiederndem Du sowie mit Punkt am Ende) nicht vielleicht ein eher übles Vorzeichen war. Bolle zumindest schwante so etwas – von wegen Kind-im-Brunnen-Theorem.

Und so ist es dann ja auch weitestgehend gekommen. Bolle jedenfalls wüßte kein Beispiel, daß eine Regierung zu seinen Lebzeiten jemals derart hochfahrend mit ihrem Wahlvolk umgegangen wäre. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, daß es so manchem Entscheidungsträger kaum noch darum geht, was herkömmlicherweise als recht und billig erachtet wird. Offenbar geht es zunehmend darum, das gegebene Recht so zu biegen und zu kneten, daß man damit irgendwie noch durchkommt. Common sense? Rechtstradition? Gute Sitten und Gepflogenheiten? Kann alles weg. Stört nur beim revolutionären, möglichst schnellen Aufbruch in eine bessere Welt – oder was man dafür hält. Wenn’s der guten Sache dient, ist zu viel Recht ganz schlecht.

Wir durften das beim Heizungsgesetz erleben, von dem es später hieß, man sei womöglich „zu weit gegangen“, bei der Corönchen-Hysterie, bei der praktisch sämtliche Grundrechte bis auf weiteres suspendiert wurden, beim Ukraine-Krieg, der hausgemachten Migrationskrise, und so weiter und so fort.

Dann kam das Compact-Verbot mit seinen ungeahnten und bislang einmaligen juristischen Winkelzügen, die völlig respektlosen Geschehnisse in Thüringen und anderswo im Osten, und schließlich neuerdings die Bestrebungen um getreuliche Petzen („trusted flaggers“). Bolle meint: Ist doch alles nicht seriös.

Nach allem drängt sich der Eindruck auf, daß die Regierung meint, von einem Erziehungsauftrag ausgehen zu müssen: Hier die weisen Staatenlenker, dort der widerspenstige Teil des Volkes, der dringend diszipliniert werden muß („The beatings will continue …“). Das aber ist erstens schlicht kontrafaktisch und zweitens das schiere Gegenteil von ›Respekt für dich‹. Was dann?

In den 1980er Jahren schon gab es in einem Hamburger Hallenbad mal ein Problem mit marodierenden Jugendlichen. Die Jungs fanden es schick, den Mädels an den Oberteilen ihrer Bikinis zu zupfen. Aus heutiger Sicht eher harmlos. Die Mädels allerdings waren not amused. Was tun? Im ersten Ansatz hat man ein Team von Sozialarbeitern eingesetzt, die den Jungs was von Respekt und gewaltfreier Kommunikation verklickern wollten. Ohne jeden Erfolg, of course. Dann schließlich – einige Anläufe später – hat man einen Kerl angeheuert, der fast so breit war wie groß. Jedenfalls keiner, mit dem man sich unnötig würde anlegen wollen – schon gar nicht als hühnerbrüstiger Teenie. Kurzum: wo er war, war Ruhe. Allenfalls mußte er mal mit den Augen rollen. Und das Beste: Die Jungs haben ihn geliebt. So geht Respekt. So und nicht anders.

Die Regierung dagegen scheint sich, tout au contraire, an Bolles Entwurf einer Brav-Schaf-Verordnung zu orientieren:

§ 1  Es ist verboten, gegen die Regierung zu sein.
§ 2  Das gilt auch dann, wenn man nichts Verbotenes tut.
§ 3  Im übrigen behält sich die Regierung vor, entsprechendes Verhalten de lege ferenda (nach zukünftigem Recht) zu verbieten.
§ 4  Bis dahin wird die Regierung alles tun, einschlägiges Verhalten nach Kräften zumindest sozial und medial zu ächten. Dabei beruft sie sich auf die bewährten Grundsätze der wehrhaften Demokratie.
§ 5  Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Na, denn Prost!

Das alles kann natürlich nur funktionieren, wenn man es mit einem Journalismus 2.0 zu tun hat, der seine Hauptaufgabe darin sieht, sich an die vermeintlich Mächtigen mit Verve ranzuwanzen und der mit der in einer Demokratie ebenso unerläßlichen wie ehrenwerten Funktion als Vierte Gewalt nur noch herzlich wenig am Hute hat. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 13-10-24 Die beste Lösung

Der Problemlösungszirkel oder De arte solvendi.

Nun streiten sie wieder. Oder noch. Oder immer noch. Was kann es Schöneres geben als in einer Schnatterrunde (Neudeutsch: Talkshow) hinter einem süffigen Schlückchen Wasser zu sitzen und – zu streiten? Streiten ist nachgerade und überhaupt das Wesensmerkmal „unserer Demokratie“, möchte man meinen. Und? Um was streitet man? Um die beste Lösung, of course. Da ist man rührig bestrebt, den jeweiligen politischen Gegner mit dem jeweils „besseren Argument“ zu „stellen“ und – so womöglich die Idee – eines Besseren zu belehren bzw. gar zu bekehren.

Allein, es will nicht wirklich fruchten. Der jeweilige politische Gegner neigt nämlich dazu, das Bessere am vermeintlich besseren Argument einfach nicht einsehen zu wollen. In der Folge verhärten sich regelmäßig zusehends die Fronten – die Gesellschaft ist, wie es immer so schön heißt, „gespalten“. Da hilft wohl nur unterhaken – beziehungsweise ein Aufstand der Anständigen gar. Das Argument indes, erst recht das bessere, bleibt derweil auf der Strecke.

Und? Wo bleibt das Positive? Sagen wir so: Bolle findet es immer wieder höchst erfreulich, wieviel Unsinn bzw. wieviel Belangloses von einem abfällt, wenn man sich nur befleißigt, ein geeignetes Modell zu bemühen. Nun – haben vor lachen. Aber daran soll es weiß Gott nicht scheitern. Nehmen wir unser Modell aus dem Schildchen oben. Es beschreibt direktemang den Weg von einem gegebenen, im Zweifel unerfreulichen Ist-Zustand zu einem angestrebten Soll-Zustand. Wir wollen es hier nicht weiter durchkauen. Nur so viel:

Wenn ich nicht weiß, wo ich stehe – Ist-Analyse –, wird es schwierig zu wissen, in welche Richtung ich mich bewegen muß, um ein angestrebtes Ziel zu erreichen. Man kann sich das ganz praktisch klarmachen: Nehmen wir an, wir wollten nach Berlin Mitte. Wenn wir uns zum Beispiel in Prenzlauer Berg befinden, sollten wir uns tunlichst Richtung Süden bewegen. Wenn wir uns dagegen in Kreuzberg befinden, wäre, tout au contraire, der Norden die richtige Richtung. Es gibt also keinen unter allen Umständen richtigen Weg. Selbst so etwas muß man, wie’s scheint, so manchem Wassersüffler (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) in so mancher Schnatterrunde erst mühsam erklären.

Sehr viel dramatischer noch verhält es sich mit der Ziel-Definition. In Bolles Kreisen heißt es oft scherzhaft: Wenn Du nicht weißt, wo Du hinwillst, mußt Du dich nicht wundern, wo Du ankommst.

Begnügen wir uns mit einem einzigen, dafür aber strikt kontradiktorischen Beispiel: Die einen wollen mehr Zugereiste – egal ob Einwanderer, Asylberechtigte oder Flüchtlinge –, die anderen weniger. Was will man da „argumentieren“? Sie wollen es einfach. Und was jemand will, hat mit Argumenten nichts, aber auch rein gar nichts zu tun – so wahr Schwester Logik und Schwester Ethik in verschiedenen Universen leben (vgl. dazu etwa unser Frühstückchen letzte Woche: So 06-10-24 Propaganda). Ersatzweise wirft man sich dann wechselseitig vor, schlechte Menschen zu sein, für die man sich zu schämen habe, Nazis oder gar Verfassungsfeinde – oder eben Wolkenkuckucksheimer. Na toll! Die Schnatterrunden sind voll davon.

Ist das denn alles völlig aussichtslos? Nicht ganz. Bevor ich aber mit dem besseren Argument aufwarten kann, muß ich zwingend erst einmal dafür sorgen, daß der andere das will, was ich selber auch will. Zum Beispiel könnte ich versuchen, ihn zu überzeugen, daß seine Rente – die er ja auch will – ohne Zugereiste in Gefahr gerät. Seine Krankenhausversorgung (Ärzte, Pflegekräfte) nicht minder. Daß es dann nur noch Schweinsbraten mit Kartoffelknödel und Sauerkraut gibt – und keine Pizza mehr und auch keinen Döner. Falls das alles aber nicht überzeugen sollte, komme ich gar nicht erst bis zum Feld ›Plan / Check der Mittel‹ und kann mir jedes weitere Argument ersparen.

Dann nämlich erst, und wirklich erst dann, macht es Sinn, sich über einen möglichen Plan (im Modell das grüne Feld) Gedanken zu machen. Hier, und wirklich erst hier, käme das bessere Argument zum Tragen. Allerdings würde an dieser Stelle auch klar, was absehbar geht und was eben nicht. Aber macht das mal einem rechten Glühwürmchen (heißes Herz, hinkendes Hirn) klar. Schließlich gilt, wie’s scheint, in jenen Kreisen offenbar das heimliche und wohl mangels kognitiver Kapazität durchaus nicht mitgedachte Motto:

Wir glühen, bis die ganze Welt
an der Wirklichkeit zerschellt
und in sich zusammenfällt.

Möglicherweise sind wir – allem Optimismus eines überzeugten Agnostikers zum Trotze – gar nicht mehr allzu weit entfernt davon. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 06-10-24 Propaganda

Wie uns die Alten sungen …

Hier ein kleiner Beitrag aus unserer Historischen Reihe. Es handelt sich dabei möglicherweise um einen TV-Spot, der im amerikanischen Fernsehen wohl während der sogenannten McCarthy-Ära (etwa 1947–1956) ausgestrahlt wurde. Nichts genaues weiß man nicht. Gleichwohl hält Bolle den Beitrag für höchst instruktiv und nicht minder up to date. Der Text, den der jung-dynamisch-aufgeschlossene Yank in bester Märchenonkel-Manier vorträgt, geht wie folgt:

„Im Jahr 1943 wurde von der Parteizentrale folgende Direktive an alle Kommunisten in den Vereinigten Staaten herausgegeben. Sie lautete:
Wenn bestimmte Quertreiber zu lästig werden, bezeichne sie nach einem geeigneten Aufbau als Faschisten oder Nazis oder Antisemiten und nutze das Ansehen der antifaschistischen und der Toleranzorganisationen, um sie in der Öffentlichkeit zu diskreditieren.
Assoziieren Sie in der öffentlichen Meinung diejenigen, die gegen uns sind, ständig mit Begriffen, die bereits ein schlechtes Image haben. Diese Assoziationen werden, wenn sie oft genug wiederholt werden, in der öffentlichen Meinung zu einer Tatsache werden.“

Soweit der Vortrag unseres aufrechten Yanks.

Warum ist das aufschlußreich? Gehen wir zunächst davon aus, daß das alles wirklich wahr ist, daß es also in der Tat eine entsprechende Direktive seitens der Parteizentrale gegeben habe. Bezüglich der (wie man heute sagen würde) nackten Fakten wollen wir also weder meckern noch mäkeln.

So gesehen handelt es sich bei dem Beitrag um eine echte Nachricht – und nicht etwa um Propaganda. Dabei wollen wir unter ›Nachricht‹ die Übermittlung von etwas verstehen, was ist. Unter ›Propaganda‹ dagegen wollen wir die Übermittlung von etwas verstehen, was der Empfänger nach Ansicht des Senders für „richtig“ (i.S.v. ›wünschenswert‹) halten soll. Vermutlich deshalb spricht man heute auch von „Haltungs-Journalismus“. Ohne hier weiter darauf eingehen zu wollen: Der Unterschied ist ähnlich evident wie der zwischen Schwester Logik  und Schwester Ethik – also durchaus elementar.

Die drei Töchter der Philosophie.

Dabei kommt Propaganda oft indirekt um die Ecke. Statt zu sagen: „Wir sind die Guten“ – was so ja auch meist nicht stimmt bzw. zumindest schwierig zu begründen ist – verlegt man sich lieber auf „Die sind die Bösen“. Schmähkritik sticht Selbstkritik.

Was unseren Beitrag angeht: „Faschisten“, „Nazis“ und „Antisemiten“ haben sich erstaunlich gut gehalten und erfüllen – nach immerhin etwa 80 Jahren bzw. knapp drei Generationen – heute durchaus noch ihren Zweck. Hinzugekommen sind allerdings Sexismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit ganz allgemein.

Wenn die Leute das erst mal sprichwörtlich gefressen haben, lebt es sich doch sehr viel entspannter als Teil der Guten. Was das Böse angeht: Wenn man es schon nicht ausrotten kann, so könnte man es doch wenigstens versuchen zu verbieten. Sancta simplicitas. Bolle meinte ja neulich schon: Sitten wie in Hollywood (vgl. dazu So 22-09-24 Opinio et Reactio).

Ansonsten meint er ja immer: Wenn es dann doch so etwas wie eine Spaltung der Gesellschaft geben sollte, dann ja wohl die durchaus medien-inszenierte Spaltung in Gut und Böse. Das wiederum kann nur funktionieren, wenn man eine gewisse Schlichtheit im Geiste unterstellt – sowohl bei den Medien-Schaffenden als auch bei einem erheblichen Teil ihrer Rezipienten. Und? Wer ist schuld? Natürlich niemand. Verweisen wir einmal mehr auf Arachs ›Mensch, lern das und frag nicht!‹. Wer, namentlich in der Oberstufe, so sozialisiert wird, wächst nachgerade naturgemäß in den Kreis der geistig Armen. Möge das Himmelreich ihrer sein (Matth. 5, 3). Hier auf Erden richten sie eher allerlei Schabernack an. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 29-09-24 Die Qual der Wahl

So kann’s gehen …

Der Osten hat gewählt. Fast möchte man sagen: schon wieder. Letzten Sonntag duften wir die dritte Wahl binnen dreier Wochen (plus einem Tag) erleben. Dabei hat eine solche Häufung einiges für sich. Wie unter dem Brennglas erschließt sich dem Beobachter die Stimmung im Volke.

Und? Was ist passiert? Grob gesagt könnte man sagen: Ene mene Miste, es rappelt in der Kiste. Die FDP ist aus allen drei Parlamenten geflogen, die Grünen und die Linke aus immerhin zwei Parlamenten. Allein die Volkspartei SPD ist nirgends rausgeflogen. In zwei Parlamenten ist sie mit 6 bzw. 7 Prozent der 5%-Hürde allerdings bedenklich nahegekommen.

Was die Exekutive angeht – also das, was das Wahlvolk eigentlich interessiert: In allen drei Parlamenten wurden die bestehenden Regierungen abgewählt. Zwar hat sich die Polit-Prominenz nach Kräften bemüht, sich die Ergebnisse schönzusäuseln. Allein die Schockwellen reichten bis nach Berlin. Dort wurde im Rahmen der üblichen Ränkespiele dem Parteivorstand der Grünen ein Rücktritt – gewissermaßen für Volk und Vaterland, zumindest aber im Hinblick auf die Wahlen nächstes Jahr – verordnet, und der Vorstand der Jung-Grünen ist nicht nur zurück-, sondern gleich ganz aus der Partei ausgetreten. Kurzum: das große Flattern allerorten.

Dabei könnte alles so einfach sein. Wenn das Volk sich aus rein praktischen Gründen schon nicht selber regieren kann, dann sollte es wenigstens entscheiden können, wer es regieren soll, beziehungsweise zumindest, wer es nicht länger regieren soll.

Karl Popper hatte das seinerzeit wie folgt auf den Punkt gebracht: Sinn und Zweck einer Demokratie bestehe darin, daß es dem Volke als Souverän möglich sei, die Herrschenden gegebenenfalls „ohne Blutvergießen“ abwählen zu können.

Nun ist der Deutsche (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) an sich ja wirklich kein Revolutionär. So soll Lenin einmal gesagt haben: „Revolution in Deutschland? Das wird nie was. Bevor die Deutschen einen Bahnhof besetzen, lösen sie erst mal eine Bahnsteigkarte.“

Aber davon ab: Die Herrschenden bei Mißfallen ohne Blutvergießen auszutauschen ist in Deutschland – anders als etwa in den USA – ohnehin nicht möglich (vgl. dazu etwa Sa 10-12-22 Das zehnte Türchen …). Das einzige, was in Deutschland möglich ist, ist eine Verschiebung der Machtverhältnisse in der Legislative. Die Herrschenden werden dort gewählt bzw. (via Koalitionsverhandlungen) ausgekungelt.

Und diese Kungeleien können durchaus absurde Züge annehmen. Um bloß nicht das zu machen, was das Volk will, soll nun ebenso plötzlich wie nolens volens zusammenwachsen, was wohl wirklich nicht zusammengehört. Die seriöseren unter den politischen Beobachtern munkeln schon, daß die Zustände in Deutschland auf ein Zwei-Parteien-System hinauslaufen: Die Blockparteien beliebiger Couleur auf der einen Seite, die AfD auf der anderen.

Mit Hinblick auf drei Jahre – man möchte sagen – Ampelmurks sind durchaus Zweifel angebracht, ob das funktionieren kann und wird. Bolle jedenfalls hat da so seine Zweifel.

Dabei war Demokratie noch nie so wichtig wie heute. Schließlich wurde sie mit Fleiß als das Distinktionsmerkmal dieser Welt herausgeputzt: Demokratie einerseits, Despotie andererseits: Die Guten sind die Demokraten, die Bösen die Despoten.

Daraus folgt, wenn man es mit Begrifflichkeit und Logik nicht allzu genau nimmt, daß das, was Demokraten tun, per se gut ist, und das, was Despoten tun, per se schlecht und böse. Man könnte auch sagen: Die Bösen spalten, die Guten haken sich unter. Bolle meint: Zustände wie in Hollywood.

Und wehe, das Volk spielt nicht mit. Dann muß es natürlich verboten werden, of course. Zumindest aber weggebissen. Auf die Vorkommnisse bei der Konstituierung des Thüringer Landtages (nebst deren Zerrspiegelung in manchen Mainstream-Medien) wollen wir hier lieber nicht weiter eingehen.

Manchmal würde sich Bolle ja ein Mindestmaß an Common Sense wünschen – hier verstanden als grundsätzliches Einvernehmen auf der Meta-Ebene, also oberhalb der Objekt-Ebene (also dem, um das es im Einzelnen gerade gehen mag). Doch vergebens predigt Salomo …

Übrigens sind heute schon wieder Wahlen. Dieses mal in Österreich. Kickln wa ma … Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 22-09-24 Opinio et Reactio

Dem scheint das so zu sein …

Die Geschmäcker sind verschieden – und waren es wohl auch schon immer. De gustibus non est disputandum – Über Geschmack läßt sich nicht streiten. Das ist, wenn wir genauer hinschauen, spätestens seit Aristoteles (384–322 v. Chr.), also seit etwa zweieinhalbtausend Jahren klar. Das gleiche gilt für Meinungen, of course, da es sich hierbei ja nur um kognitive Geschmacksfragen handelt. Dabei wollen wir unter Meinung hier nur die mal eben hingehauene Ansicht, opinio, verstehen. Bolle unterscheidet das von doxa, einer durchdachten und wohlbegründeten Sicht auf die Dinge.

Betrachten wir unser Schildchen: Es beschreibt den Blick zweier Personen – hier Anton (A) und Bolle (B) – auf ein und dieselbe Sache, die wir hier Gegebenheit (X) genannt haben. Soweit sozusagen die nackten Fakten. Nehmen wir nun an, Anton fände die Gegebenheit „voll toll“, Bolle dagegen fände die gleiche Gegebenheit „ungut“.

Kann so etwas sein? Aber Ja doch. Es ist sogar der absolute Regelfall. So heißt es etwa in einem der Meinungsmacher-Blättchen dieser Tage: Seit Corona ist meine Schwester total abgedriftet, wir können gar nicht mehr über Politik reden. Dabei ist der Grund laut Blättchen schnell erkannt: Die Menschen im eigenen Umfeld haben sich „radikalisiert“. Selber liegt man natürlich völlig richtig mit seiner Opinio. Vielleicht aber haben sie sich gar nicht radikalisiert. Vielleicht sehen sie einfach nur wenig Nutzen und Frommen in einer Diskussion über Geschmacksfragen – und halten das, nicht ganz zu Unrecht, für reine Zeitverschwendung.

Schließlich läßt sich mit keiner Bolle bekannten Methode entscheiden, ob eine Gegebenheit X „voll toll“ ist oder eher „ungut“. Das hat Konsequenzen (Reactio). Auf der interpersonalen Ebene wird Anton Bolle (zumindest im Modell) aus rein konsistenztheoretischen Gründen „übel, übel“ finden – beziehungsweise zumindest nicht mögen und als Person (!) ablehnen.

In der Tat zeigt sich eine Tendenz, aggressive Argumentations-Attrappen geradezu zu kultivieren (falls man hier überhaupt von „Kultur“ sprechen kann).

Neben Radikalinski ist man nach dieser Ansicht schnell Sexist, Rassist, Stalinist – und was dergleichen Schubladen mehr sein mögen. Zunehmender Beliebtheit erfreut sich auch der Verfassungsfeind – als wäre die Verfassung dafür da, bestimmte Ansichten zu schützen und andere zu verfemen. Als wäre die Verfassung überhaupt dazu da, den Umgang der Bürger untereinander zu regeln.

Gleichwohl: Bei aller Unterschiedlichkeit der Ansichten – ein bißchen sozialer Kitt muß dann wohl doch sein, wenn eine Gesellschaft einigermaßen gedeihlich funktionieren soll.

Eine von ganz oben runtergejubelte Aufforderung, sich doch bitteschön unterzuhaken – als wären wir im Dauerfasching –  und die Dinge „gemeinschaftlich“ anzupacken, wird da sicherlich nicht allzu viel nützen. Das nämlich liegt einfach zu sehr über Kreuz mit elementarer Sozialpsychologie.

Bolle sieht zur Zeit nur einen einigermaßen erfolgversprechenden Weg. Statt jeden, der anderer Ansicht ist, als „übel, übel“ einzustufen, könnte man es mit Epiktets (ca. 50 bis ca. 138 v. Chr.) stoischer Haltung probieren: „Dem scheint das so zu sein“.

Das allerdings würde voraussetzen, daß die lieben Mitbürger überhaupt erst einmal wieder ernstlich die Möglichkeit ins Auge fassen, daß es zu ein und derselben Gegebenheit gleich mehrere mögliche Ansichten geben kann. Und hier sieht es im Moment wirklich nicht allzu gut aus. In seinem durchaus lesenswerten Buch ›Mensch, lern das und frag nicht‹ zeigt Hauke Arach anhand einer Untersuchung von Schulbüchern, wie den lieben Kleinen das Denken in Möglichkeiten systematisch ausgetrieben wird. Eine Wahrheit muß genügen! Mehr hält man ja im Kopp nicht aus! Bolle meint: Von das kommt das, und Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Im übrigen sind heute Wahlen im Osten – schon wieder. Auch dieses mal geht es offenbar um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, Demokraten versus Verfassungsfeinde, Mitte gegen Extremisten. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 11-08-24 Börsen-Crashli

Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; gelobet sei der Name des Herrn! (Hiob 1, 21)

In der vergangenen Woche war es so, daß ein veritabler Börsen-Crash durch den Blätterwald rauschte. Das mag dem Sommerloch geschuldet sein. Vielleicht aber liegt der Hase doch tiefer im Pfeffer.

So titelte etwa eine Zeitung, die große Stücke auf sich selber hält und dabei vor allem auf ihre Wirtschaftskompetenz: Angst an den Märkten – Das neue Gefühl der Anleger.

Abgesehen davon, daß Angst ein schlechter Ratgeber ist – vor allem, wenn man sich auf dem aalglatten Börsenparkett tummelt, hält Bolle es mit der Devise: Wenn Euch das hier zu heiß ist, dann bleibt doch bitteschön der Küche fern.

Auch wollen wir uns nicht mit Börsengeschäften beschweren – im Grunde nicht einmal im weiteren Sinne. Allein das Beispiel zeigt sehr schön, was passieren kann, wenn man als Schreiber auf der Ebene der nackten Fakten klebenbleibt. Aufschlußreich dazu ist nach wie vor Cervantes‘ Don Quixote 1605/1615 (vgl. dazu etwa Sa 16-01-21 Wirklich wahr?).

Tatsachen, mein lieber Sancho,
sind die Feinde der Wahrheit.

Und Fakten – bei Cervantes hieß das noch schlicht Tatsachen – gibt es in diesem Metier nun mal reichlich. Die Börsenkurse stehen unumstößlich fest und lassen sich wohl auch nur recht schwierig „faken“. Werfen wir also einen Blick auf die nackten Fakten:

Voll der Börsen-Crash, eye!

Dabei müssen wir gar nicht allzu genau hinschauen, um das Wesentliche zu erfassen. Es reicht völlig, sich klarzumachen, wie sich der DAX grosso modo in den letzten 12 Monaten entwickelt hat. Tendenz: kommod steigend. Lag er vor einem Jahr noch bei knapp 16.000, hatte er um die Jahreswende einen Stand von knapp 17.000 erreicht, und in den letzten Wochen gut 18.000 (vgl. dazu die grünen Bälkchen). Kurzum: es ging – soweit das an der Börse möglich ist – mehr oder weniger stetig aufwärts.

Dann aber – in der vergangenen Woche nämlich – fiel der Kurs, wie unser Qualitätsblatt zu berichten weiß, auf den tiefsten Stand seit Mitte Februar (gestrichelte Linie). Bolle meint: Na und? Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; gelobet sei der Name des Herrn! Daß man mit einer solchen Einstellung an der Börse nicht wirklich reich werden kann, ist Bolle natürlich klar, of course. Doch das soll hier nicht unser Thema sein. Interessanter ist, daß Vergleiche wie „der tiefste bzw. der höchste Stand seit …“ recht wohlfeil zu haben sind. Das Internetz spuckt solche Daten auf Knopfdruck aus. Die muß man dann nur noch reinschreiben in die Zeitung. Man sollte sich dabei aber nicht ohne Not lächerlich machen. Wenn zum Beispiel jemand früh morgens vermelden würde: Booah! Ich bin so hungrig. Mein schlimmster Hunger seit vor dem Abendessen gestern – dann ist das nun mal lächerlich. Im günstigsten Falle ist es witzig.

Etwas anders liegen die Dinge, wenn unser Qualitätsblatt darauf hinweist, daß der Nikkei-Index seinen „größten Tagesverlust seit 1987“ erlebt hat. Hier reden wir von immerhin knapp 40 Jahren. Obwohl – auch das ist durchaus noch albern genug. Würde man sich als Journalist nämlich die Mühe machen, ein ganz klein wenig über den Tellerrand des Tages hinaus zu denken – statt gleich drauflos zu sensationalisieren, dann hätte man leicht ahnen können, daß die Ereignisse mit „Horrormeldung aus Japan“ oder einem „schwarzen Montag“ sogar doch eher reißerisch betitelt sind. Und in der Tat hatte sich das Börsenbarometer auch in Japan binnen weniger Tage wieder auf Normal eingepegelt. Soweit zum Börsen-Crashli.

Aber Journalismus kommt nun mal von le jour, der Tag, und da muß das womöglich so sein. Bolle indes, der sich mehr für Zusammenhänge interessiert als für Sensationen, hält das, und zwar wohl nicht ganz zu Unrecht, für einen Ausfluß des gemeinen A&O des Journalismus: Aufgeregtheit und Oberflächlichkeit. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 07-07-24 Böse Buben

Wir schaffen das! Denkste!

Nach dem vielleicht etwas haarigen Beitrag vom letzten Sonntag wollen wir uns heute wieder etwas leichterer Lektüre widmen. Immerhin ist sie inhaltlich verdrießlich genug.

Mittlerweile ist es fast ein Jahrzehnt her, daß die damalige Bundeskanzlerin 2015 ein ebenso fröhliches wie unsubstantuiertes ›Wir schaffen das!‹ als Losung unters Volk geworfen hatte. Deutschland sei ein starkes Land, habe schon so vieles geschafft – und werde wohl noch viel, viel mehr schaffen, und dergleichen mehr. Dabei hatte sie – das läßt sich nicht leugnen – erhebliche demoskopische Rückendeckung beim Volke. Das Fußball-Sommermärchen von 2006 war seinerseits erst knapp ein Jahrzehnt her. Man feierte mit Wohlbehagen das Gefühl, endlich und endgültig auf der Seite der Guten angekommen zu sein: heiter, weltoffen und allgemein ganz lieb. Was paßt da besser ins Bild als eine kräftige Prise Willkommenskultur?

Manche meinen ja, die Deutschen seien übertrieben begeisterungsfähig. Angelsachsen nennen das zuweilen gar hysterisch. Wie so oft wird sich auch hier ein Körnchen Wahrheit finden lassen. Bolle für sein Teil erklärt sich das ja schlicht mit Glühwürmchen-Emphasis: großes Herz, nicht ganz so großes Hirn, zuweilen.

Andere dagegen haben sehr frühzeitig dagegengehalten. Auf den Punkt gebracht hat es wohl Peter Scholl-Latour: Wer halb Kalkutta aufnehme, werde nicht etwa Kalkutta retten, sondern selber zu Kalkutta werden. Bolle meint, die Mischung macht’s, und paraphrasiert dabei gerne Paracelsus: Die Dosis – und nicht etwa die Substanz – entscheidet über Wohl und Wehe. Vgl. dazu auch Mo 28-12-20 Corönchen-Portiönchen oder die Geschichte vom warmherzigen Samariter (Mo 11-11-19 Proportionen).

Hier und heute wird man sich fragen dürfen – oder gar fragen müssen: Wem ist ein höheres Maß an prognostischer Kompetenz – verstanden als die Fähigkeit bzw. das kognitive Vermögen, die wesentlichen Konsequenzen seiner Entscheidungen nebst allfälliger Nebenwirkungen zu überblicken – zuzugestehen? Der Alt-Kanzlerin oder dem weitgereisten alten weisen Mann?

Von krassen Entgleisungen wie Messerstechereien und Gruppenvergewaltigungen einmal abgesehen zeigen sich die „Nebenwirkungen“ auch im Kleineren: Wer in bislang ungekannt schneller Folge mehrere Einbrüche oder regelrechte Raubdelikte in seiner unmittelbaren Nachbarschaft bzw. Bekanntschaft erleben mußte, wird den üblichen Tilgungen bzw. Beschwichtigungen des Journalismus 2.0 nur noch wenig Glauben zu schenken geneigt sein.

Sind also alle Zugereisten Verbrecher? Natürlich nicht. Wenn aber von, sagen wir, 1 Mio Leuten, die hier wirklich nichts zu suchen haben, nur winzige 1% zu den bösen Buben (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zählen, dann sind das immerhin 10.000. Und wenn die nur 1 mal pro Woche unangenehm auffallen, dann macht das eine halbe Million schwere Straftaten pro Jahr. Mehr als genug, könnte man meinen. Womit wir wieder bei Paracelsus wären. Und irgendwann fallen die Leute halt vom Glauben ab. In der Presse heißt es dann: Sie radikalisieren sich – nur weil sie nicht willens sind, diejenigen, die diese Entwicklung nicht nur protegieren, sondern nachgerade klasse finden („Ich freu‘ mich drauf“), mit ihrer Stimme auch noch demokratische Legitimität zu verleihen, und dabei nicht träge genug, einfach zu Hause zu bleiben.

Damit aber entfernen wir uns von der prognostischen Kompetenz, die sich ja auf Prognosen und damit auf die Zukunft bezieht. Hier haben wir es schon mit einem veritablen Mangel an schierer Urteilsfähigkeit zu tun. Aber wie Bolle das zuweilen auszudrücken pflegt: Das Weltbild stirbt zuletzt. Damit meint er natürlich Welt III, of course.

Zunächst aber wird das, was einer wahrnimmt, nach Kräften ignoriert und idealisiert, was das Zeug hält. Erst wenn‘s gar nicht mehr geht, folgen die üblichen langen Gesichter: „Das haben wir nicht gewußt“ beziehungsweise, perfider noch, „Das haben wir nicht wissen können“. Bolle meint: hättet ihr wohl. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 23-06-24 Vertrauenskrise? Schaffenskrise!

Ranking.

Um unsere Europa-Wahlen langsam, aber sicher ausklingen zu lassen, hier ein vorläufig letzter Schweif ins Thema. Diese Woche untertitelte eine Qualitätszeitung: Die Deutschen haben kaum noch Vertrauen in die Ampelregierung. Das „kaum“ übrigens hält Bolle für einen regelrechten Euphemismus. Doch das nur am Rande. Interessanter ist das Vertrauen an sich.

Technisch gesehen handelt es sich bei ›Vertrauen‹ um ein Element aus Welt III (vgl. dazu So 26-05-24 Das bessere Argument): Mangels besserer Möglichkeiten modelliert man sich ein Bild – in diesem Falle von der Regierung. Ob das halbwegs stimmt? Wer weiß. Allein das Bedürfnis nach Orientierung als Motiv jedweder Modellierung können wir sicher unterstellen. Schließlich handelt es sich dabei um eines der kognitiven Grundbedürfnisse. Auch können wir davon ausgehen, daß ein einmal modelliertes Bild zur Selbststabilisierung neigt: Informationen, die nicht ins Bild passen, werden entweder gar nicht erst wahrgenommen – oder weltbildstützend gedeutet bzw. umgedeutet.

Eine tatsächliche Weltbild-Änderung dagegen braucht entsprechend Zeit. Zumindest geschieht sie nicht über Nacht: Das Wahlvolk ist träge. Bolle fühlt sich hier an ein Bonmot erinnert, das verschiedensten Autoren zugeschrieben wird. Vermutlich handelt es sich dabei einfach nur um eine schlichte Volksweisheit:

Man kann alle Leute für einige Zeit, und einige Leute für alle Zeit an der Nase herumführen – aber nicht alle Leute für alle Zeit.

Unsere Qualitätszeitung jedenfalls fragt: Wer also stellt das Vertrauen in das System wieder her, dem die Deutschen Freiheit, Demokratie und Wohlstand verdanken?

Dahinter steckt zunächst einmal die Grundannahme, daß „das System“ im Kern ja wohl gut ist – und schon von daher bewahrenswert. Zweitens, und zwar versteckter, steckt dahinter die Idee, daß man so etwas wie ›Vertrauen‹ einfach nur „wiederherstellen“ muß – und schon wird alles wieder gut.

Bolle vermutet allerdings eher eine veritable Schaffenskrise. Schaffenskrise statt Vertrauenskrise. Das Problem wäre demnach weniger, daß dem Volke (empfängerseitig) sein Vertrauen flöten geht. Das Problem wäre eher, daß der Regierung (senderseitig) nicht genug einfällt, um das Volk von sich und ihren Vorhaben zu überzeugen.

Zugegeben: Die Idee, man müsse dem Volk das eigene Tun nur gut genug erklären, und alles würde gut, hat sich in gewissen Kreisen ziemlich breitgemacht. Angefangen hat das wohl 2015 mit Merkels seinerzeit frisch eingerichtetem „Nudging“-Team. Dabei ist Nudging – wörtlich anstupsen – nur ein freundlicher klingendes Wort für regierungsseitig angestoßene gezielte Manipulation. Erklärtes Ziel dabei ist natürlich, das Glück der Bürger zu steigern, of course.  Bolle meint gleichwohl: Thanks, I’m fine.

In der Lutherbibel 1912 heißt es übrigens wörtlich: Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein (Matth. 20, 16). Allerdings nicht ohne hinzuzufügen: Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. Daß sich so mancher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu hohen und höchsten Taten zumindest berufen fühlt, liest man täglich in der Zeitung. Ob dieses Gefühl, in welcher Weise auf immer, allerdings auch nur halbwegs hinreichend substantuiert ist, wird man schwer bezweifeln dürfen. Beim gegenwärtigen Zustand des Journalismus 2.0 muß man dazu allerdings schon schwer zwischen den Zeilen lesen – oder andere Quellen hinzuziehen. Darf man das denn? Aber Ja doch. Immerhin heißt es in Art. 5 I GG, daß jedermann das Recht habe, sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Bolle sieht da allerdings noch mächtig Spielraum, was das „allgemein zugänglich“ angeht. Schließlich arbeitet man schon seit einiger Zeit – nicht zuletzt auf EU-Ebene – mit Fleiß daran, die Grenzen des Säglichen in einem als demokratie-kompatibel erachteten Rahmen zu halten – Verfassung hin oder her. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 16-06-24 Ein Hauch von Hollywood

Entrückt zerpflückt …

Nachdem wir letzten Sonntag auf das Wahlspektakel eingegangen waren, kann es nicht schaden, einen Blick auf das Ergebnis zu werfen. Erst wurde gewählt, dann wurde gezählt – und schließlich gab es lange Gesichter.

Unser Schildchen heute bezieht sich übrigens auf Josua Eiseleins ›Sprichwörter und Sinnreden‹ (1840). Dort heißt es: Mancher auf Stelzen ist für die Sache dennoch zu kurz (vgl. dazu Sa 02-01-21 Hype und Hybris).

Bolle meint, das läßt sich noch toppen. Für eine Sache „zu kurz“ zu sein, läßt sich ja durchaus noch sachlich verstehen: Einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) kann es einfach nicht. Das allein dürfte mächtig am Selbstwertgefühl kratzen. Ein kluger Mensch würde es mit Jesus Sirach halten und nicht nach dem streben, was nun mal zu hoch für ihn ist. Weniger kluge Leute – oder Leute, die gerade keine katholische Bibel zur Hand haben – reagieren anders: sie entrücken.

Was ist der Unterschied? Entrückt zu sein, heißt nicht nur, daß man für die Sache zu kurz ist – daß man es also schlichtweg nicht kann. Zudem schwebt der Geist des Entrückten in höheren Sphären und glaubt ganz dolle daran, daß doch alles seine Richtigkeit habe mit den Bestrebungen. Allein das Volk könne dem noch nicht ganz folgen. Folglich müsse man ihm die Dinge besser erklären, man müsse „die Menschen draußen im Lande“ mitnehmen in die Schöne Neue entrückt-verzückte Welt. Die Talkshows sind voll von derlei.

Übertrieben? Leider wohl nicht. Vor knapp einem viertel Jahrhundert war die Polit-Prominenz auf die grandiose Idee verfallen, die EU binnen zehn Jahren zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Passiert ist seitdem wenig – wenn überhaupt. Bolle war seinerzeit allein das „binnen zehn Jahren“ süß-säuerlich aufgestoßen. In dem Zeitraum kriegen die üblicherweise nicht mal eine Kita geplant und gebaut.

Bolle muß da immer an Churchill denken, der seinerzeit gemeint haben soll: Wie toll auch immer Deine Pläne sein mögen. Gelegentlich solltest Du einen Blick auf die Ergebnisse werfen.

Das allerdings geht sehr viel leichter, wenn man seiner Sache nicht allzu entrückt ist. Ansonsten bleibt wohl nur die Flucht ins Manichäische: Es gibt die Guten – zu denen man selbst selbstredend gehört. Und es gibt die Bösen, die einfach nicht hören wollen, was die Guten sagen, und die nicht folgen wollen, wenn die Guten munter voranpreschen. Dazwischen gibt es wenig – beziehungsweise rein gar nichts. Bolle findet in der Tat, das hat was von Hollywood.

Und so ist es nur natürlich, wenn sich die Guten unverbrüchlich gut finden, von den Bösen aufs Übelste bedroht und sie, falls nötig, „mit der ganzen Härte des Rechtsstaates“ zu bekämpfen trachten. Daß aber das Volk der Souverän ist – und nicht etwa die Guten im Lande – kann dabei leicht in Vergessenheit geraten. Das zeigt sich übrigens nicht zuletzt in so verräterischen Wendungen wie „unsere Demokratie“. Here’s a flash: Das ist mitnichten Eure Demokratie. Die Demokratie gehört – falls überhaupt irgendwem – dem Volk. Und was das Volk damit macht, ist ganz und gar nicht Euer Bier. Ihr seid Diener des Volkes – und keine Häuptlinge. Das hat schon Friedrich Zwo so gesehen. Und so steht es übrigens auch in der Verfassung (Art. 20 II S. 1 GG), sogar mit „Ewigkeitsgarantie“ (Art. 79 III GG). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.